Geheimnisse eines Grabes: Verwobene Familienbande im Frühmitteltalter

Im 6. Jahrhundert wurde im heutigen Berlin ein Teenager bestattet. Die „Britzer Prinzessin“ trug fremde Beigaben bei sich – war sie in Berlin geboren oder eingewandert? Die Archäologin Marion Bertram leitete ein Forschungsprojekt über die Verstorbene und ihr Umfeld im Museum für Vor- und Frühgeschichte.

Text: Marion Bertram

Am 28. März 1951, einem Mittwoch nach Ostern, entdeckten Bauarbeiter in Berlin-Britz zwei menschliche Skelette. Die Männer hatten nach den Feiertagen gerade wieder die Erdarbeiten zur Gestaltung des zukünftigen Parks am Buschkrug aufgenommen, als sie die beiden Toten zusammen mit Gerätschaften, Schmuck und Gefäßen freilegten (Abb. 1). Umgehend benachrichtigte der Vorarbeiter das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, dessen Mitarbeiter jedoch noch im Osterurlaub weilten. Erst in den folgenden zwei Tagen konnten sie die Fundstelle untersuchen und schließlich die Skelette und die bei ihnen gefundenen Gegenstände ins Museum bringen (Abb. 2).

Berlin-Britz, 28. März 1951: Freilegung einer Bestattung aus dem 6. Jahrhundert.  © Bürgerverein Britz e. V. Foto: Erich Moebus.
Berlin-Britz, 28. März 1951: Freilegung einer Bestattung aus dem 6. Jahrhundert.
© Bürgerverein Britz e. V. Foto: Erich Moebus.
Die geborgenen Skelettteile und Grabbeigaben aus Britz. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte.
Die geborgenen Skelettteile und Grabbeigaben aus Britz. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte.

“Prinzessin” aus dem Thüringerreich

Für die Museumsdirektorin Gertrud Dorka war zu diesem Zeitpunkt bereits eines klar: es handelte sich um zwei Bestattungen, die den Beigaben zufolge aus dem 6. Jahrhundert stammten. In den frühen 1950er Jahren waren die Forscher in Ost- und West-Berlin noch eng vernetzt und so untersuchte bald darauf der Mediziner Hans Grimm die Skelette. Grimm war einer der führenden Vertreter der Sportmedizin in der DDR und über sportanthropologische Untersuchungen auch zur historischen Anthropologie gekommen. Er kam zu dem Schluss, dass hier ein etwa 30- bis 35-jähriger Mann und ein etwa 16-jähriges Mädchen begraben waren.

Das als Mädchen identifizierte Skelett fiel durch zwei besonders wertvolle Beigaben auf: Im Mund lag ein Gold-Brakteat, ein dünnes, einseitig geprägtes Schmuckplättchen (Abb. 3), das wohl als Obolus dienen sollte. Die Sitte, den Verstorbenen ein Fährgeld für den Weg ins Totenreich mitzugeben, geht auf antike Bestattungsbräuche zurück und wurde im späten 4. und 5. Jahrhundert von den Germanen übernommen. Unklar ist, ob die Obolus-Beigabe bei den Germanen als Zeugnis der Christianisierung angesehen werden kann. Außerdem lag zu Füßen der Person eine Glasschale, deren Form und Verzierung die Herkunft aus einer rheinländischen Werkstatt vermuten ließ (Abb. 4). Tatsächlich ergab die aktuelle geowissenschaftliche Untersuchung der Haupt- und Spurenelemente des Glasmaterials den deutlichen Hinweis auf eine Produktionsstätte im Kölner Hafen. Neben dem Bezug zum Frankenreich der Merowinger wiesen andere Beigaben aus diesem Grab in das Gebiet des Thüringerreiches. Dies gilt vor allem für den Gold-Brakteaten, der ein spezielles Kreuzornament aufweist.

Der Goldbrakteat lag im Mund der „Britzer Prinzessin“, als Fährgeld für die Überfahrt ins Totenreich gedacht.  © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte. Foto: Klaus Göken.
Der Goldbrakteat lag im Mund der „Britzer Prinzessin“, als Fährgeld für die Überfahrt ins Totenreich gedacht.
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte. Foto: Klaus Göken.

Der Mythos von der „Britzer Prinzessin“, die möglicherweise aus dem erwähnten Thüringer- oder Frankenreich hierher verheiratet wurde, war geboren. Schon wenig später konnte das rekonstruierte „Mädchengrab“ im Museum für Vor- und Frühgeschichte besichtigt werden und die Direktorin legte die Ergebnisse ihrer umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen vor. Seit den 1950er Jahren hat die archäologische Forschung viele neue Erkenntnisse gewonnen. Vor allem der enorme Fortschritt bei den naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden ermöglicht heute neue und präzisere Aussagen über die Lebensumstände und die Herkunft der Bestatteten. Eine Neuuntersuchung des „Britzer Mädchengrabes“ versprach somit spannende Erkenntnisse.

Licht in das „dunkle Zeitalter“

Ende 2016 konnte ich meine Kollegin, die Archäologin Claudia M. Melisch, für weitere Untersuchungen am „Britzer Mädchengrab“ gewinnen. Als Leiterin umfangreicher Ausgrabungen am Berliner Petriplatz hat sie über Jahre das Zentrum der mittelalterlichen Stadt Cölln freigelegt, aus der zusammen mit dem mittelalterlichen Berlin am Nordufer der Spree später die Stadt Berlin entstand. Fast 4000 Skelette hat das Ausgrabungsteam auf dem Areal des ehemaligen Petri-Kirchhofes geborgen, die ältesten aus dem 12. Jahrhundert. Auf diesem reichen Fundus basiert das Forschungsprojekt von Melisch, in dem sie die Herkunft der ältesten Berliner Bevölkerung aufzuklären versucht. Anthropologische und genetische Untersuchungen liefern vor allem Erkenntnisse über Alter, Geschlecht, Lebensumstände und Krankheiten der einzelnen Menschen, aber auch über die Verwandtschaftsverhältnisse in der Gemeinschaft der Bestatteten.

Die Methode der Radiokarbondatierung des Skelettmaterials ermöglicht es, Gräber ohne Beigaben chronologisch einzuordnen, oder die archäologische Datierung von Grabbeigaben zu überprüfen. Dabei wird gemessen, wie viel Kohlenstoff-Atome in organischen Objekten enthalten sind. Da Lebewesen mit ihrem Tod aufhören, Kohlenstoff aufzunehmen und die Menge der Atome vom Todeszeitpunkt an stetig abnimmt, können durch einen Abgleich mit den bekannten Zerfallszeiten der Atome recht genaue Bestimmungen des Todeszeitpunkts gemacht werden. Während das Alter eines Fundes so gut bestimmt werden kann, geben DNA- und Isotopenanalysen auch Auskunft über die Herkunft der Individuen, das heißt über die Region oder auch die unterschiedlichen Regionen, in der sie ihre Kindheit und ihr Erwachsenenleben verbracht haben. Diese Untersuchungen beruhen auf der Tatsache, dass etwa Wasser, Gesteine und Erde an verschiedenen Orten der Welt eine jeweils einzigartige und charakteristische Zusammensetzung an Isotopen (einer Art von Atomen) hat. So kann man über den Nachweis bestimmter Isotopen im untersuchten Material herausfinden, woher eine Person oder ein Gegenstand stammt.

Die englische Anthropologin Natasha Powers (links) erläutert den Berliner Archäologinnen Marion Bertram (Mitte) und Claudia M. Melisch die Ergebnisse ihrer osteologischen Analyse der „Britzer Prinzessin“.   Foto: Thilo Rückeis.
Die englische Anthropologin Natasha Powers (links) erläutert den Berliner Archäologinnen Marion Bertram (Mitte) und Claudia M. Melisch die Ergebnisse ihrer osteologischen Analyse der „Britzer Prinzessin“.
Foto: Thilo Rückeis.

Genau diese Herkunfts-Informationen wollten wir für das „Britzer Mädchengrab“ aus dem 6. Jahrhundert gewinnen, um etwas mehr Licht in das „dunkle Zeitalter“ zu bringen. Spätestens seit dem 3. Jahrhundert bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts kam es in unserer Region zu massiven Abwanderungen und einer deutlichen Ausdünnung der germanischen Bevölkerung. Für die Zeit ab der Mitte des 5. Jahrhunderts bis zum 6. Jahrhundert deuten die archäologischen Quellen nur noch auf eine spärliche Besiedlung. Schriftquellen fehlen hierzu für unsere Region. Umso interessanter ist die Frage nach der Herkunft der Menschen aus den Britzer Gräbern.

Verwandt mit dem “Neuköllner Reiter”

Claudia M. Melisch brachte sehr gute Kontakte zu einem ganzen Netzwerk von internationalen Naturwissenschaftlerinnen in das Projekt zum „Britzer Mädchengrab“ ein (Abb. 5–6). So konnten wir Natasha Powers von der privaten Allen Archaeology Ltd in Lincolnshire, Großbritannien, ebenso an Bord holen wie Jessica Rothe vom Institut für Forensische Genetik der Charité Berlin und die Archäologin Janet Montgomery von der Durham University in Großbritannien.

In dem naturwissenschaftlichen Projekt wurden außer dem Teenager-Skelett auch der daneben begrabene Mann und das so genannte „Neuköllner Reitergrab“ einbezogen. Der etwa 40-jährige Neuköllner Reiter war im zweiten Viertel des 6. Jahrhunderts zusammen mit seinen Waffen und seinem Reitpferd begraben worden (Abb. 7).

Die wertvolle Glasschale enthielt vermutlich Proviant, für den Übergang ins Jenseits vorgesehen. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte. Foto: Klaus Göken.
Die wertvolle Glasschale enthielt vermutlich Proviant, für den Übergang ins Jenseits vorgesehen.
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte. Foto: Klaus Göken.

Die Ergebnisse der Untersuchungen übertrafen alle Erwartungen: Schon die osteologische Untersuchung der Knochen brachte neue Ergebnisse zum Alter der beiden Britzer Individuen, doch der erste Paukenschlag kam, als die Ergebnisse der DNA-Analyse feststanden: Aus der „Britzer Prinzessin“ wurde ein kleiner Prinz (12- bis 15-jährig), der auch noch in direkter männlicher Linie mit dem 35- bis 45-jährigen Mann aus dem Nachbargrab verwandt war. Es könnte sein Vater, sein Großvater oder auch ein Onkel gewesen sein. Eine Verwandtschaft zum Neuköllner Reiter besteht nicht.

Radiokarbon-Datierung enthüllt Geheimnisse

Noch spannender wurde es dann bei den Isotopen-Analysen. Die Ernährung (Kohlenstoff- und Stickstoff-Isotopen) des Jungen, des Mannes und des Reiters entsprach der normalen Zusammensetzung aus tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln, wie sie für das frühe Mittelalter in Europa zu erwarten war. Der Britzer Mann hatte während seiner Kindheit keine Ernährungsstörungen. Im Gegensatz hierzu erlitten der Britzer Junge und der Neuköllner Reiter im Laufe ihrer Kindheit ähnliche Phasen einer Mangelernährung vor dem 4. Lebensjahr und auch in der späteren Kindheit. Die große Überraschung lieferten die Analysen zur Herkunft (Strontium-, Sauerstoff- und Blei-Isotopen): Während der Britzer Mann in der Region des heutigen Berlin geboren wurde und hier auch sein Leben verbracht hat, sind der Junge und der Reiter nicht hier aufgewachsen. Beide waren mit derselben antiken Bleiquelle in Kontakt, wodurch ihre Herkunft auf Süd- und Osteuropa oder Kleinasien eingegrenzt werden kann. Ein solcher Kulturkontakt war für den Berliner Raum in dieser Zeit bisher nicht bekannt.

Jessica Rothe, DNA-Analystin vom Team der Forensischen Genetik untersucht mittelalterliche Knochenfragmente ; fotografiert im Institut für Rechtsmedizin der Charité Campus Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding.Text dazu von Jens Mühling. Foto: Thilo Rückeis
Jessica Rothe, DNA-Analystin vom Team der Forensischen Genetik untersucht mittelalterliche Knochenfragmente ; fotografiert im Institut für Rechtsmedizin der Charité Campus Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding.Text dazu von Jens Mühling.
Foto: Thilo Rückeis

Den Radiokarbondatierungen zufolge könnten der Mann, der Junge und der Reiter etwa gleichzeitig im Laufe der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts im Gebiet des heutigen Berlin-Neukölln gelebt haben. Die Britzer Grabstätten des Jungen und des Mannes lagen etwa einen Kilometer vom Reitergrab entfernt. Die Gräber gehörten wahrscheinlich zu zwei verschiedenen kleinen Ansiedlungen. Dass die vormalige „Prinzessin“ bzw. der Junge eine Beziehung zum Reiter haben könnte, war bisher nie in Betracht gezogen worden. Nun stellt sich also heraus, dass beide aus der derselben entfernten Region zugewandert sind.

Bezüglich des einheimischen Britzer Mannes und dem in direkter männlicher Linie verwandten Jungen aus der Fremde gilt es nun einige Rätsel zu lösen: Unter welchen Umständen und wo wurde der Junge geboren? Auf welchem Weg, in wessen Begleitung und wann kam er nach Berlin? War sein Vater in Berlin geboren und als Erwachsener von dort mit unbekannter Mission in die Fremde aufgebrochen? Hat er dort die Frau getroffen, welche ihm den Sohn gebar? Auf Grund der direkten Verwandtschaft mit einem einheimischen „Berliner“ könnte man vermuten, dass der Junge auf seinem Weg hierher von einem Familienangehörigen begleitet wurde. Und vielleicht war auch der in Neukölln bestattete Reiter zusammen mit ihm unterwegs. Warum der Junge in Berlin so früh verstarb, wird wohl unbekannt bleiben.

Präsentation des Neuköllner Reitergrabes im Märkischen Museum Berlin (nach 1923).  © Landesdenkmalamt Berlin, Archiv Bodendenkmalpflege.
Präsentation des Neuköllner Reitergrabes im Märkischen Museum Berlin (nach 1923).
© Landesdenkmalamt Berlin, Archiv Bodendenkmalpflege.

Noch weitere Thüringer

Im Rahmen unseres Forschungsprojektes haben wir schließlich alle weiteren archäologischen Quellen des 6. Jahrhunderts aus dem heutigen Berliner Stadtgebiet herangezogen. Dabei handelt es sich weitgehend um Grabbeigaben, also Waffen, Gerätschaften, Gefäße und Schmuck. Besonders interessant ist das Grab einer wohlhabenden Dame aus Pankow-Rosenthal, das aufgrund seiner Schmuckausstattung ins zweite Viertel des 6. Jahrhunderts datiert werden kann. Diese wohlhabende Frau war sehr wahrscheinlich ebenfalls eine Zeitgenossin des Britzer Jungen. Sie trug eine wertvolle Gewandspange, deren Form thüringischer Herkunft ist. Das Skelett der Frau ist leider nicht erhalten und auch bei den wenigen weiteren Grabfunden aus diesem Zeithorizont sind keine Skelettmaterialien überliefert, die für die aussagekräftigen naturwissenschaftlichen Untersuchungen herangezogen werden könnten. Doch besonders die Formen des Schmucks und der Keramikgefäße aus den Gräbern belegen die naheliegenden Beziehungen zum Reich der Thüringer, das 531 n. Chr. von den Franken erobert wurde.

Von dort, so nahm man bisher an, sollte auch die „Britzer Prinzessin“ gekommen sein, aus der nun ein kleiner Prinz geworden ist. Bis ins zweite Drittel des 6. Jahrhunderts gab es in unserer Region eine kleine Restbevölkerung, die aus Einheimischen und Zugewanderten bestand. Das aktuelle Forschungsprojekt zeigt überraschend, dass Letztere auch aus ferneren Gebieten wie etwa Südosteuropa kamen. Interessanterweise sind von frühmittelalterlichen Fundorten auf dem Balkan einige thüringische Gegenstände bekannt, die den Kontakt zwischen den entfernten Regionen belegen. Bis zum Eintreffen der Slawen aus dem Osten am Ende des 7. Jahrhunderts herrschte dann in unserer Region wohl weitgehende Siedlungsleere. Für das 7. Jahrhundert fehlen bisher die archäologischen Quellen.

Neue Rätsel gilt es nun zu lösen. Das Forschungsprojekt geht in die nächste Runde. In unserer Ausstellung im Neuen Museum präsentieren wir im Saal 206 den Gold-Brakteaten und die Glasschale des Britzer Jungen.

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