Biografien der Objekte: Der Hut der Chugach

Ende des 19. Jahrhunderts brachte der norwegische Seefahrer Johan Adrian Jacobsen mehrere Objekte der Chugach aus Alaska nach Berlin. Unter den etwa 200 Objekten ist auch ein besonderer Hut, der in den Quellen nirgends auftaucht – Gemeinsam mit Vertrtetern der Chugach ergründeten die Forscher*innen am Ethnologischen Museum seine Geschichte.

Text: Ilja Labischinski, Provenienzforscher, Zentralarchiv/Ethnologisches Museum

„Was ist mit unseren Vorfahren passiert?“ fragt John Johnson. Er ist zu Besuch im Depot des Ethnologischen Museums und liest einen Reisebericht von Jacobsen vor. Darin beschreibt Jacobsen, wie er die Mumien einer Frau und eines Kindes aus einer Begräbnishöhle holt. Diese seien allerdings in einem so schlechten Zustand, dass es ihm lediglich gelingt, den Schädel der Frau an Bord seines Schiffes zu bringen. John Johnson ist Vizepräsident der Chugach Alaska Corporation und ist gemeinsam mit einer Delegation der Kulturorganisation Chugachmiut im Herbst 2015 nach Berlin gereist. Sein Ziel: eine Kooperation für eine virtuelle Sammlung aller Chugach Objekte zu erstellen. Er möchte auch mehr über den Verbleib der Objekte und über die menschlichen Überreste erfahren, die im Berliner Museum seit über 100 Jahren lagern.

Jagdhut, IV A 6174. © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Photo: Martin Franken.
Jagdhut, IV A 6174.
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Photo: Martin Franken.
Foto anlässlich der Rückgabe der Objekte an die Chugach Alaska Corporation im Mai 2018. © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Foto anlässlich der Rückgabe der Objekte an die Chugach Alaska Corporation im Mai 2018.
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Die Objekte der Chugach im Ethnologischen Museum werden von dem norwegischen Seefahrer Johan Adrian Jacobsen nach Berlin gebracht, der im Auftrag des damaligen Königlichen Museums für Völkerkunde zwischen 1881 und 1883 die amerikanische Nordwestküste und Alaska bereist. Am Ende seiner Reise im Juli 1883 erreicht Jacobsen den Prince William Sound im südlichen Alaska. Auf den Inseln Chenega und Nuchek erwirbt er größere Sammlungen ethnologischer Objekte, auf Chenega Island fast 200 Objekte, darunter auch einen auffälligen Hut.

Johan Adrian Jacobsen.  © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Johan Adrian Jacobsen.
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Die Region des Prince William Sound steht von frühen Zeiten an im Fokus europäischer Interessen. So sind es Mitte des 18. Jahrhunderts russische Pelzhändler, die in der Region sich ansiedeln und später kolonisieren. Darunter litten vor allem die Menschen im südlichen Alaska. So werden unter anderem Frauen und Kinder entführt, Männer müssen Zwangsarbeit leisten und Krankheiten verbreiteten sich so schnell, dass viele Menschen sterben. Der Verkauf Alaskas von Russland an die USA im Jahr 1867 verändert die Situation der indigenen Bevölkerung kaum. Anfang des 20. Jahrhunderts dezimierte eine Pockenepidemie die Bevölkerung drastisch und ein Erdbeben mit darauffolgendem Tsunami zerstört einen Großteil der Gebäude vieler Ortschaften. 1989 ereignet sich der folgenschwere Unfall des Öltankers Exxon Valdez, bei dem geschätzte 37.000 Tonnen mehr als 2000 Kilometer Küste verseuchen. Hunderttausende Tiere sterben als direkte Folge des Unglücks und vergiften sich teils bis heute schleichend über die Nahrungsaufnahme. Die Situation der indigenen Bevölkerung Alaskas ändert sich im Jahr 1971 als die US-Regierung den Alaska Native Claims Settlement Act (ANCSA) erlässt, in dessen Folge auch die Chugach Alaska Corporation gegründet wird und nun selbstbestimmt über ihr Land und dessen Ressourcen bestimmen können. Seitdem setzt sie sich auch für die Bewahrung ihres kulturellen Erbes ein.

Reiseroute von Johan Adrian Jacobsen.  © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Reiseroute von Johan Adrian Jacobsen.
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Im November 1883 kehrt Jacobsen nach Berlin zurück. Dort entpackt und katalogisiert er seine Sammlungen, die bereits im Museum eingetroffen waren. Nebenbei bereitet er mithilfe eines Journalisten seine Tagebücher für die Veröffentlichung vor, die 1884 unter dem Titel „Capitain Jacobsen’s Reise an der Nordwestküste Amerikas 1881–1883: zum Zwecke ethnologischer Sammlungen und Erkundigungen nebst Beschreibung persönlicher Erlebnisse“ erscheinen.

Wie bei vielen anderen Objekten in den Sammlungen des Ethnologischen Museums sind die genauen Erwerbungsumstände der Objekte aus dem südlichen Alaska unbekannt. In seinem Reisebericht erwähnt Jacobsen zu den Objekten von Chenega Island lediglich: „Am Abend kehrten wir nach dem Dorfe zurück, in dem ich alle ethnographischen Gegenstände kaufte, die zu haben waren. […] Die ethnographischen Gegenstände, welche ich hier kaufte, bestanden aus Steinäxten, hölzernen Tellern mit eingelegter Perlenarbeit, grossen Steinlampen, Perlenarbeiten, Jacken aus Adlerhäuten u.a.m.“. Der Hut wird also im Reisebericht gar nicht erwähnt, gehört aber vermutlich zu denjenigen Objekten, die Jacobsen auf Chenega Island erwirbt. Solche Hüte waren wertvolle Familienerbstücke und lassen Fragen offen. Warum wird dieses auffallende und wichtige Objekt nicht weiter erwähnt?

Swen Selanoff im Depot des Ethnologischen Museums im November 2019. © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz Photo: Timo Weißberg.
Swen Selanoff im Depot des Ethnologischen Museums im November 2019.
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz Photo: Timo Weißberg.

Bei dem aus Fichte geflochtenen Hut handelt es sich vermutlich um einen Hut zur Jagd. Das herausragende Design erinnert eher an die Motive der amerikanischen Nordwestküste. Er ist mit zahlreichen bunten Perlen dekoriert. Auffallend sind die langen Schnurhaare eines Seelöwen. Die rote und schwarze Farbe auf dem Hut ist bereits leicht verblasst und lässt nur noch erahnen, wie farbenfroh der Hut einmal gewesen sein muss. Einen solchen Hut trugen die Männer auf See während der Jagd. Einerseits schützt er sie vor Regen und Wasser und andererseits dienen sie dem Jäger als Tarnung.

In den Sammlungen der Smithsonian Institution in den USA findet sich ein ähnlicher Hut, der durch William J. Fisher in das Museum gelangte. Jacobsen begegnete Fisher mehrfach auf seiner Reise in Alaska. Fisher erwähnt in einem Brief, dass Jacobsen im Prince Williams Sound eine hervorragende Sammlung an Objekten zusammenstellen konnte, insbesondere die Mumien hob er dabei vor. Fisher beschreibt aber auch, dass Jacobsen durch seine unendlich wirkenden finanziellen Mittel die Preise in der Region in die Höhe treiben würde. Ein Vorwurf, den Jacobsen aber selbst gegenüber Sammlern erhob, die zeitgleich durch die Region reisten. In seinem Reisebericht schreibt Jacobsen über Fisher: „In St. Paul machte ich einige interessante Bekanntschaften. Zunächst lernte ich Herrn Fischer kennen, welcher hierselbst als Beamter der Coast Survay thätig ist und zugleich für Smithsonian Institution sammelt…. Nach einem Abkommen, welches ich mit Capitain Andersen getroffen hatte, ging die Hälfte der Funde in den Besitz des Herrn Fischer in St. Paul über. Ohne eine derartige Abmachung würde ich wahrscheinlich gar nichts erhalten haben.“

1879 zieht es William J. Fisher nach St. Paul auf Kodiak Island, wo er im Auftrag des Smithsonian vor allem naturhistorische, später auch verstärkt ethnographische Objekte sammelt. Heute sind über 400 Objekte von Fisher in den Sammlungen des National Museum of Natural History in den USA. Fisher war einer von vielen Sammlern, die das Smithsonian gegen Ende des 19. Jahrhunderts in alle Regionen Alaskas entsandte, um ihre Sammlungen flächendeckend auszubauen und die Objekte aus dem von Russland erkauften Gebiet für die eigene Nation zu sichern. Um an Objekte zu gelangen war er auf von ihm beauftragte Sammler angewiesen. Jacobsen mag einer dieser Sammler gewesen sein.

Eine Abgabe von Objekten an Fisher wird nirgendwo weiter erwähnt, so dass wir leider heute nicht wissen, ob und welche Objekte damals aus der Sammlung abgegeben wurden. Ein Blick in die Sammlungen des National Museum of Natural History aus dem südlichen Alaska lassen jedoch vermuten, dass sich heute von Jacobsen gesammelte Objekte in dem amerikanischen Museum befinden.

Kayak Modell, IV A 6330. © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Photo: Martin Franken.
Kayak Modell, IV A 6330.
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Photo: Martin Franken.

Die Sammlungen aus Alaska standen lange Zeit nicht im Fokus der Forschungen ethnologischer Museen. Im Berliner Museum änderte sich dies spätestens 1997 mit dem Besuch einer Delegation der Yupik aus dem nordwestlichen Alaska und den Vorbereitungen für die Ausstellungen im Humboldt Forum, in denen die Sammelreise von Johan Adrian Jacobsen prominent thematisiert wird.

Wurfbrett, IV A 6257. © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Photo: Martin Franken.
Wurfbrett, IV A 6257.
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Photo: Martin Franken.

Dies betraf allerdings nicht die Sammlungen aus dem südlichen Alaska. Diese gelangen erst durch die Forschungen im Vorfeld des Aufenthalts der Delegation der Chugach in den Fokus. Die Objekte aus der Region sind kaum dokumentiert und praktisch alle nicht digital erfasst. Viele der Objekte waren vor dem Aufenthalt noch als Kriegsverluste gekennzeichnet, konnten aber wieder ausfindig gemacht werden. Obwohl einige Objekte fotografiert und über den Onlinekatalog des Museums und verschiedene Publikationen öffentlich zugänglich sind, waren die Objekte der Delegation der Chugach gänzlich unbekannt.

Besuch einer Delegation der Chugach im November 2019 © Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz Photo: Timo Weißberg.
Besuch einer Delegation der Chugach im November 2019
© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz Photo: Timo Weißberg.

Erst nachdem John Johnson uns den Reisebericht Jacobsens vorliest änderte sich dies. Wir machten uns gemeinsam an die Arbeit, die menschlichen Überreste und die Grabbeigaben zu identifizieren. Während der Verbleib der menschlichen Überreste bis heute nicht geklärt ist, konnten wir gemeinsam neun Objekte identifizieren, die von Jacobsen aus Gräbern im südlichen Alaska entnommen wurden. 2018 konnte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz diese neun Objekte an die Chugach Alaska Corporation zurückgeben. Weiter bleiben über 200 Objekte aus der Region in den Sammlungen des Ethnologischen Museums und sind nun Teil gemeinsamer Forschung. Dazu besuchte 2019 erneut eine Delegation von Vertretern der Chugach das Ethnologische Museum und arbeitet nun gemeinsam an Projekten zur Provenienz, Vermittlung und Ausstellung der Objekte und des damit verbundenen Wissens.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe anlässlich des 2. Tags der Provenienzforschung, einer Initiative des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. Der Aktionstag am 8.4.2020 soll darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Entschlüsselung der Objektbiografien auf wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene ist. Aufgrund der Coronakrise werden viele der geplanten Aktionen nun in den digitalen Bereich verlegt. Auf Twitter wird der Hashtag #TagderProvenienzforschung den Aktionstag begleiten. Kontakt zu Fragen der Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin: provenienzforschung@smb.spk-berlin.de

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