Was macht eigentlich … Petra Winter, Leiterin des Zentralarchivs?

Das Zentralarchiv ist das „Gedächtnis der Museen“ – Leiterin Petra Winter und ihr Team tragen große Verantwortung. Denn sie verwalten nicht nur den Nachlass der Museen, ihre Arbeit besteht oft auch darin, altes Unrecht wieder gutzumachen.

Interview: Sven Stienen

Woran arbeiten Sie gerade?
Nachdem ich zuletzt einen Band zum Kunstgewerbemuseum aus unserer eigenen Schriftenreihe fertiggestellt habe, sind wir nun in der Abschlussphase eines großen Provenienzforschungsprojekts zur „Sammlung der Zeichnungen“ im Kupferstichkabinett.

Wie sieht Ihr Berufsalltag aus?
Es ist vor allem ein Organisationsjob. Wir sind ein lebendiges Archiv, übernehmen einerseits aktiv Schriftgut aus den Museen und halten andererseits einen Lesesaal offen, in dem Interessierte zur Geschichte der Staatlichen Museen zu Berlin und deren Themen forschen können. Als historisches Gedächtnis der Museen sind wir auch ein wichtiger Informationspool für die Kollegen, die wir bei Forschungs- und Ausstellungsprojekten unterstützen.

Eine der Hauptaufgaben des Zentralarchivs liegt in der Provenienzforschung, also der Erforschung der Geschichte von Kunstwerken. Was bedeutet das?
In der Regel beginnen wir mit der hauseigenen Überlieferung. Sie umfasst Akten zu Erwerbungen und Schenkungen, Korrespondenzen beteiligter Personen und die Inventare der Museen. Im besten Fall finden wir dort bereits eine erste Spur zum Vorbesitzer eines Werkes. Falls ja, dann arbeiten wir uns rückwärts in die „brisanten“ Jahre, zum Beispiel zwischen 1933 bis 1945, vor. Anschließend wird das Objekt selbst unter die Lupe genommen und die Recherche in anderen Archiven fortgesetzt.

Warum ist es so wichtig, die genaue Geschichte der Kunstwerke zu kennen?
Es geht vordergründig um die Klärung von Eigentumsfragen: Gehört uns ein Werk oder nicht? Wenn die Forschung zeigt, dass ein Kunstwerk den Museen nicht rechtmäßig gehört, kann es zu einer Restitution, also einer Rückgabe an den rechtmäßigen Besitzer oder dessen Nachfahren kommen. Ob die Unrechtmäßigkeit zum Erwerbungszeitpunkt bekannt war, spielt dabei keine Rolle. Es geht aber auch um die Geschichte des Objekts und die Sammlungsgeschichte im Museum. Wann und warum wurde ein Objekt gesammelt? Museumsgeschichte ist von stetem Wandel geprägt, der Zeitgeschmack macht auch vor den Sammlungen nicht halt.

Die Provenienzforschung im Zentralarchiv konzentriert sich bisher vor allem auf den Kunstraub durch die Nationalsozialisten. In welchen anderen Zusammenhängen ist sie wichtig?
Tatsächlich bearbeiten wir auch archäologische Fragestellungen oder sogenanntes „DDR-Unrecht“. Mit dem Humboldt Forum treten auch kolonialgeschichtliche Fragen in den Fokus. Bei aller Kategorisierung darf man aber nicht vergessen, dass sich verschiedene Unrechtszusammenhange überlagern können. Wenn wir etwa Erwerbungen aus der DDR untersuchen, kann deren Geschichte neben DDR-Unrecht auch NS-Kunstraub oder sogar koloniale Zusammenhänge beinhalten. Und auch die jüdischen Kunstsammler in den 1920er Jahren interessierten sich für afrikanische oder ostasiatische Werke. Man darf deshalb nicht in Schubladen denken.

Was mögen Sie am meisten an Ihrem Beruf?
Ich mag das kriminalistische Gespür, das Archivare und Provenienzforscher benötigen, wenn sie Details in Akten, auf alten Fotos oder in Kassenbüchern aufspüren. Dabei muss man ganz wach sein, solides Wissen und ein gutes Gedächtnis haben und sich in die jeweilige Zeit der Quellen hinein finden. Es fasziniert mich immer wieder neu, wenn in den Museumsakten plötzlich die große Weltgeschichte durchscheint: Wenn etwa der Etat des Museums 1923 geradezu explodiert – nicht weil das Kultusministerium plötzlich großzügig war, sondern wegen der Inflation. Oder die Akten zum Ersten Weltkrieg: Noch im Herbst 1918 wurden die Museen aufgefordert, Gegenstände aus Metall an die Rüstungsindustrie abzugeben. Das Verhältnis zwischen Materialwert und Kunstwert mussten die Museumsleute dem Kriegsministerium erst mal erklären.

Und was mögen Sie am wenigsten?
Dass im Tagesgeschäft viel zu wenig Zeit bleibt, um mit den Kollegen zu sprechen oder in den Depots oder Restaurierungswerkstätten Werke in Augenschein zu nehmen, um ihre Provenienz klären zu helfen. Dabei erfahren wir viel über den Museumsbetrieb und die tägliche Arbeit der Museen. Das ist wichtig für unsere Arbeit im Archiv, denn schließlich entscheiden wir Archivare, was von den täglichen Papierbergen für die Nachwelt aufgehoben wird. Das nennen wir Überlieferungsbildung und es ist ein verantwortungsvoller Job. Eine Postkarte über meinem Schreibtisch drückt es so aus: Be nice to the Archivist – she can erase you from history.

Das Interview erschien zuerst in der Museumszeitung der Staatlichen Museen zu Berlin, Ausgabe I/2018.

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