Tschudi für alle! Eine Geschichte aus der Nationalgalerie

Hugo von Tschudi war nicht nur einer der herausragenden Direktoren der Nationalgalerie, sondern ist seit neuestem auch Protagonist und Titelgeber eines Romans von Mariam Kühsel-Hussaini.

Text: Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie

Das Buch “Tschudi“ erzählt von den Sorgen und Nöten eines Museumsleiters vor 125 Jahren, der die zeitgenössische Kunst fördern will. Das klingt zunächst nicht wie der Stoff, aus dem große Geschichte gemacht ist. Aber die Autorin Mariam Kühsel-Hussaini hat sich tatsächlich mit der gravierenden Umbruchzeit um die Jahrhundertwende einen der spannendsten Momente in der Kunstentwicklung zum Ausgangspunkt ihrer Erzählung gewählt.

Die Geschichte setzt mit der ersten Ausstellung von Werken von Impressionisten in der Nationalgalerie im Dezember 1896 ein. Im Februar dieses Jahres wurde Hugo von Tschudi (1851–1911) zum Direktor der Nationalgalerie ernannt. Der langjährige Assistent von Wilhelm Bode an der Gemäldegalerie folgte nun Max Jordans im Amt nach. Bereits kurz nach seiner Ernennung reiste Tschudi gemeinsam mit dem Maler Max Liebermann nach Paris, wo er gleich einen spektakulären Ankauf für die Nationalgalerie tätigte: In der Kunsthandlung Durand-Ruel erwarb er Édouard Manets „Im Wintergarten“.

Paul Cézanne: Mühle an der Couleuvre bei Pontoise (um 1881) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Klaus Göken
Paul Cézanne: Mühle an der Couleuvre bei Pontoise (um 1881) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Klaus Göken

Selbst in Frankreich gab es zu diesem Zeitpunkt nur ein Werk Manets in einem Museum zu bestaunen – seine skandalumwitterte „Olympia“ war allerdings eine Schenkung von Impressionisten wie Monet und Caillebotte an den Staat. Mit dem kühnen Akt von Tschudi wird nun erstmals ein Museum aktiv, um dem Impressionismus zu musealen Weihen zu verhelfen und endgültig zu etablieren. Die Durchsetzung des Impressionismus als museale Kunst erfolgte in den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende fast zeitgleich in Paris und Berlin . Während der französische Staat aber noch über die Annahme des Nachlasses von Gustave Caillebotte mit der bedeutendsten Sammlung von Impressionisten beriet, war es in Berlin ein Museumsdirektor, der die Zeichen der Zeit erkannt hatte und den Grundstock für eine Sammlung zeitgenössischer französischer Kunst – darunter Werke von Claude Monet und Edgar Degas – anlegte. Auch den weltweit ersten Cezanne kaufte Tschudi 1898 an, zu einem Zeitpunkt als der Künstler noch fast gänzlich unbekannt war. Der Kunstvisionär räumte den neuen Erwerbungen im Mittelgeschoß der Nationalgalerie einen prominenten Platz ein (wo sie heute noch in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel bewundert werden können). Diese Neuhängung unter Aufnahme impressionistischer Tendenzen zu Lasten der akademischen Kunst wurde in der Öffentlichkeit kontrovers besprochen und von konservativen Kreisen als Provokation aufgefasst.

Max Liebermann: Schusterwerkstatt (1881 - 1882) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jürgen Liepe
Max Liebermann: Schusterwerkstatt (1881 – 1882) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jürgen Liepe

Tschudi und der Kaiser

Dieser Hintergrund der Auseinandersetzung wird im Roman jedoch nicht vertieft, vielmehr zeichnet Hussaini ein detailreiches Bild Berlins um die Jahrhundertwende. Alles rankt sich um Tschudi und dessen Kontrahenten, den Akademiedirektor Anton von Werner und Kaiser Wilhelm II. Dialoge im Dialekt und zahlreiche Ortsbezeichnungen und Straßennamen verleihen der Erzählung Lokalkolorit. So entsteht ein atmosphärisches Stimmungsbild des Kaiserreichs in dem das who‘s who der Berliner Gesellschaft von Reichskanzler Bülow bis zum Pathologen Virchow nicht fehlen darf.

Ein Hauptaugenmerk liegt dem Thema entsprechend aber auch auf den Künstlern und ihren Werken. Wir treffen auf die französischen Impressionisten von Manet und Degas über Monet bis Renoir aber ebenso auf die deutschen Künstler von Max Liebermann bis Max Klinger und Anton von Werner. Auch das Ende des 19. Jahrhunderts etablierte, neue Kunstsystem aus Künstlern, Museen und Mäzenen wird in vielen Zusammentreffen Tschudis mit seinen Unterstützern, wie etwa der Bankiersfamilie Mendelssohn, dem Unternehmer Eduard Arnhold oder Graf Guido Henckel von Donnersmarck deutlich. Bei der Darstellung der Mitstreiter für die moderne Kunst vermisst man nur die Rolle von Kunsthändlern wie Paul und Bruno Cassirer, die aber wohl einen eigenen Roman wert wäre.

Hugo von Tschudi (1895) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Archiv
Hugo von Tschudi (1895) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Archiv

Da sich der Roman ganz Tschudis Kampf für die Etablierung des Impressionismus widmet, wird dessen heute nicht minder geschätzter Verdienst um Künstler der Romantik oder Realisten wie Adolph Menzel weniger beleuchtet. Hussaini greift allerdings die Jahrhundertausstellung als wesentlichen Meilenstein in Tschudis Kariere auf und damit indirekt auch diesen Aspekt seines Schaffens. 1906 veranstaltete er gemeinsam mit dem Direktor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark und dem Publizisten Julius Meyer-Graefe die „Deutsche Jahrhundertausstellung“ in der Nationalgalerie und eröffnete neue Blicke auf die deutsche Malerei zwischen 1775 und 1875 unter anderem in der Wiederentdeckung Caspar David Friedrichs. Zwar wurde hierin die aktuelle Debatte um die zeitgenössischen Tendenzen bewusst ausgespart, der Konflikt mit den konservativen Kräften um den Kaiser, die Tschudis antiakademische Neuausrichtung nicht goutierten, schwelte aber weiter. Ankäufe bedurften nun der kaiserlichen Genehmigung und der Streit um die Moderne kam 1908 in der sogenannten „Tschudi-Affäre“ zum Ausbruch. Beim Ankauf von Werken der Schule von Barbizon hatte Tschudi zunächst die Genehmigung des Kaisers erhalten, woran dieser sich aber nicht mehr erinnern wollte. Tschudi wurde daraufhin zunächst für ein Jahr von seinem Amt beurlaubt, bevor er 1909 als Direktor der Staatlichen Galerien nach München berufen wurde, wo er bis zu seinem Tode im Sinn der Moderne wirkte.

Auguste Renoir: Im Sommer, 1868 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders
Auguste Renoir: Im Sommer, 1868 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Tragödien, Intrigen, Graustufen

Nachvollziehbarerweise überspitzt die Autorin die Auseinandersetzung zwischen Traditionalisten und Modernisten, zwischen Akademie und Sezession, zwischen Tschudi und von Werner zu einem Kampf zwischen Gut und Böse mit dem Fokus auf menschliche Tragödien und Intrigen im Sinne des Romans. Aber dieser bleibt doch erstaunlich nah am Überlieferten und zeigt durchaus Schattierungen und Graustufen, etwa wenn Tschudi die Wandmalereien von Werners im Cafe Bauer bewundert. Die wortschöpferische, bildreiche Sprache passt zum Stoff, womit es Mariam Kühsel-Hussaini gelingt, ein spannendes Stück Kunstgeschichte einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu erzählen. So bietet das Buch viele Anregungen, sich am Beispiel Tschudis intensiver mit der wechselvollen Geschichte der Kunst um 1900 auseinanderzusetzten. Dass wir die erwähnten Kunstwerke heute fast alle in der Alten Nationalgalerie besichtigen können, verbindet uns direkt mit der Zeit ihrer Entstehung und lässt uns tief in die Handlung eintauchen.

Wer den Roman liebt, wird die Alte Nationalgalerie lieben. Oder falls er diese noch nicht kennt, lieben lernen. Denn das Buch liest sich für Kenner fast wie ein Museumsführer und ruft die zahlreichen Highlights der großartigen Sammlung vor dem inneren Auge auf. Wer mit diesen nicht so vertraut ist, sollte unbedingt mit dem Roman unter dem Arm die Originale auf der Museumsinsel besuchen kommen.

Titelbild: Edouard Manet: Im Wintergarten, 1879 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

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2 Kommentare

  1. Claudia Pidun-Martin - 26. Juni 2020, 21:46 UHR

    Mit Begeisterung haben wir in unserer Lesegruppe “Tschudi” gelesen.
    Der Wunsch die Bilder live zu sehen entstand ganz schnell.Aber dann kam Corona.Deshalb nun die Frage:Lässt sich eine Tschudi Führung privat buchen?
    Mit freundlichen Grüßen
    Claudia Pidun-Martin

    1. Redaktion - 29. Juni 2020, 12:43 UHR

      Liebe Frau Pidun-Martin,

      aufgrund der aktuellen Situation bieten wir leider momentan keine Führungen in unseren Häusern an. Sie sind aber jederzeit herzlich eingeladen, die Sammlung auf eigene Faust zu erkunden!

      Viele Grüße aus der Redaktion

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