Biografien der Objekte: Ein Federschmuck und viele Fragen

Francis La Flesche gilt als erster indigener Ethnologe Nordamerikas. Er brachte im Auftrag der Königlichen Museen eine beachtliche Sammlung von Kulturgütern der Omaha nach Berlin – und war seit jeher umstritten. Heute arbeiten seine Nachfahren mit dem Ethnologischen Museum zusammen, um die Wege der Objekte und die Bedeutung La FLesches zu rekonstruieren.

Text: Ilja Labischinski, Provenienzforscher am Zentralarchiv/Ethnologisches Museum

Auf der Autofahrt vom Flughafen holt Pierre Merrick einen Ausweis hervor, der ihn als Mitglied der Umóⁿhoⁿ (Omaha) ausweist, einer von 562 offiziell anerkannten indigenen Nationen Nordamerikas. Auf seinem Ausweis ist außerdem sein Blood Quantum vermerkt, das besagt zu wieviel Prozent er Umóⁿhoⁿ ist. Das Blood Quantum muss bei mindestens 50 % liegen, um als Umóⁿhoⁿ anerkannt zu werden. Pierre ist gemeinsam mit einer Delegation der Umóⁿhoⁿ nach Berlin gekommen, um mit dem Ethnologischen Museum eine Ausstellung im Humboldt Forum über Francis La Flesche, seinen Vorfahren, zu konzipieren.

Francis La Flesche (1857-1932) gilt heute als erster indigener Ethnologe Nordamerikas. Nachdem er in Washington D. C. sein Jura Studium erfolgreich abgeschlossen hatte, unterstützte er den Ponca Chief Standing Bear bei dessen Kampf zur Anerkennung von Bürgerrechten für alle Native Americans in den USA. Diese Erfahrung prägte seine spätere Arbeit als Wissenschaftler und politischer Aktivist. In den 1880er-Jahren lernte Francis La Flesche die Ethnologin und Musikwissenschaftlerin Alice Fletcher kennen, die ihn dazu ermutigte, Ethnologie zu studieren und zunächst als ihr Informant, später als ihr Partner zu arbeiten. Gemeinsam verfassten sie das Buch „The Omaha Tribe”, das heute noch als ethnologisches Standardwerk zu den Umóⁿhoⁿ gilt. Francis La Flesche ist bis heute nicht unumstritten. Durch seine Rolle als Ethnologe und Insider in der Community hatte er Zugang zu vielen kulturell sensiblen Bereichen und Daten, die er der Wissenschaft und den Museen zugänglich machte. Tat er das Richtige, indem er die Objekte für spätere Generationen in Sicherheit brachte oder verriet er seine Gemeinschaft, indem er die Objekte zu seinem eigenen Vorteil in ein Museum brachte?

Der Federkopfschmuck der Umóⁿhoⁿ Im Depot des Ethnologischen Museums. © Christoph Mack
Der Federkopfschmuck der Umóⁿhoⁿ Im Depot des Ethnologischen Museums. © Christoph Mack

“Auf jeder Feder Kriegsehrungen”

1894 beauftragt das damalige Königliche Museum für Völkerkunde Francis La Flesche eine Sammlung von Objekten zusammenzustellen, die seine eigene Kultur, die der Umóⁿhoⁿ, am besten repräsentieren würde. 1898 schickt La Flesche zirka 60 Objekte mitsamt einer umfangreichen Dokumentation in Form eines Kataloges nach Berlin. Teil dieser Sammlung ist ein Federkopfschmuck oder “Mon-´shon-pa-gdhon”, der für La Flesche von besonderer Bedeutung gewesen sein muss. So erwähnt er diesen als erstes Objekt gleich im zweiten Satz seines Kataloges: „Alle hier enthaltenen, zur möglichst ausführlichen Veranschaulichung des Lebens und der Bräuche des Omaha-Indianerstamms zusammengetragenen Gegenstände wurden entweder direkt bei den Indianern erworben oder von ihnen nach uralten Bräuchen hergestellt. Die Adlerfederhaube wurde von mehreren alten Indianerkriegern auf zeremonielle Weise gefertigt. Auf jeder Feder wurden Kriegsehrungen aufgezählt und während der Herstellung sang man die rituellen Lieder.“

Vertretende der Umóⁿhoⁿ in den Depoträumlichkeiten des Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin in Dahlem. Im Vordergrund: Objekte der Sammlung La Flesche. © SHF
Vertretende der Umóⁿhoⁿ in den Depoträumlichkeiten des Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin in Dahlem. Im Vordergrund: Objekte der Sammlung La Flesche. © SHF

Der Federkopfschmuck hat für Pierre Merrick eine besondere Bedeutung: „Der Mann, der diesen Kopfschmuck getragen hat, muss ein besonderer Mann gewesen sein, einer den wir heute in unserer Gemeinschaft nicht mehr haben. Aufgrund der Taten, die er getan haben muss, um als Chief und Führer anerkannt zu werden, muss er vieles geopfert haben, um das zu erreichen. Viele der Objekte, wie der Federkopfschmuck, der einem Chief gehört haben muss, existieren heute nicht mehr in unserer Gemeinschaft. Der einzige Ort auf der Welt, wo man sie finden kann, ist hier in Berlin.“
Die Beziehung von Pierre Merrick zu den Objekten in Berlin ist besonders emotional. Nachdem Francis La Flesche die Sammlung im 19. Jahrhundert nach Berlin schickte, ist es Pierre Merrick, der die Objekte als erster Umoⁿhoⁿ nach mehr als hundert Jahren wieder berühren kann. Die Existenz der Sammlung war den Umoⁿhoⁿ heute gänzlich unbekannt versichert Wynema Morris, Dozentin am Nebraska Indian Community College, das für die höhere Bildung in der Reservation verantwortlich ist. Den Katalog, den La Flesche mit den Objekten nach Berlin schickte, setzt sie heute in ihren Vorlesungen ein. Für Morris steht im Vordergrund, dass die Objekte von vielen Umoⁿhoⁿ hergestellt wurden und La Flesche diese nur im Einverständnis mit der Gemeinschaft nach Berlin verkaufen konnte. Wer die Objekte hergestellt haben könnte, ist ein Ziel der gemeinsamen Forschung des Colleges und des Ethnologischen Museums an der Sammlung.

Fragen nach der heutigen sozialen Situation

Die Erfahrungen von Rassismus, Gewalt und Landverlust prägen die Umóⁿhoⁿ Community bis heute. In diesem Kontext ist die Berliner Sammlung von besonderer Bedeutung, denn sie zeugt vom Widerstand gegen Kolonialisierung. Sie bietet den Menschen die Möglichkeit sich mit ihren Vorfahren und Lebensweisen wieder zu verbinden und mit Stolz auf ihre eigene Geschichte zu blicken und diese zu präsentieren. Die gemeinsame Arbeit an der Sammlung zeigt, wie tiefgreifend koloniale Kontexte in den Sammlungen ethnologischer Museen eingeschrieben sind, auch bei vermeintlich „unproblematischen“ Sammlungen.

Federkopfschmuck im Katalog von Francis La Flesche.  © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum
Federkopfschmuck im Katalog von Francis La Flesche. © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum

Die erste Begegnung mit Pierre auf der Autofahrt vom Flughafen zum Hotel machte deutlich, dass es sich bei der Sammlung um weit mehr als eine frühe Selbstrepräsentation einer indigenen Kultur Nordamerikas handelt, sondern dass sie Fragen nach der heutigen sozialen und politischen Situation der Umóⁿhoⁿ aufwirft.

Die Sammlung von Francis La Flesche ist der Ausgangspunkt eines Forschungs- und Ausstellungsprojektes, dass das Ethnologische Museum Berlin gemeinsam mit der Stiftung Humboldt Forum und dem Nebraska Indian Community College realisiert. Die Ausstellung „Gegen den Strom: Francis La Flesche und die Umóⁿhoⁿ“, wird die Biografie und die Sammlung von Francis La Flesche thematisieren und deutlich machen, wie Geschichte und Vergangenheit die Gegenwart und Zukunft der Umóⁿhoⁿ bis heute prägen.

Pierre Merrick ist Nachfahre des amerikanischen Ethnologen Francis La Flesche.  © Christioph Mack
Pierre Merrick ist Nachfahre des amerikanischen Ethnologen Francis La Flesche. © Christoph Mack

Die Zusammenarbeit zeigt, wie zukunftsorientiert Provenienzforschung an ethnologischen Sammlungen sein kann und wie dadurch Sammlungen reaktiviert werden können, um kollaborativ an den Objekten und den Themen, die sie umkreisen, zu forschen.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe anlässlich des 2. Tags der Provenienzforschung, einer Initiative des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. Der Aktionstag am 8.4.2020 soll darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Entschlüsselung der Objektbiografien auf wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene ist. Aufgrund der Coronakrise werden viele der geplanten Aktionen nun in den digitalen Bereich verlegt. Auf Twitter wird der Hashtag #TagderProvenienzforschung den Aktionstag begleiten. Kontakt zu Fragen der Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin: provenienzforschung@smb.spk-berlin.de

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