Der Mäzen James Simon: Ein Geschenk für die Museen

Ohne ihre zahlreichen Mäzene wäre es den Berliner Museen nie gelungen, Sammlungen von Weltrang zu vereinen. Einer der größten Förderer war James Simon. Doch der jüdische Geschäftsmann war viel mehr als nur ein freigiebiger Kunstliebhaber.

Text: Karolin Korthase

Viel Licht, eine ausladende Freitreppe und elegante Kolonnaden – die James-Simon-Galerie zeigt sich architektonisch als offener, luftiger Ort. Das neue Eingangsgebäude der Museumsinsel Berlin wird künftig die Besucherströme in die umliegenden Museen leiten. 1200 Betonpfähle mussten dafür 40 Meter tief in den morastigen Grund der Spreeinsel eingebracht werden. Selbst für den erfahrenen Architekten David Chipperfield war der Bau eine Herausforderung. „Mit den Füßen im Schlamm und den Augen im Himmel“ habe man gearbeitet, erinnert er sich.

Doch die Mühen haben sich gelohnt: Das neue Entrée zum Welterbe Museumsinsel beherbergt einen Sonderausstellungsraum, ein Auditorium, Garderoben, Ticketschalter, einen Shop und ein Café. Von der Galerie aus sollen die Besucher* innen künftig über die „Archäologische Promenade“ in die umliegenden Museen gelangen. Ein Teilstück dieser Promenade ermöglicht schon heute den Zugang zum Neuen Museum; ein Durchgang im Obergeschoss führt auch ins Pergamonmuseum.

Die James-Simon-Galerie am Kupfergraben, Museumsinsel Berlin © Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects
Die James-Simon-Galerie am Kupfergraben, Museumsinsel Berlin © Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Die Sammlungen dieser Museen, ebenso wie die des Bode-Museums, sind untrennbar mit dem Namensgeber der neuen Galerie verbunden: James Simon. Die Kunstwerke aus der Sammlung dieses wohl bedeutendsten Mäzens der Staatlichen Museen zu Berlin finden sich in vielen ihrer Häuser.

Anfänge als Mäzen

Ohne sein Engagement in der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) wären etwa die Ausgrabungen im ägyptischen Amarna und in Babylon nicht denkbar gewesen, die unter anderem eine Rekonstruktion des Ischtar-Tores ermöglichten und den Museen die Büste der Nofretete bescherten. Dass James Simon die weltberühmte Skulptur der ägyptischen Königin 1920 dem Ägyptischen Museum vermachte, ist nur eine von vielen spektakulären Schenkungen, die er im Laufe der Jahrzehnte tätigte.

Im Jahr 1885 war James Simon, der in einer wohlhabenden jüdischen Familie aufwuchs, gerade 34 Jahre alt und noch weit entfernt von seinen späteren finanziellen Möglichkeiten. In diesem Jahr schenkte er den Berliner Museen zum ersten Mal ein Kunstwerk: ein kostbares Gemälde des sienesischen Künstlers Francesco di Vannuccio aus dem Jahr 1380.

Zur selben Zeit intensivierte sich auch der Kontakt zu Wilhelm Bode, dem damaligen Direktor der Skulpturensammlung. Bode beriet Simon bei Kunstankäufen. 1897 wies er ihn beispielsweise auf ein kleines, zartes Gemälde auf dem Londoner Kunstmarkt hin. Es handelte sich um ein Werk des Renaissance-Malers Andrea Mantegna, das dieser im 15. Jahrhundert auf Leinen gemalt hatte. Das Bild zeigt Maria, die das schlafende Jesuskind innig an sich drückt. Simon zögerte: Er sei momentan wenig kauflustig, ließ er Bode wissen. Nach zweimaliger Besichtigung, bei der das Bild „einen guten Eindruck“ auf ihn machte, entschloss er sich dennoch zum Ankauf. Der Mantegna zählt heute zu den Meisterwerken der Gemäldegalerie.

Büste der Königin Nofretete © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Sandra Steiß
Büste der Königin Nofretete © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Sandra Steiß

Liebe zur Kunst – und zu den Menschen

Das Werk von Mantegna bekam einen prominenten Platz im Arbeitszimmer von James Simons Villa in der Tiergartenstraße. Simon hatte ein Faible für Madonnen- Darstellungen und er schätzte das Intime, das Zarte. Der Historiker Olaf Matthes, der seit vielen Jahren zu dem Mäzen forscht, erzählt: „Er war jemand, der Miniaturen mochte und auch Münzen und Medaillen, auf denen Porträts abgebildet waren.“

Auf einem Bild, das der Maler Willi Döring von Simon im Jahre 1901 fertigte, sitzt der Sammler in seinem Arbeitszimmer und blickt gedankenverloren aus dem Fenster. Er ist umgeben von seiner Sammlung, der er augenscheinlich so nah wie möglich sein wollte. Doch bei aller Liebe zu seinen Werken war es dem Sammler wichtig, diese nicht im Verborgenen zu halten, sondern den Menschen zugänglich zu machen.

1904, wenige Jahre, nachdem das Döring-Porträt entstand, vermachte er seine wertvolle Renaissance- Sammlung von ca. 450 Werken den Berliner Museen. Gemäß Schenkungsvertrag sollten die Werke – und so auch Mantegnas „Maria mit dem schlafenden Kind“ – im eigens eingerichteten „Kabinett James Simon“ des damals neu eröffneten Kaiser- Friedrich-Museums, des heutigen Bode-Museums, ausgestellt werden.

Philanthrop und Kinderfreund

1918 folgte eine zweite beachtliche Schenkung mit rund 350 Werken. Ende des 19. Jahrhunderts war der Mäzen mit dem Baumwollunternehmen „Gebrüder Simon“, das er als einziger Sohn von seinem Vater übernommen hatte, zur Wirtschaftselite des deutschen Kaiserreichs aufgestiegen. 1911 verfügte er über ein Vermögen von 35 Millionen Mark, das ihn zum siebtreichsten Mann Berlins machte.

James Simon um 1880 © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv
James Simon um 1880 © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv

Neben der Kunst, die er als willkommene Abwechslung zu seiner Tätigkeit als Kaufmann sah und für die er etwa zehn Prozent seines Jahreseinkommens aufwendete, investierte er sein Geld hauptsächlich in soziale Projekte. Besonders das Wohl von Kindern lag ihm am Herzen. Simon selbst war dreifacher Vater, seine letztgeborene Tochter Marie Luise kam 1886 mit einer geistigen Behinderung zur Welt und starb bereits 1900. „Die 14 Jahre des Zusammenlebens mit der schwer behinderten Tochter müssen einen nachhaltigen Eindruck auf Simon ausgeübt haben“, schreibt der Simon-Biograf Matthes. „Für die Motivation seines intensiven sozialen Engagements für kranke Kinder (…) muß hier eine der Ursachen gesucht werden.“

Die Liste von Vereinen und Institutionen, die Simon initiierte und zusammen mit anderen Mäzenen finanzierte, ist lang. Mit dem „Verein für Ferienkolonien“ ermöglichte er mittellosen Kindern, Urlaub zu machen; im „Haus Kinderschutz“ fanden vernachlässigte und misshandelte Kinder einen Unterschlupf und Bildung. Ab 1889 finanzierte Simon Volksbadeanstalten, um die zum Teil desolaten hygienischen Zustände zu verbessern, unter denen viele Berliner litten.

Pflichtbewusster Geschäftsmann

Sein hohes soziales Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein spiegelte sich auch in der Führung seines Unternehmens. Simon hatte für seine Mitarbeiter Ende des 19. Jahrhunderts eine Pensionskasse eingerichtet, was zur damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Als die „Gebrüder Simon“ nach Ende des Ersten Weltkrieges in ernste finanzielle Schwierigkeiten gerieten, verkaufte er zwei seiner wertvollsten Bilder von Frans Hals und Jan Vermeer in die USA und stockte von dem Erlös unter anderem auch diese Pensionskasse seiner Mitarbeiter um eine beträchtliche Summe auf.

24 Millionen Mark steckte James Simon insgesamt in die Rettung seiner einst so erfolgreichen Firma – und scheiterte dennoch. Die Marktstrukturen hatten sich verändert, und der Zwischenhandel mit Baumwolle, das Simonsche Kerngeschäft, verlor an Bedeutung. Ende der 1920er Jahre ging „Gebrüder Simon“ schließlich in Konkurs. Trotz der daraus folgenden enormen finanziellen Einbußen, die u.a. den Verkauf seiner Villa in der Tiergartenstraße und einen Umzug in eine Mietwohnung nach sich zogen, blieb James Simon seinen stifterischen Tätigkeiten bis zu seinem Tod 1932 treu.

Die Machtübertragung an die Nationalsozialisten musste er zum Glück nicht mehr erleben – diese brachte aber bald die Erinnerung an sein Vermächtnis zum Erlöschen: Ab 1938 trugen die Objektschilder aller von jüdischen Mäzenen gestifteten Exponate nur noch den Vermerk „Geschenk“ und die Werke aus der Sammlung Simon wurden im August 1939 aus ihrem angestammten Kabinett entfernt. Nach 35 Jahren war die Würdigung des großen Berliner Mäzens der NS-Rassenpolitik zum Opfer gefallen.

Blick in das James-Simon-Kabinett im Kaiser-Friedrich-Museum, 1904 © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv
Blick in das James-Simon-Kabinett im Kaiser-Friedrich-Museum, 1904 © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv

Späte Würdigung

Trotz Büsten und Tafeln in verschiedenen Museen in Ost- und West-Berlin, die an James Simon erinnerten, blieb sein Name jahrzehntelang im Bewusstsein der Öffentlichkeit unbekannt. Das Neue Museum zeigt James Simons Büste seit 2009 im Zusammenhang mit der Sammlungsgeschichte und seinen großzügigen Schenkungen, seit 2011 ist ihm auch ein Raum im Bode-Museum gewidmet.

Anlässlich der Eröffnung der James-Simon-Galerie wird auch das James-Simon-Kabinett am ursprünglichen Ort wieder eingerichtet. „Die Idee ist, den Geschmack von Simon nicht nur durch die Exponate zu zeigen, sondern auch durch die ursprüngliche Hängung“, erläutert Neville Rowley, Kurator am Bode-Museum und in der Gemäldegalerie. Neben Gemälden und Skulpturen werden auch Möbelstücke zu sehen sein.

Die Wiedereinrichtung des Kabinetts im Bode-Museum und auch die Benennung der James-Simon-Galerie sind eine Hommage an den wohl bedeutendsten Mäzen der Staatlichen Museen zu Berlin. Gleichzeitig steht die Ehrung auch für die Wertschätzung, die die Museen ihren zahlreichen weiteren Förderern, insbesondere jüdischer Herkunft, entgegenbringen. Ohne ihre Unterstützung wären viele Wände und Vitrinen leer – und Berlin um so manchen Kunstschatz ärmer.

Dieser Beitrag erschien zuerst in MUSEUM, der Programmzeitung der Staatlichen Museen zu Berlin, Ausgabe III / 2019. Zur Eröffnung der James-Simon-Galerie am 13.7.2019 gibt es einen Aktionstag von 10-21 Uhr (Sonderpreis für Neues Museum und Pergamonmuseum: 10 / ermäßigt 5 Euro; „Pergamonmuseum. Das Panorama“ ausgenommen) Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr erhalten dann freien Eintritt.

Ähnliche Beiträge

kommentieren

Beitrag kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *