Was Naturwissenschaft und jahrhundertealte Elfenbeinobjekte verbindet
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Im Bode-Museum waren zeitweise die Vitrinen der spätantiken und byzantinischen Elfenbeinsammlung leer – warum das so war und was rosa Elfenbein über vergessene Vergoldungen verrät, hat Stipendiatin Ophelia Kloth am Rathgen-Forschungslabor ergründet.
Text: Ophelia Kloth
Manche Besucherinnen und Besucher des Bode-Museums haben es vielleicht bemerkt: In einigen Vitrinen fehlten Objekte. Der Grund dafür ist erfreulich. Sie waren zum Zwecke der Forschung ‚auf Reise gegangen‘.
Abbildung 1: Ein Elfenbeinrelief aus dem 10./11. Jahrhundert unter Betrachtung im Mikroskop, Inv. Nr. 2108 (Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Ophelia Kloth / RF; CC BY-SA 4.0)
Leere Vitrinen für einen guten Zweck
Das Bode-Museum beherbergt eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen spätantiker und byzantinischer Elfenbeinarbeiten. Rund 50 Objekte, bis zu 1.600 Jahre alt, zeugen von beeindruckender Handwerkskunst im Kleinformat. Trotz ihrer Bedeutung waren sie bislang nicht als Konvolut materialtechnologisch und naturwissenschaftlich systematisch untersucht worden.
Das ändert sich jetzt: Mit Unterstützung und finanzieller Förderung durch die Ernst von Siemens Kunststiftung werden diese Elfenbeinobjekte im Museum für Byzantinische Kunst neu erfoscht. Dabei geht es nicht nur um ikonographische und stilgeschichtliche Analysen zum Ziel der zeitlichen und geographischen Einordnung, sondern auch um andere, ebenfalls wichtige Fragen: Wie wurden die Objekte hergestellt? Wofür wurden sie genutzt? Und was haben sie im Laufe der Jahrhunderte erlebt?
Ein Team – viele Blickwinkel
Um Antworten zu finden braucht es Teamarbeit. Eine Kunsthistorikerin, eine Restauratorin und eine Archäologin arbeiten in diesem Projekt eng zusammen. Weitere Expertisen brachte das Team des Rathgen-Forschungslabors der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein. Ein dreimonatiges Stipendium, finanziert durch den Förderkreis des Rathgen-Forschungslabors e.V., konnte an die Naturwissenschaftlerin Ophelia Kloth vergeben werden, die im Labor mit dem Rathgen-Forschungslabor (RF)-Team an verschiedenen Untersuchungsgeräten zusammengearbeitet hat. Für das Projekt reisten 15 Elfenbeinobjekte für drei Monate von der Museumsinsel nach Charlottenburg ins Forschungslabor. Diese wurden mit verschiedenen chemischen und physikalischen Methoden untersucht.
Rätselhaftes Rosa: War das Elfenbein einmal vergoldet?
Ein besonderes Rätsel bietet ein Relief mit der Darstellung Evas: Teile des Elfenbeins sind rosa verfärbt. Dass es sich bei diesen rosa Spuren um die Reste einer ehemaligen roten Bemalung handeln könnte, schien wenig überzeugend.
Abbildung 2: Relief von der Verkleidung eines Holzkastens mit der sitzenden Eva aus dem 11./12. Jahrhundert; Inv. Nr. 3006 (Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Elisabeth Ehler; CC BY-SA 4.0)
In der naturwissenschaftlichen Fachliteratur fand sich der entscheidende Hinweis: Vergleichbare Verfärbungen auf Elfenbeinarbeiten in anderen Sammlungen waren mit ehemals vorhandenen Goldauflagen in Verbindung gebracht worden. Denn über Jahrhunderte kann sich Gold in Nanopartikel zersetzen, die schließlich rosa erscheinen. Weil dieser Prozess lange dauert, gilt er als Hinweis für eine archäologische Provenienz und somit eine ‚alte‘ Vergoldung.
Mit diesem Wissen wurde das Relief im Rathgen-Forschungslabor mit Röntgenfluoreszenz-Analyse (RFA) untersucht. Dabei wird das Objekt mit Röntgenstrahlen bestrahlt. Die Atome im Material senden daraufhin elementspezifische Signale aus.
Das Ergebnis: Neben den für Elfenbein typischen Elementen Calcium und Strontium zeigen sich Goldsignale. Besonders an den klar begrenzten rosafarbenen Flächen deuten Form und Position auf eine frühere Blattgoldauflage.
Verborgene Texte auf Elfenbein
Unter den untersuchten Objekten befanden sich auch Diptychen, das sind zweiteilige, miteinander verbundene Elfenbeintafeln, deren Innenseiten beschriftet sein konnten.
Abbildung 3: Vorderseiten des Christus-Maria-Diptychons aus der Mitte des 6. Jahrhunderts, Inv. Nrn. 564 und 565 (Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Jürgen Liepe; CC BY-SA 4.0)
Beim sog. ‚Christus‑Maria‑Diptychon‘ aus der Mitte des 6. Jahrhunderts sind auf der Rückseite der Marientafel noch Reste eines Textes erhalten. Um die durch Alterung und Lichteinfluss verblassten Partien sichtbar zu machen, nutzten die Forschenden ein Bildgebungsverfahren bei unterschiedlichen Wellenlängen, von ultraviolett (UV) bis infrarot (IR). Diese Untersuchungsmethode liefert nicht nur Erkenntnisse über die Materialeigenschaften und somit -zusammensetzung, sondern dokumentiert auch den aktuellen Zustand der Objekte.
Abbildung 4: Rückseite der Marientafel des Christus-Maria-Diptychons unter UV (links), sichtbaren Licht (Mitte) und unter IR-Strahlung (rechts) (Ophelia Kloth / RF)
Auf den multispektralen Aufnahmen der rückseitigen Marientafel zeigt sich Folgendes: Im UV-Licht tritt die Schrift deutlich hervor, während sie im Infrarot fast vollständig verschwindet (s. Abb. 4, von links nach rechts). Dieses Verhalten ist für Eisengallustinten bekannt. Doch die RFA brachte eine Überraschung: Statt Eisen wurde Kupfer nachgewiesen. Es könnte sich also um eine kupferhaltige, pflanzliche Tinte handeln, die, wie historische Quellen belegen, im 6. Jh. im Gebrauch war. Der auf der Basis der paläographischen Untersuchung beruhende Datierungsvorschlag des Diptychons in das 6. Jh. wird also durch die naturwissenschaftliche Analyse gestützt.
Spuren aus der Gipsformerei
Manche Funde spiegeln auch die jüngere Geschichte der Objekte wider. Im 19. und 20. Jahrhundert war es üblich, bedeutende Kunstwerke abzuformen, um Gipsreproduktionen herzustellen und zu verkaufen.
Das Diptychon mit der Darstellung von Christus und Maria wurde nachweislich zwischen 1867 und 1871 in der Gipsformerei der SPK abgeformt. In kleinen Vertiefungen, etwa in den Pupillen der Marienfigur, entdeckte die Restauratorin Reste einer rosafarbenen Substanz. Wie die RFA zeigt, enthält die Substanz Blei und Quecksilber. Mithilfe der Infrarotspektroskopie, einer Methode zur Bestimmung von Molekülen, lässt sich das Gemenge als Mischung aus Wachs und Bleiweiß identifizieren. Das gemessene Quecksilber liegt vermutlich als Zinnober, ein historisches rotes Pigment aus Quecksilbersulfid, vor.
Im Austausch mit der Restauratorin und einer Kunsthistorikerin der Gipsformerei wurde das Rätsel gelöst: In Vorbereitung für die Abformung wurde wahrscheinlich eingefärbtes Wachs verwendet, um tiefe Löcher zu schließen, das dann später nicht vollständig entfernt worden war. In diesem Fall entschied sich die Restauratorin, die Reste zu belassen. Sie sind mit bloßem Auge kaum sichtbar und bleiben ein spannendes Zeugnis der Objektgeschichte.
Schwarz oder Rot?
Auch ein byzantinisches Objekt – eine drachenförmige Elfenbein-Stabbekrönung – vermutlich des 12. Jahrhunderts gab Rätsel auf. In den geschnitzten Einkerbungen der Ohren, Augenlider und Münder finden sich rote und schwarze Farbspuren.
Abbildung 5: Drachenförmige Stabbekrönung aus dem12. Jahrhundert aus Elfenbein, Inv. Nr. 6747 (Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Mika Wisskirchen, CC BY-SA 4.0)
Mit RFA und Raman‑Spektroskopie, eine zerstörungsfreie Methode zur molekularen Identifizierung von Pigmenten, kann gezeigt werden, dass die roten Bereiche aus den Pigmenten Zinnober und Mennige bestehen. Das vermeintliche Schwarz ist also keine spätere Übermalung, vielmehr handelt es sich um dunkle Umwandlungsprodukte der roten Pigmente.
Der vollständige Bestandskatalog der Elfenbeinsammlung wird digital im Open Access Format als auch in Druck in einer abschließenden Publikation zugänglich sein.
So kehren die Objekte, erweitert um viele neue Erkenntnis, in die Vitrinen zurück.
Wir danken an dieser Stelle dem Förderkreis des Rathgen-Forschungslabors e.V. für das Forschungsstipendium von Ophelia Kloth.
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