Besucher nicht Willkommen – Die kanadischen First Nations in der Coronakrise

Während in Deutschland die Lockerung der Corona-Maßnahmen diskutiert wird, fordern viele nordamerikanische First Nations zum Selbstschutz eine weitere Abschottung. Monika Zessnik, Kuratorin im Ethnologischen Museum, berichtet aus dem Homeoffice über Herausforderungen und andere Perspektiven.

Interview: Stefan Müchler

Nicht nur die Schließung der Museen, Bibliotheken und Archive hat die Arbeitswelt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz innerhalb kürzester Zeit radikal verändert. Auch der Wechsel ins Home Office brachte für die Mitarbeiter*innen zahlreiche Umstellungen. Seit gut sechs Wochen arbeitet auch Monika Zessnik, Kuratorin am Ethnologischen Museum, vom heimischen Schreibtisch, berichtet hier über notwendige Veränderungen und gibt einen spannenden Einblick in die Lebenswirklichkeit nordamerikanischer First Nations in Zeiten von Corona.

Wald auf Haida Gwaii, Juni 2019 © Monika Zessnik
Wald auf Haida Gwaii, Juni 2019 © Monika Zessnik

War der plötzliche Wechsel ins Homeoffice ein schwieriger Schritt?
Monika Zessnik: Im Prinzip nicht, ich arbeite auch außerhalb meiner Arbeitszeit im Museum oft von zu Hause aus. Wenn man sich auf einen Text konzentrieren möchte, empfinde ich es als förderlich, ungestört im eigenen Arbeitszimmer zu sein. Zudem bin ich im Homeoffice digital recht gut ausgerüstet. Ich habe Zugang zu meinen dienstlichen E-Mails und zu den meisten digitalen Ressourcen der SPK.
In den ersten Tagen war es noch ein merkwürdiges Gefühl, an keinen Meetings oder Konferenzen teilzunehmen und auch nicht das schnelle Gespräch mit Kolleg*innen persönlich suchen zu können. Auch der informelle Austausch in der Mittagspause oder am Rande der Besprechungen fiel erst einmal weg. Unsere Leitungsebene im Ethnologischen Museum hat aber schnell Notfallpläne eingerichtet und das Kollegium gebeten, über privat eingerichtete E-Mail-Adressen erreichbar zu sein.
Viel stärker aufgefallen ist mir aber der Rückgang eingehender E-Mails. Sind es zu „normalen“ Zeiten Eingänge im höheren zweistelligen Bereich täglich – hatte ich in der zweiten Märzhälfte doch tatsächlich abends öfter ein „abgearbeitetes“ Posteingangsfach. Dies betraf auch E-Mails, die ich aus dem Ausland erhalte. Es war offensichtlich, dass überall, auch außerhalb Europas, erst einmal andere Prioritäten herrschten.

Wie funktioniert die internationale Zusammenarbeit in Zeiten von Corona?
Als Kuratorin der Sammlung nordamerikanische Ethnologie sind meine beruflichen Partner*innen vor allem in den USA und Kanada. Bei den größeren Museen dort konnte ich recht schnell ein „Hochfahren“ der digitalen Angebote feststellen. Gerade in Bezug auf aufwendige Social-Media-Präsenzen sind die Kultureinrichtungen dieser Länder den Museen in Europa ohnehin meist voraus. Aber auch kleine Einrichtungen, die sich indigenen Kulturen widmen und sich meist auch als Kulturzentren verstehen, haben Angebote geschaffen die sich direkt auf die Situation beziehen, die die Ausbreitung des Coronavirus hervorgerufen hat.

Darstellung eines amerikanisch-europäischen Paares mit Kind und Hund. Künstler unbekannt. Haida, zweite Hälfte 19. Jahrhundert © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Rainer Hatoum
Darstellung eines amerikanisch-europäischen Paares mit Kind und Hund. Künstler unbekannt. Haida, zweite Hälfte 19. Jahrhundert © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Rainer Hatoum

Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Ich bin beispielsweise regelmäßig in Kontakt mit verschiedenen Vertreter*innen der Haida. Das ist eine Ethnie der First Nations in Kanada, die vor allem auf dem Inselarchipel ¬Haida Gwaii, bis 2009 unter dem Kolonialnamen Queen Charlotte Islands bekannt, ¬im Norden von British Columbia lebt. Die Direktorin des Haida Gwaii Museum, Jisgang Nika Collison, hostet beispielsweise immer montags ein Webinar, zu dem Expert*innen als Gäste eingeladen sind. Darunter Verantwortliche aus den Bereichen Medizin, Traumabehandlung, (Lokal-)Politik und dem Sozial- und Bildungswesen, die über die aktuelle Situation auf den Inseln aus verschiedenen Perspektiven informieren und auf die Fragen der hinzugeschalteten Teilnehmenden eingehen. Dabei fällt auf, wie groß die vorherrschende Angst ist, dass sich das Virus durch Einschleppung von außen auf den Inseln ausbreiten könnte. Währenddessen wir hier in Deutschland in den letzten Tagen das Gefühl bekommen, dass es vielerorts gar nicht schnell genug zurück zur Normalität gehen kann.
Die Angst vor Infektion in British Columbia, wie auch in anderen Gebieten Nordamerikas, ist zum einen der schwachen medizinischen Versorgung und der zum Teil sehr fragilen Gesundheitszustände der First Nations geschuldet. Diese sind nicht zuletzt durch die Folgen der Kolonisierung bedingt. Zum anderen werden sie aber auch mit der überlieferten Erinnerung an die – teils gewollte – Verbreitung von Pockenepidemien und anderen Krankheiten durch Europäer*innen in Verbindung gebracht. Die Pockenepidemie auf Haida Gwaii hat 1862 in wenigen Wochen die Bevölkerung auf ein Zehntel reduziert.
Die Traumata der Kolonialgeschichte wirken deutlich bis heute nach: Bereits am 23. März wurde auf Haida Gwaii der lokale Notstand ausgerufen und die lokale, indigene Regierung, Council of the Haida Nation, bat Tourist*innen und andere potentielle Besucher*innen den Inseln fernzubleiben. Leider halten sich viele „non-residents“ nicht an die Vorgaben und versuchen nach wie vor per Fähre nach Haida Gwaii zu gelangen; darunter sind auch Menschen, die meinen, dass ihnen eine abgelegene Insel den idealen Zufluchtsort zum Schutz vor dem Coronavirus bietet.
Als Reaktion darauf demonstrierten Haida-Bewohner*innen an der Anlegestelle der Fähre vom Festland. Der Protest, an dem Hunderte von Menschen teilnahmen, zeugte von erhöhter Besorgnis über die mögliche Ausbreitung des Virus in dem abgelegenen Gebiet nach einem Ausbruch auf Vancouver Island im Süden British Columbias, bei dem in der vergangenen Woche eine Frau an COVID-19 verstarb. Auf Haida Gwaii gibt es nur ein Dutzend Intensivkrankenhausbetten und zwei Beatmungsgeräte. Ein Ausbruch von COVID-19 würde die verfügbaren Gesundheitsressourcen schnell überfordern. Bisher ist nur ein Fall von Ansteckung auf den Inseln bekannt, ich hoffe mit allen Bewohner*innen vor Ort, dass es so bleibt.

Angehörige der Haida Nation schützen sich durch Abschottung vor dem Coronavirus © Vince Collison
Angehörige der Haida Nation schützen sich durch Abschottung vor dem Coronavirus © Vince Collison

Abgesehen von den persönlichen Kontakten, worauf muss man im Home Office noch verzichten?
Was mir fehlt, ist der direkte Zugang zu den Objekten der Sammlung Nordamerika, die ich als Kuratorin betreue. Es ist eben doch etwas anderes, mir eine Abbildung anzusehen oder, wenn ich schnell ins Depot gehe und das Objekt – auch haptisch – direkt vor mir habe bzw. mit Kolleg*innen direkt darüber diskutieren kann. Da wir aber bereits seit einigen Jahren aktiv am Umzug unserer Ausstellungen ins Humboldt Forum arbeiten, ist es schon zur Gewohnheit geworden, dass Objekte nicht zur Verfügung stehen, weil sie gereinigt oder restauriert werden bzw. schon für den Umzug verpackt sind. Auch in Bezug auf das Archivmaterial, zum Beispiel Erwerbungsakten zur Provenienz der Objekte, werden wir zukünftig immer seltener mit den analogen Originalen arbeiten. Seit einigen Jahren werden unsere historischen Akten in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt digitalisiert. Da sie zu einem guten Teil aus dem 19. Jahrhundert stammen, sind sie häufig sehr fragil und sollen nicht mehr allzu oft angefasst werden. Mindestens genauso wichtig ist jedoch, dass die Akten durch die zukünftige Bereitstellung auf digitalen Plattformen, auch für eine breite Öffentlichkeit zugänglich sind. Transkription und Übersetzung ins Englische, der oft in Sütterlin sowie schlechter Handschrift geschriebenen Materialien, werden sie dann im nächsten Schritt auch Menschen ohne Deutschkenntnisse zugänglich machen.

Die FAQs zu COVID-19 der Haida Nation werden seitdem regelmäßig innerhalb weniger Tage erneuert. Möglichst übersichtlich werden hier Fragen zu Social Distancing, Quarantäne, medizinischer und psychologischer Hilfe beantwortet sowie Hinweise zu Möglichkeiten des Einkaufs oder der Ernte außerhalb des eigenen Wohngebiets gegeben.

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1 Kommentar

  1. Ich verfolge seit einigen Wochen über Google News Nachrichten über die Haida Nation.
    Es ist mir aufgefallen, dass anscheinend den Verantwortlichen in BC, welche die Haida Nation
    schützen sollten, der Tourismus wichtiger ist und dieses Volk dadurch in Gefahr bringen.

    Wie aktuell ist Ihr Wissen und was kann getan werden?

    mag
    Günther Mehl

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