Biografien der Objekte: Alfred Flechtheim und Paul Klees Lebkuchen-Bild

Die Rückseite von Paul Klees Gemälde Lebkuchen-Bild von 1925 aus dem Bestand des Museum Berggruen zeigt zentrale Stationen der Biografie des Werkes, darunter einen gut sichtbaren Aufkleber der Galerie des jüdischen Kunstsammlers Alfred Flechtheim. Flechtheim wurde von den Nationalsozialisten verfolgt – ist die Herkunft der kleinen Ölcollage damit belastet?

Text: Sven Haase, Provenienzforscher am Zentralarchiv

Alfred Flechtheim, leidenschaftlicher Kunsthändler der Moderne und Inhaber populärer Galerien in Düsseldorf und Berlin gerät früh ins Visier der Nationalsozialisten. Neben seinem Engagement für Künstler wie Leger, Picasso, Grosz oder Kandinsky ist der Grund seine jüdische Herkunft. 1934 zwingt ihn die Verfolgung in die Emigration. Über Paris erreicht er London. Verarmt und getrennt von seiner Frau in Berlin, dazu ohne legalen Aufenthaltsstatus stirbt er dort 1937 an den Folgen eines Unfalls.

Kunstgeschichte auf der Rückseite: Zentrale Stationen in der Biografie der kleinen Ölcollage bis 1956 sind hier vermerkt: Berlin und Düsseldorf als Kommission Alfred Flechtheims, 1930 die erste Ausstellung des Künstlers im New Yorker Museum of Modern Art sowie Stationen in Mailand und Bern. Die Holzapplikationen mit Klees eigener Handschrift zu Titel und Inventar könnten von den originalen Rahmenleisten stammen, die als Ganzes verloren sind. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Kunstgeschichte auf der Rückseite: Zentrale Stationen in der Biografie der kleinen Ölcollage bis 1956 sind hier vermerkt: Berlin und Düsseldorf als Kommission Alfred Flechtheims, 1930 die erste Ausstellung des Künstlers im New Yorker Museum of Modern Art sowie Stationen in Mailand und Bern. Die Holzapplikationen mit Klees eigener Handschrift zu Titel und Inventar könnten von den originalen Rahmenleisten stammen, die als Ganzes verloren sind. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Alfred Flechtheim (1928). Foto von Hugo Erfurth
Alfred Flechtheim (1928). Foto von Hugo Erfurth

Die Kunstwerke, die er handelte und besaß, führen bis heute sein tragisches Schicksal vor Augen und halten die Erinnerung an den einflussreichen Kunsthändler wach. Der Provenienzforschung kommt hierbei eine besondere Aufgabe zu: Um verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut aufzufinden ist sie verpflichtet, die genauen Umstände zu klären, unter denen Kunstwerke, die auch durch Flechtheims Hände gingen, ihre Besitzer wechselten.

Paul Klee, Lebkuchenbild, 1925 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Paul Klee, Lebkuchenbild, 1925 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Vor 1945 kommt das Lebkuchen-Bild viel herum. Das verdankt Klee v.a. Flechtheims Engagement, denn er ist einer der Händler des Künstlers. Auf der Großen Kunstausstellung in Düsseldorf präsentiert er 1925 Klees Bild zum ersten Mal der Öffentlichkeit. 1926 folgen Ausstellungen in Dresden, Wiesbaden und Zürich, im Jahr darauf wieder Düsseldorf, dieses Mal in Flechtheims Galerie sowie in Mannheim und Paris. Weitere Stationen sind Berlin, Brüssel und Antwerpen, Paris und abermals Berlin. Im Frühjahr 1930 dann der vorläufige Höhepunkt: Das New Yorker Museum of Modern Art zeigt das Lebkuchen-Bild als eine von 63 Arbeiten Klees auf dessen erster Schau in einem amerikanischen Museum. Es ist Flechtheim, der es in Zusammenarbeit mit seinem amerikanischen Kollegen J.B. Neumann nach New York vermittelt. Obwohl der Verkauf nicht gelingt, ist es der Ritterschlag für das Bild.

Ein Dokument im Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin liefert eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob das Werk eine problematische Herkunft hat. Es hat sie nicht, es handelt sich vielmehr um eine Kommission Flechtheims – er hat also versucht, es im Auftrag des Künstlers zu veräußern, Klee ist aber Eigentümer geblieben. Nach dem MoMA stellt die Berliner Nationalgalerie das Bild als Leihgabe im Kronprinzenpalais aus. 1933, dem Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, geht es am 20. September von der Nationalgalerie direkt an Paul Klee in Düsseldorf zurück. Wohl auch, um einer Beschlagnahmung der nun geächteten Kunst vorzubeugen. Der Kurator Hentzen bittet in dem Schreiben darum, das Bild neben drei weiteren Leihgaben an Klee zurückzuschicken, was der Depotverwalter Bähr mit einer Notiz am unteren Rand des Schriftstücks bestätigt. Klee ist zu diesem Zeitpunkt bereits aus seiner Professur an der dortigen Kunstakademie entlassen und zieht im selben Jahr mit seiner Frau in die Schweiz. Das Lebkuchen-Bild begleitet die beiden. Seine schwindelerregende Ausstellungsgeschichte mit 15 Präsentationen in acht Jahren, maßgeblich von Flechtheim ins Werk gesetzt, ist vorerst vorbei. Auch die Ausleihe an die Nationalgalerie ist sein Verdienst. Dass er das Leihgeschäft zwar einfädelt, aber nicht mehr abschließen kann, verdeutlicht das abrupte und bittere Ende seines Wirkens, das ohne die Provenienzforschung heute womöglich vergessen wäre.

Die Akte des Zentralarchivs der SMB mit der Signatur I/NG 859, Bl. 597 dokumentiert die Rückgabe des Werkes an Paul Klee 1933. © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv
Die Akte des Zentralarchivs der SMB mit der Signatur I/NG 859, Bl. 597 dokumentiert die Rückgabe des Werkes an Paul Klee 1933. © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv

Die geografisch bewegte Besitzergeschichte des knapp 22 x 28 cm kleinen Werkes, die sich über Europa, Amerika und Asien erstreckt, geht erst nach dem Krieg weiter: Im Auftrag der Klee-Gesellschaft aus Bern verkauft es die Galerie Nierendorf um 1947 an den Mailänder Sammler Carlo Frua de Angeli, der das Bild bis 1954 behält und dann über die Galerie Feilchenfeldt in Zürich in die USA veräußert. Dort ziert es abseits der Öffentlichkeit 30 Jahre die Sammlungen von Werner Josten und Eugene V. Thaw, beide aus New York. 1988 erwirbt Heinz Berggruen nach Stationen durch diverse Galerien das Kunstwerk, verkauft es zwei Jahre später an das japanische Unternehmen BIGI Co. bzw. seinen Vorsitzenden Yuji Okusu in Tokyo, bis er es schließlich 1998 bei Sotheby’s in New York zurückerwirbt. Erst mit dem Eigentümer Heinz Berggruen schließt das Lebkuchen-Bild an seine öffentliche Biografie von vor 1933 an und gastiert 1989 in London, 2001 in Balingen und 2004 in Taipeh. Seit 1999 ist es Teil der Präsentation im Berliner Stülerbau. Die über 80.000 gereisten Kilometer, also etwa zweimal um die Welt, sieht man der reliefhaft geschichteten Materialcollage aus Öl und Tusche auf einer kreidegrundierten Tapete nicht an. Das bescheidene Bild ist bis heute eines der meist ausgestellten Werke Klees im Bestand des Museum Berggruen. Großen Anteil daran hat der deutsche Kunsthändler Alfred Flechtheim.

Nicht immer gelingt es wie im Falle des Lebkuchen-Bildes, geschlossene Provenienzketten von Kunstwerken zu recherchieren. Oft bleiben Lücken oder Eigentümer lassen sich nicht ermitteln. Ein Bespiel dafür aus dem Museum Berggruen ist Paul Klees Gemälde “Drei mal Drei Kreuze”, das ebenfalls eine Flechtheim-Provenienz aufweist, deren Umstände aber auch nach umfangreichen Recherchen ungeklärt bleiben. In diesem Fall, da ein Anfangsverdacht nicht ausgeräumt werden konnte, wurde das Werk in der Lost Art Datenbank gemeldet.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe anlässlich des 2. Tags der Provenienzforschung, einer Initiative des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. Der Aktionstag am 8.4.2020 soll darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Entschlüsselung der Objektbiografien auf wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene ist. Aufgrund der Coronakrise werden viele der geplanten Aktionen nun in den digitalen Bereich verlegt. Auf Twitter wird der Hashtag #TagderProvenienzforschung den Aktionstag begleiten. Kontakt zu Fragen der Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin: provenienzforschung@smb.spk-berlin.de

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