Pracht im Maßstab 1:50 – der Angkor Wat auf dem Weg ins Humboldt Forum

Die historische kambodschanische Tempelanlage Angkor Wat ist eine beeindruckende Weltkulturerbestätte, die jedes Jahr tausende Besucher anlockt. Im Humboldt Forum wird ein Modell des Tempels im Maßstab 1:50 zu sehen sein. Martina Stoye, Kuratorin im Museum für Asiatische Kunst, erklärt wie es dazu kam.

Text: Martina Stoye

Ich schaue aus der Vogelperspektive auf ein Wunderwerk aus Menschenhand. Es ist der größte Sakralbau der Welt: Der kambodschanische Angkor Wat. Diese Krone der Khmer-Kunst wurde bereits im 12. Jahrhundert erbaut und ist heute ein Weltkulturerbestätte, das täglich von 5000 bis 10.000 Touristen besucht wird. Beeindruckend lang gestreckte Säulengänge bilden ein riesiges Viereck.

Diese Weite bietet ein in die Landschaft eingeschriebenes Passepartout zu einer majestätischen Tempelanlage in ihrem Herzen: Über dem zentralen Vishnu-Tempel, der zugleich den Khmer-König feierte, recken sich die Tempeltürme in aufsteigenden Ebenen dramatisch empor. Mit diesem Staatstempel setzte sich König Suryavarman II. als Oberhaupt der Khmer zur Glanzzeit des Khmerreichs ein Denkmal als Gottkönig.

Angkor Wat, Foto: Manfred Werner, 2001
Angkor Wat, Foto: Manfred Werner, 2001

Der Nabel der Welt
Die Architektur drückt den Anspruch, Nabel der Welt zu sein, augenfällig aus: Denn der Bau liegt in der Anlage wie im Mittelpunkt eines überdimensionalen Fadenkreuzes. Das heilige Zentrum zu erreichen, bedeutet für einen Fußgänger eine lange, über mehrere Ebenen aufsteigende schnurgerade Wegstrecke, auf der man verschiedene Tore zu passieren hat. Das hat etwas Höfisches. Und das ist gewollt.

Immer kürzer werdende, immer höher liegende Galerien umschließen den Gipfelpunkt, das Allerheiligste. Neun Tempeltürme, vier an den Ecken zweier Galerien, einer über dem zentralen Sanktum, wirken wie immer höher aufragende Gipfel eines gewaltigen Bergmassivs, das es zu erreichen gilt. Der Bau will mit seinem Tempelberg den Weltenberg Meru abbilden, der nach der hinduistischen Mythologie im Zentrum des Kosmos steht. Ein Hindu versteht das sofort.

Selbst als Miniatur riesig
Von meiner Warte aus kann ich die gesamte faszinierende Anlage überschauen. Doch ich bin nicht in Kambodscha, nicht im Landeanflug auf den Flughafen von Siem Reap nahe Angkor. Nein, ich stehe vielmehr in der Studiensammlung des Museums für Asiatische Kunst in Berlin und blicke auf das zauberhafte Holzmodell des Angkor Wat, das selbst als Miniaturreplik im Maßstab 1:50 riesige Ausmaße hat: Die Grundfläche hat ungefähr die Größe zweier zusammen geschobener Tischtennisplatten.

Modell der Tempelanlage Angkor Wat im Maßstab 1:50. Foto: Staatliche Museen zu Berlin
Modell der Tempelanlage Angkor Wat im Maßstab 1:50. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Anna Mosig

Das Modell ist aus rötlichem Tropenholz, wurde von kambodschanischen Kunsthandwerkern geschnitzt und ist gerade einmal so alt wie ein Schulkind. Und doch transportiert es so viel von der ‚Faszination Angkor‘, die ein Besuch am nunmehr über 800 Jahre alten Bauwerk in Kambodscha in so vielen Menschen auslöst. Streng genommen gehört das Modell den Berliner Museen nicht einmal. Es ist immer noch Eigentum der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, die das Modell für eine große Angkor-Schau 2007 eigens anfertigen ließ.

Aus dem Dornröschenschlaf geweckt
Die damalige Kuratorin der Ausstellung und meine Vorgängerin bei den Staatlichen Museen zu Berlin, Wibke Lobo, war auf einer vorbereitenden Südostasienreise auf dem kleinen Flughafen von Sukothai in Thailand gelandet und hatte dort, im wohl hübschesten Flughafen-Gebäude der Welt, ein solches Holzmodell von Angkor Wat gesehen, das sie sofort begeisterte. Umgehend telefonierte sie mit Ihrer Projektleiterin Susanne Annen in Bonn, die dann ein ebensolches Modell bei einer Schnitz-Werkstatt in der kambodschanischen Stadt Siem Reap in Auftrag gab.

Ausstellungsansicht des Modells in Berlin. Foto: Staatliche Museen zu Berlin
Ausstellungsansicht des Modells in Berlin. Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Nach den Ausstellungen in Bonn, Zürich und Berlin wurde das Modell dem Ethnologischen Museum in Berlin als Dauerleihgabe übergeben und ruhte seither zerlegt in Kisten des Magazins. Nun wurde es sanft aus dem zehnjährigen Dornröschenschlaf geweckt und restauriert. Im Humboldt Forum soll es künftig als Teil einer neu entstehenden Südostasien-Abteilung präsentiert werden. Im Zusammenspiel mit den aufwändig restaurierten Gipsabgüssen der Angkor Wat Reliefs aus den Galerien des Gottkönigtempels dürfte es dann das Publikum begeistern. Denn der besonderen Faszination von Angkor kann man sich schwer entziehen, auch im fernen Berlin.

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