Im Innern des Aleppo-Zimmers: Restaurierung einer Ikone
Lesezeit 5 Minuten
Ein Raum bewegt sich – aber nicht irgendein Raum, sondern das berühmte Aleppo-Zimmer in Berlin. Nicht zum ersten Mal und ganz bestimmt nicht ohne feierlichen Rahmen. Einst das Herzstück eines syrischen Wohnhauses aus dem 17. Jahrhundert, gilt es heute als ein Kronjuwel des Museums für Islamische Kunst. Nun wird es sorgfältig demontiert, transportiert und an seinem neuen Standort im Pergamonmuseum wieder aufgebaut.
Text: Farwah Rizvi
Ich habe mich mit Anke Scharrahs, der Restauratorin des Aleppo-Zimmers, getroffen, um mit ihr ihre Erinnerungen an dieses außergewöhnliche Projekt aufleben zu lassen. In dieser Geschichte begleiten wir sie durch den langjährigen Konservierungs- und Restaurierungsprozess, der über ein Jahrzehnt andauerte und keineswegs ohne Herausforderungen blieb.
Die Restaurierung des Aleppo-Zimmers
An einem kühlen Aprilmorgen des Jahres 2024 trafen wir uns in den alten Ausstellungssälen des Pergamonmuseums. Sie hatte das Aleppo-Zimmer bereits für die bevorstehende Demontage vorbereitet und ich war gespannt auf die Reise dieses 425 Jahre alten, inzwischen restaurierten Zimmers.
A brass tray with engraving rested on a small wooden inlaid folding table in the Aleppo Room. Photo: Anke Scharrahs, April 2024
In einer Ecke hatte sie die einladende Atmosphäre eines syrischen Empfangszimmers nachempfunden – so, wie es im 17. Jahrhundert ausgesehen haben könnte. Auf einem kleinen, mit Intarsien verzierten Klapptisch aus Holz stand ein fein graviertes Messingtablett, darauf zarte Teetassen, eine verzierte Teekanne, ein Teller mit Gebäck und Vasen mit frischen Blumen.
„Gehen wir zurück ins Jahr 2002“, begann sie. „Damals erhielt ich einen Anruf vom damaligen Direktor, Claus Peter Haase. Die Museumsleitung plante den Umzug der Sammlung und wollte wissen, wie lange der Abbau des Aleppo-Zimmers dauern würde.“
Holz vs. Klima
Detail of the cornice. Photo: Anke Scharrahs
Die konservatorischen Maßnahmen, um die gelockerten Farbschichten zu sichern und damit die Vertäfelungsteile für den Umzug transportfähig zu machen, begannen 2005. Das Museumsteam, unter der Leitung des heutigen Direktors Stefan Weber, und koordiniert von der Restauratorin Jutta Maria Schwed, die im Museum für die Holzobjekte verantwortlich ist, trieb die Arbeiten maßgeblich voran. Dazu gehörten die Einwerbung von Fördermitteln, die Weiterführung der Forschung sowie die Beauftragung restauratorischer Maßnahmen. Anke Scharrahs, Expertin für bemalte Holzoberflächen aus Syrien und seit 2003 mit dem Aleppo-Zimmers betraut, erläutert den Ablauf.
„In den alten Ausstellungssälen des Pergamonmuseums herrschte damals kein stabiles Raumklima“, erinnert sie sich. „Das bedeutet: Das Holz schrumpft und dehnt sich täglich aus, und die alten, spröden Farbschichten sind nicht flexibel genug, um diese Bewegung mitzumachen. Sie lösen sich von der Holzoberfläche und beginnen abzuplatzen.“ Die Luftfeuchtigkeit, so erklärt sie, sollte nicht mehr als zwei bis fünf Prozent schwanken.
Photo credits: Anke Scharrahs
Die erste Phase ihrer konservatorischen Arbeit begann in den Jahren 2005 und 2006: Gemeinsam mit einem Team von drei Restaurator:innen arbeitete sie an den roten Rahmungen. Sie brachten einen speziellen Leim zwischen die Farbschicht und das Holz ein und drückten die Schichten behutsam an, um die Verbindung zur Oberfläche wiederherzustellen. Die Konsolidierung der Gesimse folgte 2017/18 – da diese Arbeiten das Abnehmen der Bauteile erforderten, konnte damit nicht länger bis zum geplanten Umzug gewartet werden. Der ursprüngliche Zeitplan hatte sich mehrfach verzögert, sodass dringende Maßnahmen vorgezogen werden mussten.
Lack unter Spannung: Restaurierung der Malereien
„Wiederum haben wir mit einem Team von drei Personen die Konsolidierung der Gesimse vorgenommen. Wir haben die Gesimse einzeln abgenommen, die gelockerten Vergoldungen und Farbschichten behutsam gefestigt und die Gesimse dann wieder montiert“, erklärt sie. Die Oberfläche hatte im Laufe von 400 Jahren eine Menge Verluste erlitten. Der alte Lack, der über frühere Lackschichten aufgetragen wurde, war instabil geworden. „Mit der Zeit baut er eine innere Spannung auf“, erklärte sie.
Loosened, bowl-shaped sockets on the cornice of Wall K, Photo: Anke Scharrahs, 2021
Detail of a cornice, condition before conservation: the fretwork has already been partially lost; the missing areas reveal the canvas covering the concave curvature of the cornice. Photo: Anke Scharrahs, 2021
Als die Wandvertäfelung noch in Aleppo eingebaut war, wurden in größeren Abständen transparente Schutzlacke aufgetragen. Diese Lacke bestehen aus Naturharzen, die im Laufe der Zeit durch Alterungsvorgänge verspröden und braun werden. „Mit der Zeit bauen diese Lackschichten innere Spannungen auf“, erklärte sie. „Schließlich führt diese Spannung dazu, dass die Malereien abzublättern beginnen.“
Als mit dem Ausbruch von COVID im Jahr 2020 die Welt zum Stillstand kam, arbeitete Frau Scharrahs an den Paneelen. „Ich war die einzige Person, die das Museum noch betreten durfte. Paneel für Paneel nahm ich ab, setzte mich an meinen Arbeitstisch unter dem Licht der Galerie, maskiert gegen die Acetondämpfe, und entfernte vorsichtig die jahrhundertealten Lackschichten. Fast vier Jahre lang habe ich das getan – und saß noch immer dort, hinter Glas, als das Museum schließlich wieder für Besucher:innen öffnete.“
After dismantling the cornice, the cornice is placed on trestles, the dismantling tools are removed, Photo: Peter Thieme
Konservierung mit Prinzipien
„Es ist ein altes Objekt – und es sollte auch weiterhin wie ein altes Stück wirken“, erklärte sie mir im Gespräch über ihre restauratorische Ethik. Sie verwendet Aquarellfarben, um Verluste auszubessern – so können zukünftige Restaurator:innen ihre Ergänzungen rückstandslos wieder entfernen, ohne das Original zu beschädigen. „Keine Erfindungen“, betont sie. „Wir ergänzen nur dort, wo der ursprüngliche Zustand eindeutig nachvollziehbar ist.“
Workplace in spring 2023. Photo Credits: Farwah Rizvi
Nach unserem Gespräch ging ich durch den frisch restaurierten Raum, trat so nah wie möglich an die Oberflächen heran, ohne sie zu berühren, und betrachtete die Details mit neuer Ehrfurcht – im Bewusstsein, wie viel Arbeit es erfordert, diese Wandvertäfelung lebendig zu erhalten.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Islamic-Art-Portal des Museums für Islamische Kunst.
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