Neue Sounds und Alte Kulte: United We Stream im Neuen Museum

Ein Nachmittag mit elektronischer Musik lieferte am Wochenende ganz frische Perspektiven auf das Neue Museum. Eine Kooperation des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung mit dem Berliner Label DUAT Records sowie United We Stream und ARTE Concerts ermöglichte mehreren Künstler*innen, exklusive Sets im besonderen Ambiente des Hauses zu spielen.

Die deutsch-bulgarische Pianistin, Sängerin und Komponistin Lisa Morgenstern verzauberte den Kolonnadenhof mit sphärischen Klängen. Szene-Veteran Acid Pauli spielte im Pharao-Raum des Museums ein experimentell-psychedelisches Set, und Lyra von Rose präsentierte im Mythologischen Saal mit seiner ägyptischen Deckenmalerei ein atmosphärisches Set. Im Ägyptischen Hof, umrahmt von altägyptischen Steinsarkophagen und Totenbuchpapyri, spielte Amin Fallaha, Gründer des Labels DUAT Records. In der großen Treppenhalle des Neuen Museum hatte Minco erst sichtlich Spaß bei ihrem Afrohouse Set, bevor VALENTIN mir ihrer großartigen Gesangs- und Tanzperformance den Raum für sich einnahm. Das zunächst von United we Stream und arte.tv gestreamte Veranstaltung ist auch weiterhin auf arte.tv abrufbar.

Unsere Kollegin Anna Mosig sprach am Rande der Veranstaltung mit den Musiker*innen.

Lisa Morgenstern © Miguel Murrieta
Lisa Morgenstern © Miguel Murrieta

Lisa Morgenstern: Eine einmalige Chance

Was hat dich dazu bewogen, bei „United we Stream“ im Neuen Museum mitzumachen?
Lisa Morgenstern: Ich musste nicht lange überlegen, weil der Ort hier einfach zu großartig ist, um Nein zu sagen. Es ist eine absolut einmalige Chance hier ein Klavier in den Hof zu stellen, wo normalerweise Schlangen von Museumsbesuchern stehen. Es hat eine merkwürdige, sehr tiefgehende Magie, da hier all diese historischen Objekte sind und plötzlich ist hier so eine Stille.

Wie hat es sich für dich angefühlt, hier zu spielen?
Es hat sich einerseits sehr besonders angefühlt, aber andererseits hatte ich, während ich die Songs spielte, ein „normales“ Konzertgefühl. Ich tauche beim Spielen in meine eigene Welt ab und habe meistens In-Ear-Kopfhörer auf und die Augen zu, so dass die Geräusche von außen verschwinden. Zwischen den Songs wurde mir das immer wieder bewusst. An einer Stelle hat es mich fast emotional erschlagen, weil ich natürlich auch etwas aufgewühlt von der Performance war.

Hast du dein Set speziell für heute zusammengestellt?
Da das alles sehr spontan war, habe ich kurzfristig etwas zusammenstellen müssen. Ein Set aus komplett neuen Synthesizern, die ich tatsächlich noch nie auf einer Bühne gespielt habe. Aber ich habe gestern Abend noch beschlossen, dass ich die ganzen Konzerte, die entfallen sind und das Album, das ich letztes Jahr herausgebracht habe, doch noch mal spielen wollte, obwohl ich die eigentlich mit diesen Synthesizern gar nicht spielen kann. Ich habe dann die Nacht über daran gesessen und nach einer Lösung gesucht. Ich bin eigentlich gerade in einer Schreibphase an einer anderen Baustelle, aber ich wollte das noch mal zelebrieren und mich von diesen Liedern verabschieden. Ich bin dankbar, dass ich mich jetzt doch noch mal getraut habe, einen Livestream zu machen. Die großartige Möglichkeit, hier zu spielen, war der richtige Push.

Hast du eine persönliche Beziehung zu dem Museum oder auch zur Museumsinsel?
Ich verbinde tatsächlich einige Erinnerungen mit diesem Ort, teilweise noch aus Zeiten, in denen ich noch nicht in Berlin gewohnt habe. Wenn man hier wohnt, dann geht man ja leider nicht so oft in die Museen, das ist ein totaler Frevel. Ich war, seitdem ich in Berlin wohne, zwei Mal hier. Aber wenn keine Leute hier sind, ist es so anders. In dieser Stille entfalten die historischen Werke und Objekte eine ganz andere Wirkung. Sie haben eine besondere Kraft, wenn man ganz allein in so einem Raum steht und die Geräusche hallen. Das ist eine sehr schöne und wertvolle Erfahrung. Ich werde auch gleich noch mal reingehen und es genießen.

Acid Pauli im Neuen Museum © T. Hagelstein
Acid Pauli im Neuen Museum © T. Hagelstein

Acid Pauli: Gelegenheit macht anders

Was hat dich dazu bewogen, bei „United we Stream“ im Neuen Museum mitzumachen?
Acid Pauli: Nofretete vielleicht. Die Chance, sie ohne all die anderen Menschen drumherum zu sehen, war auf jeden Fall ein Anreiz. Ich habe mich bisher mit dem Streaming zurückgehalten, das hier war der erste Stream, den ich gemacht habe. Ich fand es nicht stimmig, mich in einen leeren Club zu stellen, wo normalerweise ein paar hundert Leute sind. Da fehlt etwas für mich. Ich wollte dann lieber musikalisch etwas ganz anderes machen und dafür war diese Gelegenheit hier total gut. Außerdem sieht man auch Kunstwerke und nicht nur so einen Typen, der vor ein paar Geräten steht – das finde ich auf Dauer stinklangweilig, um ehrlich zu sein.

Hier zu spielen war für dich völlig anders als in einem Club?
Es ist auf jeden Fall anders, denn es fehlt eben die Interaktion mit dem Publikum. Hier ging es nicht ums Tanzen, sondern eher um das Nicht-Tanzen. Ich habe gemerkt, dass nach einer Weile eine Interaktion mit dem Ort entstanden ist, das war total schön. Mir sind ein paar Fehler passiert, die aber eigentlich genau diese Interaktion mit dem Raum irgendwie verstärkt haben. Die Fehler waren also sehr gut.

Was hast du heute für ein Set gespielt? Hast du es speziell zusammengestellt?
Um ehrlich zu sein, habe ich es sehr schnell zusammengestellt. Ich habe in den letzten zwei Wochen ganz viel neues Material für ein anderes Set zusammengesucht, das wir bald aufnehmen werden . Mit diesen Stücken habe ich heute improvisiert. Ich habe mir auch ein bisschen ägyptische Musik und ein paar Sachen, die ich in letzter Zeit gemacht habe, zurechtgelegt. Meiner Erfahrung nach ist es umso besser, je weniger man einen Fahrplan hat. Dann ist man nicht so festgefahren auf einer Route und kann sich besser von den Gegebenheiten beeinflussen lassen – heute war es eben dieser schöne Ort.

Hast du einen persönlichen Bezug zu dem Museum oder der Museumsinsel?
Ja, ich gehe hier oft spazieren – allerdings eher im Außenbereich und nicht so oft in den Museen.

Lyra von Rose © Staatliche Museen zu Berlin
Lyra von Rose © Staatliche Museen zu Berlin

Lyra von Rose: Rituals of art

So, you just started last night?
Yes, I started rehearsing basically last night. I also wrote and added some addiAonal sounds like cellos and violins for my backing track. I basically had two days to prepare for this, but I could not say no, because playing at a German State museum is a great opportunity. I was really losing my hair for two days, but I was determined to do it.

How come that you said you would like to be part of this project?
First of all, my friend (Rampa from Keinemusik) who was playing United We Stream at TV Tower just the night before asked me if I would be interested in being part of it. But it was really a last minute request and difficult for everyone being involved, for technical matters. His management and the head of the organization contacted me and asked if I would be interested in playing in the museum instead, and that I was given one more day to prepare. I said yes because I was more interested in the Museum than TV Tower anyway. I went to the Altes Museum on my Birthday this year right before the lockdown happened, which is right next to Neues Museum, so I thought this meant something.

How was it playing in the Museum?
I was very nervous. As you know I didn’t have enough time that I needed, and also I played my old compositions that I didn’t touch for a long time. Also there was a noticeable echo in the museum, so I was not too sure about the monitoring, but I think things went smoothly with the help of the technical team, who set up the instruments and everything else for me.

What kind of set were you playing? Was it a special one put together for the museum?
The tracks on my Soundcloud that I wrote almost 10 years ago, these are softer piano pieces with orchestral elements so I thought it was more suitable for the museum than the current tracks that I’m working on for my EP, which have a lot of drums.

Do you have a personal connection to the museum or the Museum Island?
As I mentioned earlier, I celebrated my birthday here this year because I appreciate art so much, and going to a museum is what I normally do for my birthday, like a ritual. I always want to spend my birthdays in educational and meaningful ways. So I feel honoured and very grateful to play here.

Minco © Hendrik Kike Gergen
Minco © Hendrik Kike Gergen

Minco: Endlich wieder Musik

Was hat dich dazu bewogen, bei „United We Stream“ im Neuen Museum mitzumachen?
Minco: Ich fand das Konzept nicht in einem Club zu sein und dort zu spielen, sehr reizvoll. Darüber hinaus ist es mal eine ganz neue und sehr aufregende Location. Ich gehe selbst sehr gerne ins Museum und ich finde es gut, dass sich eine Verbindung zwischen dem Museum als Kulturinstitution und den Musikern und Djs als Kunstschaffende ergeben hat. Das Museum schafft den Raum, und die Künstler füllen diesen Raum mit ihrer Musik. Ich finde es als Künstlerin auch total inspirierend für meine eigene Arbeit. Der Raum ist zwar grundsätzlich menschleer, aber voller Energie, voller positiver Vibes, Spannung, einfach total aufgeladen. Und wann hat man schon mal die Chance im Museum zu spielen, das ist ja nicht gerade ein unbedeutendes Museum. Es ist für mich etwas ganz Besonderes.

Wie hat es sich angefühlt, hier zu spielen?
Ich hatte Spaß. Es war schön. Das hatte ich lange nicht mehr, weil mein letzter Auftritt war im März in Montenegro, seitdem konnte ich nicht so wie gewohnt auftreten, weil die Club und Veranstaltungen ja durch die Pandemie geschlossen ist. Es war so schön endlich mal wieder meine Musik wirken zu lassen.

Hast du dich speziell vorbereitet oder hast du ein spezielles Set zusammengestellt?
Würde ich nicht sagen. Meine Musik spiegelt immer meiner aktuelle Stimmung wider. Aber ich habe das Set schon grundsätzlich abgestimmt, denn bestimmte Sets hätte ich hier zum Beispiel nicht gespielt, weil es nicht gepasst hätte. Ich wollte Stimmung kreiieren, die irgendwo zwischen joyful und groovy ist und einfach erheiternd wird. Heute konnte ich die drums in meiner Musik, die als african influences immer zu mir gehören, ein Teil von mir sind, auf besondere Weise zur Geltung bringen.

Hast du eine persönliche Beziehung zu dem Museum oder der Museumsinsel/ Landschaft?
Ich bin Berlinerin, das Museum gehört zur Kulturlandschaft meiner Stadt. Schon allein deswegen fühle ich mich ihm sehr verbunden. Aber es ist natürlich auch ein besonderer Bezug dadurch gegeben, dass die ausgestellten Stücken von einer Kultur des afrikanischen Kontinents stammen. Auch meine Wurzeln liegen in Afrika und auch wenn das Museum vor allem Denkmäler aus Ägypten und dem Sudan zeigt, so gehören diese zu Afrika. Mal davon abgesehen, dass Ägypten natürlich auch in Beziehung zu anderen Regionen Afrikas stand.

Valentin © Rachel Colless
Valentin © Rachel Colless

Valentin: Schönheit und Anmut

Was hat dich dazu bewogen, bei „United We Stream“ im Neuen Museum mitzumachen?
Valentin: Die Möglichkeit in einer solch historischen und für die elektronische Musik untypischen Räumlichkeit, wie es das Neue Museum ist, zu spielen, hat mich sehr gereizt.

Wie hat es sich angefühlt, hier zu spielen?
Die Verschmelzung von Historie und Gegenwart hat in mir ein unbeschreibliches Gefühl von Respekt, Aktualität und Dringlichkeit erweckt.

Hast du dich speziell vorbereitet oder hast du ein spezielles Set zusammengestellt?
Ich habe Set und Outfit mit großem Volumen an Sound und Emotionalität gewählt, das zu der imposanten Architektur passt.

Hast du eine persönliche Beziehung zu dem Museum oder der Museumsinsel?
2009 hatte ich das Museum mit meiner Mutter besucht. Ich erinnere mich noch heute daran, dass ich selten eine reineres Gefühl an Schönheit und Anmut empfunden habe, speziell bei Nofretete.

© DUAT Records / Pujan Shakupa
© DUAT Records / Pujan Shakupa

Amin Fallaha: Alte und Neue Kulte

Wie bist du auf das Museum gekommen? Was ist für dich das Besondere an diesem Ort?
Unser Label heißt „Duat“ und das basiert auf alter ägyptischer Mythologie. Ich bin Halb-Ägypter und habe mein Leben lang Ägypten bereist und mir alles an alter ägyptischer Kunst, Mythologie und Architektur angeschaut. Als ich nach Berlin kam, war klar, dass das Neue Museum eines meiner liebsten Museen werden würde. Ich habe es dementsprechend schon oft besucht – als Berliner kann man einfach hier vorbeikommen, wenn man Inspiration braucht. Als ich das erste Mal hier war, wusste ich nicht, dass David Chipperfield der Architekt des Gebäudes ist. Als ich das erfahren habe, war ich noch mehr fasziniert. Dementsprechend war es für mich ein Ziel, irgendwann mit diesem Haus zusammenzuarbeiten.

Wie war es für dich hier zu spielen?
Es war eine große Ehre und persönlich ist ein Traum wahr geworden – wichtiger als manch ein Club, indem man sich wünscht zu spielen.

Hast du ein bestimmtes Set mitgebracht?
Unsere Musik ist sowieso darauf zugeschnitten, wie wir uns die Interpretation des Alten Kultes vermischt mit dem Neuen Kult vorstellen. Für uns ist ein Clubbesuch auch ein Ritual, wie wahrscheinlich ein Tempelbesuch, der von Rhythmen und Gesängen und Rausch begleitet worden ist – ähnlich wie für viele junge Leute der Club-Gang heutzutage. Das war unsere Interpretation, wir haben versucht, die elektronische Musik mit den Elementen und Sounds zu mischen, die wir uns für die damalige Zeit vorstellen können, und etwas Neues daraus zu kreieren.

Wen meinst du mit „Uns“?
Damit meine ich meinen Label-Partner Tobias Hagelstein und mich. Wir betreiben das Label Duat zusammen. Wir produzieren auch die meiste Musik zusammen und veröffentlichen alles gemeinsam. Tobias hat an dem Projekt genauso mitgeholfen wie ich.

Wie ist deine persönliche Verbindung zu dem Museum oder der Museumsinsel?
Es ist eines meiner Lieblingsmuseen. Die Architektur ist unfassbar und die Exponate sind unglaublich. Das Herzstück, die Büste der Nofretete, ist eines der schönsten menschengemachten Kunstwerke, wenn es um Bildende Kunst geht.

Was kommt jetzt als nächstes?
Ich könnte mir vorstellen, hier mal einen Raum mit einer musikalischen Installation zu bespielen. Man könnte speziell für einen Raum eine musikalische Atmosphäre kreieren, die wie eine Fläche leise im Hintergrund ist. Es muss nicht unbedingt Musik sein, es können auch einfach Ambient-Geräusche sein, vielleicht in Kombination mit einem Lichtkonzept, in einer sich wiederholenden Schleife, die auch manchmal überrascht. Es ist ein traumhafter Ort. Und solange die Corona-Pandemie uns daran hindert, unseren alltäglichen Jobs nachzugehen, sind solche Projekte wohltuend für die Seele.

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