„Wir sind Görlitz!“ – Fotoausstellung in der Kunstbibliothek

Noch bis zum 5. August zeigt die Kunstbibliothek in der Ausstellung „Görlitz – Auferstehung eines Denkmals“, wie die Neißestadt mit großem Engagement dem Verfall entkam und zum Flächendenkmal erblühte. Dass so ein Prozess nicht ohne Emotionen bleibt, zeigt ein Blick ins Gästebuch der Ausstellung.

Görlitz, östlichste Stadt Deutschlands mit ca. 55.000 Einwohnern, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Vom mittelalterlichen Handelszentrum wurde es, nachdem es vom Dreißigjährigen Krieg bis Napoleon immer wieder belagert und geplündert wurde und den Besitzer wechselte, schließlich Teil des Preußischen Staates und erlebte eine zweite Blüte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Stadt mit ihrer reichhaltigen historischen Bausubstanz vergleichsweise gut – zerstörerischer war die Vernachlässigung während des DDR-Sozialismus. Mangel und Planwirtschaft gaben jahrzehntelang viele der älteren und historistischen Gebäude dem Verfall preis. Nach 1990 standen die Görlitzer sprichwörtlich vor Ruinen – und entschieden sich, die historische Architektur ihrer schönen Stadt zu retten.

Peterstraße 7 nach erneuter Rekonstruktion 2015 © Jörg Schöner
Peterstraße 7 nach erneuter Rekonstruktion 2015 © Jörg Schöner

Wie die Görlitzer ihre Stadt retteten
Mit großem Engagement und Begeisterung, aber auch mit Respekt vor dem hohen Wert der Denkmalsubstanz, widmeten sich viele Menschen in Eigeninitiative der Erneuerung der Neißestadt. Enorme Sanierungsleistungen öffentlicher und privater Akteure tragen maßgeblichen Anteil an dem Aufblühen von Görlitz während der 27 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung. Dazu zählt auch die sogenannte „Altstadtmillion“: So bezeichnete man die fast elf Millionen Euro, die ein unbekannter Gönner über 22 Jahre der Neißestadt für den Erhalt ihrer Kulturdenkmale schenkte. Nur durch dieses beispiellose Engagement konnte Görlitz als flächengrößtes zusammenhängendes Denkmalgebiet Deutschlands gerettet werden

Peterstraße 7 während Rekonstruktionsarbeiten, 1983 © Jörg Schöner
Peterstraße 7 während Rekonstruktionsarbeiten, 1983 © Jörg Schöner

Der Wendechronist mit der Kamera
Der Fotograf Jörg Schöner dokumentiert seit vier Jahrzehnten den enormen architektonischen Reichtum von Görlitz und wurde dabei zum Chronisten des Wandels in der Stadt. Historisches und Gegenwärtiges, Verfallenes und Wiederhergestelltes hielt er mit der Kamera fest und zeigt so nicht nur die herausragende Bausubstanz sondern auch Spuren des Alltags in der Stadt. Es entstand eine Dokumentation des scheinbar unaufhaltsamen Verfalls, an dessen Stelle nach 1990 die historisch beispiellose „Auferstehung eines Denkmals“ trat. Schöners Bilder sind noch bis zum 5. August in der gleichnamigen Ausstellung in der Kunstbibliothek am Kulturforum zu sehen.

Beeindruckt, schockiert, dankbar
Wie beeindruckend Schöners großformatige Bilder Fall und Aufstieg der Stadt Görlitz erzählen und wie bewegend diese Geschichte für viele immer noch ist, spiegelt sich auch im Gästebuch der Ausstellung wider:

Einträge aus dem Gästebuch der Ausstellung
Einträge aus dem Gästebuch der Ausstellung

„Großformatige Bilder beeindrucken. Man fühlt sich fast mittendrin. Kenne Görlitz aus meiner Kindheit – kaum wiedererkannt.“ schreibt ein Besucher. „Schockierend der Kontrast zwischen den 1980er Jahren und heute – eine Schande, wie die DDR das Kulturerbe verrotten ließ“, empört sich ein anderer. Ein weiterer Besucher meint: „Der Mauerfall war 1989 ein Glücksfall für alle alten, historischen Stadtkerne im Osten Deutschlands.“ Viele Besucher, einige aus Görlitz, waren voll des Danks: „Dem anonymen Spender sei noch heute gedankt“, schreibt jemand, und andernorts: „ Danke, dass jemand das in Fotos dokumentiert hat!“

Ein Ex-Görlitzer, der mittlerweile in Berlin lebt, äußert mit Blick auf die Zukunft: „Alle Achtung vor den Herausforderungen, die die Stadt Görlitz da vor sich hatte u. hat. Es sind noch einige Häuser zu restaurieren, die von den Millionen leider nichts abbekommen haben.“ Jemand anders mahnt, trotz der notwendigen Häusersanierung nicht den demografischen Wandel zu vergessen: „Auch wenn ich als gebürtiger Görlitzer den Verfall meiner Heimatstadt kannte, ist es doch schockierend, das wieder zu sehen. Große Hochachtung vor denen, die es wieder aufgebaut haben. Aber Görlitz hat nur eine Zukunft, wenn wieder junge Leute nachziehen und die Stadt am Leben erhalten. Das ist jetzt die größte Herausforderung für die kommenden Jahre.“

Eine weitere Seite aus dem Gästebuch der Ausstellung
Eine weitere Seite aus dem Gästebuch der Ausstellung

Aber nicht nur ehemalige und derzeitige Görlitzer sind beeindruckt:  „Wir finden, dass unser Soli hier gut angekommen ist. Macht mal weiter!“ schreiben Besucher, vermutlich aus Westdeutschland.

„Wundervoll“, „toll“, „beeindruckend“, „Faszinierend“, „so schön“ sind wiederkehrende Adjektive im  Gästebuch der Görlitz-Ausstellung. Bessere Einblicke in die Stadt und ihre einmalige Architektur erhält man wohl nur direkt vor Ort – so sieht es auch eine Besucherin und kommentiert: „Görlitz hat noch mehr schöne Aussichten – es ist eine Reise wert!“

Die Ausstellung “Görlitz – Auferstehung eines Denkmals” läuft nur noch bis 5.8.2018 in der Kunstbibliothek am Kulturforum. Die Ausstellung kann kostenfrei besucht werden.

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