Zum internationalen Tag der Provenienzforschung am 8. April zeigt uns das kuratorische Team der Ausstellung „Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch“ ihre Lieblingswerke aus der Präsentation.
Sie erzählen von Freundschaften und Handelsbeziehungen, ebenso wie Verlust, Verfolgung und Neuanfang.
Mein Lieblingswerk in der Ausstellung ist das „Massaker“ von André Masson. Es gehört sicher zu den Hauptwerken aus der Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch. Es ist Teil einer ganzen Serie, die der Künstler zum Thema Krieg schuf. Es ist in expressiven Farben und Formen gemalt und zeigt eine wilde Kampfszene, in der der Maler seinen Kriegserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg Ausdruck verleiht. Gleichzeitig verweist das Gemälde aber auch auf die zunehmenden internationalen politischen Spannungen zu Beginn der 30er-Jahre. Und diese politisch brisante Situation zeigt sich auch in der Provenienz des Bildes.
Der jüdische Galerist Paul Rosenberg hat das „Massaker“ kurz nach Fertigstellung zunächst in seiner Galerie in Paris gezeigt. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieg brachte er es zusammen mit dem Großteil seines übrigen Galeriebestands ins Ausland – nach New York. Rosenberg selbst emigrierte 1940 in die USA, wo er ein Jahr später seine New Yorker Galerie eröffnete. Dort zeigte er auch das „Massaker“. Auch der Künstler flüchtete fast zur selben Zeit über Martinique in die USA, wo er ab 1941 zunächst auch in New York lebte. Ob er sein Werk dort noch einmal gesehen hat, weiß man leider nicht. Masson kehrte bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Frankreich zurück – sein Bild folgte erst 1972, bevor es dann später in die Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch kam.
Dieses Gemälde von Max Ernst, das Flugzeugteile verschlingende Pflanzen in einem eingemauerten Garten darstellt, fasziniert mich nicht nur aufgrund seines sonderbaren Motivs, sondern auch seiner bewegten Geschichte. Es erzählt von einer engen Künstlerfreundschaft, von Flucht und Vertreibung sowie einem Neuanfang jenseits des Atlantiks.
Das Gemälde „Flugzeugfalle“ gehörte Ernsts Freund und Kollegen Kurt Seligmann. Seligmann stammte aus Basel, lebte aber ab 1929 in Paris, wo er bald der surrealistischen Bewegung beitrat. 1935 heiratete er Arlette Paraff, die Nichte des berühmten Kunsthändlers Georges Wildenstein. Im Jahr darauf erwarb Kurt Seligmann dieses Gemälde dann von Marie-Berthe Aurenche, der zweiten Ehefrau von Max Ernst. Sie brauchte nach der Trennung von Ernst Geld. 1938 verlieh Seligmann das Gemälde für eine große Surrealismus-Ausstellung in der Galerie Wildenstein in Paris.
Bereits ein Jahr später befand sich das Ehepaar Seligmann nicht mehr in Europa. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft mussten sie durch die NS-Herrschaft um ihr Leben fürchten. Es gelang Arlette und Kurt Seligmann, nach New York zu fliehen und mehrere Kunstwerke aus ihrer Privatsammlung mit in die USA zu nehmen, darunter auch die „Flugzeugfalle“. Das Gemälde fand seinen Platz im New Yorker Wohnzimmer der Familie Seligmann. Vielleicht sah es dort auch Max Ernst, der ebenfalls in die Vereinigten Staaten emigrierte. Die beiden Freunde trafen sich im Exil wieder und verwirklichten weiterhin gemeinsam künstlerische Projekte.
Lisa Hackmann, Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin
Jacques Lipchitz, Sitzender Mann mit Gitarre, 1922
Auch wenn die kubistische Skulptur „Sitzender Mann mit Gitarre“ von Jacques Lipchitz eher als Ausreißer inmitten surrealistischer Werke in unserer Ausstellung zu sehen ist, gehört sie zu meinen Lieblingswerken der Sammlung Pietzsch. Denn gerade für die Provenienzforschung ist das Werk höchstinteressant: Anhand eines Provenienzmerkmals auf der Plinthe lässt sich ein Teil der Exilgeschichte des jüdisch-litauischen Künstlers erzählen.
Lipchitz zog 1909 nach Paris um an verschiedenen Kunstakademien zu studieren. Sicherlich kreuzten sich dort auch seine Wege mit Mitgliedern der surrealistischen Gruppe. Wie André Breton, Max Ernst und André Masson gelang auch Lipchitz 1941 die Flucht aus Frankreich vor der deutschen Wehrmacht dank der Hilfe des US-amerikanischen Emergency Rescue Committee und der Unterstützung von Varian Fry. In New York City mietete Lipchitz ein Atelier und nahm seine künstlerische Arbeit wieder auf. 1942 waren seine Werke neben denen von Ernst, Breton, Masson und Yves Tanguy in der Ausstellung „Artists in Exile“ in der Pierre Matisse Gallery zu sehen.
Nach Kriegsende reiste das Ehepaar Lipchitz nach Frankreich. Aufgrund der düsteren Atmosphäre und Abwesenheit seiner Freund*innen entschloss sich Lipchitz allerdings, nicht in Europa zu bleiben. In Frankreich entdeckte der Bildhauer jedoch, dass einige seiner Bronzeskulpturen und Gussmodelle vor der deutschen Besatzungsmacht gerettet werden konnten und den Krieg überdauert hatten. Diese ließ er in die USA verschiffen und in der „Modern Art Foundry“ auf Long Island neue Güsse seiner alten Skulpturen erstellen. Auch „Sitzender Mann mit Gitarre“ zählt dazu – nach einem Modell von 1922 wurde es nach 1945 auf Long Island erneut gegossen.
Sara Sophie Biever, Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin
Zu meinen Lieblingswerken in der Ausstellung gehört Dorothea Tannings Gemälde Voltage (deutsch: Spannung). Dorothea Tanning wurde 1910 als Tochter schwedischer Einwanderer in den USA geboren. Sie war Malerin, Bildhauerin und Schriftstellerin. Zunächst arbeitete sie als Werbezeichnerin, bis sie 1936 beim Besuch der berühmten Ausstellung Fantastic Art, Dada, Surrealism im Museum of Modern Art in New York den Surrealismus für sich entdeckte.
Fest entschlossen, die Surrealistinnen persönlich kennenzulernen und mehr über diese Kunstrichtung zu erfahren, reiste sie drei Jahre später nach Paris. Dort musste sie jedoch feststellen, dass viele der Künstler*innen, denen sie zu begegnen hoffte, bereits auf der Flucht waren. Zahlreiche von ihnen waren in den Süden Frankreichs nach Marseille geflohen oder in andere europäische Länder emigriert.
Tanning kehrte daraufhin in die USA zurück. 1941 lernte sie den Galeristen Julian Levy kennen, der neben Peggy Guggenheim zu den wichtigsten Unterstützern der surrealistischen Künstler*innen in New York zählte und ihnen half, sich dort ein neues Leben aufzubauen.
1943 zeigte Peggy Guggenheim Tannings Arbeiten in ihrer wegweisenden Ausstellung Exhibition by 31 Women. Dort wurde sie unter anderem neben Frida Kahlo und Meret Oppenheim präsentiert. Ein Jahr später richtete Julian Levy in seiner Galerie ihre erste Einzelausstellung aus, in der auch das hier gezeigte Werk Voltage zu sehen war.
Zu meinen Lieblingsbildern der Ausstellung gehört Gemälde für junge Leute. Wegen seiner Biografie, die für einen Neubeginn im Schaffen des Künstlers steht und ebenso das Netzwerks des Surrealismus veranschaulicht. Aber unbedingt auch wegen seiner spielerischen Form: Max Ernst malt drei Fassungen des Motivs. Die Leinwand baut der 52jährige als Splitscreen auf, jedes einzelne Bild zeigt einen Filmstil seines bisherigen Schaffens. Während die Motive also zurückschauen richtet sich der Titel an die nächste Generation. Gemälde für junge Leute entsteht 1943 in Arizona und damit mehrere tausend Kilometer vom Kriegsgeschehen entfernt. Seine Flucht aus Europa in die USA war 1941 geglückt, nach zwei Jahren lässt Max Ernst auch New York hinter sich und zieht mit der neuen Liebe Dorothea Tanning in das Wüstennest Sedona, weit weg von der Kunstszene der Großstadt. Doch Erfolge feiert das Gemälde ebendort. 1944 zeigt es Julien Levy in seiner Galerie im Herzen Manhattans, ein Fixpunkt im Netzwerk der Surrealist*innen und Treffpunkt vieler Exilant*innen. Bernard J. Reis, Freund und Berater von Ernsts Exfrau Peggy Guggenheim, selbst Sammler und Kunsthändler, kauft Levy das Bild ab. Ulla und Heiner Pietzsch erwerben es 1981, nachdem es auf der XXXIX. Biennale in Venedig gezeigt wurde.
Sven Haase, Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin
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