“Eine völlig neue Art des Arbeitens” – Digitalisierungsprojekt im Münzkabinett

Ein Projekt zur Rekonstruktion der vorkaiserzeitlichen Geldgeschichte Kleinasiens wird von der EU mit zwei Millionen Euro gefördert. Bernhard Weisser, der Direktor des Münzkabinetts, über die Ziele des Projekts und warum Numismatik und Geldgeschichte einen wichtigen Baustein zur Erforschung der Vergangenheit liefern.

Interview: Sven Stienen

Digitalisierung ist auch für die Numismatik das Gebot der Stunde, sind die Forschungsmaterialien doch oftmals weit verstreut und nur schwer zugänglich. Ein umfassender Typenkatalog zur vorkaiserzeitlichen Münzprägung in Kleinasien fehlt bisher: Es geht immerhin um ca. 336 Münzstätten, zahlreiche wechselnde Herrscher und eine Zeitspanne, die sich vom 7. Jh. v. Chr. mit der Erfindung der Münzprägung als Kulturtechnik bis zum Beginn der römischen Kaiserzeit im Jahr 30 v. Chr. erstreckt.

Ein auf fünf Jahre angelegtes gemeinsames Forschungsprojekt der Universität Oxford, des British Museum in London und des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin soll nun einen solchen Typenkatalog zur vorkaiserzeitlichen Münzprägung in Kleinasien erstellen, der digital zugänglich sein wird. Das Projekt „Change: The Development of the Monetary Economy of Ancient Anatolia, c. 630-30 BCE“ wird von der Europäischen Union mit zwei Millionen Euro gefördert. Im Gespräch erklärt Bernhard Weisser, der Direktor des Münzkabinetts, was in dem Projekt passiert und warum Numismatik und Geldgeschichte einen wichtigen Baustein zur Erforschung der Vergangenheit liefern.

Ansicht der Münzstätten Kleinasiens im ikmk.smb.museum
Ansicht der Münzstätten Kleinasiens im ikmk.smb.museum

Worum geht es bei dem Projekt?
Bernhard Weisser: In dem Projekt soll die antike Münzprägung in Kleinasien, in der heutigen Türkei, erforscht werden. Die Münzprägung ist eine Kulturtechnik, die im 7. Jahrhundert v. Chr. in dieser Region entwickelt wurde. Bis heute sind viele Münzen aus dem Zeitraum von ca. 650 v.Chr. bis zum Beginn der römischen Kaiserzeit um 30 v.Chr. erhalten. Doch bisher gibt es noch keine Gesamttypologie dieser Münzen, die die Arbeit mit ihnen sehr erleichtern würde. Das Münzkabinett verfügt über mehr als 100.000 antike griechische Münzen. Das Ziel des Kooperationsprojektes ist es, einen digitalen Typenkatalog auf der Basis großer Sammlungen zu entwickeln. Deswegen arbeiten wir mit dem British Museum zusammen, denn dort gibt es ebenfalls eine große Münzsammlung. Aber auch andere internationale Sammlungen sind beteiligt, etwa die Bibliothèque nationale de France in Paris und die American Numismatic Society in New York. Wir arbeiten mit diesen Institutionen seit 1998 in sammlungsübergreifenden Münzportalen zusammen. Diese Münzportale basieren auf gedruckten Publikationen. Das Innovative an unserem aktuellen Projekt ist, dass wir kein gedrucktes Buch herausgeben, sondern eine digitale Plattform der Vernetzung schaffen wollen.

Das Projekt ist eine Kooperation mit der Oxford University und dem British Museum. Welche Vorteile bieten solche internationalen Kooperationen in der Forschung?
Die Koordination liegt bei Professor Andrew Meadows von der Oxford University, der zuvor als Kurator des British Museums und der American Numismatic Society gearbeitet hat und ein Pionier der digitalen Transformation ist. Er ist so etwas wie der Motor der Digitalisierung in der Numismatik. Wir vom Münzkabinett spielen da ebenfalls auf einem Top-Level mit, denn wir haben uns bereits sehr früh an Prozessen rund um die Digitalisierung der Münzsammlungen beteiligt. Diese Tugend wurde aus der Not geboren: Als ich 1996 beim Münzkabinett anfing, konnten wir unsere Bestände nicht effektiv publizieren, da Print sehr teuer ist und es nicht genügend Mittel gab, um 540.000 Objekte zu veröffentlichen. Wir mussten also einen anderen Weg einschlagen und haben uns früh mit den digitalen Medien beschäftigt. Der Mehrwert dieser Medien besteht in den neuen Möglichkeiten der Vernetzung und der Herstellung von inhaltlichen Bezügen.

Beginn der Münzprägung in Kleinasien im 7. Jh. v. Chr.: Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Reinhard Saczewski.
Beginn der Münzprägung in Kleinasien im 7. Jh. v. Chr.:
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Reinhard Saczewski.
Beginn der Münzprägung in Kleinasien im 7. Jh. v. Chr.: Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Reinhard Saczewski.
Beginn der Münzprägung in Kleinasien im 7. Jh. v. Chr.:
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Reinhard Saczewski.

Was meinen Sie damit konkret?
Wenn ich zum Beispiel in die Erforschung einer Münze eine Information wie die Biografie eines bestimmten griechischen Herrschers einbeziehen möchte, muss ich nun nicht mehr alles selber recherchieren und schreiben. Ich kann stattdessen auf entsprechende Normdaten-Quellen verlinken, wo alle Informationen bereits von Spezialisten aufbereitet wurden. Außerdem ergeben sich durch die Verlinkung zahlreiche neue inhaltliche Querbezüge. Wenn etwa jemand im Web nach Novalis sucht und über dessen numismatische Interessen liest, stößt er vielleicht auf diesem Weg auf uns, da wir die Sammlung von Novalis bei uns aufbewahren! Hinzu kommt, dass wir im digitalen Raum viel mehr als in jeder Ausstellung zeigen können. Von den ca. 540.000 Objekten, die das Münzkabinett besitzt, zeigen wir etwa 5000 in verschiedenen Ausstellungen auf der Museumsinsel, im Bode-Museum, im Alten und im Neuen Museum. Im Netz hingegen haben wir quasi unbegrenzten Platz, wir können viel mehr Objekte zugänglich machen und diese, Dank der heutigen Fototechnik, auch viel näher und detaillierter zeigen: in Vergrößerung, von beiden Seiten und mit umfangreichen Kommentaren.

Zurück zum aktuellen Projekt: Wie sieht die Aufgabenverteilung aus?
Wir erfassen die Daten unserer Sammlung, also die Kerndaten zu den Objekten, aber auch weiterführende Informationen zu den Provenienzen etc. Wir exportieren diese Daten zur Projektwebseite in Oxford. Dies ist kein einmaliger Export: wenn wir etwas verändern, ändert sich entsprechend auch der Eintrag in Oxford. Dort werden auch die Objektbeschreibungen auf Englisch erstellt, und die Münzen werden in Typologien zusammengefasst. Diese Datensätze können wir dann wiederum verwenden, um unsere eigenen Einträge für die deutschsprachigen Nutzer zu verbessern. Diese fließen dann wieder in ganz andere Portale ein, wie etwa smb-digital oder die Deutsche Digitale Bibliothek. Wir beteiligen uns auch mit diesem internationalen Projekt intensiv an der Schaffung einer Nationalen Dateninfrastruktur (NFDI), für die das Projekt Pilotcharakter hat. Bei uns im Münzkabinett liegt dann in Zukunft die Verantwortung, die Daten, auch über die Projektlaufzeit hinaus, laufend zu pflegen und zu aktualisieren.
Das ist ein neuer Forschungsprozess, völlig anders als noch in den 1990er Jahren. Damals haben wir unser Forschungswissen an die Besteller von Münzgipsen oder -fotos abgegeben. Dann arbeiteten andere Leute damit und wir waren an dem weiteren Forschungsprozess nicht mehr beteiligt. Heute liegt der Fokus viel stärker auf kollaborativem Arbeiten: Es wird anerkannt, dass die kuratorische Kompetenz wichtige Beiträge liefert, die dann auch auf der Webseite sichtbar werden.

Kleinasien unter persischer Oberhoheit. Goldstater mit persischen Bogenschützen vom Beginn des 4. Jh. v. Chr., Münzstätte Lampsakos.  Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Dirk Sonnenwald
Kleinasien unter persischer Oberhoheit. Goldstater mit persischen Bogenschützen vom Beginn des 4. Jh. v. Chr., Münzstätte Lampsakos.
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Dirk Sonnenwald
Kleinasien unter persischer Oberhoheit. Goldstater mit persischen Bogenschützen vom Beginn des 4. Jh. v. Chr., Münzstätte Lampsakos.  Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Dirk Sonnenwald
Kleinasien unter persischer Oberhoheit. Goldstater mit persischen Bogenschützen vom Beginn des 4. Jh. v. Chr., Münzstätte Lampsakos.
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Dirk Sonnenwald

Das Projekt wird mit knapp zwei Millionen Euro gefördert, was geschieht mit diesen Mitteln konkret?
Das Geld fließt fast vollständig in Personalkosten und die Fotodokumentation. Wir haben Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler eingestellt, die die Münzen beschreiben, Literatur recherchieren und Bezüge herstellen, so dass am Ende eine vollständige Geldgeschichte der beforschten Region entsteht. Voraussetzung dafür sind eine Typologie und Musterdatensätze zum Abgleich von Objekten. Diese können dann auch anderen Museen helfen, indem sie verlässliche Infos zu vergleichbaren Objekten liefern. Das dient letztlich auch dem Kulturgutschutz, denn auch unsere KollegInnen vor Ort in der Türkei können auf unsere Datenbanken zugreifen und damit arbeiten. Es ist ein Angebot an andere, mit unseren Daten zu arbeiten und gleichzeitig auch eigene Daten zur vorkaiserzeitlichen Numismatik in Kleinasien einzuspeisen.

Welche Rolle spielt die Geldgeschichte bei der Erforschung der Vergangenheit?
Münzen sind Primärzeugnisse der Antike. Sie geben Auskunft über Zeiten und Ereignisse, die in anderen Quellen wenig repräsentiert sind. Wir wissen zum Beispiel sehr wenig über die Herrschaft der Perser in Kleinasien. Unsere Quellen sind überwiegend aus der Sicht der Griechen geschrieben – die Münzen zeigen andere Aspekte dieser Epoche vom 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr., die uns helfen, ein vollständigeres Bild zu zeichnen. Aber auch andere historische Ereignisse können aus geldgeschichtlicher Perspektive beleuchtet werden, etwa die Feldzüge des Mithridates gegen die Römer oder verschiedene Identitätskonstruktionen sonst weitgehend unbekannter antiker Städte. In Korrespondenz mit anderen archäologischen Zeugnissen, wie etwa der Architektur, können Münzen so einen Beitrag zu einem vollständigeren Bild der Vergangenheit liefern. Außerdem ist Geld eine Kulturtechnik, die uns bis heute vertraut ist – durch Geld und Münzen gewinnen wir Einblicke in das antike Leben, die wir mit unseren eigenen Lebensrealitäten in Beziehung setzen können.

Bedeutende Städte in Kleinasien: Ephesos, 4. Jh. v. Chr.  Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Dirk Sonnenwald
Bedeutende Städte in Kleinasien: Ephesos, 4. Jh. v. Chr.
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Dirk Sonnenwald
Bedeutende Städte in Kleinasien: Ephesos, 4. Jh. v. Chr.  Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Dirk Sonnenwald
Bedeutende Städte in Kleinasien: Ephesos, 4. Jh. v. Chr.
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Dirk Sonnenwald

Sind Ausstellungen zu dem Thema geplant?
Das ist durchaus vorstellbar. Zunächst tragen wir in Zusammenarbeit mit der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Projekt Verantwortung für die Regionen Troas und Mysien. Es ist eine deutschsprachige Einführung zu den Münzen in Kleinasien als Publikation geplant und daran könnte sich sinnvollerweise eine entsprechende Ausstellung anschließen.

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