Sehnsucht nach Armenien. Ein Gespräch mit dem Fotografen Erol Gurian

Welches Bild haben Armenier im Exil von ihrer Heimat? Dieser und weiteren Fragen gehen die Armenischen Kulturtage im Museum Europäischer Kulturen nach. Alexandre Robinet-Borgomano sprach mit dem armenisch-stämmigen Fotografen Erol Gurian, der in einer Fotoausstellung “Traumorten” der Diaspora nachgespürt hat.

Erol Gurian zeigt in der Ausstellung „Traumorte“ im Museum Europäischer Kulturen Armenier an ihren derzeitigen Lebensstätten außerhalb ihrer Heimat und hat sie gleichzeitig nach ihren Sehnsuchtsorten in Armenien gefragt: Kurze, prägnante Zitate sind die Verbindung zwischen den Portraits und den Situationen, die Gurian vor Ort gefunden und abgelichtet hat. Denn der Fotograf ist nach Armenien gereist, um dort nach den Motiven zu suchen, von denen seine Protagonisten ihm berichtet hatten. Was sagt die Sehnsucht der Diaspora nach einer verlorenen und geträumten Heimat über die Wirklichkeit des Landes aus? Ein Interview.

Herr Gurian, ich möchte mit Ihnen ein Gespräch über die Sehnsucht nach Armenien führen, bei dem das Thema „Völkermord“ außen vor bleibt. Halten Sie das für möglich?
Erol Gurian: Grundsätzlich spiegelt dieser Ansatz die Besonderheit meiner Arbeit wider. Als ich mein Projekt zum ersten Mal im München vorgestellt habe, zum Anlass des 100. Jahrestags, wurde mir vorgeworfen, den Völkermord auszublenden. Er ist aber der Ursprung meines Projekts, da im Mittelpunkt eine Diaspora steht, die ohne ihn keine so große Bedeutung hätte. Ich habe mich darum bemüht, den Völkermord nicht als klagendes Thema zu erzählen und das Land jenseits davon zu zeigen. Das Thema kommt aber immer durch die Hintertür wieder und ich finde es gut so.

Kahchen Gebirge Bergkarabach © Erol Gurian 2016
Kahchen Gebirge, Bergkarabach. © Erol Gurian 2016

Wann haben Sie angefangen, sich mit der besonderen Sehnsucht nach Armenien zu beschäftigen?
Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Armenische Sehnsucht“ begann mit einem Abschied. Mein Vater war Armenier, er wuchs in Istanbul auf, bevor er nach Deutschland auswanderte. Er ist selber nie nach Armenien gereist: „Es würde mich traurig machen, dorthin zu fahren“ sagte er mir immer. Als er vor vier Jahren starb, verlor ich das, was mich direkt mit dem Land verband. Ich habe angefangen, Gespräche mit ausgewanderten Armeniern zu führen, um die Trauer meines Vaters sowie den armenischen Anteil in mir besser zu verstehen.

Wenn in dieser Ausstellung ein Portrait von Ihnen hinge, auf welchen Traumort in Armenien würde es verweisen?
Wahrscheinlich auf den Gipfel des Aragats. Nahe dem Gipfel liegt auf 3200 Metern die Orgow-Station, eine Beobachtungsstation zur Erforschung kosmischer Teilchen, mit deren Hilfe der Ursprung des Universums untersucht wird. Zur Zeit der Sowjetunion war das Institut extrem wichtig. Heute betreiben nur einige Wissenschaftler das Forschungszentrum freiwillig. Der Arte-Dokumentarfilm „Cosmic station Aragats“ zeugt davon. Dort hat man den Eindruck, über den Wolken zu schweben, während Armenien einem zu Füßen liegt.

Blick aus dem Taxi auf die Berge. Nahe Areni © Erol Gurian 2016
Blick aus dem Taxi auf die Berge. Nahe Areni. © Erol Gurian 2016

Wir wollen die Wurzeln der armenischen Sehnsucht näher ins Auge fassen. Worauf verweisen die Geschichten, die Ihnen erzählt wurden, konkret?
Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der Utopie, die Armenien in den Träumen der Diaspora-Armenier darstellt, und der Realität. Die Sehnsucht der Diaspora nach Armenien bezieht sich nicht auf einen Ort, der im heutigen Armenien identifizierbar ist. Sie ist die Sehnsucht nach einem Land, dessen Bild sich durch Erzählungen, durch die Bibel, durch eine tausendjährige Geschichte ergibt. Ein überaltertes Königreich birgt in sich immer eine gewisse Romantik.

Puschkin, Lermontov, Dumas … Bedeutende Vertreter der Romantik fanden in den Kaukasischen Bergen Ihre Inspiration. Gehören Sie in diese Reihe?
Manchmal spüre ich in Armenien dieselbe Atmosphäre, die ich am Starnberger See um München zwischen Bergen und Seen so sehr schätze. Diese besondere Atmosphäre ist ungewöhnlich in einer Region, wo Wüsten und Steppen vorherrschen. Wie schön die armenischen Landschaften auch sein mögen, ich betrachte mich selbst als Münchner, auch hinsichtlich meiner Inspiration.

Aroussiag Sassounian 84, Rentnerin, Los Angeles „Die waren so fasziniert vom armenischen Kaffee, dass sie ihn nicht austranken und die halbvollen Tassen mit nach Hause nahmen.“ © Erol Gurian 2016
Aroussiag Sassounian, 84, Rentnerin, Los Angeles: „Die waren so fasziniert vom armenischen Kaffee, dass sie ihn nicht austranken und die halbvollen Tassen mit nach Hause nahmen.“ © Erol Gurian 2016
Hamaz Ghazarian 63, Facharzt für Allgemeinmedizin, Köln „Der schlug vor, dass er uns ein Haus baut und ich ihm dafür einen Mercedes besorge. Zwei Jahre später haben wir einen Autoschlüssel gegen unseren Hausschlüssel eingetauscht.“ © Erol Gurian 2016
Hamaz Ghazarian, 63, Facharzt für Allgemeinmedizin, Köln: „Der schlug vor, dass er uns ein Haus baut und ich ihm dafür einen Mercedes besorge. Zwei Jahre später haben wir einen Autoschlüssel gegen unseren Hausschlüssel eingetauscht.“ © Erol Gurian 2016

Zentrale Symbole Armeniens befinden sich heute in der Türkei: der Berg Ararat oder Ani, die „Stadt der 1001 Kirchen“, die heute in Ruinen liegende ehemalige armenische Hauptstadt. Welche Rolle spielt eine geschlossene Grenze in der Konstruktion der armenischen Wehmut?
Eine Sehnsucht gibt es nur, solange man diese Sehnsucht nicht stillen oder erfüllen kann. Wenn man die angestrebten Orte nicht erreichen kann, besteht die Sehnsucht nach diesen Traumorten, das ist klar. Vielleicht trägt die geschlossene Grenze dazu bei, dass auch die Armenier, die in Armenien leben, von einem idealisierten Land träumen.

Die Diaspora-Armenier scheinen sehr stolz auf Ihre Wurzeln zu sein. Gleichzeitig gilt die Integration dieser Diaspora im Westen als besonders gut gelungen. Gibt es hier ein Paradox?
Die besondere Integrationsfähigkeit der Armenier ist meines Erachtens auf die Lage des Landes zurückzuführen. Armenien ist ein Durchgangsland, eine Kreuzung, die immer wieder erobert wurde. Unter diesen Umständen musste man lernen, das Beste aus jeder Situation herauszuholen und sich mit Fremden zu arrangieren. Die Tatsache, dass diese Assimilation, diese Anpassung, kein Verzicht auf die Wurzeln bedeutete, liegt wesentlich an der Sprache und an der armenischen Kirche, den Eckpfeilern der armenischen Identität. Die Anpassung der Diaspora an eine andere Kultur war aber nicht so einfach. „Die Hunde von Ararat“, ein Roman von Peter Balakian, berichtet über den Widerspruch zwischen amerikanischen und armenischen Werten. Und in Armenien habe ich ein älteres Ehepaar aus Los Angeles kennengelernt, das den USA den Rücken gekehrt hat, um bei Eriwan ein Öko-Hotel zu errichten. Sie strebten nach Authentizität und Einfachheit und verbanden diese Werte mit Armenien.

Kaffeekanne in einem Stahlofen, Gandsassar © Erol Gurian 2016
Kaffeekanne in einem Stahlofen, Gandsassar © Erol Gurian 2016

Das Gespräch führte Alexandre Robinet-Borgomano

Traumorte – Armenische Kulturtage im Museum Europäischer Kulturen
20. August bis 6. November 2016

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