Zehnerpack: Fotografische Kopfreisen

Alles, was Du brauchst, ist ein gutes Bild. Ein Ohrensessel dazu wäre behaglich. Und hilfreich vielleicht die Lupe? Was gibt es da nicht alles zu entdecken …

Text: Christine Kühn

1. Flugzeuge können umweltfreundlich sein

Unbekannter Fotograf: Oskar Bolza vor Antritt seiner Reise nach Amerika. Studioaufnahme mit Gattin sowie Felicie, Hans und Lothar Meyer, 1913, Postkarte, Abzug auf Silbergelatinepapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie
Unbekannter Fotograf: Oskar Bolza vor Antritt seiner Reise nach Amerika. Studioaufnahme mit Gattin sowie Felicie, Hans und Lothar Meyer, 1913, Postkarte, Abzug auf Silbergelatinepapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie

Dies zeigt die Aufnahme einer kleinen Gesellschaft, die 1913 von Freiburg aus eine Reise ins ferne Amerika angetreten hatte. Ein kurzer Halt in Rotterdam ließ Zeit, um Billets für die Schiffsüberfahrt zu kaufen. Neun ganze Tage sollte sie dauern. Aber warum nicht ein wenig träumen? So begab man sich in ein Fotostudio und lächelte erwartungsfroh in die Kamera. Das Studio fertigte Postkarten, und diese gingen an die Daheimgeblieben.
Der Mathematiker Oskar Bolza aber legte ein eigenes Album an mit Tagebuchnotizen, Reisefotografien, Knipsbildern und Postkarten sowie mit dieser kleinen Erinnerung an eine herrliche Flugfantasie.

2. Am Strand von Fantasien ist allerhand los

Fotograf unbekannt: Mosaikbild mit Kindern und Segelbooten, 1880er Jahre, Abzug auf Albuminpapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie
Fotograf unbekannt: Mosaikbild mit Kindern und Segelbooten, 1880er Jahre, Abzug auf Albuminpapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie

In den 1860er Jahren kamen sogenannte Mosaikbilder in Mode. Sie präsentierten ganze Versammlungen oder Ausflugsgesellschaften und waren doch nur Fiktion. In Wirklichkeit hatten die Abgebildeten sich nie gesehen. Doch die Montage hunderter Einzelaufnahmen machte Erinnerung für Firmen, Gesangsvereine oder Familien möglich. Ebenso förderte sie werbeträchtige Collagen sowie Scherzbilder zutage. Wer die Schar frühkindlicher Segelsportler in Auftrag gab, ist nicht überliefert. Womöglich diente das Sommerbild am See für das unbekannte Fotostudio einfach als Annonce für vielfältige Kinderporträts.

3. Muskeln kann man ertüchtigen – natürlich virtuell. Vielleicht zu Fuß?

Otto Ehrhardt (1869–1942): Ein Paar Stiefel, 1930er Jahre, Abzug auf Silbergelatinepapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie
Otto Ehrhardt (1869–1942): Ein Paar Stiefel, 1930er Jahre, Abzug auf Silbergelatinepapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie

Ein Paar feste Schuhe wären hierzu angebracht. Gefunden haben wir sie bei Otto Ehrhardt, der als Zeichenlehrer in Coswig bei Dresden lebte. Seine Streifzüge ins Elbtal und in die umliegende Hügellandschaft hielt er als begeisterter Amateurfotograf vor allem in Landschaftsaufnahmen fest. Das Heimatmuseum Coswig verwahrt eine ganze Sammlung seiner Urkunden, Plaketten und Auszeichnungen. Sie belegen, dass man Ehrhardts Bilder Anfang des 20. Jahrhunderts als Kunstfotografien schätzte: Bis ins ferne Wien, Kiew oder St. Louis reisten sie und wurden dort ausgestellt. Ende der 1920er Jahre entdeckte Ehrhardt unter dem Einfluss der Neuen Sachlichkeit auch Stillleben für sich und lichtete sie in klaren Kompositionen mit begrenztem Bildausschnitt und strenger Linienführung ab. Die Abzüge machte er selbst – in der Küche daheim, die zur Dunkelkammer wurde.

4. „Ach, ist der Rasen schön grün…“

Hugo Henneberg (1863–1918): Parklandschaft, 1897, Gummidruck; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie
Hugo Henneberg (1863–1918): Parklandschaft, 1897, Gummidruck; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie

Harmonische Farben, malerische Kompositionen, Stimmung, Seele und Gefühl – Fotografie kann mehr als abbilden und dokumentieren. Davon waren Lichtbildner wie Hugo Henneberg um 1890 überzeugt. Mit ihren Arbeiten drängten sie in die Museen und kämpften um die Anerkennung der Fotografie als Kunst. Vielfach gut betuchte Amateure, taten sie sich in Vereinen zusammen und brachten eigene Zeitschriften heraus. Hugo Henneberg zum Beispiel gründete mit zwei Gleichgesinnten das Wiener Kleeblatt. Wie andere Vertreter dieser Bewegung bezeichneten sie sich programmatisch als „Kunstfotografen“. Die eigenen, aufwendig hergestellten Edeldrucke sollten mit den Bildchen vermeintlich unbedarft fotografierender „Knipser“ nicht zu vergleichen sein, ganz zu schweigen von den Aufnahmen kommerziell agierender Berufsfotografen. Was also konnte überzeugender wirken als eine leuchtend grüne Sommerwiese, die ‚wie gemalt‘ erschien?

5. Reisen weitet den Horizont

Fotograf unbekannt / Underwood & Underwood: New York, Looking North up Fifth Avenue past Flatiron Building and Madison Square, Stereoaufnahme, Abzüge auf Albuminpapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie
Fotograf unbekannt / Underwood & Underwood: New York, Looking North up Fifth Avenue past Flatiron Building and Madison Square, Stereoaufnahme, Abzüge auf Albuminpapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie

Wie ist der Herr mit der schweren Kamera in solch schwindelerregende Höhe gelangt? Warum gibt es ihn zweimal? Wer hat ihn fotografiert, und wie kam der hinauf? Was sieht der eine und was der andere?
Eine Antwort auf die erste Frage weiß man nicht. Aber die nächsten sind zu enträtseln: Zwar ist der Mann zweimal zu sehen, doch gibt es Unterschiede. Man achte auf den blitzenden Lederschuh! Rechts baumelt er vor dem weißen Gebäude im Hintergrund und lässt Buchstaben erkennen: Lord & Taylor. Das war Amerikas ältestes Kaufhaus, in New York. Links dagegen verdeckt das Bein des Fotografen die Schrift. Das heißt, der andere Fotograf dort oben machte je eine Aufnahme aus verschiedenen Blickwinkeln. Er tat das gleichzeitig, mit Hilfe einer Stereokamera, die zwei Objektive hatte. Auch die Augen eines jeden Menschen schauen aus zwei Blickwinkeln. Man merkt es nicht, weil das Gehirn die beiden Seheindrücke automatisch zu einem Bild zusammensetzt. Dieses ist dann räumlich.
Schiebt man schließlich das Doppelbild des Fotografen in ein Stereoskop – ein brillenähnliches Gestell mit zwei Linsen – passiert etwas Ähnliches: Dann zeigt es nur noch einen Fotografen. Er wirkt nun plastisch und lebensnah, und die hinter ihm liegende Straße, die Fifth Avenue, dehnt sich extrem in die Tiefe. Dieser 3-D-Effekt machte um 1900 enormen Eindruck. Und so warb das Bild geschickt für die Firma Underwood & Underwood und ihre Fotografien. Sie produzierte damals rund 25.000 Stereo-Karten am Tag! Für diese Masse beschäftigte sie zahlreiche Fotografen, die viel reisten und deren Namen man heute oft nicht mehr kennt. Aber ihnen verdankten die Menschen ein Freizeitvergnügen, das um 1900 sehr beliebt war. Die kleinen Karten wurden in alle Welt geschickt. Sogar in den Schulen wurden sie zur Anschauung eingesetzt. Dann ‚reisten‘ ganze Klassen in die Ferne.

6. Reisen bringt tierisch gute Laune

Fotograf unbekannt: Gänse, um 1880, Abzug auf Albuminpapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie
Fotograf unbekannt: Gänse, um 1880, Abzug auf Albuminpapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie

Denn wen trifft man unterwegs nicht alles! Eine frohe Konversation zu dritt, ein wenig Tratsch, ein paar gelehrte Worte kommen dann mit Leichtigkeit auf …, und alles ganz ohne (heilsame) Distanz!
Natürlich ist diese Szene vor langer Zeit, am Ende des 19. Jahrhunderts fotografiert worden. Naturstudien nannte man derartige Bilddokumente. Sie dienten Künstlern und Kunsthandwerkern als Vorlagen für eigene Kreationen.
Entsprechend anschaulich sind die Tiere gruppiert, gerade wie in einem Freiluftatelier. Haltung, Formen und Gefieder erscheinen nahezu modellhaft. Sie lassen ahnen: Zwanglos beisammen gestanden haben hier Graugänse (anser anser), immerhin die zweitgrößte Gänseart Europas. Oder sind es Feldgänse (Anser)?

7. Venedig sehen und aufleben!

Unbekannter Fotograf: Venedig, Markusplatz mit Touristin (vermutlich Käthe Kerkhof), um 1905, Abzug auf Kollodiumpapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie
Unbekannter Fotograf: Venedig, Markusplatz mit Touristin (vermutlich Käthe Kerkhof), um 1905, Abzug auf Kollodiumpapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie

Um 1880 begann eine wachsende Zahl von Privatpersonen zu fotografieren. Die einen arbeiteten wissenschaftlich, andere machten Kunst. Wieder andere betrieben ihr Hobby für den Hausgebrauch und „knipsten“. Ihre Bilder dienten der Erinnerung und Bewahrung persönlich bedeutsamer Lebensgeschichte(n) – etwa einer Reise nach Venedig inklusive Taubenfüttern auf dem Markusplatz. Doch ob wissenschaftliches, künstlerisches oder „sportliches“ Interesse – es waren zunächst Wohlhabende aus Adel und Bürgertum, die sich das Vergnügen des Reisens und Fotografierens leisten konnten. Wie schön, dass das Bildermachen noch immer und nun fast für jedermann möglich ist.

8. Frühling in der Stadt

Willy Römer (1887–1979): Hafenleben, 1932, Abzug auf Silbergelatinepapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie, Photothek Willy Römer / Willy Römer
Willy Römer (1887–1979): Hafenleben, 1932, Abzug auf Silbergelatinepapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Fotografie, Photothek Willy Römer / Willy Römer

Ein Ausflug ins Freie war schon vor fast hundert Jahren beliebt. Ob Arbeit im Kleingarten oder Frischluftkur im Park – alles machte bei Sonnenschein gleich mehr Spaß. Mancher schlug vor der Laube vielleicht gemütlich die Zeitung auf, brachten doch gerade die Wochenendausgaben unterhaltsame Bildstrecken.
Einen schönen Frühlingstag konnte man auch am Hafen erleben, wenn das Halma-Spiel, die Puppen und der Ball herausgeholt wurden. Man konnte Hopse spielen, schwatzen oder von Boot zu Boot springen. Der Hund legte sich gesellig dazu. Derartige Bildserien machten gute Laune, und so verkauften sich die Zeitungen besser. Die Firma Photothek von Willy Römer hatte deshalb ein ganzes Sortiment an Freizeit- und Jahreszeiten-Serien parat. Heute werden sie im Museum für Fotografie bewahrt. Wer will, kann sie sich bald wieder – wie in einer Bibliothek – zur Ansicht bestellen.

9. Nette Gesellschaft gratis

Martin Badekow (1892–1961): Marlene Dietrich mit Koffer, 1926–1927, Abzug auf Silbergelatinepapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
Martin Badekow (1892–1961): Marlene Dietrich mit Koffer, 1926–1927, Abzug auf Silbergelatinepapier; © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek

„Fragen Sie mich nicht über die Zwanziger Jahre. Ich war in den Zwanziger Jahren überhaupt nichts“, behauptete Marlene Dietrich im hohen Alter von 82 Jahren. Widerlegt hat sie Martin Badekow, der damals ein Fotoatelier am Berliner Kurfürstendamm unterhielt. Filmgrößen und Schauspielprominenz gingen dort ein und aus, ja selbst die junge Dietrich war bereits in nahezu zwanzig Stummfilmen aufgetreten. Der „Blaue Engel“ hatte sie zwar noch nicht berühmt gemacht, doch Fotograf wie Modell wussten beide, worauf es ankam, wenn es um wirkungsvolle Reklame für das eigene Geschäft ging. So ist die moderne Frau mit dem Bubikopf als Sternchen inszeniert, das auf Minikleid, lange Beine im Seidenglanz und einen tiefen Blick in die Kamera setzt. Die Schultern adrett hochgezogen, hält sie Illustrierte und Koffer. In diesem Punkt waren die Akteure der Aufnahme visionär: Jahrzehnte später sollte ein solcher tatsächlich zum Markenzeichen der Schauspielerin werden, als sie den Schlager „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ intonierte. Man kennt ihn noch heute (419.259 Aufrufe bei Youtube!).

10. Zur Stärkung schließlich ein Gläschen Wein sowie natürlich Vitamine

Hans Watzek (1848–1903): Ohne Titel (Weinglas mit Apfel) 1896 / 1897, Gummidruck von drei Negativen; © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
Hans Watzek (1848–1903): Ohne Titel (Weinglas mit Apfel) 1896 / 1897, Gummidruck von drei Negativen; © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek

Eine selbstgebaute Lochkamera und Dunkelkammer-Experimente statt Pausenbrot – Hans Watzek wusste sich zu helfen, wenn es um die Kunst der Fotografie ging. Anders als andere Amateure um 1900 zählte er nicht zu den Wohlhabenden. Vielmehr musste er sich seinen Lebensunterhalt als Lehrer verdienen und die Zeit fürs Hobby abknapsen. Nicht immer war er glücklich, wenn die Schulglocke an der Wiener Staats-Oberrealschule des 6. Bezirks das Ende einer Pause einläutete, und er zum Unterricht eilen musste. Manch ein in der Dunkelkammer begonnener Abzug war dann verloren. Doch gelang ihm immerhin der erste Dreifarben-Gummidruck überhaupt.
Was nach Grafik klingt und wie ein gediegenes Gemälde aussieht, ist tatsächlich eine Fotografie. Die malerische Unschärfe entstand durch allerlei Tricks, wie mitunter ein zum Objektiv umfunktioniertes Brillenglas. Damit wurde schon ein Negativ unscharf. Für den Abzug aber strich Watzek grob strukturiertes Aquarellpapier mit einem Gemisch aus Farbe, Gummiarabikum und Chromsalzen ein und belichtete es in direktem Kontakt mit dem Negativ. Da, wo viel Licht auftraf, härtete der Farbauftrag gut durch. Ein Bild – hier das die seltsame Geschmackskombination Wein/Apfel anregende Stillleben – zeichnete sich ab. In klarem Wasser wurde es fixiert. Die Partien aber, die wenig Licht abbekommen hatten, schwammen quasi davon und lösten sich ab. Mit dem Pinsel ließ sich noch nachhelfen, und es entstanden malerische Formen. Genau das war die Absicht jener Fotografen, die diese Technik des Gummidrucks verwendeten. Buntfarbige Ergebnisse erzielten sie, wenn sie die Prozedur mit immer neuen Farbgemischen wiederholten. Fotografie sollte wie Malerei oder Druckgrafik aussehen, um als Kunst einen Platz in den Museen zu finden.

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