Afrika im Bode-Museum: Kunst und Vorurteil

Der Begriff der Kunst ist ein streitbarer. Wie ein Objekt gewertet wird, hängt nicht nur von den Umständen ab, in denen es entstanden ist, sondern auch davon, wer es betrachtet.

Text: Karolin Korthase

Zwei Figuren in der Ausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ erzählen viel darüber, wie im vergangenen Jahrhundert über Kunst gedacht wurde. Sie stehen nebeneinander, eine besteht aus einer Kupferlegierung und ist circa 46 Zentimeter hoch. Sie stammt aus Westafrika. Die andere misst etwa 36 Zentimeter, ist aus Bronze gefertigt und italienischen Ursprungs. Beide Objekte wurden Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem englischen Kunstmarkt erworben – wegen ihres kulturellen Kontextes wurde jedoch sehr unterschiedlich mit ihnen umgegangen.

Als Meisterwerk der Renaissance fand der Putto von Donatello (zwischen 1428–1429 gefertigt) gleich neben einer Flora-Büste von Leonardo da Vinci im Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum) seinen Platz. Das Signal an die Öffentlichkeit war klar und unmissverständlich: Bei einer derart prominenten Platzierung muss es sich um ein Werk von außergewöhnlicher künstlerischer Qualität handeln. Ganz anders wurde mit einer afrikanischen Statue aus dem 16. oder 17. Jahrhundert verfahren, die die Göttin Irhevbu oder die Prinzessin Edeleyo zeigt und deren Schöpfer unbekannt ist. Sie wanderte, als ethnologisches Objekt klassifiziert, ins Museum für Völkerkunde und wurde dort zusammen mit vielen weiteren Exponaten aus dem Königreich Benin (heute Nigeria) in einer überfüllten Vitrine platziert.

Putto mit Tamburin, Donatello, 1429, Bronze mit Resten von Vergoldung, Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, © SMB, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Jörg P. Anders
Putto mit Tamburin, Donatello, 1429, Bronze mit Resten von Vergoldung, Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, © SMB, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Jörg P. Anders

Zweifellos zeichnen beide Werke ein hohes technisches Können und eine kreative Vision aus, aber nur der Putto wurde zum damaligen Zeitpunkt ins Pantheon der meisterhaften Kunst aufgenommen und unterstrich damit auch den Rang des Museums, in dessen Besitz er übergegangen war. Bei künstlerischen Arbeiten aus Benin war der Kunstbegriff hingegen ein anderer. Provokanter ausgedrückt könnte man auch sagen: Sie wurden aus einem kolonialen Überlegenheitsgefühl heraus abgewertet und als „primitiv“ eingestuft. Einig waren sich die Kritiker zu jener Zeit indes nicht, wie ein Blick in die damalige Zeitungslandschaft zeigt. Im „Berliner Tageblatt und Handelszeitung“ vom Juli 1899 gestand man den Werken aus Westafrika beispielsweise durchaus einen eigenständigen künstlerischen Wert zu; ihre Schöpfer bezeichnete mal als „eingeborene Künstler“. Im „Hamburgischen Correspondent“ war ein Jahr zuvor hingegen von einem „barbarischen Eindruck“ die Rede, den die Arbeiten hinterließen. Ein gemeinsamer Nenner fand sich bei vielen Kritikern in Hinblick auf den Entstehungszeitraum. Sie gingen davon aus, dass die Werke „wahrscheinlich einer untergegangenen Negerkultur etwas aus dem 15. und 16. Jahrhundert“ entstammten, so beschrieb es z.B. die „Illustrierte Zeitung“ im Jahre 1898. Hinter dieser kruden Logik stand die Annahme, dass die zeitgenössischen Afrikaner nicht in der Lage gewesen seien, derartige Kunstwerke zu erschaffen.

Aus heutiger Perspektive erscheint dieser Blick auf die Kunst aus Benin, die inzwischen weltweite Anerkennung genießt, extrem problematisch und unverständlich – auch unter Berücksichtigung der Provenienz der Kunstwerke. 1897 waren britische Truppen in das Königreich Benin einmarschiert und hatten dort den königlichen Palast geplündert. Im Zuge dieser Invasion wurden zahlreiche wertvolle Objekte nach Großbritannien verschifft und anschließend verkauft. Unter diesen Objekten befand sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Benin-Figur, die der Ethnologe Felix von Luschan schließlich im Jahre 1900 vom englischen Händler William Downing Webster für das Ethnologische Museum in Berlin erwarb. Die Figur zeigt eine Frau mit glänzender Haut und vollen Wangen und Lippen. Besonders detailreich sind Haar und Schmuck dargestellt. Forscher gehen davon aus, dass die prachtvolle Statue entweder Teil eines Erinnerungsaltars für einen König von Benin war oder eine Schmuckfigur aus einem Schrein des als Gott verehrten Bogenschützen Ake. Auch wenn über ihren genauen Entstehungs- und Herkunftskontext wenig bekannt ist, sind sich die Wissenschaftler einig, dass die Frauenfigur Teil eines Ensembles gewesen sein muss und nicht für sich allein stand. Gleiches gilt für den Tamburin schlagenden Putto des italienischen Künstlers Donatello, der sich formvollendet und graziös balancierend auf einer Muschel um die eigene Achse dreht. Ursprünglich war er Teil einer Gruppe von sechs ähnlichen Figuren, die das Taufbecken der Kathedrale von Siena in der Toskana zierten. Dass der Florenzer Künstler Donatello einen Putto für den Dom von Siena fertigen konnte, hatte zur damaligen Zeit Signalwirkung. Die Republik Siena zeigte dadurch, dass sie an den Entwicklungen der Renaissance teilhaben wollte, auch wenn das bedeutete, sich die geistigen und künstlerischen Innovationen der Nachbarn anzueignen.

Wer die Figuren aus Italien und aus Benin heute betrachtet, wird sich schnell in ihren ästhetischen Bann schlagen lassen. Dass sie für die Ausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ aus ihren jeweiligen Ausstellungskontexten genommen wurden und nebeneinander stehen dürfen, ist ein Glücksfall für die Besucher. Denn so unterschiedlich sie in der Gestaltung auch sein mögen – als Zweiergespann erzählen sie viel darüber, wie Kunst in der Vergangenheit gesehen wurde.

Weibliche Figur, Königreich Benin, 17. oder 18. Jh., Messing, Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, © SMB, Ethnologisches Museum, Martin Franken
Weibliche Figur, Königreich Benin, 17. oder 18. Jh., Messing, Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, © SMB, Ethnologisches Museum, Martin Franken

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3 Kommentare

  1. Dr. Wolfgang Mey - 27. Dezember 2018, 16:45 UHR

    Moin nach Berlin,
    ich habe mich auf diese Kombination in der Ausstellung gefreut und finde sie vom Ansatz und der Durchführung her gut und gelungen. Nun stehen diese Gegenüberstellungen jeweils unter Titeln (“Helden” usw.). Damit sollen Parallelisierungen in diesen Gegen-Beziehungen von “Unvergleichlichem” dargestellt werden. Wenn es dabei bleiben soll, wenn also diese Gegenüberstellungen nur auf Schaueffekte hinausliefen, wär das ein bissel dünn. Wenn es tiefer liegende inhaltliche Nähen bzw. Schnittmengen gibt (und m.E. sollen die Titel wie “Helden” usw. wohl suggerieren), dann käme man interkulturellen Gemeinsamkeiten und Entsprechungen auf die Spur (übrigens ein Topos, der sich seit Adolf Bastian durch die Geschichte der Anthroplogie/Ethnologie hindurchzieht). Das wäre zu entwickeln. Was sich mir allerdings als Frage aufdrängte und die ich hier gerne an die Ausstellungsmacherinnen und -macher weiterleite, ist folgende Ünerlegung: Diese Titel der Gegenüberstellungen stammen aus dem Sprachschatz des (christlichen) Abendlandes, sie sind entsprechend in eine oder andere Richtung konnotiert, also nie frei von (unseren) Assoziationen. Nun werden diesen von uns kulturell konnotierten Begriffen (ich bleib einfach bei den “Helden” als Metapher) jene aus afrikanischen Kulturen gegenübergestelt. Das suggeriert, das in der entsprechenden afrikanischen Kultur (Volk/Ethnie usw.) analoge Konnotationen erxistieren, dass also “Helden” von hier inhaltlich/affektiv den “Helden” von dort entsprechen. Es könnte ja so sein, nur glaube ich das nicht. In einem sakralen Königtum sind Gegenstände sicher anders sozial, politisch, emotional und mythisch konnotiert als Gegenstände aus entsprechenden Feldern bei uns. Ich behaupte nun einfach, dass, wenn dem so ist, unter dem Begriff “Parallelen” afrkanische Konnotationen (“Held”) unter abendländischen Konnotationen subsumiert werden. Wo also eine Ausstellung antritt, um Vielfalt zu zeigen, produziert sie einen neuen Ethnozentrismus, der schon in der Vermutung der Legitimität der Begriffsübetragung steckt.

    Vorschlag zum (interethnisch/religiösen) Diskurs: Ich würde Kolleginnen und Kollegen aus (z.B.) afrikanischen Ländern einladen, die Verhältnisse von ihrer Seite her zu entwickeln (s. Dilthey, Prinzip der wechelseitigen Erhellung). Das würde dann möglicherweise einem “afrikanischen” Ethnozentrismus in die Hand arbeiten, das wäre zu besichtigen und man könnte drüber lächelnd streiten. Zumindest wären das dann Begegnungen auf Augenhöhe.

    So, ich hab meinen Ball gespielt, vielleicht mag den jemand zurückspielen?
    Ein Gutes Neues Jahr,
    Wolfgang Mey, Hamburg

    1. Redaktion - 27. Dezember 2018, 17:25 UHR

      Lieber Wolfgang Mey,

      haben Sie vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Wir werden unsere KuratorInnen bitten, sich dazu zu äußern, sobald sie aus dem Weihnachts-/Silvesterurlaub zurück sind – bis dahin auch Ihnen einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr.

      Herzliche Grüße aus der Blogredaktion!

    2. Redaktion - 15. Januar 2019, 11:58 UHR

      Sehr geehrter Herr Mey,

      vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir begrüßen eine Multiperspektivität und haben im Begleitprogramm der Ausstellung zwei Podiumsdiskussionen mit Teilnehmern aus Südafrika, Nigeria, USA und Kamerun veranstaltet (5. April und 6. September 2018). Diese wurden als Audiomitschnitt im Internet veröffentlicht:

      http://www.afrikaimbodemuseum.smb.museum/bildung-vermittlung/podiumsdiskussion.html

      Selbstverständlich würden wir uns über weitere Kommentare von Kolleginnen und Kollegen aus Afrika und anderswo sehr freuen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Julien Chapuis und Jonathan Fine

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