Ethnologisches Museum und Goethe-Institut unterstützen Restaurierung in Angola

Mit der Schulung von Restaurator*innen und dem Aufbau einer Abteilung für Konservierung und Restaurierung engagieren sich das Goethe Institut und das Ethnologische Museum in Luanda (Angola). Das Projekt soll den Erhalt gefährdeter Objekte der Sammlung des Museu Nacional de Antropologia ermöglichen. Die Kuratorinnen Paola Ivanov und Gabriele Stiller-Kern im Gespräch.

Interview: Stefan Müchler

Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Goethe-Institut, den Staatlichen Museen zu Berlin und dem Museu Nacional de Antropologia in Angola und was beinhaltet sie?
Gabriele Stiller-Kern: Ausgangspunkt unserer Zusammenarbeit ist die enge Verbindung der Sammlungsgeschichten der ethnologischen Museen in Luanda und Berlin. Im Ethnologischen Museum in Berlin befindet sich zudem eine der weltweit wichtigsten und ältesten Sammlungen angolanischer Kunst und materieller Kultur. Auftakt unserer Zusammenarbeit war ein einwöchiger Workshop in Berlin, zu dem das Goethe-Institut Angola und das Ethnologische Museum vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museu Nacional de Antropologia sowie der Direktion der nationalen Museen Angolas nach Berlin eingeladen hatten. Wir haben gemeinsam das Depot des Ethnologischen Museums in Berlin angesehen, die Restaurierungswerkstätte besucht, Vorträge zur Sammlungsgeschichte gehört, uns über das Humboldt Forum informiert und einen Aktionsplan für unsere Zusammenarbeit ausgearbeitet. Diese Zusammenarbeit haben wir dann im Ende 2018 in Luanda mit einem Memorandum of Understanding besiegelt. Die Restaurierungsabteilung nahm am 1. Oktober 2020 ihre Arbeit auf.

Gab es noch weitere Kooperationen?
Stiller-Kern: Wir haben bereits zahlreiche Projekte zur Aktivierung der Sammlung des Museums in Luanda organisiert, darunter eine Diskussionsreihe zur Zukunft des Museums und die Produktion von fünf kurzen Video-Dokumentationen. In Interviews mit Angehörigen der Herkunftsgesellschaften lassen wir darin die Geschichte von fünf Ausstellungsobjekten aus den Sammlungen in Berlin und Luanda, ihre kulturelle bzw. religiöse Bedeutung sowie ihre aktuelle Einbindung in die nationalen Gesellschaften Angolas lebendig werden. Zurzeit übersetzen wir die Objektliste der Angola-Sammlung des Berliner Museums für unsere Kolleg*innen in Luanda ins Portugiesische.
Im Mai vergangenen Jahres haben wir einen Workshop „Konservierung und Restaurierung“ am Museu Nacional de Antropologia organisiert, der von Eva Ritz, einer Restauratorin des Ethnologischen Museums in Berlin, geleitet wurde. Die Initiative zu diesem Workshop ging von den Mitarbeiter*innen des Museums in Luanda aus. Dabei wurde allen Beteiligten schnell klar, dass ein einwöchiger Workshop nicht die Lücke einer materiell und personell unzureichend ausgestatteten Restaurierungswerkstatt füllen konnte. So entstand die Idee zum jetzt begonnen Projekt, das wir dank einer großzügigen Förderung aus Mitteln der “Internationalen Museumskooperation” des Auswärtigen Amtes realisieren können.

In Europa sind die Sammlungen afrikanischer Museen nahezu unbekannt. Können Sie uns etwas über die Sammlung in Luanda sagen?
Paola Ivanov: Mit über 6.000 Objekten aller ethnolinguistischen Gruppen Angolas gilt die Sammlung des Museu Nacional de Antropologia in Luanda als umfassendste Angola-Sammlung der Welt. Darunter sind viele ästhetisch herausragende Stücke, die in vergleichbaren Sammlungen fehlen, oder Verzeichnisse versklavter Menschen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die einzigartige historiografische Bedeutung weit über Angola hinaus haben. Aufgrund der Sammlung ergibt sich ein weit komplexeres und differenzierteres Bild der angolanischen Geschichte und Kultur als auf Basis der Sammlungen in europäischen Museen, die häufig etwas stereotyp exotisierende und primitivisierende Vorstellungen der „Anderen“ replizieren.

Restaurierungsworkshop in Luanda, April 2019 © Maximilian Wemhöner / Goethe-Institut Angola
Restaurierungsworkshop in Luanda, April 2019 © Maximilian Wemhöner / Goethe-Institut Angola

Was verbindet die Sammlungen in Luanda und Berlin?
Ivanov: Die Sammlungen in Berlin und Luanda ergänzen sich auf ideale Weise. Sehr frühe Stücke, die deutsche Reisende bereits ab den späten 1870er Jahre nach Berlin brachten, sind weltweit einzigartig. Manche Bereiche der Kultur Angolas sind stärker in Berlin vertreten, z.B. erfolgten in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts Sammelreisen von Berliner Kustoden, die spezifische regionale Schwerpunkte haben. In der Sammlung in Luanda finden sich viele hybride Objekte, etwa christliche Grabsteine von aus Brasilien stammenden Sklavengemeinschaften, die eindrücklich den transatlantischen Sklavenhandel belegen und von der globalen Einbettung Angolas seit Ende des 15. Jahrhunderts zeugen. Afrika war nie ein isolierter, von der Weltgeschichte abgeschnittener Kontinent und dies gilt ganz besonders für Angola. Interessant ist auch, dass in den 1930er und 1950er Jahren beide Sammlungen unter den Vorzeichen des Kolonialismus parallel zueinander erweitert wurden. Die verantwortlichen Kustoden in Berlin und in der Stadt Dundo im Nordosten Angolas, deren Objekte heute einen großen Teil des Bestandes des Museu Nacional de Antropologia in Luanda bilden, standen in regem Austausch miteinander. Sie prägten wesentlich die Wahrnehmung der in den Sammlungen stark vertretenen Kunst der Chokwe pars pro toto für die nationale angolanische Kunst.

Restaurierungsworkshop in Luanda, April 2019 © Maximilian Wemhöner / Goethe-Institut Angola
Restaurierungsworkshop in Luanda, April 2019 © Maximilian Wemhöner / Goethe-Institut Angola

Wie kann man sich die Restaurator*innen-Ausbildung vorstellen? Was ist unter präventiver Restaurierung gemeint?
Stiller-Kern: Ab Februar 2021 wird ein*e Fachrestaurator*in nach Luanda kommen und zwei Mitarbeiter*innen des Museums in Luanda sowie anderer angolanischer Museen oder Studienabgänger*innen angolanischer Universitäten ausbilden und über ein Jahr hinweg fortbilden. Dabei steht die tägliche, praktische Arbeit zum Erhalt der Sammlungsobjekte im Mittelpunkt. Die einjährige Schulung in Luanda wird ergänzt durch sechswöchige Residenzen in der Abteilung Restaurierung des Ethnologischen Museums und Gegenbesuche der Berliner Kolleg*innen im anthropologischen Museum in Luanda. Wir werden die Werkstatt mit allen notwendigen Arbeitsmitteln einrichten und eine Datenbank aufbauen, die als Basis für die weitere Erforschung der Sammlungsgeschichte und die Objektbiographien dienen soll.

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Besuch des Nationalmuseums für Anthropologie in der Restaurationswerkstatt © Bundesregierung/Steins
Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Besuch des Nationalmuseums für Anthropologie in der Restaurationswerkstatt © Bundesregierung/Steins

Gibt es eine vergleichbare Ausbildung in Angola nicht bereits?
Stiller-Kern: Bisher gibt es in Angola keine ausgebildeten Restaurator*innen und viele wertvolle Objekte der einzigartigen Sammlung sind vom Totalverlust bedroht. Um den Verfall dieser Objekte zu stoppen, steht für uns primär die präventive Konservierung von Objekten im Vordergrund. Das ist die Grundlage, um langfristig Schäden an der Sammlung zu minimieren und materielles Kulturgut auch für die kommenden Generationen zu erhalten. Konkrete Restaurierungs- oder Sicherungsmaßnahmen an stark geschädigten Objekten sind, wenn überhaupt, erst in einem weiteren Schritt geplant, da es hierfür viel weitreichenderer Ausbildungsmaßnahmen bedarf, die im jetzigen Rahmen nicht zu leisten sind.

Wie beurteilen Sie das Projekt in Hinblick auf die Debatte über Restitutionen und koloniale Sammlungsgeschichten?
Stiller-Kern: Von Beginn an haben die drei Projektpartner in Angola und Deutschland einen besonderen Wert auf praktische Zusammenarbeit gelegt. Unsere Partner in Luanda wollen wissen, welche Objekte aus Angola sich in der Sammlung des Ethnologischen Museums in Berlin befinden und wie diese aus Angola nach Deutschland kamen. Sie wollen ihre Sammlung bewahren, das Museum besser ausstatten und dann entscheiden, welche Objekte sie zurückfordern. Insofern ist dieses sehr praxisorientierte Projekt einfach konsequent.

Ivanov: Für uns wäre es ein großer Erfolg, wenn wir zeigen könnten, dass das gemeinsame Arbeiten an den Objekten und die gemeinsame Erforschung der Sammlungen Schritte des gegenseitigen Annäherns sein können. Unsere Hoffnung ist, dass dadurch die sehr viel schwierigeren Fragen der Restitution besser und klarer beantwortet werden können.

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