Bitte berühren! Tastführungen im Ägyptischen Museum

Manuela Gander, freie Mitarbeiterin der Staatlichen Museen zu Berlin, begleitet häufig Besuchergruppen durch das Ägyptische Museum und Papyrussammlung. Eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen liegt ihr dabei besonders am Herzen: Blinde und Besucher mit einem eingeschränkten Sehvermögen.

„Bitte die Objekte nicht berühren!“ – wie oft hört man diesen Satz im Museum. Aber bei der heutigen Führung mit dem Thema „Schrift und Schreiber“ ist Anfassen sogar ausdrücklich erwünscht. Vorsichtig ertasten die Hände von Wolfgang Schöller die Konturen der vor ihm befindlichen Skulptur. Sie ist mit etwa 60 cm Höhe nicht sehr groß. Schnell stellt sich heraus, dass es sich um einen Mann handelt, der seine Beine im Schneidersitz verschränkt hat. Manuela Gander erklärt, dass es sich hierbei um einen Schreiber handelt, auf dessen Oberschenkeln ausgebreitet eine lange Papyrusrolle liegt, die mit Hieroglyphen beschrieben ist.

Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin

Weitere Schreiberutensilien hängen zusammengebunden über seiner linken Schulter: Farbpalette, Farbbeutel sowie ein Behälter für die Binsenstängel, die als Schreibgerät dienten. Genau dort hält Wolfgang Schöller kurz inne und stutzt, denn dieser Schulterbereich fühlt sich wärmer an als der Rest der Statue. Tatsächlich ist die linke Schulter der Statue abgebrochen und wurde originalgetreu in Gips ergänzt. Gips hat eine deutlich geringere Wärmeleitfähigkeit als der schwarze Granodiorit, aus dem die Statue besteht. Was für Sehende erst nach genauem Hinschauen zu erkennen ist, hat Wolfgang Schöller durch den Temperaturunterschied ertastet und ist schlichtweg begeistert. Denn er ist blind, wie auch die anderen Teilnehmer dieser Führung, die nun einer nach dem anderen den Schreiber namens Sobekhotep kennenlernen.

„ … immer an der Wand ‘lang“
Viermal im Jahr finden diese öffentlichen Tastführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung statt. Während der Führung können viele originale Skulpturen und Sarkophage unterschiedlicher Epochen betastet werden, ergänzt durch Repliken und Gipsabgüsse, deren Originale im Museum ausgestellt sind. Ein besonderes Highlight ist die betastbare Büste der Königin Nofretete, die neben ihrem weltberühmten Original im Nordkuppelsaal des Neuen Museums ausgestellt ist.

Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin

Anhand wechselnder Themen wird ein umfassender Einblick in das Leben der alten Ägypter gegeben. Die Themen reichen von Jenseitsvorstellungen oder dem System der Hieroglyphenschrift über berühmte Pharaonen und bedeutende Persönlichkeiten bis zur Kunst. Und bei einem Rundgang durch das Neue Museum unter dem Thema „Architektur und Restaurierungsmaßnahmen“ heißt es dann sprichwörtlich „ … immer an der Wand ‘lang“.

Auf jeden Besucher speziell eingestellt
Ein Museumsrundgang mit sehbehinderten und blinden Besuchern stellt andere inhaltliche und methodische Anforderungen als eine „normale“ Führung. Was für Sehende völlig selbstverständlich ist, muss für Blinde nachvollziehbar erläutert werden. Präzise Erklärungen der Maße, Proportionen und Farben der Objekte sowie auch der räumlichen Umgebung spielen dabei eine entscheidende Rolle. Hierbei kann dem Besucher im Ägyptischen Museum eine große Materialvielfalt präsentiert werden, wie zum Beispiel verschiedene Granitarten, Basalt, Kalzit-Alabaster, Grauwacke, Holz und Papyrus.

Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin

Die Führung dauert deutlich länger, da sich Manuela Gander auf jeden Besucher speziell einstellt und jeden einzeln, Schritt für Schritt über das Objekt führt. Nach dem Betasten wird das Objekt in seinen historischen Kontext eingebettet, auf Besonderheiten hingewiesen, handwerkliche Techniken erläutert und natürlich auf viele Fragen geantwortet. Auch werden die Inschriften auf dem Objekt übersetzt und passende zeitgenössische Texte vorgetragen.

Im Museum die Zeit vergessen
Doch welche Objekte dürfen betastet werden? Die Entscheidung fällt die Museumsdirektorin Friederike Seyfried in Abstimmung mit den zuständigen Restauratoren. Zentrale Kriterien bei der Auswahl sind das Material und der Erhaltungszustand. Objekte mit einer originalen Bemalung dürfen nicht betastet werden. Auch werden die Teilnehmer vor der Führung gebeten, Ringe, Armbänder, Uhren und lange Ketten abzulegen, um den Objekten nicht versehentlich zu schaden.

Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin

Ziel der Tastführungen ist es, für die seheingeschränkten und blinden Besucher ein eindrucksvolles und unterhaltsames Museumserlebnis zu kreieren. Über die barrierefreie haptische Wahrnehmung der Objekte erhalten sie einen unmittelbaren Zugang zu einer faszinierenden, längst vergangenen Kultur. Oder wie Herr Schöller nach einer Führung kürzlich sagte: „Wie schon in den vorangegangenen Führungen gab es auch diesmal ausführlich Gelegenheit, Originale zu betasten und dazu fachliche Erläuterungen zu erhalten, die einen die Zeit vergessen ließen.“

Die nächsten öffentlichen Tastführungen im Ägyptischen Museum Berlin finden am 13. August und 26. November 2016 von 16 bis 18 Uhr statt. Weitere Informationen gibt es hier.

Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin
Blindenführungen im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung. © Staatliche Museen zu Berlin

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