Bizarr, schräg und unangepasst: Belgischer Symbolismus in der Alten Nationalgalerie

Die Ausstellung „Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus“ musste aufgrund der Coronakrise verschoben werden. Nun ist die fulminante Schau in der Alten Nationalgalerie zu sehen und offenbart spannende Brückenschläge in die Gegenwart.

Text: Karolin Korthase

Ein entfesselter Kapitalismus, rasante technische Innovationen und die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich: Was wie eine Gegenwartsbeschreibung klingt, war im Belgien des 19. Jahrhunderts Realität. In Mons schufteten die Arbeiter zu teils menschenunwürdigen Bedingungen in Kohlezechen und an Hochöfen, in Gent surrten die Spindeln der Spinnmaschinen, in Charleroi wurde dank eines innovativen Verfahrens aus chemischem Soda Seife und Glas. Für den Transport der belgischen Güter sorgte eines der besten Eisenbahn-Schienennetze Europas. Immer schneller, weiter und höher hinaus – und dann? Wie weit lässt sich die Ausbeutung treiben, bis alles zusammenbricht?

Albert Bertrand (nach Félicien Rops), Pornokrates, 1896, Kolorierter Stich nach Aquarellvorlage, 69,5 × 45,6 cm, Sammlung Musée Félicien Rops, Province de Namur © Musée Félicien Rops, Province de Namur
Albert Bertrand (nach Félicien Rops), Pornokrates, 1896, Kolorierter Stich nach
Aquarellvorlage, 69,5 × 45,6 cm, Sammlung Musée Félicien Rops, Province de Namur © Musée
Félicien Rops, Province de Namur

Die belgische Kunst fand im ausgehenden 19. Jahrhundert für diesen buchstäblichen Tanz auf dem Vulkan eine ungewöhnliche Antwort. Sie wendete sich von der materialistischen Realität ab und schuf eine bizarre und faszinierende Parallelwelt. Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie und Kurator der Ausstellung „Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus“ schreibt im Ausstellungskatalog: „Der lustvolle Blick in den Abgrund einer übersättigten Gesellschaft, die sich zugleich in der Krise wähnte, der morbide Reiz zwischen Thanatos (Tod) und Eros (Liebe): Das sind Themenfelder in der Kunst, die Ende des 19. Jahrhunderts insbesondere im Symbolismus ihren Ausdruck fanden.“

Für die Ausstellung, die ursprünglich schon im Mai eröffnen sollte und aufgrund der Coronakrise verschoben werden musste, wurden Exponate von rund 50 privaten und institutionellen Sammlern und Museen angefragt. Die Nationalgalerie selbst besitzt aufgrund der Sammlungsgeschichte unter Hugo von Tschudi (Direktor von 1896 bis 1908) nur wenige eigene Werke des belgischen Symbolismus, die Leihgaben zusammenzubekommen sei eine logistische Mammutaufgabe gewesen, erzählt Ralph Gleis. Zumal sie gleich doppelt bewältigt werden musste: „Nach dem Lockdown mussten wir mit jedem einzelnen Leihgeber erneut ausloten, wie lange wir die Exponate ausleihen können. Das war ein Eiertanz.“

Enigmatisch und sehr geheimnisvoll

Die Mühen haben sich gelohnt. Dank der hochkarätigen Werksliste, die insgesamt 180 Gemälde, Skulpturen, Drucke und Zeichnungen umfasst, wird der belgische Symbolismus in seinem ganzen Facettenreichtum dargestellt und eines der Highlights der Ausstellung ist Fernand Khnopffs Gemälde „Die Zärtlichkeit der Sphinx“ aus dem Brüsseler Fin-de-Siècle-Museum. Eine Sphinx mit Leopardenkörper schmiegt sich innig an einen rätselhaften Jüngling mit markanten Brustwarzen und einem geflügelten Stab in der Hand. Was ist hier typisch weiblich und was männlich? Hat der Künstler sich als ödipalen Jüngling selbst verewigt und offenbart hier eine abgründige Beziehung zu seiner Schwester Marguerite, die ihm für fast alle Bilder Modell stand? Und was hat es mit der antik anmutenden Hintergrundlandschaft auf sich? Schon zu seinen Lebzeiten wurde Khnopff gefeiert, wie Ralph Gleis berichtet: „Er war ein Star seiner Zeit und gab sich bewusst enigmatisch und sehr geheimnisvoll.“

Fernand Khnopff, Die Zärtlichkeit der Sphinx [Des Caresses], 1896, Öl auf Leinwand, 50 × 150 cm, © Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel
Fernand Khnopff, Die Zärtlichkeit der Sphinx [Des Caresses], 1896, Öl auf Leinwand, 50 ×
150 cm, © Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel

Passend zu diesem Image war Hypnos, der griechische Gott des Schlafes, sein Lieblingsmotiv. Der geflügelte Kopf thronte auf einem prominenten Platz in seiner tempelartigen Villa in Brüssel und zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeiten. Der Schriftsteller und Journalist Ludwig Hevesi deutete Khnopffs Faible für den griechischen Gott 1906 wie folgt: „Er ist ein moderner Romantiker der eigenen Art. So sehen sie im Zeitalter der Hypnosen aus.“ Hevesi spielt vermutlich auf die bahnbrechende Arbeit des Psychoanalytikers Sigmund Freud an. Die Erkundung des Unbewussten, die Welt der Träume, Urängste, erotische Fantasien, generell also die Abgründe der menschlichen Seele – Freud und die Symbolisten trieben die gleichen Themen um. „Nur wollte der Symbolismus keine Geheimnisse aufdecken oder wissenschaftlich erläutern, sondern sie bewahren“, erklärt Gleis.

Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Die Bilder der Symbolisten irritieren, verstören und berühren und sie arbeiten sich an den existenziellen Fragen des Lebens ab. Besonders stimmungsvoll ist das dem Schweizer Maler Arnold Böcklin gelungen. „Die Toteninsel“ ist eines seiner berühmtesten Bildmotive, das in mehreren Versionen existiert: Zu sehen ist ein Kahn mit einer ganz in Weiß gehüllten Person und einem geschmückten Sarg. Das Ziel der Fahrt ist eine einsame zypressenbewachsene Insel. Der Tod war Böcklins Lebensthema. Er verlor acht von 14 Kindern und schuf in seinen Bildern immer wieder Momente der Transition.

“Man fühlt sich in einer Art traumtänzerischer Welt“

Auch der Belgier James Ensor arbeitete sich an der eigenen Endlichkeit ab, nur ging er das Thema weitaus satirischer und überzeichneter an. In „Das malende Skelett“ verewigte er sich selbst an der Staffelei mit einem Totenschädel. Auf anderen Ensor-Bildern sieht man herrschaftlich gekleidete Leute mit verzerrten, maskenhaften Gesichtern – schält sich hier ein hässlicher innerer Wesenskern hervor, der unter dem edlen Anputz verborgen bleiben soll?

James Ensor, Das malende Skelett, 1896, Öl auf Holz, 37,3 x 45,3 cm, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen, © Royal Museum of Fine Arts Antwerp, www.lukasweb.be – Art in Flanders, Foto: Hugo Maertens
James Ensor, Das malende Skelett, 1896, Öl auf Holz, 37,3 x 45,3 cm, Koninklijk Museum voor
Schone Kunsten, Antwerpen, © Royal Museum of Fine Arts Antwerp, www.lukasweb.be – Art in
Flanders, Foto: Hugo Maertens

Die Reihe mit Beispielen, wie unterschiedlich die Symbolisten ein und dasselbe Thema künstlerisch bearbeiteten, ließe sich um ein Vielfaches verlängern. Um den Besucher* innen Orientierung zu bieten, gibt es in der Ausstellung Schwerpunkte, um die die Kunstwerke gruppiert sind. Zu den Ausstellungskapiteln gehören u.a. „Die Frau als Rätsel“, „Das Erwachen des Unbewussten“, „Die Seele der Dinge“ und „Schönheit und Wahn“. In den Abschnitten „Im Gleichklang der Künste“ und „Jenseits der Illustration“ wird es um die Nähe von Musik, Literatur und Bildender Kunst gehen. „Viele Werke des belgischen Symbolismus sind von der Literatur inspiriert und sehen sich als deren kongeniale Partner“, sagt Ralph Gleis. Aus diesem Grund beschäftigt sich eine Sektion nur mit der Illustration von Büchern.

Neben vielen in Deutschland recht unbekannten belgischen Künstlern sind auch europäische Kollegen, wie der schon erwähnte Arnold Böcklin, aber auch Edvard Munch, Max Klinger und Vilhelm Hammershøis zu sehen. Die Nationalgalerie kann hier auf ihren eigenen Sammlungsbestand zurückgreifen und kontrastiert diesen auf überraschende Weise mit den Leihgaben. Edvard Munch wird vielen Besucher*innen ein Begriff sein. Leon Spilliaert, der sein belgischer Zwilling sein könnte, ist hingegen hier kaum bekannt. Die düsteren, oft in schwarz-weiß gehaltenen Bilder von Spilliaert zeigen verlassene Straßenzüge, einsame Landschaften und Menschen, die als Solitäre durch die Welt wandern. Existenzangst und Entfremdung als Leitmotiv – wären Spilliaerts Werke Musik, würden sie den perfekten Soundtrack zur Coronakrise abgeben. „In Europa, in der westlichen Welt haben wir viele Jahre eine Zeit des ökonomischen Überflusses auf Kosten der Umwelt erlebt. Jetzt ist noch die Pandemie dazugekommen. Man fühlt sich in einer Art traumtänzerischer Welt“, resümiert Ralph Gleis, „ganz so wie damals die Symbolisten.“ Eine Ausstellung der Nationalgalerie mit Unterstützung der Königlichen Kunstmuseen Belgiens, ermöglicht durch die Freunde der Nationalgalerie.

Die Ausstellung „Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus“ läuft noch bis 17.01.2021 in der Alten Nationalgalerie. Dieser Beitrag erschien zuerst in MUSEUM – Das Programmheft der Staatlichen Museen zu Berlin, Ausgabe IV / 2020.

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