Graue Eminenz. Granitplatten in der Neuen Nationalgalerie

Die Neue Nationalgalerie wird gemeinhin als ein Gebäude aus Glas und Stahl wahrgenommen – doch die größten Flächen des Museums sind von einem Naturstein geprägt: dem grauen Granit. Beeindruckende 14.000 Granitplatten wurden in und um die Neue Nationalgalerie verbaut. Constanze von Marlin hat sich das Material vor Ort näher angesehen.

Im Zuge der Demontage aller erhaltenswerter Materialien in der Neuen Nationalgalerie wurden auch die Granitplatten auf der Terrasse, am Sockel, im Skulpturengarten, in der oberen Ausstellungshalle und im Untergeschoss abgebaut. Der Berliner Firma Gebauer Steinmetzarbeiten kam dabei die Mammutaufgabe zu, alle im Museum verwendeten Natursteine zu kartieren, katalogisieren, demontieren und bis zur Wiederverwendung einzulagern. Mit Hilfe der genauen Kartierung, die die Lage und Ausrichtung jedes einzelnen der 14.000 Werkstücke dokumentiert, kann nach der Sanierung jede Platte wieder an ihrem Originalplatz eingesetzt werden.

Die Terrasse ohne Plattenbelag. Foto: schmedding.vonmarlin.;
Die Terrasse ohne Plattenbelag. Foto: schmedding.vonmarlin.;

Manfred Gebauer weiß genau, worauf es bei der Demontage der Natursteine ankommt. Er war in den 1960er Jahren als Steintechniker bei der Berliner Firma Paul Becker beschäftigt, die den Naturstein der Boden- und Fassadenplatten in der Neuen Nationalgalerie verlegt hatte. Ganz lebhaft erinnert er sich an Mies van der Rohes fundierte Kenntnisse über Natursteine, die er sich als Sohn eines Steinmetzes in Aachen angeeignet hatte.

Mitarbeiter der Firma Gebauer Steinmetz bei der Demontage der Granitplatten. Foto: BBR/ProDenkmal
Mitarbeiter der Firma Gebauer Steinmetz bei der Demontage der Granitplatten. Foto: BBR/ProDenkmal

Eigenes Werkzeug für den Granit
Seit der Gründung seiner eigenen Firma liegt Gebauer besonders die Vorbereitung und Durchführung außergewöhnlicher Aufträge am Herzen, die viel Könnerschaft erfordern. Die Projektleitung beim Bauvorhaben in der Neuen Nationalgalerie für die Firma Gebauer liegt bei Manuela Figaschewsky. Sie ist stolz, dass beim Ausbau fast nichts kaputt gegangen ist. „Besonders schwierig war der Ausbau der großen Granitplatten aus dem Zementverbund”, erklärt sie, “unser Meister hat für den ersten Versuch, eine Platte anzuheben, das Werkzeug eigens zugearbeitet – und hatte mit seiner Vorgehensweise gleich Erfolg.“

Ständer für den Transport und die Lagerung der Granitplatten. Foto: schmedding.vonmarlin.;
Ständer für den Transport und die Lagerung der Granitplatten. Foto: schmedding.vonmarlin.;
Demontage der Granitplatten im Skulpturengarten. Foto: schmedding.vonmarlin.
Demontage der Granitplatten im Skulpturengarten. Foto: schmedding.vonmarlin.

Kennzeichnend für die Oberfläche des Bodens aus Striegauer Granitplatten in der Ausstellungshalle ist der sehr feine Schliff, der die blassgelbe Steinfarbigkeit des mittelkörnigen Granits mit deutlich sichtbaren Ausrostungsräumen zur Geltung bringt. Als „Striegauer Granit“ werden Granite bezeichnet, die in zahlreichen Granitsteinbrüchen nahe der niederschlesischen Stadt Striegau (polnisch Strzegom) gebrochen werden.

Striegauer Qualität
Herkunft und Bruch der Originalsteine der Neuen Nationalgalerie konnten bislang nicht ermittelt werden, doch ein Vergleich neuer Striegauer Granite mit dem Bestandsmaterial zeigt eine vollkommene Übereinstimmung im Gefüge, der Mineralkomposition, der Mineralfarbe und der ungerichteten Textur. Die Bodenplatten der Ausstellungshalle sind in einem sehr guten Erhaltungszustand. Es sind durchweg keine schwerwiegenden Schäden festzustellen. Die graue Fußbodenoberfläche im Innern setzt sich jenseits der Glasfassade auf der Terrasse weiter fort.

Der Terrassenbelag besteht ebenfalls aus Striegauer Granitplatten, deren Erhaltungszustand jedoch nicht so gut ist wie bei den Steinen des Innenraumes. Seit einer Sanierungsmaßnahme in den 1980er Jahren waren die Platten auf grobem Flusskies gebettet. Aufgrund dieser neuen Bettungsart sind während der Nutzung zahlreiche Durchbrüche, Abbrüche und Risse entstanden, da die Bettung unter starker Belastung nachgab und die Platten danach nur noch punktuell auf dem Kiesbett auflagen. Zahlreiche Platten wurden seit dieser Zeit bereits aufgrund von schweren Schäden und daraus folgender Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit ausgetauscht.

Der Terrassenbelag vor und nach der Demontage. Foto: BBR/ProDenkmal;
Der Terrassenbelag vor und nach der Demontage. Foto: BBR/ProDenkmal;

Umfassende Reparaturen
Zu den von ProDenkmal durchgeführten Maßnahmen für die Restaurierung des Naturwerksteins im Außenbereich gehört die Reinigung, Entfernung von Fremdmaterialien, Klebung oder Nadelung gebrochener Steinelemente, Rissinjektionen, die Ergänzung von Fehlstellen durch Steinersatzmasse und im schlimmsten Fall ein kompletter Austausch des Steines.

Vier Sitzbänke aus Granit stehen im Skulpturengarten. Der mittelkörnige Stein hat eine gelbliche, leicht rötliche Farbe mit deutlich auffallenden rostig-roten Feldspäten. Es ist durchaus möglich, dass dieser Granit, wie in den Bauakten vermerkt, aus einem Epprechtsteiner Bruch stammt, denn auch bei den Platten im Untergeschoss des Museums handelt es sich um Epprechtsteiner Granit, verlegt von der Firma Zeidler & Wimmel.

Granitplatten bereit für den Abtransport ins Lager. Foto: schmedding.vonmarlin.;
Granitplatten bereit für den Abtransport ins Lager. Foto: schmedding.vonmarlin.;

Ein präzises Raster
Bezüglich des Erscheinungsbildes gleichen die Sitzbänke aber stärker den im Waldsteingebiet verbreiteten, blass-rosafarbenen Varietäten. Die Steinoberfläche ist sehr fein geschliffen. Die Maße aus der Ausführungsplanung von Mies van der Rohe entsprechen den am Bestand genommenen Maßen. Im Zuge der Demontagearbeiten wurden die Bänke bereits eingelagert. Bis auf Schmutz- und Krustenauflagen sind keine weiteren Schäden festzustellen, daher werden lediglich die Oberflächen gereinigt, um das bauzeitliche Erscheinungsbild wieder herzustellen.

Auf die Frage nach der Besonderheit des Naturwerksteins in der Neuen Nationalgalerie antworten Manfred Gebauer und Manuela Figaschewsky nicht etwa mit Hinweisen auf die besondere Qualität der Steine. „Das Schöne am Museum ist die Ausrichtung auf das Achsensystem und das zugrunde liegende Raster von 120 mal 120 Zentimetern“, sagt Figaschewsky und der Steintechniker ergänzt: „Wie präzise sich die Plattengröße in das markante Raster und die Gesamtproportionen des Gebäudes einfügt, lässt sich gut an der von Mies van der Rohe festgelegten Größe der Granitplatten erklären. Die Kantenlänge beträgt nur 119,4 Zentimeter, damit die Fuge genau in der Mitte auf 120 Zentimetern liegt.“

Text: schmedding.vonmarlin.

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