Wo ist Bellings Schild? Eine Schatzsuche zur Klassischen Moderne

Kunsthistorische Forschung gleicht manchmal kriminalistischer Recherche, der Wissenschaftler wird zum Detektiv. Nationalgalerie-Kurator Dieter Scholz berichtet von einer Wiederentdeckung.

Text: Dieter Scholz

Ein wichtiges Werk fehlte für die Ausstellung „Rudolf Belling – Skulpturen und Architekturen“ im Hamburger Bahnhof. Im Jahr 1928/29 hatte der Berliner Bildhauer einen großen silbernen Rundschild für die Konsumgenossenschaft De Volharding in Den Haag angefertigt. Aus dem Zentrum des Schildes ragen die stilisierten Köpfe eines Mannes und einer Frau hervor, darunter finden sich drei ineinander geschlungene Ringe. Sie symbolisieren das gemeinschaftliche Ethos der damals sehr starken Arbeiterbewegung. Ein in der oberen Hälfte umlaufendes Schriftband zeigt einen Spruch der holländischen Dichterin Henriette Roland-Holst, der dafür programmatisch ist: „Oh Mann, Oh Frau, sag nicht mehr >Ich<, sag >WirIch< schnürt die Kette fester, >Wir< macht frei.“

Rudolf Belling: Silberner Rundschild, 1928/29. Foto: Staatliche Museen zu Berlin
Rudolf Belling: Silberner Rundschild, 1928/29. Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Vor seiner Auslieferung war der Schild im Sommer 1929 im Berliner Kronprinzenpalais ausgestellt gewesen. Nun galt er in der neuesten Literatur als verschollen. Konnte das sein? Die Spurensuche begann. Als Ausgangspunkt lagen zwei historische Fotos vor: Die Außenansicht des imposanten Sitzes, den der Architekt Jan Buijs 1928 für die Kooperative mitten im Haager Zentrum errichtet hatte, und eine Innenansicht, welche Bellings Werk an einer Wand im Empfangsraum zeigt.

Volharding 1930

Eine Recherche im Internet ergab, dass De Volharding noch existiert, allerdings an einem anderen Ort, und dass in Buijs‘ Gebäude heute die Arbeitsvermittlung Randstad residiert. Doch weder der ursprüngliche Eigentümer noch der heutige Nutzer kannten den Schild Bellings oder wussten etwas über seinen Verbleib. Auch alle Anfragen beim Stadtarchiv, beim lokalen Museum und bei der Denkmalpflege blieben ergebnislos.

De Volharding bedeutet auf Deutsch „Durchhalten“, „Ausdauer“, „Beharrlichkeit“ – eine Eigenschaft, die für jede Forschung nötig ist. Da Belling zwei weitere Auftragsarbeiten für die niederländische Sozialdemokratie ausgeführt hatte, lag es nahe, eine Recherchereise durchzuführen, um sich die erhaltenen Stücke im Original anzuschauen und nach dem verschollenen zu fahnden. Vielleicht am besten erst einmal im Gebäude selbst?

Vor der Fahrt nach Den Haag ging es nach Amsterdam. Da das Volharding-Gebäude als Kulturdenkmal eingetragen ist, sollte auch die künstlerische Ausstattung der Architektur in irgendeiner Weise dokumentiert sein. Das persönliche Erscheinen in der Denkmalbehörde führte dazu, dass sich eine Mitarbeiterin beim Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed in die Akten vertiefte und dort eine Quelle fand, die besagte, dass Bellings Schild schon vor geraumer Zeit verlagert worden war. Der aktuelle Aufbewahrungsort: das Nationaal Coöperatie Museum in Schiedam, nahe Rotterdam.

Foto: Staatliche Museen zu Berlin
Foto: Staatliche Museen zu Berlin

An der angegebenen Adresse, einer idyllischen Gracht, befand sich ein Eckladen mit dem Wort CO-OP auf den Schaufensterscheiben. Dass es sich um ein Museum handelte, war nicht sofort ersichtlich. Auf den Süßwarenladen folgten ein Wohn- und ein Arbeitsraum, und am Ende der Zimmerflucht schimmerte tatsächlich Bellings silberner Schild.

Foto: Staatliche Museen zu Berlin
Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Hatte Bellings Werk im historischen De Volharding-Gebäude in Den Haag eine ganze Wand für sich allein gehabt, so war es im Museum in Schiedam eingezwängt zwischen Schreibtisch, Rechenmaschinen, Kontorbüchern und anderen Zeugnissen der niederländischen Genossenschaftsbewegung. Durch seine Größe und Wucht schien der Schild den Raum fast zu sprengen.

Die Suche hatte sich gelohnt, der Schatz war gefunden. Im Lauf der nächsten Monate wurde ein Leihvertrag aufgesetzt und rechtzeitig zur Eröffnung der Belling-Ausstellung kam der Schild nach Berlin. Dort nimmt er nun einen Ehrenplatz ein und beeindruckt das Publikum mit seiner Präsenz.

Foto: Staatliche Museen zu Berlin
Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Ein Vergleich der Fotos ist interessant: Dasselbe Werk erscheint zunächst als Schmuckelement und Bedeutungsträger in einem funktionalen Kontext, es wird dann zu einem Zeugnis historischer Zusammenhänge, und schließlich in Berlin als ein vor allem künstlerisches Werk gewürdigt. Mit den Ortswechseln gehen die Verortungswechsel einher. Dies alles ist aber kein Widerspruch, der Schild ist alles zugleich. Und vor allem: Er ist da.

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