„Wanderlust“ in der Alten Nationalgalerie: Die Neuentdeckung der Natur

Wandernd suchten Künstler im 19. Jahrhundert neue Inspiration abseits der Städte. Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie, erklärt bei einem Spaziergang, wie er und sein Team ihnen in der Ausstellung „Wanderlust“ nachspüren.

Text: Sven Stienen

„Das hätte den Impressionisten gefallen“, sagt Ralph Gleis und deutet auf die tanzenden Lichtflecken, die durchs grüne Blätterdach des Tiergartens auf den Weg fallen. „Das Licht, das durch das Laub der Bäume fällt, hat Maler häufig inspiriert.“ Ich habe mich mit dem Leiter der Alten Nationalgalerie hier zum Spaziergang verabredet, um über die naturgewaltige Ausstellung „Wanderlust“ in seinem Haus zu sprechen.

Das zentrale Motiv der Ausstellung ist, wie ihr Name bereits verrät, das Wandern. Es wurde im 19. Jahrhundert zu einer der beliebtesten Beschäftigungen unter Künstlern, Intellektuellen und Bürgern. Doch wie kam es dazu? „Es gab um 1800 verschiedene Strömungen, die Hand in Hand gingen“, erklärt der Kunsthistoriker. „Schon im 18. Jahrhundert war der Genfer Pädagoge und Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau mit dem Motto ‚Zurück zur Natur‘ sehr einflussreich.“ Ähnliche Inspiration ging auch von der Sturm-und-Drang-Dichtung Goethes und anderer aus. Die Menschen strebten nach Naturerfahrungen, denn sie erlebten in ihrem Umfeld große Veränderungen: eine dynamische Industrialisierung, zunehmende Verstädterung und immer rasantere Mobilität.

Die Reaktion auf die weitreichenden Transformationen an der Schwelle zum 19. Jahrhundert fand in der Romantik ihren prägnantesten Ausdruck. „Die Menschen verspürten das Bedürfnis hinauszugehen in die unberührte Natur“, sagt Gleis, „dabei ging es jedoch nicht nur um Realitätsflucht, sondern auch um Welt- und Selbsterkenntnis. An deren Beginn stand die Eroberung der Natur.“ Auch wir erobern die Natur und dringen tiefer in den Park vor, wo das Sonnenlicht immer weniger wird und angenehme Kühle herrscht. Ein Rotkehlchen beobachtet uns neugierig vom Wegesrand aus.

Caspar David FriedrichWanderer über dem Nebelmeer, um 1817Öl auf Leinwand, 94,8 x 74,8 cmHamburger Kunsthalle© SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk / Elke Walford
Caspar David FriedrichWanderer über dem Nebelmeer, um 1817Öl auf Leinwand, 94,8 x 74,8
cmHamburger Kunsthalle© SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk / Elke Walford

Eine neue Art der Naturbetrachtung
Die Künstler des 19. Jahrhunderts waren also auf der Suche nach neuen Seheindrücken, nach „ästhetischen Reflexionsräumen“, wie Ralph Gleis präzisiert. Durch das Wandern kam es zu einem Perspektivwechsel: Die Berge, Wälder und Seen, die ungezähmte Natur, die zuvor bedrohlich und unwirtlich erschien, wurde nun für ihre Schönheit gepriesen und erkundet. „Es entstand eine ganz neue Art der Naturbetrachtung“, erklärt Gleis, „in der diese nicht mehr nur etwas Kulturfernes, Gefährliches darstellt, sondern etwas Erhabenes und Schönes.“ Mit diesem neuen Blick kamen auch neue Bilder.

Romantiker wie Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Johan Christian Dahl brachten ihre Naturerlebnisse zum Ausdruck: Sie malten sich beim Wandern mit Freunden, bei der Rast in den Bergen oder mit der Staffelei in der Landschaft. Letztere trat dabei häufig in den Vordergrund – das Landschaftsbild wurde zum Experimentierfeld, in dem die Maler neue Techniken, Perspektiven und Kompositionen erprobten. „Diese Entwicklung ist sehr gut ablesbar in der Ausstellung, die epochenübergreifend und nicht allein in der Romantik verhaftet ist“, sagt Ralph Gleis.

Von der Romantik bis in die Klassische Moderne
Wir passieren ein Tor mit der Aufschrift `Bitte schließen wegen der Kaninchenplage ´. Auf einer kleinen Brücke zwischen zwei malerischen Teichen halten wir an und genießen den Anblick. Wieder so eine impressionistische Szene, denke ich, bis sich aus der Ferne der Verkehrslärm der Tiergartenstraße in die Idylle drängt.

Bei der „Wanderlust“ sind ebenfalls Impressionisten vertreten, denn die Ausstellung umfasst das gesamte 19. Jahrhundert. Die Romantiker bilden nur den chronologischen Ausgangspunkt, wie Ralph Gleis erklärt: „Wir zeigen darüber hinaus naturalistische, symbolistische Bilder und natürlich impressionistische Werke. Mit Ernst Ludwig Kirchner oder Emil Nolde geht der Blick bis in die Klassische Moderne.“ Mehrere thematische Kapitel helfen, die Vielfalt von mehr als 120 Gemälden, darunter hochkarätige Leihgaben, zu gliedern: Entdeckung der Natur, Lebensreise, Künstlerwanderung, Spaziergänge, Sehnsuchtsland Italien sowie Wanderlandschaften nördlich der Alpen.

Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste RenoirAusstellungsansicht© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste RenoirAusstellungsansicht© Staatliche
Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

„Die Künstler waren unter den Ersten, die ihren Rucksack packten und hinausgingen”
„Eines der Hauptmotive ist natürlich der Wanderer, angefangen bei Caspar David Friedrichs ‚Wanderer über dem Nebelmeer‘ bis hin zu Otto Dix‘ ‚Selbstbildnis mit Wanderhut‘“, erläutert Ralph Gleis. Auch das Thema der Künstlerwanderung zieht sich durch das gesamte Jahrhundert, wie mein Begleiter ausführt: „Das finden wir in den frühen Werken der Romantik ebenso wie bei Paul Gauguin oder dem Meister des französischen Realismus, Gustave Courbet.“

Die vielen Darstellungen von Malern mit ihren Freunden vor alpiner Kulisse, die in der Ausstellung zu sehen sind, wecken in mir bisweilen Assoziationen zu heutigen Outdoor-Werbebroschüren – Wandern als Lifestyle im 19. Jahrhundert?, frage ich den Fachmann. „Die Künstler waren unter den Ersten, die ihren Rucksack packten und hinausgingen, um Motive zu suchen und in der Natur zu arbeiten“, weiß dieser. „Indem sie sich dabei selbst malten, wollten sie zeigen, dass ihre Darstellungen auf eigenen Naturerfahrungen basierten. Am Anfang wurde noch in der Natur skizziert und im Atelier komponiert, aber spätestens mit der Erfindung der transportablen Tubenfarben wurde auch direkt im Wald oder auf dem Berg gemalt.“

Iwan Nikolajewitsch KramskoiPortrait Iwan Schischkin, 1873Öl auf Leinwand, 112 x 80 cmStaatliche Tretjakow-Galerie, Moskau© Staatliche Tretjakow-Galerie
Iwan Nikolajewitsch KramskoiPortrait Iwan Schischkin, 1873Öl auf Leinwand, 112 x 80
cmStaatliche Tretjakow-Galerie, Moskau© Staatliche Tretjakow-Galerie

Wanderinnen und Bergsteigerinnen?
Besonders faszinierend ist für den Museumsleiter auch die Metapher der Lebensreise, die immer wieder in den Gemälden angedeutet wird: „Eines der eindrücklichsten Motive in diesem Zusammenhang ist vielleicht Ferdinand Hodlers ‚Lebensmüder Greis‘, der erschöpft auf einem Stein hockt, den Stab nur noch lose auf der Schulter abgelegt – eine Darstellung, die augenscheinlich das Ende des Lebensweges symbolisiert.“

Eine Gruppe lärmender Schulkinder, denen wir ausweichen müssen, holt uns wieder in die Gegenwart dieses schönen Sommertages zurück. Während wir langsam unsere Runde durch den Tiergarten beenden, fällt mir ein Gemälde ein, das in der Ausstellung besonders hervorsticht: Es ist Jens Ferdinand Willumsens „Bergsteigerin“ von 1912, die die Besucherinnen und Besucher am Ein- beziehungsweise Ausgang zur Ausstellungsrunde empfängt. Sie ist eine der wenigen Frauen, die in der Präsentation zu sehen sind. War das Wandern früher reine Männersache? „Wir haben uns beim Vorbereiten der Ausstellung auch gefragt: Wo sind die Wanderinnen und Bergsteigerinnen?“ erinnert sich Gleis. „Da mussten wir etwas weiter ausholen und den ‚Spaziergang‘ mit einbeziehen: Unter diesem Stichwort ist zu sehen, dass das Wandern in der Zeit auch ein weibliches Thema war, auch wenn die Frauen hauptsächlich in städtischer Kleidung beim Ausflug und beim Blumen pflücken dargestellt wurden – in einer Art domestizierter Form des Wanderns.“

Parallelen zur Gegenwart
Wir biegen noch einmal ab und verlassen nun endgültig die grünen Tiefen des Tiergartens in Richtung Zivilisation. Unser kleiner Ausflug hat mich in eine andere Welt geführt, doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Parallelen zu unserer Gegenwart fallen mir auf, zumindest was die ‚Entdeckung‘ der Natur anbelangt. Ich stelle Herrn Gleis noch eine letzte Frage: Sind diese Parallelen auch ihm aufgefallen? „Die Aktualität des Themas ist uns beim Konzipieren der Ausstellung tatsächlich immer stärker bewusst geworden“, antwortet er. „Die Beweggründe, die das Wandern als neue Kulturtechnik um 1800 ermöglicht haben, kann man heute teilweise wieder antreffen; auch wir erleben rasante Veränderungen und haben das Bedürfnis, ihnen ab und an zu entfliehen. Wir würden das heute wohl ‚Entschleunigung‘ nennen.“

Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie. (c) Staatliche Museen zu Berlin
Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie. (c) Staatliche Museen zu Berlin

Das ist ein gutes Stichwort für mich. Ich verabschiede mich von Ralph Gleis und habe noch etwas Zeit bis zum nächsten Termin. Ich beschließe, einen Schlenker zu machen, bevor ich zurück ins Büro gehe – ganz entschleunigt. Als ich das Spiel der Sonnenstrahlen in den Baumwipfeln beobachte, fühle ich mich ein bisschen wie Auguste Renoir. Schade nur, dass ich keine Farben dabeihabe.

Die Ausstellung „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“ läuft noch bis 16.9.2018 in der Alten Nationalgalerie. Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Freunde der Nationalgalerie und unterstützt durch die Volkswagen Aktiengesellschaft.

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1 Kommentar

  1. 2010joschi48 - 9. Juli 2018, 8:04 UHR

    Eine wunderbar zusammengestellte Ausstellung, alle Hochachtung an die Kuratoren! Unbedingt anschauen!

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