Zehnerpack: Spannende Kunstbiografien aus dem Museum Berggruen

Bilder sind nicht nur Kunstwerke – sie haben oft auch spannende Geschichten. Die Provenienzforschung entschlüsselt Werkbiografien, deckt vergangenes Unrecht auf und hilft, gestohlene oder enteignete Kunstwerke zurückzuführen. Anlässlich des ersten internationalen Tags der Provenienzforschung zeigen wir euch einige Beispiele aus der Ausstellung “Biografien der Bilder” im Museum Berggruen.
Picasso: Bildnis George Braque, 1909-1910

Picassos kubistisches Porträt bildet seinen Künstlerkollegen George Braque ab. Zwischen 1931 und 1943 gehörte es Frank Crowninshield, dem Herausgeber der Vanity Fair. Ein Mann von Welt, wie die Zeitschrift posthum feststellte, als sie ihn als “the most cultivated, elegant, and endearing man in publishing, if not Manhattan” betitelte.
Picasso: Stillleben mit Weintraube, 1914

Das kleine kubistische Stillleben erwarb Agnes E. Meyer aus New York bei dem Händler Daniel Henri Kahnweiler. Es dürfte eines der ersten Werke Picassos gewesen sein, die von Europa in die USA verkauft wurden – und eines der letzten, das sein Händler Kahnweiler veräußerte, bevor mit Ausbruch des 1. Weltkrieges der französische Staat seinen Galeriebestand als Feindbesitz beschlagnahmte, denn Kahnweiler war deutscher Staatsbürger.
Paul Klee: Burg mit untergehender Sonne, 1918

Der Name des Eigentümers Jean Nordmann aus Straßburg stellte die Provenienzforschung vor eine Herausforderung, da unklar war, wer die Person eigentlich gewesen ist. Letztlich erbrachte die Recherche, dass das Bild von 1928 bis 1985 als Familienbesitz im Wohnhaus der Nordmanns an der Wand hing – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Neben zwei weiteren Arbeiten mit derselben Provenienz erwarb Heinz Berggruen das Bild 1997 aus Privatbesitz – er entdeckte damit drei nahezu unbekannte Werke Klees.
Picasso: Stillleben vor einem Fenster in St. Raphael, 1919

Die Beschlagnahmeinventare des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg, der berüchtigten NS-Kunstraub-Organisation, führen diese Gouache als konfisziertes Kunstwerk aus dem Besitz des jüdischen Sammlers Alphonse Kann. Die Rückseite erzählt jedoch eine andere Geschichte: Während die Nationalsozialisten in Frankreich einen hochwertigen Druck stahlen, reiste das Original zwischen 1939 und 1946 im Rahmen einer großen Picasso-Retrospektive durch die USA.
Paul Klee: Bilderinschrift für Irene, wenn sie einmal größer ist, 1920

Klee widmete dieses Aquarell seinem Patenkind Florina-Irene Galston, der Tochter des Komponisten und Musikpädagogen Gottfried Galston. Galston war zu seiner Münchener Zeit Freund und Nachbar des Künstlers. Irene starb jedoch im Kindesalter und Gottfried Galston wurde 1927 an das St. Louis Institute of Music berufen. Klees Bild begleitete ihn in die USA und blieb dort bis 1996 in Familienbesitz.
Picasso: Sitzender Akt, sich den Fuß trocknend, 1921

Als Meisterwerk eines neuen Stils kanonisiert, von den Nationalsozialisten verfemt und geraubt, 1944 in einer spektakulären Aktion durch die Resistance sichergestellt und nach dem Krieg an seinen rechtmäßigen Eigentümer restituiert – Picassos Pastell hat eine bewegte Biografie, die die Provenienzforschung wiederentdeckte.
Paul Klee: Traum-Stadt, 1921

Als „entartet“ gebrandmarkt, wurde Klees Aquarell 1937 im Schlossmuseum Weimar von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Das Museum hatte es seit 1923 als Leihgabe des Künstlers ausgestellt und 1929 von ihm erworben. Durch den Kunsthändler Karl Buchholz, der Werke der „Entarteten Kunst“ im Auftrag von Joseph Goebbels verwertete , gelangte es in die USA in die bekannte Sammlung von J. Betty Chamberlain. Heinz Berggruen holte es 1966 nach Europa zurück, verkaufte es weiter und erwarb es schließlich 1993 aus Schweizer Privatbesitz.
Paul Klee: Zwei Kräfte, 1922

Die Textilkünstlerin Anni Albers erwarb das Bild um 1925 direkt von ihrem Bauhaus-Kollegen Paul Klee zum Freundschaftspreis. 1933 zwang Annis jüdischer Hintergrund sie zur Emigration. Mit ihrem Mann, dem Künstler Josef Albers ging sie in die USA, um dort am legendären Black Mountain College zu unterrichten. Klees Bild begleitet sie.
Paul Klee: Lebkuchenbild, 1925

Kunstgeschichte auf der Rückseite: Zentrale Stationen in der Biografie der kleinen Ölcollage bis 1956 sind hier vermerkt: Berlin und Düsseldorf als Kommission Alfred Flechtheims, 1930 die erste Ausstellung des Künstlers im New Yorker Museum of Modern Art sowie Stationen in Mailand und Bern. Die Holzapplikationen mit Klees eigener Handschrift zu Titel und Inventar könnten von den originalen Rahmenleisten stammen, die als Ganzes verloren sind. Bis 1947 hatte das Werk nur zwei Eigentümer: Den Künstler selbst und seine Frau Lily Klee.
Paul Klee: Felsenkammer, 1929

Die Provenienz dieses Werkes liest sich wie ein Who is Who der Händler des Künstlers: Alfred Flechtheim, bis 1933 der wichtigste Galerist moderner Kunst in Deutschland, Daniel Henri Kahnweiler, Flechtheims Pendant in Frankreich, die Pionierin Galka Scheyer, die es sich zur Lebensaufgabe machte die Künstlergruppe „Blue Four“ an der amerikanischen Westküste bekannt zu machen sowie Karl Nierendorf, der internationale Vertreter Klees. Der berühmteste Eigentümer dürfte indes Hollywoodlegende Billy Wilder gewesen sein, der das Werk von 1958 bis 1989 besaß.
Die Kunstwerke sind noch bis 19. Mai 2019 in der Ausstellung “Biographien der Bilder” zu sehen.
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