Sammlungsarchitekturen: Der Mythologische Saal im Neuen Museum

Der Mythologische Saal im Neuen Museum bietet Einblicke in die facettenreiche Welt der Götter des Alten Ägypten, in den Weltschöpfungsmythos, den Sonnenlauf und den Kult. Christina Hanus, freie Mitarbeiterin am Ägyptischen Museum und Papyrussammlung, kennt die Geschichte seiner Architektur.

„… Ich wunderte mich, dass die vollkommensten Kunstwerke in Gräbern, an Orten, die zum Schweigen und Dunkel verdammt sind, aufbewahrt wurden.“ Baron Dominique Vivant Denon, französischer Maler, Schriftsteller und erster Direktor des Musée Napoléon, dem heutigen Louvre in Paris (1747–1825).

Dem generell vorherrschenden Empfinden der Europäer des 18. und 19. Jahrhunderts, die Schönheit der Dekoration ägyptischer Gräber auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, entsprach Ignaz Maria Olfers (1793-1871), Generaldirektor der Berliner Museen im Jahr 1845, indem er Carl Richard Lepsius (1810–1884) beauftragte, ein Konzept für die Ausgestaltung des Neuen Museums zu entwerfen. Lepsius hatte sich zu dieser Zeit bereits durch sein wissenschaftliches Engagement und seine Expedition nach Ägypten und Äthiopien von 1842 bis 1845 einen Namen gemacht. Zugunsten von Lepsius‘ Gestaltungsentwürfen für Decken und Wände wurden die Vorschläge des ersten Direktors des Ägyptischen Museums, Giuseppe Passalacqua (im Amt von 1828–1865) verworfen. Lepsius‘ museale Konzeption transportierte die altägyptische Bildervielfalt und Farbenpracht aus dem abgeschiedenen Dämmern der Gräber in die lichten Räume des Neuen Museums.

Neues Museum, Blick in den Mythologischen Saal  © Staatliche Museen zu Berlin / A. Kleuker
Neues Museum, Blick in den Mythologischen Saal
© Staatliche Museen zu Berlin / A. Kleuker

Dekorationselemente aus altägyptischen Stätten
Gemäß wissenschaftlichen Gesichtspunkten sollten die Artefakte künstlerisch niveauvoll präsentiert werden und die Anordnung und Ausschmückung der Säle einen räumlichen, zeitlichen sowie kunst- und kulturgeschichtlichen Hintergrund vermitteln. Die einzelnen Dekorationselemente aus altägyptischen Tempeln und Gräbern wurden in allen Details übernommen und aus ihnen ein neues, frei kombiniertes Szenenprogramm geschaffen.

Die anspruchsvolle Umsetzung, bei der Architektur und Dekoration der Räume mit den dort ausgestellten Objekten vollkommen harmonieren, lässt sich insbesondere am Bespiel des Mythologischen Saals im Neuen Museum demonstrieren. Hier standen zu Lepsius‘ Zeiten die Mythologie Ägyptens und die mit ihr verbundenen astronomischen Vorstellungen im Mittelpunkt. Der Saal ermöglicht Einblicke in die facettenreiche Welt der Götter, in den Weltschöpfungsmythos, den Sonnenlauf und den altägyptischen Kult.

Entwurfszeichnung der Szenenfolge für die Westseite des Mythologischen Saals nach C. R. Lepsius Aus: Lepsius, C. R., Koenigliche Museen, Abtheilung der aegyptischen Alterthümer. Die Wandgemaelde der verschiedenen Raeume, Berlin 1870.
Entwurfszeichnung der Szenenfolge für die Westseite des Mythologischen Saals nach C. R. Lepsius
Aus: Lepsius, C. R., Koenigliche Museen, Abtheilung der aegyptischen Alterthümer. Die Wandgemaelde der verschiedenen Raeume, Berlin 1870.

Der Saal wird durch acht Wandpfeiler gegliedert, die ursprünglich mit Darstellungen der Götter der ersten göttlichen Dynastie geschmückt waren. Die Götter Month, Atum, Schu und Geb, die dem Diesseits zugerechnet wurden, zierten die Pfeiler auf der Ostseite. Die Götter Osiris, Seth, Horus und Thot, die dem Jenseits zugeordnet wurden, fanden sich dagegen auf der Westseite.

Ein künstlicher Nachthimmel
Noch heute schreitet der Besucher durch die beiden Portale des Saals, mit ihrer farbigen Einfassung inklusive Rundstab und bekrönender, konkaver Hohlkehle im Torbogen, sowie einer mittig platzierten Sonnenscheibe mit zwei Uräusschlangen – Schutzsymbolen einer sich aufbäumenden Kobra, die an der Stirn königlicher Skulpturen oder eben an Bauelementen zu finden sind. Verloren sind die ursprünglichen Bildfelder rechts und links der Türen, die die lokalen Kulte und Hauptgötter der vier ägyptischen Königsresidenzen (This, Memphis, Theben, Achet-Aton) aus den verschiedenen Epochen zum Thema hatten. Ebenfalls unwiederbringlich zerstört sind die Szenen der östlichen und westlichen Längsseiten der Wände, mit dem zentralen Motiv des opfernden Pharaos vor unterschiedlichen Göttern.

Fries eines der beiden Durchgangsportale des Mythologischen Saals mit einem Ausschnitt der Deckentapete © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / C. Hanus
Fries eines der beiden Durchgangsportale des Mythologischen Saals mit einem Ausschnitt der Deckentapete
© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / C. Hanus

Beeindruckend ist dagegen noch heute die Gliederung der Deckentapete in fünf Bildfelder. Die verwendeten Farben Blau und Ocker symbolisieren den Nachthimmel mit seinen Sternbildern. Ähnliche Dekorationen mit astronomischen Details finden sich in der Ausgestaltung der Decken in den Königsgräbern des Neuen Reichs. Die beiden äußeren Deckenfelder bei den Eingangsportalen bilden eine Einheit, da sie den altägyptischen Kalender mit seinen 24 Monaten zu je 15 Tagen darstellen. Ergänzend dazu werden die zwölf Nachtstunden und die altägyptischen Sternbilder wiedergegeben.

Antike Sternenwelt
In harmonischer Übereinstimmung mit den umliegenden Szenen, befindet sich im Zentrum der Deckentapete der eindrucksvolle Zodiak, der dem originalen Tierkreis an der Hallendecke des Hathor-Tempels in Dendera, nördlich von Luxor nachempfunden ist. Die Decke der Vorhalle trug eine detaillierte Himmelskarte mit Tierkreiszeichen und Darstellungen der Himmelsgöttin Nut, wie sie abends die Sonne verschluckt, um sie allmorgendlich wieder zur Welt zu bringen. Jener Zodiak aus griechisch-Römischer Zeit im Mythologischen Saal präsentiert den babylonischen Tierkreis und nimmt neben den ägyptischen Sternbildern auch griechische Sternzeichen auf. Umgeben wird er von schwarzen Zackenlinien, die für die Fluten des Urgewässers Nun stehen, welches im ägyptischen Glauben die Welt und das Himmelsgewölbe umfließt. Auch die Architrave, Horizontalbalken die die Säulen miteinander verbinden und das Dach stützen, fügen sich im Mythologischen Saal in die Motivik der Decke und zeigen die Zählung der Monate und Tage sowie weitere astronomische Themen. Der untere Wandbereich hingegen imitierte mit seinen Malereien eine gemaserte Holzvertäfelung.

Neues Museum, Mythologischer Saal, Zodiak der Deckentapete © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / S. Steiß
Neues Museum, Mythologischer Saal, Zodiak der Deckentapete
© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / S. Steiß

Die Beschädigungen der Decke und der obersten Zonen der Wanddekorationen gehen nicht primär auf Kriegsschäden zurück. Im Zuge einer Modernisierung der Räume im Neuen Museum in den 1930er Jahren wurde eine Zwischendecke eingezogen und die historischen Dekorationen abgewaschen oder überdeckt. Teile des ursprünglichen Gestaltungskonzepts konnten dank der Restaurierungsarbeiten im Vorfeld der Wiedereröffnung des Neuen Museums 2009 bewahrt werden. Passend zu den Hauptthemen der Dekoration im Mythologischen Saal – der ägyptischen Götterwelt, dem Totenkult und den damit verbundenen astrologischen Vorstellungen – waren hier früher Mumien, Sarkophage und Grabbeigaben ausgestellt.

Spiegel der historischen Grabungskampagnen
Heute dient der Saal, der auf dem nördlichen Rundgang durch das Neue Museum der erste Raum der ägyptischen Sammlung ist, dem generellen Thema eines Prologs. Die frühen Anfänge der ägyptischen Sammlung Berlin stehen hier im Vordergrund, demonstriert durch erste Aegyptiaca, also sowohl originale Objekte der pharaonischen Epochen als auch ägyptisierende Kunstwerke späterer Zeit aus Ägypten, aus der Sammlung Giovanni Pietro Bellori, die bereits 1698 in die kurfürstliche Kunstkammer übernommen wurden. Zusammen mit Altertümern aus den Sammlungsankäufen von Giuseppe Passalacqua (1827) und Johann Heinrich Carl Freiherr Menu von Minutoli (1823) bilden sie den Grundstock des heutigen Ägyptischen Museums und Papyrussammlung Berlin.

Anfänge der Forschungsgeschichte: Blick in den Mythologischen Saal des Neuen Museums. Im Vordergrund Vitrinen mit frühen wissenschaftlichen Publikationen der vergangenen Jahrhunderte.  © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / C. Hanus
Anfänge der Forschungsgeschichte: Blick in den Mythologischen Saal des Neuen Museums. Im Vordergrund Vitrinen mit frühen wissenschaftlichen Publikationen der vergangenen Jahrhunderte.
© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / C. Hanus

Auch die großen Grabungskampagnen vergangener Jahre, aus denen unzählige Objekte durch Fundteilung in die Berliner Sammlung einflossen, sind Themenbereiche im Mythologischen Saal. Dazu zählen Ausgrabungen an den Pyramidenkomplexen der 5. Dynastie in Abusir (1902–1908) durch die Deutsche Orientgesellschaft, die unter Leitung von Ludwig Borchardt und mit großzügiger Unterstützung des Berliner Altertumsfreundes James Simon stattfanden. Im selben Atemzug zu nennen ist auch die Grabungskampagne unter Leitung des Ägyptologen und Architekten Ludwig Borchardt (1863–1938) in Tell el-Amarna (1911–1914), die durch zwei Vitrinen mit kleinen Funden im Mythologischen Saal vertreten ist. Die Objekte aus der Residenz Echnatons, die durch Fundteilung zunächst in James Simons Besitz übergingen, machte der Mäzen 1920 den Berliner Museen zum Geschenk. Weitere Objekte gelangten in die Berliner Sammlung als der Ägyptologe Georg Möller (1876–1921) im Auftrag des Berliner Museums die Leitung der Grabungskampagne auf der West-Seite von Theben in Scheich Abd el-Gurna und Deir el-Medine (1911 und 1913) übernahm.

Einblicke in aktuelle Forschungen
Im Mythologischen Saal zeugen jedoch auch historische Publikationen von der Geschichte der Ägyptologie und den frühesten wissenschaftlichen Arbeiten, der Erforschung des Landes, seiner Kultur und Hieroglyphenschrift. Es finden sich unter anderem das Werk „Oedipus Aegyptiacus“ von Athanasius Kircher aus den frühen 1650er Jahren, Jean-François Champollions „L’Égypte sous les pharaons“ von 1814 und Heinrich Brugsch’ “Verzeichnis der Hieroglyphen mit Lautwerth in der gewöhnlichen und in der geheimen Schrift“ von 1872.

Die Forschungsgeschichte geht weiter: Eine Vitrine veranschaulicht anhand von unterschiedlichen Schriftträgern aus der Papyrussammlung wie viel es noch zu erschließen, erforschen und dokumentieren gibt. Das bei uns beheimatete European Research Council -Projekt „Lokalisierung von 4000 Jahren Kulturgeschichte. Texte und Schriften der Insel Elephantine in Ägypten“ widmet sich derzeit dieser Herausforderung.  © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / C. Hanus
Die Forschungsgeschichte geht weiter: Eine Vitrine veranschaulicht anhand von unterschiedlichen Schriftträgern aus der Papyrussammlung wie viel es noch zu erschließen, erforschen und dokumentieren gibt. Das bei uns beheimatete European Research Council -Projekt „Lokalisierung von 4000 Jahren Kulturgeschichte. Texte und Schriften der Insel Elephantine in Ägypten“ widmet sich derzeit dieser Herausforderung.
© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / C. Hanus

Einblicke in aktuelle Forschungen am Ägyptischen Museum und Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin runden das Ausstellungskonzept im Mythologischen Saal ab. So begegnen sich Anfänge und Zukunft der ägyptischen Sammlung in eben diesem Saal, dem es gelingt, das Bewusstsein für das Vermächtnis der Vergangenheit und die Verantwortung für die Zukunft zu verknüpfen. Dies kommt auch in den Grußworten des originalen Gästebuches von Carl Richard Lepsius (1844 und Folgejahre) zum Ausdruck, das in einer Ehrenvitrine des Saals ausgestellt ist:

„Gruss allen denen, welche nach uns kommen werden und mit gleicher Ehrfurcht die ewig denkwürdigen Staetten betreten, wo sich der erste geschichtliche Ring der Völkerentwicklungskette schlang und schloss und Ehre allen denen, welche vor uns dieses Land der Wunder durchforschten, um es aus seinem anderthalbtausendjährigen Schlummer zu erwecken und für die Wissenschaft der Gegenwart zu erobern!“

Gästebuch von C. R. Lepsius, 1844–1973. Das Titelbild zeigt die beiden Memnonskolosse, umrahmt von einer Inschrift in korrektem Mittelägyptisch, in der Lepsius den  preußischen König und den ägyptischen Khediven in pharaonischem Stil lobpreist.  (Inv.Nr. ÄM 36103) © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung
Gästebuch von C. R. Lepsius, 1844–1973. Das Titelbild zeigt die beiden Memnonskolosse, umrahmt von einer Inschrift in korrektem Mittelägyptisch, in der Lepsius den preußischen König und den ägyptischen Khediven in pharaonischem Stil lobpreist. (Inv.Nr. ÄM 36103)
© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung

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