“Ick muss heulen” – Der schönste Weihnachtsbaum von ganz Berlin

Acht Meter funkelnde Pracht in allen Regenbogenfarben – so präsentierte sich 1956 der erste Weihnachtsbaum nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Museumsinsel. Der filigrane Schmuck von damals wird heute im Museum Europäischer Kulturen aufbewahrt.

Text von Friederike Schmidt

Weihnachtlicher Ortstermin im Depot des Museums Europäischer Kulturen: In der hintersten Ecke steht ein alter Depotschrank, der so genannte Lauscha-Schrank. Penibel gestapelt, befinden sich darin hunderte hellbraune, leicht vergilbte Kartons in den unterschiedlichsten Größen. Sie beinhalten „Glocken Silber“, „Oliven Groß bunt“ oder „Kugeln Groß Gold mit Engeln“ – insgesamt rund 1300 Objekte thüringischer Christbaumschmuck, hergestellt in den traditionellen Glasbläsereien aus Lauscha Anfang der 1950er Jahre. Sorgfältig öffnen die Museumsmitarbeiterinnen Karton um Karton. Zum Vorschein kommen filigrane Kugeln, Figürchen, Tiere, Früchte und diverse imposante Baumspitzen in den buntesten Farben, aufwendig verziert und geschmückt.

Lauscha-Schrank im Depot des Museum Europäischer Kulturen © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Anna Mosig
Lauscha-Schrank im Depot des Museum Europäischer Kulturen © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Anna Mosig

„Während heutzutage die meiste Glaskunst maschinell hergestellt wird, wurde damals fast jedes einzelne der 1300 Objekte von Hand gefertigt und anschließend bemalt“, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dagmar Neuland-Kitzerow. „Dabei wurde eine Vielzahl von unterschiedlichen Techniken verwendet und unsere Kugeln sind tolle Beispiele für die Glaskunst und die vielen verschiedenen Techniken zwischen 1900 und 1950.“ Die Wissenschaftlerin kennt die angewandten Herstellungstechniken gut: „Zum einen gibt es freigeblasenen Schmuck wie die Kugeln. Dann gibt es aber noch eine andere Technik, bei der das Glas in eine Gipsform gefüllt wurde. Man erkennt sie daran, dass beim Aufbrechen am Rand eine feine Abrisskante zurückblieb.“

Anschließend wurden die Objekte bemalt und verziert. Besonders beliebt: die Verspiegelung von innen. Dazu kamen noch zahlreiche weitere Verzierungen wie aufgeklebter Glasglimmer, die als „Leonische Drähte“ bekannten metallenen Ziergitter oder einfach mit Holzstempeln eingedrückte Muster. Oft wurden auch Federn, Glasfasern oder künstliche Haare hinzugefügt, um beispielsweise einem Engel einen imposanten Rock zu verpassen. „Dass das alles Handarbeit war, kann man daran sehen, dass manchmal die Vertiefung bei einer Kugel eine Idee tiefer oder einen Tick schief aufgesetzt war. Bis ein Stück fertig war, brauchte es viele verschiedene Arbeitsdurchgänge. Besonders typisch für diese Zeit war auch, dass alles sehr bunt war: rot, grün, gelb – alles wild durcheinander“, ergänzt Neuland-Kitzerow.

Eine Christbaumkugel gemschmückt mit "Leonische Drähten" und eingedrücktem Muster © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Maxie Kiwitter
Eine Christbaumkugel gemschmückt mit “Leonische Drähten” und eingedrücktem Muster © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Maxie Kiwitter

Die Objekte sind nicht nur Zeugen der Handwerkskunst von vor 60 Jahren. Ihren Weg ins Museum Europäischer Kulturen fanden sie durch eine erstaunliche Geschichte, denn sie schmückten den ersten Weihnachtsbaum, der 1956 nach dem Krieg auf der Museumsinsel aufgestellt war. Ein Baum, der auf die Initiative von Helene Freifrau Ebner von Eschenbach, einer Mitarbeiterin des „Museum für Volkskunst“ – so hieß das Museum damals –, zurückging.

Aufbau des Weihnachtsmarktes im Berliner Lustgarten, ehemals: Marx-Engels-Platz © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Willy Römer
Blick auf die Liliputaner-Stadt; im Hintergrund der Dom

Anfang der 1950er Jahre waren die Menschen in der geteilten Stadt Berlin hungrig nach Schönem. So berichten die Zeitungen, dass hunderttausende Menschen aus Ost- und Westberlin auf den Weihnachtsmarkt auf dem Marx-Engels-Platz strömten und die BVG regelmäßig Sonderzüge einsetzen musste, um die Menschenmassen zu transportieren. Ein Artikel in einer Ost-Berliner Zeitung machte sich jedoch über den traditionellen, vermeintlich kitschigen Weihnachtsschmuck lustig. Als besonders kleinbürgerlich wurde der Schmuck aus Lauscha abgestempelt. Frau Ebner von Eschenbach wollte das nicht auf sich beruhen lassen. Sie bat den Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Geheimrat Justi, einen Weihnachtsbaum im Pergamonmuseum aufstellen zu dürfen, das damals die Sammlung des „Museum für Volkskunst“ beheimatete. Da rund 80 Prozent der Bestände des Museums im Krieg verlorengegangen waren, verfügte es über keinen eigenen Weihnachtsschmuck mehr. Er musste also bestellt werden – gesagt, getan.

Gläserne Vögel als Christbaumschmuck © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Anna Mosig
Gläserne Vögel als Christbaumschmuck © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Anna Mosig

Helene Ebner von Eschenbach erinnert sich in einer Publikation des Museums von 1992: „Wir bestellten in Lauscha bei der Glasbläserzunft – der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) – eine Lkw-Ladung Christbaumschmuck. Wir erbaten den schönsten Glasschmuck, der zu haben sei, viele Sorten und vor allem viele gläserne Vögel. Die Lauschauer Glasbläser reagierten umgehend. Nach kürzester Zeit standen wir vor vielen Kartons voller gläserner Kostbarkeiten. Soweit, wie ich mich erinnern kann, wurde auch der große Tannenbaum gleich mitgeliefert. Er war in Lauscha leichter zu beschaffen als in Berlin. Im großen Saal des Obergeschosses des linken Flügels des Pergamonmuseums wurde er aufgestellt. Es gab einige technische Schwierigkeiten, diesen großen Baum stabil aufzustellen. Aber dann war er fest aufgerichtet, so wie wir es uns gewünscht hatten. Seine Spitze reichte bis unter das Glasdach. Danach begannen wir sofort, ihm seinen Festschmuck anzulegen. Der (längst heimgegangene) Magazinmeister Friedrich Samotya und ich stiegen 14 Tage lang, den Henkelkorb am Arm, an zwei langen Ausziehleitern unermüdlich auf und nieder. Die Spitze machten wir zum Quartier der Vögel. Es blitzte und funkelte von Silber und Gold und strahlte in allen Regenbogenfarben. Wir hatten ein wenig das Gefühl der Teilnahme am 5. Schöpfungstag. Wir verteilten den Schmuck nicht nur an den äußeren Zweigen des Baumes, sondern schmückten von innen nach außen. Dabei verbrauchten wir viele Meter roten Seidenbandes. Um alles richtig plazieren und hängen zu können, mußten wir oftmals richtig in den Baum ‚hineinkriechen‘, zuletzt steckten wir die Kerzen auf die Zweige. Und da stand er nun vor uns: Unser Baum voller Pracht und Schönheit, wie wir es uns gewünscht hatte. Was dann passierte, kann ich im Rückblick nur als ‚echtes Weihnachtswunder‘ bezeichnen“.

Die gläserne Weihnachtsbaumspite © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Maxie Kiwitter
Die gläserne Weihnachtsbaumspite © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Maxie Kiwitter

Nach und nach sprach sich auf dem Weihnachtsmarkt am Lustgarten herum, welch imposanter Baum im Museum zu sehen war. Innerhalb kürzester Zeit war der Baum Stadtgespräch, wie Frau Ebner von Eschenbach beschreibt, und viele Leute standen andächtig vor ihm. Eine in Tränen aufgelöste Frau gestand: „Ick muss heulen, weil et jar so scheen is“. Kein Wunder – der acht Meter hohe Baum muss eine beeindruckende Erscheinung an Glitzer, bunten Farben, wippenden Vögeln und tausendfach in den verspiegelten Glaskugeln dupliziertem Kerzenschein gewesen sein.

Der historische Weihnachtsschmuck dekorierte 2014 den Weihnachtsbaum im Foyer des Museum Europäischer Kulturen © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia
Der historische Weihnachtsschmuck dekorierte 2014 den Weihnachtsbaum im Foyer des Museum Europäischer Kulturen © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia

Nach dem Weihnachtsfest wurde der Schmuck zunächst im Depot des Museums in Mitte aufbewahrt. In den 1990er Jahren, als die ost-berliner und west-berliner Sammlungen als „Museum für Volkskunde“ wiedervereint wurden, gelangte er schließlich nach Dahlem. Nur ein einziges Mal wurde der Schmuck seither wieder verwendet: 2014 schmückte er den Weihnachtsbaum im nun durch die Europäischen Sammlungen erweiterten und umbenannten „Museum Europäischer Kulturen“. Obwohl der Baum mit rund viereinhalb Metern nur halb so groß war wie der ursprüngliche Baum und auch nur ein Bruchteil des Schmuckes verwendet wurde, kann man den Anblick erahnen, der den Berlinern in einer Zeit des Mangels vor rund 60 Jahren vor Augen gestanden hatte.

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1 Kommentar

  1. Mia - 9. Mai 2018, 8:00 UHR

    Eine Bekannte hat genau deswegen einen Glasbläserkurs besucht. Sie möchte Ihren Weihnachtsbaumschmuck selbst herstellen. Ihr kommt es dabei nicht so sehr auf die Perfektion sondern auf die Individualität an. Es gibt wohl nichts schöneres als eigenen Weihnachtsbaumschmuck aufhängen zu können.

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