Zehnerpack-Jahresrückblick 2016: 10 Highlights aus der Blog-Redaktion

Als Redakteur und Autor von “Museum and the City” begegnet Sven Stienen im Laufe eines Jahres unzähligen spannenden Geschichten aus den Museen. Hier hat der Museumsredakteur einige seiner Highlights aus 2016 herausgesucht.

1. Topmodels aus Gips
Ein Highlight des letzten Jahres war der Besuch im Lager der Gipsformerei mit dem Fotografen Daniel Hofer. Wir fotografierten dort einige der interessantesten Mastermodelle. Dabei handelt es sich um die Gipsmodelle, die direkt von den Originalen abgenommen werden und die dann als Referenz für die Herstellung sämtlicher späterer Abgussformen dienen. Das faszinierende an den Mastermodellen ist nicht nur, dass sie alle direkt von den – heute teilweise verschollenen oder beschädigten – Originalwerken stammen, sondern dass sie mitunter bis zu 200 Jahre alt und somit selbst historische Artefakte sind. Bei dem Besuch entstand eine tolle Fotostrecke, die die Modelle in einem neuen Licht zeigt:

Antinius Dionysos; © Staatliche Museen zu Berlin, Daniel Hofer
Antinius Dionysos; © Staatliche Museen zu Berlin, Daniel Hofer

Link: Zehnerpack: 10 Gipsmodelle, die Kunstgeschichte erzählen

2. Forschung vor 80 Jahren
Im Sommer tauchte eine Mappe mit historischen Fotografien auf, die die Arbeit im Chemischen Laboratorium der Staatlichen Museen zu Berlin – dem heutigen Rathgen-Forschungslabor – zeigen. Die Fotos stammen vermutlich aus den 30er Jahren und geben Einblick in den Forschungsalltag in dieser Zeit. Zu sehen ist mit dem Innenraum der Kolonnaden auch ein Gebäude, das im Krieg vollständig zerstört wurde. Mich haben die Bilder fasziniert, weil sie dem Betrachter zusammen mit den erhaltenen originalen Bildunterschriften eine kleine Zeitreise ermöglichen.

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Link: Forschungsalltag vor 80 Jahren: Historische Fotos aus dem Rathgen-Forschungslabor

3. Hannes’ Versuchung
Eine ganz unerwartete Geschichte im Zusammenhang mit der diesjährigen Sommerausstellung „El Siglo de Oro. Die Ära Velazquez“ erreichte uns aus einer entlegenen Provinz Spaniens. Die pasos, Prunkwagen der traditionellen Osterprozession in der spanischen Kleinstadt Valladolid, verließen für “El Siglo de Oro” erstmals ihre Heimat und traten die Reise nach Berlin an. Der Fotograf Carlos Collado hat ihren Weg bis in die Gemäldegalerie begleitet und schickte uns quasi von unterwegs einen spannenden Beitrag, in dem er die eigentümliche Ostertradition der pasos seinem deutschen Freund Hannes erklärt.

Cofrade from the Cofradia Penitencial Santísimo Cristo Despojado carrying "en andas" (on their shoulders) the paso “Cristo Camino del Calvario” (Miguel A. González y Jose A. Saavedra, 2009). Tuesday 22nd, Procession of the Encounter between the Virgin with her Son, at Amargura street.
Cofrade from the Cofradia Penitencial Santísimo Cristo Despojado carrying “en andas” (on their shoulders) the paso “Cristo Camino del Calvario” (Miguel A. González y Jose A. Saavedra, 2009). Tuesday 22nd, Procession of the Encounter between the Virgin with her Son, at Amargura street.

Link: Hannes und die Versuchung von Valladolid

4. Museum bei Kerzenschein
Ein magischer Abend war unsere Zusammenkunft mit einigen Berliner BloggerInnen im Bode-Museum: Anlässlich der Ausstellung „Canova und der Tanz“ hatten wir sie Anfang Dezember eingeladen, um gemeinsam die Bildbetrachtung des 18. Jahrhunderts nachzuempfinden: mit zeitgenössischer Musik und im Kerzenschein. Die Skulpturen des italienischen Meisters Antonio Canova erwachten im flackernden Licht der (LED-)Kerzen zum Leben und es war ein einmaliges Erlebnis, diese besondere Atmosphäre im Museum zu kreieren.

Foto: Christoph Neumann, www.christoph-neumann.com
Foto: Christoph Neumann, www.christoph-neumann.com

Link: Blogger-Abend im Bode-Museum: Zu Besuch bei Canova

5. Leeres Museum 1
Der Umzug des Ethnologischen Museums ins Humboldt Forum ist bereits in vollem Gange. Für die Museumszeitung der Staatlichen Museen zu Berlin war ich im Juli mit dem Fotografen Daniel Hofer in dem fast leeren Museum, um die Arbeiten dort zu dokumentieren. Es hatte etwas sehr besonderes, durch die kahlen Räume zu laufen, in denen die Exponate zum Teil verpackt, zum Teil noch gerade abgebaut an den Wänden lehnten oder auf Tischen lagen. Die Objekte in einem solch anderen Kontext zu sehen gehört zu den Dingen, die den Job als „Museumsredakteur“ so faszinierend und spannend machen.

Blick in den geräumten Bereich "Nordamerika" im Ethnologischen Museum. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Daniel Hofer
Blick in den geräumten Bereich “Nordamerika” im Ethnologischen Museum. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Daniel Hofer

Link: Eine logistische Meisterleistung: Das Ethnologische Museum zieht ins Humboldt Forum

6. Lackkunst mit Leidenschaft
Meine Arbeit besteht zum großen Teil darin, die Themen unserer Wissenschaftler in den Sammlungen einem breiten Publikum zugängig zu machen und sie gewissermaßen zu übersetzen. Denn dass viele Wissenschaftler Schwierigkeiten haben, ihre Forschung einem Laien verständlich zu machen, ist kein großes Geheimnis. Oft ist die Übersetzungsarbeit mühsam und erfordert viel Geduld und Fingerspitzengefühl – manchmal erkennt man aber in der bisweilen trockenen Sprache die Begeisterung, die die Fachleute für ihre Themen empfinden. Ein schönes Beispiel dafür war 2016 die kleine Serie „Lackkunst in Schloss Köpenick“. Der Kurator Achim Stiegel erklärt darin mit großer Hingabe und Detailverliebtheit, wie die Ausstellung „Lob der Guten Herrschaft“ im Kunstgewerbemuseum entstanden ist.

Münzschrank aus dem Antikenkabinett der Brandenburg-Preußischen Kunstkammer im Berliner Schloss, Gérard Dagly, Berlin 1690/95, © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Tomasz Samek, Münster
Münzschrank aus dem Antikenkabinett der Brandenburg-Preußischen Kunstkammer im Berliner Schloss, Gérard Dagly, Berlin 1690/95, © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Tomasz Samek, Münster

Link: Lackkunst im Schloss Köpenick, Teil 1: Die Wiedergeburt eines Möbels

7. Geschichten vom Nil
Vergangene Kulturen haben mich schon immer fasziniert und so darf auf meiner Highlight-Liste ein Besuch im Archäologischen Zentrum im März nicht fehlen. Dort besuchte ich gemeinsam mit der Fotografin Juliane Eirich die Ägyptologin Verena Lepper, die derzeit uralte Papyri von der Nilinsel Elephantine untersucht. Im Depot des Archäologischen Zentrums zeigte sie uns die echten Papyri, die in ihrerseits historischen Blechkisten aus dem Jahr 1907 lagern und faszinierende Geschichten aus der Antike erzählen.

In solchen Kisten kamen die Papyri von der Nilinsel Elephantine zwischen 1906 und 1908 nach Berlin. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Juliane Eirich
In solchen Kisten kamen die Papyri von der Nilinsel Elephantine zwischen 1906 und 1908 nach Berlin. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Juliane Eirich

Link: Papyri von Elephantine: Wie Ägyptologen die Antike decodieren

8. Ein brillanter Friedrich
Bereits 2015 durfte ich während eines Werkstattbesuchs den Restauratorinnen der Alten Nationalgalerie bei der Arbeit an Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“ über die Schulter schauen. Diese berühmten und wertvollen Gemälde wie ein Arbeitsstück in einer Werkstatt auf den Tischen dort liegen zu sehen, war eine sehr denkwürdige Erfahrung. Im Januar wurden die fertig restaurierten Gemälde dann endlich wieder der Öffentlichkeit präsentiert und erstrahlten in verblüffender Farbigkeit und Brillanz – dieses tolle Ergebnis zu sehen, rundete die Begegnung mit dem Meister der Romantik ab.

Restaurierungsatelier in der Alten Nationalgalerie während der Firnisabnahme am Gemälde "Mönch am Meer" von Caspar David Friedrich. (c) Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Foto: Ramona Roth
Restaurierungsatelier in der Alten Nationalgalerie während der Firnisabnahme am Gemälde “Mönch am Meer” von Caspar David Friedrich. (c) Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Foto: Ramona Roth

Link: In neuem Glanz: Caspar David Friedrich kehrt zurück in die Alte Nationalgalerie

9. Allein unter Booten
Der erste Instawalk in den Museen Dahlem war ein großartiger Start in das Jahr. Das Museum für sich zu haben und mit den berühmten Südseebooten auf Tuchfühlung gehen zu können, war nicht nur für die eingeladenen Instagramer eine besondere Erfahrung – auch bei uns Museumsmitarbeitern kam bei der Aktion definitiv Begeisterung auf.

Segelboot, Santa Cruz-Inseln, 1960 (c) Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Dietrich Graf
Segelboot, Santa Cruz-Inseln, 1960 (c) Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Dietrich Graf

Link: Instawalk in Dahlem: Abschied von den Südsee-Booten

10. Leeres Museum 2
Als bekennender Mies-Fan verfolge ich die Sanierung der Neuen Nationalgalerie natürlich mit besonderer Aufmerksamkeit. In unserem Blog bietet die Serie „Baustelle Neue Nationalgalerie“ regelmäßige Updates und Blicke hinter die Kulissen. Die ersten Bilder aus den geräumten Hallen des Kunsttempels im Februar gehören für mich ebenfalls zu den Highlights des Jahres – weil sie einen ungewöhnlich-unverstellten Blick auf die Architektur bieten, aber auch weil sie in der dargestellten Leere eine eigentümliche Ruhe ausstrahlen.

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Link: Stück für Stück. Die Neue Nationalgalerie ist beräumt

Mit diesen zehn Lesetipps verabschiede ich mich in den Urlaub – wir sehen uns in 2017, das sicher weitere spannende Geschichten aus den Mussen bereithält – und hoffentlich insgesamt besser wird als das vergangene Jahr.

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