Rahmen-Rekonstruktion im Bode-Museum: Mehr als bloßes Beiwerk

Vier Restauratoren arbeiteten im Bode-Museum ein Jahr lang an der Rekonstruktion eines Renaissance-Rahmens. Künftig wird er das Relief „Madonna mit Kind“ von Antonio Rosselino einfassen.

Text: Karolin Korthase

„Erhalten geblieben sind Bruchstücke, die zusammengefügt nur noch Maria mit dem Kind und Teile der Umrahmung ergeben“, schreibt ein Restaurator 1958; „Durchgehende Brüche befanden sich am Hals der Maria unterhalb des Kinns, sie verliefen von der linken Seite des Oberkörpers bis in Ellenbogenhöhe des rechten Armes, durch den Mantel und den Thronsessel, durch den oberen Teil des Kinderkopfes und daran anschließend durch die Finger der linken Hand.“

Dieser Auszug aus einem Restaurierungsprotokoll zeigt, in welchem desolaten Zustand sich das Renaissance-Relief „Madonna mit Kind“ einst befand. Zusammen mit hunderten anderen Kunstwerken war es im Zuge des Zweiten Weltkrieges in einen Flak-Bunker in Berlin-Friedrichshain gebracht worden. Geschützt waren die kostbaren Werke dort jedoch nicht. Im Mai 1945 – zu diesem Zeitpunkt waren die Kampfhandlungen schon eingestellt – brachen im Bunker aus ungeklärten Gründen zwei verheerende Feuer aus, die viele Kunstwerke zerstörten. Zwar konnten einige Exponate gerettet werden, die aus relativ hitzebeständigen Materialien wie Bronze oder Marmor bestanden. Aber auch sie waren in der Regel durch die Flammen so stark beschädigt worden, dass Restaurierungen in den folgenden Jahrzehnten entweder gar nicht oder nur teilweise durchgeführt wurden.

Ein entscheidendes Detail fehlt
Im Falle von Antonio Rosselinos Relief „Madonna mit Kind“ gab es zum Glück einen Gipsabdruck des Originals. Anfang des 20. Jahrhunderts, kurz nach dem Erwerb des Exponats durch Wilhelm von Bode, hatte die Gipsformerei in West-Berlin diesen Abdruck gemacht. Mit Hilfe der Gipsform konnte der Originalzustand des Reliefs, das der Florentiner Rosselino um 1460 erschuf, in mehreren Restaurierungsdurchläufen bis 2012 weitestgehend nachempfunden werden; das Kunstwerk wurde wieder ausstellungsfähig und konnte im Bode-Museum der Öffentlichkeit präsentiert werden. Allerdings fehlte dem Relief ein entscheidendes Detail: der Rahmen.

Chefrestaurator Paul Hofmann  und sein Team besprechen die Rekonstruktion des Rahmens von Rahmen für Antonio Rosselinos Relief „Madonna mit Kind“  (c) Staatliche Museen zu Berlin
Chefrestaurator Paul Hofmann und sein Team besprechen die Rekonstruktion des Rahmens von Rahmen für Antonio Rosselinos Relief „Madonna mit Kind“ (c) Staatliche Museen zu Berlin

„Ein Bild ohne Rahmen ist wie ein Körper ohne Seele“, soll der Maler Vincent van Gogh einst gesagt haben. Im Optimalfall vermag der Rahmen ein Kunstwerk auf ideale Weise zu ergänzen. Er darf zwar auffallen, sollte sich aber nicht zu sehr in den Vordergrund drängen. Er muss handwerklich überzeugen, gleichzeitig aber viel mehr sein als bloßes Handwerk. Kurzum: Er muss mit dem Kunstwerk zu einer Einheit verschmelzen. Auf Fotografien, die die ursprüngliche Hängung der „Madonna mit Kind“ im Bode-Museum vor Kriegsausbruch zeigen, ist zu sehen, wie wichtig die Einfassung für das Kunstwerk ist. Ohne Rahmung wirkt das Relief, das Rosselino einst aus einem Block feinen Carrara-Marmors herausmeißelte, auf seltsame Weise modern und etwas nackt.

Viele Rahmen waren nach Ausbruch des Krieges im Keller des Pergamon-Museums eingelagert worden, erzählt Paul Hofmann, Chefrestaurator des Bode-Museums. Gefunden wurde der Renaissance-Rahmen des Madonnenreliefs dort aber nicht. Ein mögliches Szenario ist, dass er beim Feuer im Flak-Turm Friedrichshain vollständig verbrannte. Auf Initiative von Neville Rowley, Kurator für frühitalienische Kunst in der Gemäldegalerie und der Skupturensammlung, konnte der Rahmen, so wie er auf historischen Aufnahmen zu sehen ist, nun in mühevoller Detailarbeit rekonstruiert werden. Eine Förderung der Bank of America Merrill Lynch finanzierte das Mammutprojekt. Zwei Holz- und zwei Gemälderestauratoren widmeten sich in einer freien Restaurierungswerkstatt in Falkensee über viele Monate lang der aufwändigen Rekonstruktion. Der leitende Holzrestaurator Matthias Schmerbach erzählt: „Es war wichtig, dass der Rahmen eine historische Anmutung hat, deshalb haben wir traditionelle Handwerkstechniken angewendet und möglichst wenig mit Maschinen gearbeitet. Allein schon durch die Werkzeuge hat man dann Spuren, die es früher auch schon gab.“ Gefertigt ist der Rahmen aus Lindenholz, laut Schmerbach eines der typischen Hölzer, das schon während der Renaissance Verwendung fand. Nach der aufwändigen Rahmenarchitektur und den filigranen Holzschnitzarbeiten mussten die Restauratoren eine möglichst ursprungsnahe Fassung und Vergoldung herstellen. Welche Farbnuancen soll das Blau in der Rahmengestaltung haben? In welchem Abstand zueinander stehen die Buchstaben der Inschrift? Und welche Vergoldung ist die beste? Diese und weitere Fragen mussten in Absprache mit Paul Hofmann und Neville Rowley geklärt werden.

Rekonstruktion des Rahmens von Antonio Rosselinos Relief „Madonna mit Kind“  (c) Staatliche Museen zu Berlin
Rekonstruktion des Rahmens von Antonio Rosselinos Relief „Madonna mit Kind“ (c) Staatliche Museen zu Berlin

Keine Konkurrenz für die Kunst
Lange Diskussionen gab es beispielsweise in Hinblick auf die Licht- und Schattenelemente in der Vergoldung. Wichtig war dem Kurator Rowley, dass „es nicht so aussieht, als wäre die Vergoldung erst gestern gemacht worden“. Auch sollte „der Rahmen dem Relief keine Konkurrenz machen“. Orientieren konnten sich die Restauratoren nur an einigen wenigen Fotos, die es von dem ursprünglich ausgestellten Rahmen gibt. Paul Hofmann sagte dazu: „Wir müssen uns klar machen: Es ist eine Rekonstruktion. Wir bilden nicht diesen Rahmen nach, wir lehnen uns an ihn an und versuchen weite Teile zu übernehmen. Vieles, was wir nicht wissen oder nicht lesen können, weil es ein 2D-Foto ist, müssen wir nachbilden.“ Dass es sich auf den historischen Katalogbildern um einen echten Renaissance-Rahmen handelt, halten die Fachleute für gesichert. Allerdings ist an den Maßen erkennbar, dass der Rahmen wohl ursprünglich nicht für das Madonna-Relief von Rosselino gemacht wurde. Eine Herausforderung für die Restauratoren besteht deshalb auch darin, die neukonstruierte Rahmung so zu gestalten, dass das Relief passgenau hineingesetzt und dort befestigt werden kann.

Für Paul Hofmann ist das zeit- und kostspielige Projekt „ein Versuch, ob wir das Bildwerk durch den wieder hergestellten Rahmen aufwerten können“. Und natürlich erzählt die Rekonstruktion auch etwas über den Umgang mit den vielen im Krieg geschädigten und verschwundenen Kunstwerken. In den vergangenen Jahrzehnten mussten sich Restauratoren und Kuratoren immer wieder aufs Neue die Frage stellen, ob ein Werk primär als kriegsbeschädigtes Objekt oder als ein Meisterwerk der jeweiligen Entstehungsepoche gezeigt werden soll. Im Falle des Madonnenreliefs von Rosselino fällt mit der Rekonstruktion des Renaissance-Rahmens die Antwort eindeutig aus: Erst kommt die Kunstgeschichte und dann die Geschichte des Objekts im 20. Jahrhundert.

Chefrestaurator Paul Hofmann, Kurator Neville Rowley (v.l.) und ihr Team vor dem neuen Rahmen. (c) Staatliche Museen zu Berlin
Chefrestaurator Paul Hofmann, Kurator Neville Rowley (v.l.) und ihr Team vor dem neuen Rahmen. (c) Staatliche Museen zu Berlin
Der fertige rekonstruierte Rosselino-Rahmen im Bode-Museum. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Christof Hannemann
Der fertige rekonstruierte Rosselino-Rahmen im Bode-Museum. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Christof Hannemann
Der fertige rekonstruierte Rosselino-Rahmen im Bode-Museum. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Christof Hannemann
Der fertige rekonstruierte Rosselino-Rahmen im Bode-Museum. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Christof Hannemann
Der fertige rekonstruierte Rosselino-Rahmen im Bode-Museum. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Christof Hannemann
Der fertige rekonstruierte Rosselino-Rahmen im Bode-Museum. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Christof Hannemann
Der fertige rekonstruierte Rosselino-Rahmen im Bode-Museum. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Christof Hannemann
Der fertige rekonstruierte Rosselino-Rahmen im Bode-Museum. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Christof Hannemann

Die Rekonstruktion des Rosselino-Rahmens sowie die Restaurierung weiterer Schlüsselwerke des 15. Jahrhunderts im Bode-Museum wird ermöglicht durch die großzügige Förderung der Bank of America Merrill Lynch.

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