Was macht eigentlich … Claudia Kanowski, Keramik-Expertin im Kunstgewerbemuseum

Porzellanfiguren des 18. Jahrhunderts sind eine große Leidenschaft von Claudia Kanowski. Derzeit arbeitet die Kunsthistorikerin an einer neuen Präsentation der Porzellan- und Fayencesammlung des Rokoko im Kunstgewerbemuseum.

Interview: Sven Stienen

Sie sind Kuratorin für Keramik im Kunstgewerbemuseum. Welche Epochen und Objekte umfasst dieser Sammlungsbereich und was fasziniert Sie daran?
Ich bin zuständig für sämtliche keramische Materialien vom Mittelalter bis zur Gegenwart: Irdenware, Majolika, Fayence, Steinzeug, Steingut und Porzellan. Das sind Tausende Objekte. Manche Spezialisten unterscheiden zwischen Keramik und Porzellan, aber eigentlich ist Porzellan lediglich die „Königsgattung“ der Keramik. Mich fasziniert die Keramik in all ihren Ausprägungen: die Plastizität, die Variabilität des Scherbens, die unterschiedlichen Glasurmöglichkeiten, die feinen Bemalungen, die dem Vergleich mit Gemälden durchaus standhalten – ob bei den Majoliken der Renaissance oder den Porzellanen des Rokoko. Keramik ist ein Urmaterial künstlerischer Gestaltung. Die Beschäftigung damit ist sehr bereichernd und man hört nie auf, Neues zu entdecken.

Sind Keramiken für Sie Kunstgewerbe oder Kunstwerke?
„Angewandte Kunst“ trifft es besser. Kunstgewerbe ist der historische Begriff aus der Gründungszeit unseres Museums, der aber dasselbe meint: Was wir hier zeigen, ist Kunst, mit der die Menschen sich umgeben haben und bis heute umgeben. Das reicht von exquisiten Porzellanen über Tapisserien, Möbel, Silbergerät, Glaskunst bis hin zur Mode. Die Grenzziehungen zwischen der „angewandten“ und der „freien Kunst“ finde ich fragwürdig. Für mich kann eine gut gestaltete Teeschale „Kunst“ sein – da fühle ich mich dem ostasiatischen Kunstverständnis näher als dem europäischen. Das liegt wohl am Porzellan …

Woran arbeiten Sie aktuell?
Die Neupräsentation der Porzellan und Fayencesammlung des Rokoko im Kunstgewerbemuseum am Kulturforum ist mein aktuellstes Projekt.

Was mögen Sie selbst an der Neupräsentation des Sammlungsbereiches am meisten und worauf sollten die Besucher*innen besonders achten?
Ich mag besonders die fein modellierten und bemalten Porzellanfiguren. In ihnen kommen die Beschwingtheit und das Raffinement der Rokokoepoche zwischen 1725 und 1775 wunderbar zur Geltung. Wenn man diese Bildwerke betrachtet, ist es kein Wunder, dass Fürsten und Aristokraten im 18. Jahrhundert regelrecht süchtig nach Porzellan waren. Man sprach damals sogar von der „maladie de porcelaine“, der „Porzellankrankheit“. Um den Besucher*innen den Zugang zu erleichtern, ist die neue Präsentation nach Themen- und Motivgruppen gegliedert. Es geht zum Beispiel um Tafelkultur oder den Genuss der damals ganz neuen Heißgetränke Tee, Kaffee und Schokolade. So ist nachvollziehbar, wie wichtig die Einführung des Porzellans für die europäische Kulturgeschichte war und welche Bedeutung das Material auch heute noch hat.

Wie sieht Ihr Berufsalltag jenseits solcher Projekte aus?
Sehr vielfältig – eine Mischung aus inhaltlichen und praktisch-organisatorischen Dingen. Ich arbeite an Ausstellungskonzepten, schreibe und redigiere Katalogtexte, bearbeite wissenschaftliche Anfragen und hole Angebote für verschiedene Dienstleistungen rund um unser Museum ein. Und manchmal muss ich auch ganz profan auf Leitern steigen, um Objekte aus Vitrinen und dem Depot zu holen.

Was mögen Sie am meisten an Ihrem Beruf?
Ich liebe es, unmittelbar mit den originalen Kunstwerken umzugehen, diese in die Hand nehmen und von allen Seiten betrachten zu dürfen. Sehr gerne bin ich auch im Kontakt mit Besucher*innen und versuche, zum Beispiel bei Kuratorenführungen, diese Begeisterung für die Objekte zu vermitteln und weiterzugeben. Was ist das kurioseste oder aufregendste Erlebnis, das Sie mit Ihrem Job verbinden? Wenn bei der Vorbereitung auf eine Ausstellung die Kunstwerke nicht mehr nur als Fotos auf Listen oder Plänen existieren, sondern man die Originale endlich in die Vitrinen stellen kann, dann ist das immer ein aufregender Moment. Die Objekte entwickeln dann eine Eigendynamik. Fast werden sie lebendig und beginnen, miteinander und mit den Betrachter*innen zu kommunizieren – was wiederum kurios ist.

Letzte Frage: Was würden Sie nachts allein im Museum tun?
Ich würde die Rokokofiguren hinaus zum Potsdamer Platz spazieren lassen. Im Morgengrauen müssten sie dann natürlich zurück sein und berichten, wie es ihnen im heutigen Berlin so gefällt …

Dieses Interview erschien zuerst in MUSEUM, dem Programmheft der Staatlichen Museen zu Berlin, Ausgabe II / 2019. Die neue Keramik-Präsentation “Rokokowelten” läuft bis auf weiteres im Kunstgewerbemuseum.

Titelbild: David von Becker

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