„Jazz in the Garden“: Musik in der Neuen Nationalgalerie

Die Neue Nationalgalerie war lange ein Ort legendärer Konzerte. Weltstars wie Keith Jarrett, Brian Eno und Tangerine Dream traten dort auf. In den Archiven fand unsere Redakteurin Constanze von Marlin die Programme von damals. Wir laden Sie herzlich ein, einige der aufgeführten Stücke auf Spotify nachzuhören.

Text: schmedding.vonmarlin.

Zu Jazzmusik feierten und tanzten die geladenen Gäste bei der Eröffnung der Neuen Nationalgalerie am 15. September 1968 ausgelassen im Skulpturengarten. Auch im Foyer spielte eine Band, deren Klänge sich bis in die Ausstellungsräume ausbreiteten. Musik im Museum stellte zu dieser Zeit eine ganz und gar ungewöhnliche Verbindung dar, bald entstand daraus aber die Idee, solche musikalischen Ereignisse zu wiederholen. Es entstand ein Format, das später legendär geworden ist: „Jazz in the Garden“ und die „Metamusik-Festivals“.

Jahrzehntelang begeisterte die Konzertreihe „Jazz in the Garden“ in der Neuen Nationalgalerie Intellektuelle, Künstler und Jazz-Fans aller Art, Menschen jeden Alters. Die Konzerte fanden Open Air im Garten des Museums zwischen den Skulpturen von Bernhard Heiliger, Henri Laurens, Gerhard Marcks und Auguste Renoir statt. Wenn die Stuhlreihen vollbesetzt waren standen die Zuhörer um die provisorische Bühne, machten es sich auf den kleinen Rasenflächen bequem oder schauten von der Terrassenbrüstung in den Hof. Einen Hauch von Happening durchzog das Museum während dieser stimmungsvollen Abende in den späten 1960er und den 1970er Jahren. Initiiert durch und bis 1977 unter der künstlerischen Leitung von „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt traten einige der wichtigsten zeitgenössischen Jazzstars auf – vom Art Ensemble of Chicago über Art Blakey‘s Jazz Messengers und Alexander von Schlippenbach bis Keith Jarrett.

© Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie/Frank Roland-Beeneken
© Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie/Frank Roland-Beeneken
© Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie/Frank Roland-Beeneken
© Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie/Frank Roland-Beeneken

Ein weiterer Kristallisationspunkt des kulturellen Lebens im damaligen Westberlin waren die von dem RIAS-Redakteur Walter Bachauer im Auftrag der Berliner Festspiele kuratierten Metamusik-Festivals 1974, 1976 und 1978. Sein Anliegen beschrieb Bachauer im Rückblick: „Nein, der Begriff ist keine Etikette für eine neue Schublade im musikalischen Sortiment der Zeit. Metamusik ist das genaue Gegenteil von Genre-Begrenzung, das „Meta-“ steht für „Über-“griff, für ein kasten- und kästchenloses Musikbewusstsein, dem die „Querlinien über der Weltmusik“ wichtig geworden sind. Als Titel über eine Serie von Konzerten bedeutet Metamusik nicht weniger als ein Programmkonzept, das thematischen Variationen unterliegt. 1974 war es der Einfluss Asiens auf Euroamerika, manifestiert in Meditationsklängen und mantrischen Melodieformeln, 1976 ist es die musikalische Kraft, die auf der Kehrseite des Meditativen wirkt, der geschlagene Rhythmus, die Percussion“. Die Weltmusik zog ein junges Publikum in Scharen an, das mal zu Sitar-Klängen auf dem Steinboden der Ausstellungshalle saß oder auch den Skulpturengarten bevölkerte.

© Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz
© Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz
© Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie/Frank Roland-Beeneken
© Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie/Frank Roland-Beeneken

Für die Auswahl der Musiker bereiste Bachauer die ganze Welt und brachte neben Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, Steve Reich oder Terry Riley auch so berühmte Musiker wie Nico, John Cale und Brian Eno oder in Deutschland unbekannte Trommlergruppen aus dem Senegal bis hin zu tibetischen Mönchen mit Gebetstrommeln und -glocken in die Neue Nationalgalerie. DER SPIEGEL resümierte über die Erstaufführung von „Music for 18 Musicians“ von Steve Reich in Europa 1976 in der Neuen Nationalgalerie: „Mittels Schlagzeug, vier Klavieren, drei Marimbas, zwei Xylophonen, dazu Klarinetten, Bassklarinetten, Violine, Cello und Metallophon baut Reich einen ungeheuer farbenreichen Klangkosmos auf. Unverändert jedoch werden die rhythmischen Figuren, mitunter leicht abgewandelt, nicht nur ein paarmal, sondern ein paar hundertmal wiederholt. Und das, meint Bachauer, mache „nicht dumm, sondern glücklich“. Die meisten Besucher in der Berliner Nationalgalerie wurden des Glücks durchaus teilhaftig. Denn das Ekstase-Opus vermittelt durch die Gesangseinwürfe von vier Go-Go-Girls streckenweise ein ausgesprochenes Disco-Gefühl. Es klingt wie eine modische Mischung aus Strawinskis „Ebony Concerto“ und afrikanischer Dorfmusik, bei der bereits die Musizierpräzision berauscht“.

Hier geht es zu den Spotify-Playlists zu “Jazz in the Garden” und dem “Metamusik Festival”.

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