Donald Duck auf der Museumsinsel: Schlaues Buch trifft Nofretete

Anfang August kam die Museumsinsel zu der Ehre, Schauplatz eines neuen Abenteuers aus dem Micky-Maus-Heft zu sein. Der Journalist und hochdekorierte Donaldist Patrick Bahners reflektiert für uns eine Geschichte über das schlaue Buch, die Nofretete und Materie am falschen Ort.

Man stelle sich vor, die Brüder Humboldt lebten heute und schrieben alles auf, was sie wüssten. Was käme dabei heraus? Entweder die gesammelten Werke von Horst Bredekamp. Oder das Schlaue Buch des Fähnleins Fieselschweif. Die weltumspannende Jugendorganisation, der Tick, Trick und Track Duck angehören, ernennt ihre Mitglieder zu Generälen (Tick, Trick und Track sind Vier-Sterne-Fieslinge) und erzieht sie zu Generalisten. Dank dem Studium des Pfadfinderhandbuchs können Donald Ducks Neffen von sich sagen, was bei ihrem Onkel nur Angeberei ist: Sie verstehen von allem etwas.

Ursprungsmythos des Schlauen Buchs
Ein Buch, das alles Wissen der Welt und zusätzlich alles Wissen des Weltraums enthält, darunter das Vokabular der Sprachen von Bewohnern unentdeckter Planeten, muss natürlich ständig aktualisiert werden. Umgekehrt heißt das: Es gibt haufenweise veraltete Ausgaben. Wie der Antiquariatsbuchhandel mit dieser hochwertigen und für Kulturhistoriker hochinteressanten Massenware umgeht, wird in den Comicheften, die Berichte aus Entenhausen enthalten, nicht überliefert.

Jetzt konnte man in einer Fortsetzungsgeschichte in der „Micky Maus“ eine Version des Ursprungsmythos des Schlauen Buchs studieren: Das allererste Exemplar der allerersten Ausgabe wird in einer Wanderausstellung in europäischen Metropolen den Kulturtouristen präsentiert, hinter Panzerglas gesichert wie die Gutenberg-Bibel oder die erste Folio-Ausgabe der Werke Shakespeares; nur muss das Glas noch viel sicherer sein, weil dieses Buch wirklich ein Unikat sein soll. Ein Japaner, der eine Gruppenreise „Fünf Tage Europa unter kundiger Führung“ absolviert, mag das Glück haben, fünfmal vor dem Buch der Bücher zu stehen. Hinterher wird er allerdings auch nicht schlauer sein, da das Buch nicht aufgeschlagen ist. Man kann nur den Buchdeckel bewundern, dem das Wappen der Junior Woodchucks aufgeprägt ist, wie das Fähnlein Fieselschweif in den amerikanischen Originalgeschichten von Carl Barks heißt.

Die Summe des Weltwissens für privaten Neokolonialismus
Was ist ein Buch, das keine Leser hat? Vollkommen wertlos. Dann kann man es auch einstecken und mitnehmen. Das muss sich auch das Schwarze Phantom gedacht haben, ein Superschurke, den der Micky-Maus-Zeichner Floyd Gottfredson 1939 in den Kosmos der Disney-Comics einführte. Das Phantom verbirgt seine Identität unter einem schwarzen Bettlaken, um auch am helllichten Tag im Schutze der Dunkelheit agieren zu können. Der Napoleon des Verbrechens strebt naturgemäß nach der Weltherrschaft und für dieses Projekt des privaten Neokolonialismus braucht er die Summe des Weltwissens.

Wer die von Pat und Carol McGreal verfasste, von dem Spanier César Ferioli gezeichnete Geschichte liest, mag glauben, dass das Phantom ein paar Tricks verlernt hat. Wenn es sich früher die berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte zusammenklaute, pflegte es Faksimiles in den Rahmen zurückzulassen, die es eigenhändig angefertigt hatte. Aber um das ur-Schlaue Buch abzuschreiben, hätte es den Schmöker ja schon besitzen müssen; selbst ein Beltracchi der Enzyklopädistik wäre an dieser Aufgabe gescheitert.

„Dieser Kulturbanause schreckt vor nichts zurück!“
Zum Showdown zwischen dem Altmeisterdieb und den Allwissenshütern der Entenhausener Pfadfinderschaft kommt es, als das Handbuch dort gezeigt wird, wo es hingehört: auf der Berliner Museumsinsel, im universalsten aller Universalmuseumskomplexe. Im Alten Museum wird die Vitrine aufgestellt. Trotz modernster Sicherheitstechnik gelingt dem Phantom der Diebstahl, weil es auch vor Patentdiebstahl nicht zurückschreckt und das futuristische Fortbewegungsmittel des Silver Surfer aus den Marvel-Comics kopiert hat. Das Böse siegt nie: Ob das wohl auch im Schlauen Buch steht? Jedenfalls muss das Phantom am Ende die Beute wieder hergeben. Es lohnt sich eben nicht, keinen Eintritt zu bezahlen.

Gastauftritt der Nofretete im Micky-Maus-Heft: "Bei Donald Duck ist sie in guten Händen."  (c) Disney / Egmont Ehapa
Gastauftritt der Nofretete im Micky-Maus-Heft: “Bei Donald Duck ist sie in guten Händen.” (c) Disney / Egmont Ehapa

Vor der Rettung des ungelesenen Klassikers wäre beinahe noch die Nofretete im Neuen Museum zu Bruch gegangen. Als das Phantom mit seinem Flugbrett die Büste vom Sockel stößt, ruft Micky Maus aus: „Dieser Kulturbanause schreckt vor nichts zurück!“ Ein seltener Moment der Anknüpfung an den Witz der legendären Übersetzerin Dr. Erika Fuchs, deren Schreibtisch vor ein paar Jahren in der Ausstellung über die deutsche Sprache im Deutschen Historischen Museum zu sehen war. Kein Klickeradoms erschüttert die Berliner Museumslandschaft: Im Unterschied zur Venus von Medici bei Wilhelm Busch bleibt die Nofretete heil. Bei Donald Duck ist sie in guten Händen.

Wer Wissen will, muss immer noch ins Museum gehen
Im Vergleich zu den Entenhausener Museen in den klassischen Vorlagen von Carl Barks sieht es auf der Museumsinsel des Micky-Maus-Hefts viel zu ordentlich aus – und das ist nicht als Kritik an den echten Berliner Inselmuseen gemeint. Zwei der langen Abenteuergeschichten von Barks, „Im Land der viereckigen Eier“ und „Der goldene Helm“, kreisen um die Faszination des Museums, einer Welt, in der man um die Ecke des ausgestopften Ur-Rinds ein Wikingerschiff antrifft oder den Wäschesack der Königin von Saba. Je mehr man schon kennt, desto mehr gibt es dort zu sehen, weshalb auch die Kuratoren im Museum noch Entdeckungen machen. Und ebenso die Museumswärter, welchen ehrenvollen Beruf Donald Duck mehrfach bekleidet hat. Er fand die ein Jahrhundert lang nicht legendären, da unerkannten viereckigen (eigentlich würfelförmigen) Eier aus dem Hochland der Anden, die in der peruanischen Steinsammlung einstaubten.

Das Schwarze Phantom passt eigentlich gut ins Museum. Im Original lautet der Deckname des Dunkelmanns The Phantom Blot. Er ist der Person gewordene Tintenfleck, der Schrecken jedes Comiczeichners. In die Museumswelt übersetzt: der Schatten über jeder Vitrine, Schmutz gemäß der Definition der Anthropologin Mary Douglas, Materie am falschen Ort.

Die Pfadfinder kommen sich mächtig schlau vor, weil sie sich einbilden, dass alle Wege im Reich des Wissens auf ihren Aussichtsturm in Buchform zulaufen. Aber wer das Buch der Natur und Kultur aufgeschlagen sehen will, muss immer noch ins Museum gehen.

Patrick Bahners ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in München und Ehrenpräsidente der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus.

2 Kommentare

  1. Bruno Sprenger - 24. August 2016, 5:53 UHR

    Kultureferent der FAZ. Und dann ein Text mit einem Beispiel für “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod (” Dank dem Studium”).
    Untergang des Abendlandes!!!

    Bruno Sprenger
    Gründungsmitglied der D.O.N.A.L.D., v.K.a.D. und Ehrenmitglied der D.O.N.A.L.D.

  2. Gudrun - 24. August 2016, 17:06 UHR

    Toller Text!
    LG aus der Rhetorik

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