Geteilte Objekte – gemeinsame Geschichte: Der Umgang mit Kriegsbeute aus Tansania

Zwei Forschungsprojekte am Ethnologischen Museum setzen sich mit dem gewaltsamen deutschen Kolonialismus in Tansania auseinander. Wie kamen die Objekte aus Tansania in die Sammlung, welche von ihnen sind Kriegsbeute und welche Bedeutung schreiben ihnen Menschen aus Tansania zu? Anlässlich einer Publikation fand in Dahlem eine Podiumsdiskussion statt.

Text: Karolin Korthase

Mit energischem Schritt eilt Paola Ivanov, Kuratorin der afrikanischen Sammlungen im Ethnologischen Museum, durch die Hallen des Hauses in Dahlem. Von der Dauerausstellung, die hier bis Januar 2017 zu sehen war, zeugen nur noch einige Schautafeln an den Wänden. Viele der Exponate aus Afrika sind inzwischen verpackt und lagern in meterhohen Regalen, bis sie 2019 ins Humboldt Forum umziehen werden. Zwei Wissenschaftler des National Museum of Tanzania begleiten die Kuratorin durch die Gänge des Ethnologischen Museums. Sie sind als curators in residence zum zweiten Mal für drei Wochen am Ethnologischen Museum. Heute sind sie vor allem als Beteiligte der kooperativen Projekte „Humboldt Lab Tanzania“ und „Tansania-Deutschland: Geteilte Objektgeschichten“ anlässlich des Abschlusses des Humboldt Labs zu Gast in Berlin.

Kriegsbeute aus dem Maji-Maji-Krieg
Der Forschertross bleibt unvermittelt bei einem der Regale stehen und der Museologe Hendryk Ortlieb hebt vorsichtig mehrere Kartons aus den Fächern. Ihr Inhalt ist brisant: Es handelt sich teilweise um Kriegsbeute aus dem Maji-Maji-Krieg, der zwischen 1905 und 1907 im Süden „Deutsch-Ostafrikas“ im heutigen Tansania stattfand und blutig von deutschen Kolonialtruppen niedergeschlagen wurde.

Achiles Bufure, der Direktor des National Museum und House of Culture in Dar es Salaam und Balthazar Nyamusya, der Kurator des Maji Maji Memorial Museum in Songea, sehen die meisten der Objekte aus den Regalen des Ethnologischen Museums an diesem Tag zum ersten Mal. Sie stammen, mit einer Ausnahme, alle aus Tansania und waren den Wissenschaftlern bisher nur von Fotografien bekannt. Bufure und Nyamusya stehen am Ende ihrer mehrwöchigen residency und werden am Abend auf einer Podiumsdiskussion anlässlich einer Buchveröffentlichung sprechen. Dass es inzwischen enge wissenschaftliche Kontakte zwischen Tansania und Deutschland gibt, ist zu großen Teilen den beiden Programmen in Kooperation mit dem Ethnologischen Museum zu verdanken.

Kuratoren aus Berlin und Tansania bei der gemeinsamen Arbeit. © SPK / Photothek / Florian Gärtner
Kuratoren aus Berlin und Tansania bei der gemeinsamen Arbeit. © SPK / Photothek / Florian Gärtner

Das Pilotprojekt „Tansania/Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?“ widmet sich seit Juli 2016 der Erforschung der Provenienz von kolonialzeitlichen Beständen aus dem heutigen Tansania. Gefördert wird das Programm noch bis Ende 2018 vom Kuratorium Preußischer Kulturbesitz. Das zweite Programm, das „Humboldt Lab Tanzania“, konnte auf Grundlage dieses Pilotprojekts entstehen, hat jedoch einen anderen Charakter und mit dem „TURN“-Fonds der Kulturstiftung des Bundes auch einen anderen Förderer. Ebenso wie beim „Humboldt Lab Dahlem“ standen beim „Humboldt Lab Tanzania“, das im Juni 2018 offiziell beendet wurde, der Werkstattcharakter und das Erproben neuer Forschungs- und Ausstellungsformate im Vordergrund.

„Wurden die auch zum Kampf benutzt?“
Insgesamt vier Objekte wählte Paola Ivanov vorab für den Termin mit ihren zwei Forscher-Kollegen aus Tansania aus. Neben einer Speerspitze gehören zu den Objekten ein tellerförmiger Talisman, das Fragment einer Reliefplatte und eine Ehrenpreistafel. „Wollt ihr sie berühren?“ fragt Paola Ivanov auf Englisch. Die beiden tansanischen Wissenschaftler streifen sich Schutzhandschuhe über und nehmen die Exponate behutsam in die Hände. Die Unterhaltung, die sich im Anschluss an die ausführliche Begutachtung ergibt, lässt erahnen, wie fruchtbar und zugleich herausfordernd die Zusammenarbeit in den letzten zwei Jahren für alle Beteiligten gewesen sein muss.

Besonders intensiv unterhalten sich die Experten über eine Speerspitze aus Eisen – diese wurde während des Maji-Maji-Krieges erbeutet. Das Stück ist mit ca. 60 Zentimetern imposant. Ursprünglich muss die Waffe noch bedeutend länger gewesen sein, ihr Schaft fehlt heute. „Die ist zum zustechen“, erklärt Achiles Bufure und fügt an, dass es auch Speere gab, die vor allem geworfen wurden. Der Unterschied ließe sich an der Länge erkennen. Als er und Balthazar Nyamusya berichten, dass sie ähnliche Speere bei sich zu Hause haben, reagiert Paola Ivanov mit Erstaunen. „Wurden die auch zum Kampf benutzt?“ hakt die Wissenschaftlerin nach. Ihre Kollegen aus Tansania erwidern, dass einige dem Schutz und andere ursprünglich dem Kampf dienten und dass in einigen tansanischen Familien solche zum Teil auch spirituell aufgeladenen Gegenstände von Generation zu Generation weitergegeben würden. Sie seien Kulturgüter und erinnern an die Geschichte des Landes.

Balthazar Nyamusya, der Kurator des Maji Maji Memorial Museums in Songea, betrachtet eine imposante Speerspitze im Ethnologischen Museum. © SPK / Photothek / Florian Gärtner
Balthazar Nyamusya, der Kurator des Maji Maji Memorial Museums in Songea, betrachtet eine imposante Speerspitze im Ethnologischen Museum. © SPK / Photothek / Florian Gärtner

In Tansania ist das Kapital der deutschen Kolonialherrschaft, die von 1885 bis 1918 andauerte, ein besonders schmerzhaftes. Blutiger Höhepunkt der Kolonialzeit war der Maji-Maji-Krieg, in dem bis zu 300.000 Afrikanerinnen und Afrikaner getötet wurden. Ein Großteil der Opfer geht auf die gezielte Zerstörung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung durch die Politik der verbrannten Erde zurück. Im Zuge des Krieges solidarisierten sich unterschiedliche ethnische Gruppen miteinander, um gegen das repressive System der deutschen Machthaber anzukämpfen.

Medizin für Kämpfende
Eine sozio-religiöse Bewegung namens Maji-Maji wurde von der Geschichtsschreibung als Erklärung für die relative Geschlossenheit der Aufständischen herangezogen – Namensgeber war eine spezielle Medizin (Maji = Wasser), die den Kämpfenden Schutz und Unverwundbarkeit versprach. Damit sie wirken konnte, musste ein Gemisch aus Wasser, Mais und Körnern der Sorghum-Hirse getrunken oder auf die Haut gerieben und in einem Gefäß bei sich getragen werden.

In Deutschland ist von dem Maji-Maji-Krieg nur wenig bekannt. Auch das Ethnologische Museum in Berlin hat viele Jahrzehnte lang zu wenig dafür getan, sich mit den gewaltsam angeeigneten Exponaten aus der ehemals deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika, auseinander zu setzen. In dem wissenschaftlichen Teil der Publikation „Humboldt Lab Tanzania“, die als Ergebnis des Projekts erschien, heißt es dazu: „Eine gewaltsame Aneignung von Objekten und selbst ein derart blutiger Kontext wie der Maji-Maji-Krieg waren wohl für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Museums nicht sonderlich beachtens- oder tradierungswert: Nachdem man sich erst des Beutecharakters der Stücke sogar bediente und die für das Museum als „wertlos“ beurteilten Objekte unter Hinweis darauf an verschiedene „Provinzial- und Lokalmuseen“, Vereine, Privatpersonen und sogar eine Schule weitergegeben hatte, scheint die „Kriegsbeute“ in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg im Depot „vergessen“ worden zu sein. Als ungefähr ab den 1990er Jahren die Erforschung der Geschichte ethnologischer Sammlungen (…) an Relevanz gewann, schloss man irrtümlicherweise aufgrund der Akten, die „Kriegsbeute“ sei auf Antreiben Felix von Luschans (ehemaliger Direktor der Afrika-Abteilung des Völkerkundemusems, Anm. d. Red.) gänzlich zerstört worden, während in Wirklichkeit eine kleinere Anzahl von Objekten im Museum verblieben (…). Erst eine neue Schwerpunktsetzung im Zuge der Vorbereitung (…) für das künftige Humboldt Forum ließ die Kuratorin Paola Ivanov auf die in der Sammlung verbliebenen Stücke stoßen.“

Wissenschaftler aus Tansania zu Gast im Ethnologischen Museum in Berlin Dahlem.© SPK / Photothek / Florian Gärtner
Wissenschaftler aus Tansania zu Gast im Ethnologischen Museum in Berlin Dahlem.© SPK / Photothek / Florian Gärtner

Ein geheimnisvoller Beutel
Neben einem Munitionsgürtel und der eingangs erwähnten Speerspitze fand die Wissenschaftlerin auch einen großen Beutel aus Tierhaut mit medizinischen Gegenständen. Forschungen zufolge muss er ursprünglich einem oder einer tansanischen Heilkundigen gehört haben. Die genauen Besitzverhältnisse lassen sich nicht mehr zurückverfolgen. Jedoch fand die Historikerin und Ethnologin Kristin Weber-Sinn Hinweise darauf, dass der Beutel mit der Verhaftung von drei Heilkundigen in Muhoro im Jahre 1905 in Verbindung stehen könnte; sie waren damals vor ein Militärgericht gestellt und exekutiert bzw. zu sogenannten „Kettenhaft“ verurteilt worden. Sie wurden von den deutschen Kolonialbeamten und Militärs beschuldigt, durch Ihre rituellen Praktiken die Bevölkerung zum Widerstand anzustacheln.

Der Beutel, der überraschend im Depot des Ethnologischen Museums auftauchte, enthält unter anderem Tierknochen, Kalebassen (Gefäße aus getrockneten Kürbissen), Glasperlen, Heilpflanzen, eine Baumwurzel, Holzstücke und Tierhorn – insgesamt 96 medizinische Gegenstände. Auskunft zum Inhalt und auch zur Verwendung der Gegenstände konnten zwei in Tansania praktizierende Heilkundige geben. BesucherInnen werden den Beutel künftig zwar im Humboldt Forum zu sehen bekommen, allerdings in ungeöffnetem Zustand. Die genaue Zusammensetzung der Medizinen und Wirkweisen wird von tansanischen Heilkundigen geheim gehalten. Aus Respekt vor dieser Handhabung wird der Inhalt nicht öffentlich ausgestellt werden.

Bei mehreren Forschungsreisen nach Tansania konnte die freiberufliche Kuratorin und Historikerin Lili Reyels im Auftrag des Ethnologischen Museums enge Kontakte zu den Lehrstühlen Geschichte, Archäologie und Creative Arts der University of Dar es Salaam sowie dem National Museum and House of Culture in Tansania knüpfen und zusammen mit Sarita Mamseri, der künstlerischen Leiterin des „Humboldt Lab Tanzania“, eine projektbegleitende Ausstellung konzipieren. Die drei tansanischen Künstler Amani Abeid, Nicolas Calvin Mwakatobe, Douglas Kahabuka und die tansanische Künstlerin Pia Rutaiwa besuchten die Depots des Ethnologischen Museums. Sie erarbeiteten auf Grundlage dieses Besuchs und durch den Austausch mit anderen KünstlerInnen auf dem afrikanischen Kontinent eigene künstlerische Positionen für die Ausstellung „Living Inside the Story“.

Sarita Mamseri, künstlerische Leiterin des „Humboldt Lab Tanzania“, mit der Kuratorin Paola Ivanov im Ethnologischen Museum. (c) SPK/photothek.net/Florian Gaertner
Sarita Mamseri, künstlerische Leiterin des „Humboldt Lab Tanzania“, mit der Kuratorin Paola Ivanov im Ethnologischen Museum. (c) SPK/photothek.net/Florian Gaertner

“Manchmal waren Entrüstung und Wut groß.“
Wie emotional es während der Recherche zuging, schildert Sarita Mamseri in der dreisprachigen Buchpublikation zum „Humboldt Lab Tanzania“: „Manchmal lastete das Gewicht des Projekts mit seinen historisch-politischen Verflechtungen mit nationalen Identitäten, Eigentümerschaft, Repräsentation, Erinnerung und Verlust angesichts der Gewalt so schwer, dass es kaum möglich war, einen Schritt zurückzutreten und rein rational andere Positionen verstehen zu wollen. Manchmal waren Entrüstung und Wut dafür einfach zu groß.“

In der Podiumsdiskussion anlässlich der Buchveröffentlichung gibt die künstlerische Leiterin zudem Einblick in die anfänglichen Vorbehalte der tansanischen KünstlerInnen gegenüber dem Projekt: „Es gab ein inhärentes Mächteungleichgewicht. Das hat die KünstlerInnen verärgert, sie nannten die tansanischen Projekt-MitarbeiterInnen deutsche Marionetten.“ Auf der anderen Seite war es „die Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Objekten im Depot in Berlin, die die Künstler auf die unmittelbaren Narrative der Objekte stieß“, schreibt Lili Reyels in der Buchpublikation „Humboldt Lab Tanzania“. Es bleibt abzuwarten, auf welche Weise die tansanischen PartnerInnen ihre Interessen, Perspektiven und Standpunkte in der zukünftigen Zusammenarbeit mit dem Ethnologischen Museum und dem Humboldt Forum einbringen und realisieren können.

Auch Balthazar Nyamusya beschreibt, dass sich beim Anschauen der gewaltsam erbeuteten Objekte aus seinem Heimatland „ein tiefes Gefühl der Ungerechtigkeit“ einstellte. Er fragt aber auch: „Auf wen soll man überhaupt wütend sein?“ Und das ist wohl eine der spannendsten Fragen, die beim transnationalen Dialog zwischen Tansania und Deutschland angesichts der traumatischen kolonialen Vergangenheit gestellt werden können. Denn bei allen Versäumnissen und Ungeheuerlichkeiten, die bei der Aneignung und auch bei der Verwahrung von im Krieg erbeuteten Objekten aus Tansania im letzten Jahrhundert passiert sind – mit Paola Ivanov, Lili Reyels und Kristin Weber-Sinn gibt es inzwischen ein engagiertes Forscherinnenteam, das mit viel Respekt die Auseinandersetzung sucht und dabei auf den Kooperationswillen ihrer tansanischen Kolleginnen und Kollegen stößt.

Veranstaltung zum Humboldt Lab Tanzania. Berlin, 25.06.2018. Copyright: SPK/photothek.net/Florian Gaertner
Veranstaltung zum Humboldt Lab Tanzania. Berlin, 25.06.2018. Copyright: SPK/photothek.net/Florian Gaertner

“Wir wollen Kooperationen und Koproduktionen”
Diese machen während der Podiumsdiskussion auch klar, dass es perspektivisch ihr Wunsch ist, die Objekte zurück nach Tansania zu holen – „dorthin, wo die Sprache gesprochen wird, die sie kennen“, wie es Balthazar Nyamusya ausdrückt. Der Wissenschaftler sieht aber auch, welche wichtige Rolle die Objekte bei einer Ausstellung im künftigen Humboldt Forum spielen können und dass sie eine Chance bieten, vom Maji-Maji-Krieg aus tansanischer Sicht zu erzählen.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Gründungsintendant des Humboldt Forums, ist bei der Podiumsdiskussion im Ethnologischen Museum ebenfalls anwesend und sagt: „Natürlich sind wir bereit, Objekte zurückzugeben, die mit kolonialer Gewalt verbunden sind. Aber wir wollen auch Kooperationen und Koproduktionen mit den Gesellschaften, aus denen die Objekte ursprünglich stammen.“ Er betonte, dass er es für wahrscheinlich halte, dass die Objekte nach ein bis zwei Jahren Ausstellungszeit im Humboldt Forum zurückgegeben werden. Für die tansanische Gesellschaft wäre dieser Schritt mit Sicherheit ein wichtiger.

Lilli Reyels schreibt in der Einführung zur Publikation „Humboldt Lab Tanzania“: „Soweit es sich um Objekte des Widerstands gegen die Kolonialmacht handelt, sind wohl gerade sie im heutigen Tansania ein Teil der nationalen Identität. Die Forschung im Rahmen des Humboldt Lab Tanzania hat gezeigt, in welch subtiler Weise Objekte dazu benutzt wurden, den antikolonialen Widerstand gegen die Deutschen zu beleben und zu leben.“ Wie schön wäre es, wenn dieselben Objekte heute auch zu Symbolen der Verständigung und des friedlichen gleichberechtigten Austausches würden.

Dreisprachige Publikation (Englisch, Deutsch, Kiswahili): „Humboldt Lab Tanzania. Objekte aus den Kolonialkriegen im Ethnologischen Museum, Berlin – Ein tansanisch-deutscher Dialog“. (Für die Staatlichen Museen zu Berlin, herausgegeben von Lili Reyels, Paola Ivanov und Kristin Weber-Sinn, 398 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-496-01591-8, 59,00 €)

Ähnliche Beiträge

kommentieren

Beitrag kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *