Was macht eigentlich… Jan Moje, Wissenschaftler am Ägyptischen Museum und Papyrussammlung

Bei den Staatlichen Museen zu Berlin arbeiten täglich hunderte MitarbeiterInnen daran, den Betrieb zu managen und tolle Projekte auf die Beine zu stellen. Hier schauen wir ihnen über die Schulter. Dieses Mal: Jan Moje, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ägyptischen Museum und Papyrussammlung.

Interview: Christina Hanus; Foto: David von Becker

Sie sind seit Juli 2015 für das Elephantine-Projekt angestellt, sind aber schon länger mit der Sammlung des Ägyptischen Museums verbunden …
… richtig, eigentlich besteht der Kontakt schon seit 2012. Im bis 2014 laufenden Projekt „Die ägyptische und orientalische ‚Rubensohn-Bibliothek‘ von Elephantine“ habe ich bereits die demotischen Papyri und Ostraka der Berliner Sammlung aus der Grabung von Otto Rubensohn und Friedrich Zucker auf der Insel Elephantine in Südägypten für eine Datenbank aufgearbeitet.

Woran arbeiten Sie gerade?
Derzeit beschäftige ich mich wieder (bzw. immer noch) mit den demotischen Schriftquellen aus Elephantine. „Demotisch“ ist die Bezeichnung sowohl für eine Sprachstufe des Ägyptischen als auch für die dafür verwendete Schrift. Das neue Projekt findet jetzt in einem größeren Rahmen statt, hinsichtlich sämtlicher entsprechender, weltweit vorhandener Schriftzeugnisse. Ich nehme alle Stücke in unsere Datenbank auf, gleiche die verschiedenen Publikationen der Texte miteinander ab, stelle die aktuellsten Daten zusammen, versuche die unpublizierten Stücke einzuordnen und verfasse Transkriptionen und englische Übersetzungen. Letztere verwenden das relativ neue Textkodierungsformat „TEI“, welches eine langfristige digitale Nutzung der Daten jenseits von Computermodellen und Programmen sicherstellen soll. Darüber hinaus bearbeite ich bisher unedierte und ungelesene Ostraka (beschriftete Keramikscherben) aus unserer Sammlung und erstelle prosopographische Analysen zu den in den Quellen belegten Personennamen und deren genealogischen Informationen. In den kommenden Jahren wird dann noch eine umfassende Auswertung der gesammelten Daten anstehen, hinsichtlich verschiedenster, auch derzeit noch gar nicht abzusehender Fragestellungen. Es bleibt also spannend!

Wie sieht Ihr Berufsalltag aus?
„Alltag“ im engeren Sinne gibt es eigentlich nicht, jeder Tag sieht – mal mehr und mal weniger – anders aus! Neben der Arbeit an der Papyrussammlung bin ich ja auch noch in anderen Bereichen aktiv. So beteilige ich mich an Publikationen von Objekten des Ägyptischen Museums im Rahmen von Einzelstudien, Aufarbeitungsprojekten alter Bestände oder kleinen Katalogbeiträgen für internationale Ausstellungen. Zusätzlich betreue ich als Privatdozent am Ägyptologischen Seminar der Freien Universität Berlin neben der Lehre diverse Abschlussarbeiten für Bachelor, Master und Promotion. Somit kann ich auch den Kontakt zum Nachwuchs intensiv pflegen.

Was mögen Sie am meisten an Ihrem Beruf?
Kurz gesagt: Alles! Ägyptologie war schon seit der Schulzeit mein Traum, den ich mir dankenswerterweise auch berufstechnisch erfüllen konnte. Ich schätze die Beschäftigung mit einer der spannendsten Kulturen der Alten Welt und den Möglichkeiten, jeden Tag mehr Informationen über das Leben, Sterben und die Geisteswelt des antiken Ägypten gewinnen zu können. Das Fach ist selbst international verhältnismäßig klein, man kennt (fast) jeden, und es gibt für die Zukunft noch unendlich viel Material, von kleinen Statuetten in Museen bis hin zu ganzen Gräbern und Stadtarealen in Ägypten, welche aufzuarbeiten und der Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich zu machen sind. Die Arbeit am Ägyptischen Museum und Papyrussammlung eröffnet mir zusätzlich die Möglichkeit, durch museumshistorische Studien auch der lokalen Berliner Wissenschaftsgeschichte näher zu kommen.

Und was am wenigsten?
Nichts, abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass die meisten Stellen befristet sind …

Was ist das kurioseste oder aufregendste Erlebnis, das Sie mit Ihrem Job verbinden?
Kurioses und Aufregendes gab es im Laufe der Jahre vieles. Es ist immer etwas Besonderes, wenn man einen bislang noch ungelesenen Text als erster übersetzt hat – oder wenn ich in einem kleinen Museum unerwarteterweise eine Parallele zu einem von mir bearbeiteten Stück finde.

Haben Sie ein Lieblingsobjekt?
Neben demotisch beschrifteten Gegenständen habe ich eine Objektgruppe besonders ins Herz geschlossen, die sogenannten Uschebtis. Diese sind Grabbeigaben in Form von kleinen anthropomorphen Statuetten, die ursprünglich den Verstorben darstellten und später als Vertreter des Verstorbenen die ihm im Jenseits auferlegten Arbeiten abnehmen sollten. Feldarbeit war schließlich anstrengend!
Ein Uschebti war übrigens das erste ägyptische Original, welches ich als junger Student in Münster in der Hand, oder besser gesagt im Handschuh, gehalten habe. Heute freue ich mich, dass ich schon zahlreiche Uschebtis aus weltweit verstreuten Sammlungen bearbeiten konnte – und ganz besonders über die Möglichkeit, in den kommenden Jahren den gesamten Uschebti-Bestand des Berliner Ägyptischen Museums im Rahmen der geplanten Bestandskataloge veröffentlichen zu dürfen.

Wohin würde Ihre Zeitreise in eine längst vergangene Epoche Ägyptens führen?
Ich glaube, ich würde die frühe Römerzeit wählen und schauen, was in dieser Zeit von den altägyptischen Bauten noch stand.

Letzte Frage: Was würden Sie nachts allein im Museum tun?
Im Neuen Museum, das die ägyptische Sammlung beherbergt, würde ich wohl die Ruhe genießen, mir vorstellen, wie in früheren Zeiten Besucher durchs Haus wandelten, und sicherlich bei der Betrachtung des einen oder anderen Stückes ins ägyptologische Nachdenken versinken …

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