Alte Meister, neue Ebenen

In der Gemäldegalerie findet derzeit eine bemerkenswerte digitale Intervention statt. Mit ihrer Augmented-Reality-App „Refrakt“ haben die Künstler Carla Streckwall und Alexander Govoni 82 Kunstwerke digital verändert und neu interpretiert. Wir sprachen mit den beiden Meisterschülern der Universität der Künste über Realitäten, Perspektiven und Museen.

Ihr seid die Macher hinter der Augmented-Reality-App „Refrakt“ und dem Projekt „Objects in Mirror are Closer than they Appear“ in der Gemäldegalerie. Was hat es damit auf sich?
Alexander Govoni: Das Projekt war unsere Meisterschülerarbeit an der Universität der Künste. Wir haben ein Jahr daran gearbeitet und uns intensiv mit Wahrnehmungstheorie und Science Fiction befasst, vor allem mit Stanislaw Lem. Wir haben uns gefragt, wie man die Geschichten, die Lem erzählt, in einen aktuellen Kontext stellen kann. In diesen Geschichten geht es häufig um Reisen in fremde Welten, fremde Galaxien – beim genauen Hinsehen erkennt man aber, dass wir eigentlich in genauso einer verrückten Welt leben, wie Lem sie beschreibt.
Carla Streckwall: Das Verlassen der gewohnten Perspektive hat uns fasziniert und wir fragten uns, wie wir diese Lem‘sche Art der Betrachtung aus der Literatur in eine künstlerische Installation übersetzen können. Daraus entstanden viele Raum- und Wahrnehmungsexperimente mit Licht und Spiegeln, deren Ziel es immer war, dass man in der eigenen Wahrnehmung gestört wird. Wir haben dann aber festgestellt, dass es für uns mehr Sinn macht, digital zu arbeiten: Es ist das aktuellere Medium und lässt sich stetig weiterentwickeln und neu bespielen. Also haben wir begonnen, die Wahrnehmungsexperimente aus dem physischen Raum ins Digitale zu übersetzen …

… mit Hilfe einer App.
Carla: Genau, die App entwickelten wir dann zusammen mit unserem Programmierer Michael Schröder. Eine wichtige Frage in dem Entstehungsprozess war, ob und wo eine App als Medium für unsere Wahrnehmungsexperimente mehr bieten kann als der physische Raum. Es gibt eine digitale Realität neben der analogen, physischen Realität. Diese zweite Realität ist immer da und begleitet uns, wenn wir mit unseren digitalen Geräten wie Handys oder Tablets unterwegs sind. Und genau das wollten wir sichtbar machen und eine Schnittstelle dazu herstellen.

Foto: Carla Streckwall & Alexander Govoni
Foto: Carla Streckwall & Alexander Govoni

Woher kam die Idee, das in einem Museum umzusetzen?
Alexander: Wir haben einen Ort gesucht, der überall auf der Welt vergleichbar und doch in unterschiedlichen Ausprägungen vorhanden ist. So kamen wir auf das Museum. Es ist ein Ort der Simulation, wo Kunstwerke von verschiedenen Künstlern und aus unterschiedlichen Epochen in einen Kontext gestellt werden und dadurch etwas Neues entsteht, das ursprünglich so nie angedacht war. Außerdem ist jedes Kunstwerk auch in sich schon eine Simulation. Mit unserem virtuellen Raum wollten wir da noch eine Ebene der Simulation hinzufügen.

Warum fiel eure Wahl schließlich auf die Gemäldegalerie?
Alexander: Wir haben uns zunächst verschiedene Berliner Museen angeschaut. Uns war sehr wichtig, dass der Ort von seiner Atmosphäre her zu unserer Arbeit passt und dass man genügend Raum hat, um sich zu bewegen. Die Gemäldegalerie mit ihren großen Sälen war da sehr gut geeignet.
Carla: Es war auch wichtig, dass es klassische Kunst ist. Wir wollten mit Alten Meistern arbeiten.
Alexander: Die alte Kunst bildet den größten Kontrast zum Digitalen und das macht auch viel von dem Reiz unserer Arbeit aus. Wenn man in ein Museum für zeitgenössische Kunst geht und da etwas Digitales drüber legt, ist die Wirkung eine andere, weil der Abstand nicht so groß ist. Im Laufe des Projektes haben wir uns aber auch sehr viel mit den Bildern auseinandergesetzt und Details und Elemente entdeckt, die wir mit der App spielerisch aufgreifen konnten.

Ihr habt in eurer Ausstellung sehr viele Werke aufgegriffen und behandelt – woher kamen die Inspirationen für die einzelnen Werke?
Carla: Vieles ist intuitiv entstanden, aber wir haben zum Teil auch Hintergrundinformationen zu den Gemälden als Ausgangspunkt genommen, weiterentwickelt und in unsere Arbeit einfließen lassen. Es ging aber ganz dezidiert nicht darum, didaktisch auf den Hintergrund der Werke einzugehen.
Alexander: In erster Linie ist diese erste Ausstellung für uns eine Spielwiese, um die Möglichkeiten der Augmented Reality auszutesten. Welche Arten der Bildverzerrung gibt es, wie kann man neue Objekte einfügen etc. Wir haben mit fünf Räumen gearbeitet und versucht, diese Räume thematisch geschlossen zu bearbeiten. Aber dennoch ist es sehr gemischt und wir benutzen die Gemälde letztlich auch als Leinwand für unsere eigenen Arbeiten.

Foto: Carla Streckwall & Alexander Govoni
Foto: Carla Streckwall & Alexander Govoni

Nun ist eine Ausstellung in der Ausstellung entstanden – müsste man also eigentlich zweimal ins Museum gehen, um beide Ausstellungen zu sehen?
Carla: Wir wurden auch gefragt, ob da nun nicht eine Konkurrenz zwischen der Dauerausstellung und unserer Arbeit entsteht. Man kann natürlich nur die Originale anschauen oder nur mit unserer App durch die Gemäldegalerie gehen. Aber eigentlich steckt der Reiz in der Interaktion zwischen den Bildern und den digitalen Verfremdungen und Veränderungen. Es ist ein Spiel in dem es darum geht, genauer hinzuschauen und neues zu entdecken.
Alexander: Es gab auch die Frage nach dem Mehrwert: Was bringt dieses Projekt und führt es nicht dazu, dass Menschen ins Museum gehen und sich die Bilder gar nicht mehr anschauen. Wir haben aber eher die Erfahrung gemacht, dass Leute, die seit Jahren nicht mehr in der Gemäldegalerie waren, total begeistert waren und sich aus diesem Anlass auch wieder intensiver mit der Dauerausstellung beschäftigt haben. Einige haben uns auch erzählt, dass wir ihnen in Bezug auf klassische Malerei die Berührungsangst nehmen konnten.

Habt ihr schon Zukunftspläne, wie es mit Refrakt weitergeht?
Alexander: Wir entwickeln die App ständig weiter und nehmen Verbesserungen vor und natürlich sollen in Zukunft weitere Ausstellungen entstehen. Die engere Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Museen reizt uns sehr und da sind sicher noch einige Projekte möglich.
Carla: Für uns ist es vor allem wichtig, dass wir auch in zukünftigen Projekten mit unserer App als eigenständige Autoren auftreten, mit eigenen Inhalten und Interpretationen.

Refrakt from Refrakt on Vimeo.


Download der App “Refrakt” für iPhone, iPad und iPod sowie detaillierte Informationen unter www.refrakt.org

4 Kommentare

  1. Lentil - 15. Juli 2015, 23:59 UHR

    Ein tolles Projekt. Ich würde mir wünschen, dass solche Möglichkeiten in der Kunstvermittlung viel häufiger zum Einsatz kämen!

  2. Frank von Hagel - 30. Juli 2015, 12:28 UHR

    Ich hätte das auch gerne für Android :-)

    1. Redaktion - 30. Juli 2015, 16:25 UHR

      Wir auch! :)

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