Farben schaffen Formen – Der Farbtondruck im Kupferstichkabinett

Viele Geheimnisse schlummern in den Beständen der Museen und warten darauf, erforscht zu werden. Die Kunsthistorikerin Pia Littmann hat mit Hilfe des Teams im Kupferstichkabinett der Bedeutung von Farbe in der Geschichte der Grafik nachgespürt.

Text: Pia Littmann

IACOBVS FVGGER CIVIS AUGVSTA: Jacob Fugger, Bürger von Augsburg – So wird, ebenso schlicht wie raffiniert, einer der mächtigsten Männer beschrieben, die um das Jahr 1500 in Augsburg wirkten. Schließlich war Jacob Fuggers Vermögen ein bedeutender Faktor beim Aufstieg Maximilian I. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1508. Hier nennt sich Fugger bescheiden Bürger – und inszeniert sich doch selbst wie ein römischer Kaiser. Das Blatt aus dem Kupferstichkabinett ist nicht das einzige, aber sicherlich eines der faszinierendsten Porträts von Fugger, dem Reichen.

Die reizvolle Ästhetik des Blattes verdankt sich seiner besonderen Technik. Die schwarzen und hellbraunen Linien erscheinen als Gegenspieler, werden jedoch zu vollkommener Harmonie geführt und sind gleichrangig an der Gestaltung von Fuggers plastischer, geradezu pulsierender Büste beteiligt. Vor allem im Bereich seines Hemdes werden die Verhältnisse nur mehr angedeutet und fordern die Partizipation des Betrachters in besonderer Weise heraus. Das Blatt wurde von Hand ergänzt, wobei die Farbe auf die gedruckten Linien reagiert und sie in der Regel nicht übertritt. Das Grün bedeckt so etwa nur die unbelassenen Bildteile und wird penibel um die gedruckten Schraffuren herumgeführt.

Hans Burgkmair und Jost de Negker: Profilbild von Jacob Fugger, Holzschnitt, gedruckt von zwei Platten (Schwarz, Hellbraun), von Hand koloriert (vermutlich 1512) © Staatliche  Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Hans Burgkmair und Jost de Negker: Profilbild von Jacob Fugger, Holzschnitt, gedruckt von zwei Platten (Schwarz, Hellbraun), von Hand koloriert (vermutlich 1512) © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Weitreichende Folgen für die Gestaltung
Auch aufgrund eines Zitats des bedeutenden Gelehrten Erasmus von Rotterdam (ca. 1466–1536), den die vollendeten, allein in schwarzen Linien gedruckten Blätter seines Zeitgenossen Dürer tief beeindruckten, wurde die Farbe später oft als Surplus betrachtet, als verzichtbar oder sogar als überflüssig. Dass sie jedoch bei der Gestaltung reproduzierbarer Bilder fundamental ist und ganz eigene Bildformen hervorbringt, zeigt Fuggers gedrucktes Profilbild. Man darf annehmen, dass dieses als letztes Blatt einer fruchtbaren Zusammenarbeit des Augsburger Malers und Graphikers Hans Burgkmair (1473–1531) mit dem aus den Niederlanden zugezogenen Formschneider Jost de Negker (ca. 1485–1544) hervorging, der für die Bearbeitung der Druckplatten verantwortlich war.

Um das Jahr 1509 hatten die beiden eine innovative Drucktechnik entwickelt, bei der das Motiv nicht mehr von einer einzigen, schwarz gefärbten Platte gedruckt wurde, sondern sich aus dem Zusammenwirken mehrerer farbiger Druckschichten ergab, die nacheinander aufgetragen wurden – mit weitreichenden Folgen für die Körper- und Raumgestaltung und auch die Wahrnehmung dieser Bilder. Der entscheidende Unterschied des Farbtondrucks gegenüber den allein in Schwarz gedruckten Bildern bestand darin, dass es zwei (oder mehr) Bildschichten gab. Dies „entlastete“ die einzelne Linie davon, an jeder Stelle des Bildes zugleich Tiefe und Oberfläche abzubilden und ermöglichte stattdessen innerbildliche Bezüge und Interaktionen.

Leonardo wusste es
Das Profilbildnis von Jacob Fugger, das wohl um 1512 entstand, kann als Höhepunkt einer erstaunlichen Entwicklung gelten, welche die Druckgraphik, namentlich der Augsburger Holzschnitt, von etwa 1480 bis in die erste Dekade des 16. Jahrhunderts durchlief. Aus formelhaften, vornehmlich flächig entwickelten Motiven wurden räumlich erfahrbare Darstellungen, in denen die Bildgegenstände in ein zunehmend schlüssiges Verhältnis gelangten. Dies setzte den souveränen Einsatz der (gedruckten) Linie voraus. Aber nicht nur das. Fuggers Profilbildnis ist auch und vor allem Ausdruck einer weiteren wichtigen Einsicht: Körper und Raum ließen sich trefflich anhand von Helldunkel-Kontrasten gestalten, also von Farbe. Niemand Geringeres als Leonardo da Vinci hat dieses Phänomen ausführlich anhand seiner Naturbeobachtungen zum Mittelton beschrieben.

Die Schutzheiligen von Passau, Hans Burgkmair zugeschrieben; Missale Pataviense, Augsburg, Erhard Ratdolt, 21. Januar 1494, Holzschnitt, gedruckt von vier Platten (Schwarz, Rot, Gelb, Oliv, Blau) © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Die Schutzheiligen von Passau, Hans Burgkmair zugeschrieben; Missale Pataviense, Augsburg, Erhard Ratdolt, 21. Januar 1494, Holzschnitt, gedruckt von vier Platten (Schwarz, Rot, Gelb, Oliv, Blau) © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Die Künstler erkannten dies, gleichwohl die praktische Umsetzung oftmals noch nicht ganz schlüssig war. Betrachten wir dazu zwei Blätter aus den Kirchenbüchern des viel gerühmten Augsburger Druckers Erhard Ratdolt (1447–1528), der sein Handwerk in Venedig perfektioniert hatte. Das Blatt mit den Schutzheiligen von Passau aus dem Missale Pataviense (s. oben), das auf den 21. Januar 1491 datiert, gehört zu den seltenen Beispielen, bei denen die Farbe aufgedruckt wurde – wohl gemerkt als nebeneinander liegende, geschlossene Flächen und nicht, wie beim späteren Farbtondruck, als über- und ineinander liegende Bildschichten. Auf diese Weise suggeriert die Farbe keine Plastizität oder Tiefe, wie es die schwarzen Linien durchaus tun, sondern ist ganz flächig. Man könnte sagen: Sie dient hier in erster Linie der Angabe von Buntheit.

Die Schutzheiligen von Konstanz, Hans Burgkmair zugeschrieben; Ursprünglich in: Missale Constantiense, Augsburg, Erhard Ratdolt, 8. Oktober 1505, Holzschnitt, koloriert © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Die Schutzheiligen von Konstanz, Hans Burgkmair zugeschrieben; Ursprünglich in: Missale Constantiense, Augsburg, Erhard Ratdolt, 8. Oktober 1505, Holzschnitt, koloriert © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Illusionen von Licht
In dem anderen Blatt (s. oben), das aus einem etwas später gedruckten Messbuch für die Konstanzer Diözese stammt, wurde die Farbe nicht gedruckt, sondern von Hand aufgetragen. Das Bemühen, die Kolorierung mittels tonaler Abstufungen in die Körperbildung einzubeziehen, wird gerade mit Blick auf die hellen, unbedruckten Bereiche am faltenreichen, blauen Umhang der Madonna besonders deutlich: Es wirkt, als würde sich das Licht an dessen Kanten brechen. In Fuggers Profilbild ließ sich diese – überaus souveräne – Aktivierung vermeintlich passiver Bildbereiche nun auch technisch realisieren. Der helle Ton des Pergaments vermittelt den Eindruck, als läge er oberhalb der schwarzen und braunen Linien – er ist das Licht, der Glanz, der dem Betrachter scheinbar ganz nahe kommt.

Ähnlich innovativ wurde die Farbe nächstmals in den Holzschnitten des italienischen Formschneiders Ugo da Carpi angewendet, in denen ihre bildnerischen Möglichkeiten mit nochmals anderen Resultaten ausgereizt wurden. Doch das ist ein anderes Kapitel …

Pia Littmanns Buch „Der Farbtondruck. Innovation der Körperbildung um 1500″ (Diss. phil.) erscheint am 23. März 2018 im Ernst Wasmuth Verlag.
Großer Dank gebührt Georg Josef Dietz, dem Leiter der Abteilung Restaurierung/Konservierung des Kupferstichkabinetts, für seine Hinweise und Untersuchungen, die er für das Projekt zur Verfügung gestellt hat.

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