Russische Tempel vor bewegter Moorlandschaft: Kunstbibliothek in der Tchoban Foundation

Eine Wiederentdeckung: Die Kunstbibliothek zeigt in der Tchoban Foundation die Architekturzeichnungen des französisch-russischen Architekten Jean-François Thomas de Thomon, der im frühen 19. Jahrhundert Sankt Petersburg mit prägte – Ab 4. Mai ist die Schau wieder zu sehen.

Text: Elke Blauert

Die Altertümer Roms waren über die Jahrhunderte Sehnsuchtsort und Inspirationsquelle für zahlreiche Künstlergenerationen. Vorbild und Abbild der antiken Welt sollten auch den französischen Architekten und Künstler Jean-François Thomas de Thomon (1760–1813) Zeit seines Lebens beschäftigen.

Der als Jean-François Thomas in Paris geborene Architekt, mit vermutlich Schweizer Wurzeln nahm spät den Adelstitel in seinen Namen auf. Er studierte an der Académie royale d’architecture in Paris bei Charles Percier (1764–1838) und Pierre-François-Léonard Fontaine (1763–1853). Die Akademie lobte jedes Jahr einen Wettbewerb aus, dessen Gewinner ein Stipendium für die 1666 in Rom gegründete Académie de France à Rome erhielt. Die französische Akademie in Rom hatte sich bereits im 16. und 17. Jahrhundert um die Vermessung und Aufnahme der antiken Bauten der Stadt verdient gemacht.

Nach seiner dritten erfolglosen Wettbewerbsbeteiligung reiste Thomas de Thomon 1785 ohne Stipendium nach Rom, um dort ohne Zulassung an der französischen Akademie im Palazzo Mancini zu studieren. Er wurde geduldet, bis der neue Direktor François-Guillaume Ménageot (1787–1793) ihn im November 1788 der Einrichtung verwies. Bis 1790 muss er sich datierten und signierten Zeichnungen zufolge in Rom und Umgebung sowie in Süditalien aufgehalten haben.

Thomas de Thomon, (1760 - 1813), Sankt Petersburg, Börse, Längsschnitt und Aufriss der Seitenfassade, um 1800, © Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin, Dietmar Katz
Thomas de Thomon, (1760 – 1813), Sankt Petersburg, Börse, Längsschnitt und Aufriss der Seitenfassade, um 1800, © Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin, Dietmar Katz

Über Ungarn kam er 1791 nach Wien, um für den Fürsten Nikolas II. Esterhászy (1765–1833) zu arbeiten. Er baute in Wien die erste öffentliche Schule und in Eisenstadt für die Familie Esterhazy eine Gartenanlage nebst Schwefelbad in Form eines Tempels. In den acht Jahren vor seiner Tätigkeit in Russland war er auch für den Grafen Lubomirski in Polen tätig. Auf Einladung seines Bruders Alexander kam er 1799 über Hamburg, Riga und Moskau in das Gebiet um Smolensk. Zar Paul I (1754-1801; Reg. 1796-1801) wurde auf den Architekten aufmerksam ließ ihn dazu ins Land. Wohl ein Jahr später siedelte er nach Sankt Petersburg über. Die Petersburger Akademie der Künste verlieh ihm bereits 1800 für seine hervorragenden zeichnerischen Fähigkeiten und Arbeiten den Titel eines Akademikers. Er erhielt eine Professur an der Akademie und zeichnete Pläne der im Bau befindlichen Kasaner Kathedrale. Die drei Zeichnungen von ihm dazu sind Teile einer Serie von 34 großformatigen Zeichnungen, welche die Kunstbibliothek 1974 aus Privatbesitz erwerben konnte.

Zweitausend Rubel pro Jahr

Seine Tätigkeit als Architekt in Sankt Petersburg begann 1802. Am 30. Januar 1802 erließ Alexander I. (1777–1825, Reg. 1801–1825) dazu ein Dekret:
„Nachdem ich den russischen Dienst für den Architekten Thomon angenommen habe, befehle ich Ihnen, das Kabinett zu ordnen und ein Gehalt von zweitausend Rubel pro Jahr zu verdienen.“ Unter Alexander I., dem Sohn Pauls I. (1754–1801, Reg. 1796–1801), wurde Jean-François Thomas de Thomon zum leitenden Hofarchitekten. In Gedenken an Paul I. errichtete er nach dessen Ermordung 1801 im Auftrag der Witwe Maria Fjodorowna (1759–1828) im Park von Pawlowsk bei Sankt Petersburg 1807 ein Mausoleum in Form eines dorischen Antentempels.

Thomas de Thomons Gebäude, Brunnen und Gartenanlagen prägen bis heute Sankt Petersburg und Umgebung. Dazu zählen die auf den ausgestellten Zeichnungen dargestellten Gebäude wie die Börse, aber auch Kai-Abschnitte an der Newa östlich der heute nicht mehr erhaltenen Isaak-Brücke, die er zusammen mit dem Architekten F. I. Gerhard anlegte, oder der Brunnen mit vier den Sockel im ägyptisierenden Stil zierenden Sphinxen am Pulkowskaja-Berg, der Neptun-Brunnen auf dem Sennaja Ploschtschad sowie vier Brunnen auf dem Weg nach Zarskoje Selo.

Die Königlichen Museen zu Berlin haben bereits seit 1844 mit dem Kauf der Sammlung von Vincenzo Pacetti (1746–1820) für das Kupferstichkabinett die ersten Zeichnungen von Thomas de Thomon erhalten. 1879 kamen mit der Sammlung Destailleur weitere hinzu. Die Kunstbibliothek hat in den 150 Jahren ihres Bestehens einen Sammlungsbestand von 4.800 französischen Zeichnungen und rund 2.200 italienischen Zeichnungen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert zusammengetragen.

Verbindung zu Piranesi

In der Kunstbibliothek befinden sich heute noch 62 von Thomas de Thomon selbst entworfene oder ihm zugeschriebene Zeichnungen und seines Umkreises. Diese Zeichnungen sind von Blättern all jener Künstler umgeben, die ihn und seinen Berufsweg geprägt haben, sowohl an dercadémie royale in Paris, der Académie de France á Rome, in Italien wie auch in Sankt Petersburg. Bedeutsam für sein Schaffen war sicher der zum Umfeld von Giovanni Battista Piranesi gehörende Charles-Louis Clérisseau (1721–1820), Architekt, Maler und Zeichner, dessen Architekturaufnahmen durch Robert Adam (1728–1792) veröffentlicht wurden und der später von Katharina II. (1729–1796, Reg. 1762–1796) nach Sankt Petersburg berufen wurde. Die Kunstbibliothek besitzt einen wertvollen Zeichnungsband sowie Einzelzeichnungen von ihm. Des Weiteren spielte Thomas Frodeau eine große Rolle, der mit Thomas de Thomon in Paris studiert hatte und sein Wegbegleiter war. Frodeau wurde wie Thomas de Thomon von Claude-Nicolas Ledoux (1736–1806) und Étienne-Louis Boullée (1728–1799) geprägt, auch er war in Petersburg tätig. Sehr eng ist zudem die künstlerische Wahlverwandtschaft zwischen Hubert Robert (1733–1808) und Thomas de Thomon. Robert, der bereits 1754 bis 1764 an der französischen Akademie in Rom studiert hatte, war befreundet mit dem Vedutenmaler Giovanni Paolo Pannini (1691–1765).

Thomas de Thomon, (1760 - 1813), Sankt Petersburg, Anitschkow-Palais, Kabinettblock sowie Grundrisse Ergeschoss und erstes Obergeschoss, 1805, ©  Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin, Dietmar Katz
Thomas de Thomon, (1760 – 1813), Sankt Petersburg, Anitschkow-Palais, Kabinettblock sowie Grundrisse Ergeschoss und erstes Obergeschoss, 1805, © Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin, Dietmar Katz

Von den ausgestellten Zeichnungen der einstigen Präsentationsmappe stammen 31 von Thomas de Thomon. Sie zeichnen sich durch malerische Schönheit aus. Sie sind keine Architekturprojektzeichnungen im üblichen Sinne: In malerischer Inszenierung stellt Thomas de Thomon die Gebäude, aber auch deren Schnitte in die bewegte Moorlandschaft am Finnischen Meerbusen der Ostsee. Man spürt gleichsam die tief liegenden Wolken vom Meer kommend, das durch sie fallende Sonnenlicht bezaubert den Betrachter. Die dargestellte Lichtstimmung und die Farben der Gebäude sind noch heute erlebbar. Gezeigt werden in der Ausstellung nicht nur Arbeiten von Thomas de Thomon, sondern auch aus seinem Umkreis, wie zum Beispiel Giacomo Quarenghi (1744–1817), Andrei Woronichin (1759–1814) und Luigi Rusca (1758–1822), entworfen wurden. Neben Arbeiten seines wichtigen Konkurrenten, Giacomo Quarenghi, wird eine Arbeit von Philipp Elsson (1793–1867), die von Thomas de Thomons Projekt der Börse inspiriertwurde, ausgestellt.

Thomas de Thomon wurde 1813 durch die Folgen eines Unfalls auf der Baustelle des Bolschoi-Theaters früh aus dem Leben gerissen. Trotz der umfassenden umfangreichen Veröffentlichung der Eremitage zu seinem grafischen Werk im Jahr 2010 fehlt zu Thomas de Thomon noch eine umfassende Erschließung seines Œuvres über Sankt Petersburg hinaus.
Die Architekturzeichnungen von Thomas de Thomon und der Architekten aus seinem Umfeld für Sankt Petersburg sind bisher kaum in der Öffentlichkeit bekannt. Sie sind ein wichtiger Baustein für die zukünftige Erforschung des Gesamtwerkes von Thomas de Thomon.

„Nur wo man Neues schafft ist man wahrhaft lebendig“ K.F. Schinkel
Jean-François Thomas de Thomon und sein Umkreis haben eine der bis heute lebendigsten europäischen Städte geprägt. Ihre Bauten sind identitätsstiftend für das kulturelle Erbe Europas.

Die Gastausstellung der Kunstbibliothek ist ab 4. Mai wieder in der Tchoban Foundation in Berlin zu sehen.

Zur Ausstellung ist ein 200seitiger Katalog in deutscher und englischer Sprache erschienen (Hardcover im Schuber): Jean-François Thomas de Thomon. Zeichnungen für Sankt Petersburg aus der Sammlung der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin mit Beiträgen von Nadejda Bartels, Elke Blauert, Wladimir Sedow, 200 Seiten deutsch/englisch, 67 Abb., davon 39 Tafeln; ISBN 978-3-944899-14-5, 30 Euro

Titelbild: Philipp Elsson, Entwurfsvariante für die Börse in St. Petersburg, 1816, © Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin / Dietmar Katz

Ähnliche Beiträge

kommentieren

Beitrag kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *