Optisch gerade, aber doch gebogen. Das Dach der Neuen Nationalgalerie

In ästhetischer wie technischer Hinsicht bietet Architektur der Neuen Nationalgalerie viele bemerkenswerte Details. Herausragend ist die riesige Dachfläche, über die sich unsere Redakteurin Constanze von Marlin mit dem damals zuständigen Projektleiter, Heinz Oeter, unterhalten hat.

Text: schmedding.vonmarlin.

Das scheinbar schwebende Stahldach über der gläsernen Ausstellunghalle ist eines der prägnantesten Merkmale der Neuen Nationalgalerie. Die quadratische Dachfläche von rund 4.200 Quadratmetern und etwa 1.200 Tonnen Gewicht ruht auf nur acht schlanken Stahlsäulen. Nie zuvor war ein Stahlflächentragwerk von derartiger Größe hergestellt worden, so dass den Erbauern keine ausreichenden Erfahrungen für die zu erwartenden Schweißverformungen vorlagen. Die Sichtbarkeit der tragenden Stahlkonstruktion ist Teil des architektonischen Konzepts von Mies van der Rohe, jede Art von Beiwerk oder Ausschmückung zu vermeiden. Sie ist vielmehr Ausdruck des Bestrebens, die Formen der Stahlkonstruktion auf die größte Einfachheit zurückzuführen und der Ausführung besondere Sorgfalt zu widmen.

Das Dachtragwerk vor dem Aufbau der Lift-Slab-Anlage. Foto: Heinz Oeter
Das Dachtragwerk vor dem Aufbau der Lift-Slab-Anlage. Foto: Heinz Oeter

Die Präzision in der Erscheinung des Dachs studierte Mies van der Rohe aufs Genaueste anhand eines Modells. Dirk Lohan, der von Anfang an im Büro seines Großvaters an der Neuen Nationalgalerie mitarbeitete, erinnert sich: „Während der Planung äußerte Mies den Wunsch, eine große Ansicht der Trägerplatte zu bekommen, um feststellen zu können, ob sie auch wirklich eben erscheine. Es war ihm immer ein wichtiges Anliegen, die optischen Verfeinerungen in größtmöglichen Modellen zu studieren. Wir errichteten also eine volle Ansicht der Halle im Maßstab 1:5 an einer langen Wand im Büro. Mies kam und saß im Rollstuhl davor, kniff ein Auge zu und studierte stundenlang die feinsten Verschiebungen. Es war für uns alle hoch interessant zu entdecken, dass die vier Ecken der Dachplatte den optischen Eindruck erweckten, als hingen sie herab. Erst ihr Anheben um fünf Zentimeter und eine Überhöhung der Mitte um zehn Zentimeter erzeugten den gewünschten freischwebenden Eindruck eines wirklich ebenen Daches.“

Mittelträger mit Überhöhung. Foto: Heinz Oeter
Mittelträger mit Überhöhung. Foto: Heinz Oeter

Während der Bauzeit des Museums reiste Mies van der Rohe zweimal nach Berlin: 1965 zur Grundsteinlegung und im April 1967 aus Anlass der spektakulären Anhebung des großen Dachs und des Richtfests eine Woche später. Heinz Oeter, damaliger Projektleiter der ausführenden Stahlbaufirma Krupp-Druckenmüller, erinnert sich an die nervenaufreibende Projektphase: „Auf der Baustelle waren durchgehend 22 Schweißer erforderlich, um das Dach bei durchaus schwierigen Witterungsbedingungen rechtzeitig fertig stellen zu können.“

Schweißarbeiten am Dach der Neuen Nationalgalerie. Foto: Heinz Oeter
Schweißarbeiten am Dach der Neuen Nationalgalerie. Foto: Heinz Oeter

Um das Dach auf seine Gesamthöhe von über acht Metern anzuheben, mussten alle Teile auf der Terrasse zusammengeschweißt werden. Allein das Entladen aller Stahlbauteile erforderte eine präzise Planung. „Es gab noch keine leistungsfähigen Autokrane und wir mussten die vorgefertigten Stahlbauteile mit einem fest verankerten Derrick, also einem Kran mit Ausleger, entladen“, so Oeter. „Auf der Baustelle mussten wir die Stahlelemente dann mit Hilfe von Loren auf zuvor verlegten Schienen an die gewünschten Standorte transportieren.“

Der Kastenträger wird mit dem Derrick auf Loren abgesetzt. Foto: Heinz Oeter
Der Kastenträger wird mit dem Derrick auf Loren abgesetzt. Foto: Heinz Oeter

Dem von Mies gewählten Grundmaß für die Fassade von 360 Zentimetern entsprechend, ist das 64,80 mal 64,80 Meter große Dach in 18 mal 18 quadratische Felder eingeteilt. Eine kleine Überdachung der Terrasse entsteht dadurch, dass die Stahl-Glaswände vom Dachrand zwei Felder eingerückt sind. Die Ausstellungshalle besitzt somit ein Grundmaß von 50,40 mal 50,40 Metern. Das Dach ist ein Trägerrost von zwei sich rechtwinklig kreuzenden Balken mit je 19 geschweißten Stahlträgern. Die Konstruktion stellte hohe Anforderungen an die Ausführung. Vor dem Richtfest erläuterte Oeter in einem Dia-Vortrag den geplanten Montageablauf: „Mies verfolgte mit großem Interesse die Planung für den Zusammenbau der Dachkonstruktion – selbstverständlich in Begleitung einer guten Zigarre“.

Hebegeräte werden eingebaut. Foto: Heinz Oeter
Hebegeräte werden eingebaut. Foto: Heinz Oeter

Das Dach wurde am 5. April 1967 in einer spektakulären öffentlichen Aktion über die Dauer von etwa neun Stunden hochgezogen. Die Idee für dieses damals außergewöhnliche Verfahren stammte von Heinz Oeter. Gegen manche Widerstände aufgrund vermeintlicher Risiken setzte er das sogenannte Lift-Slab-Verfahren durch: In den Bereichen der endgültigen Stützen wurden dafür acht Hubgerüste aufgestellt, die mit je drei Hebern versehen waren. Dirk Lohan erinnert sich an den Tag: „Als das Dach auf einer Höhe von rund drei Metern über dem Boden schwebte, war Mies nicht davon abzubringen, unter das Dach zu gehen.“ Auch Projekt- und Bauleiter Heinz Oeter hat das Ereignis noch vor Augen: „Die damaligen Sicherheitsvorschriften ließen ein Betreten unter schwebenden Lasten eigentlich nicht zu, doch das wollte niemand Mies verbieten.“

Mies im Auto vor der "Dachunterbesichtigung" am 5.4.1967. Foto: Heinz Oeter
Mies im Auto vor der “Dachunterbesichtigung” am 5.4.1967. Foto: Heinz Oeter

Mit Begeisterung überprüfte Mies seine Vorstellungen an dem wachsenden, realen Raum. Das Absenken des Daches auf die acht Stützen um nur 15 Zentimeter dauerte etwa sieben Stunden. An jedem Heber musste ein Absenkintervall von neun Millimetern eingestellt werden, um danach alle Heber gleichzeitig abzusenken. Zeitgleich zu dem öffentlichkeitswirksamen Hochziehen der Stahlkonstruktion fand in Sichtweite die Tagung der damals stark konkurrierenden Betonindustrie in der Philharmonie statt.

Die Dachkonstruktion ist vor dem Absenken "überhoben" worden. Foto: Heinz Oeter
Die Dachkonstruktion ist vor dem Absenken “überhoben” worden. Foto: Heinz Oeter

Auf dem Richtfest am 12. April 1967 brachte Mies seinen großen Dank für die gelungene Fertigstellung des Daches zum Ausdruck. Zur Ehre der Bauleute dankte er „den Betonfritzen, den Granitleuten, den Stahlleuten und den Konstrukteuren, die eine so feine Lösung für eine so komplizierte Aufgabe gefunden haben.“ Er war beeindruckt, „wie sich das Dach vor einer Woche lautlos hob. Und auch die Begeisterung mit der hier gearbeitet wird, war mir unbekannt, obwohl ich bestimmt schon manchen Bau sah.“

Mies van der Rohe auf dem Richtfest am 12.4.1967. Foto: Heinz Oeter
Mies van der Rohe auf dem Richtfest am 12.4.1967. Foto: Heinz Oeter
Geschafft - das Dach steht auf eigenen Stützen. Foto: Heinz Oeter
Geschafft – das Dach steht auf eigenen Stützen. Foto: Heinz Oeter

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