Afrika im Bode-Museum:

Afrika im Bode-Museum: Neue Perspektiven auf alte Welten

Bwiti-Reliquiarfigur, Kota oder Kele (Gabun), 19. Jh. Im Hintergrund: Reliquienbüste eines Bischofs, Belgien, um 1520, Fotos: Fabian Fröhlich

Auf der Museumsinsel geht nach zwei Jahren die Schau “Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum” zu Ende. Zeit, ein kleines Resümee zu ziehen.

Länger als zwei Jahre dauerte das Gipfeltreffen auf der Museumsinsel: In der im Oktober 2017 eröffneten Ausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ trafen Spitzenstücke des Ethnologischen Museums auf die im Bode-Museum beheimateten Werke der Skulpturensammlung.

Die Gegenüberstellung von afrikanischen und europäischen Kunstwerken, die am 27. November 2019 endete, machte historische und kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar und warf dabei auch ganz neue Fragen auf. Ein Beispiel ist die die Begegnung zwischen einem um 1429 gefertigten Putto von Donatello und einer Statue aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, die eine Göttin oder Prinzessin zeigt und deren Schöpfer unbekannt ist. Diese Begegnung hatte nicht nur ästhetischen Wert – sie thematisierte auch den unterschiedlichen Umgang mit Kulturgütern aus Europa und Afrika.

Statuette der Göttin Irhevbu oder der Prinzessin Edeleyo, Königreich Benin (Nigeria), 16. oder 17. Jh.; Putto mit Tamburin, Donatello, Toskana (Italien), 1429 , Fotos: Fabian Fröhlich

“Kulturen verbindet mehr, als sie trennt”

Beide Objekte wurden von den Berliner Museen Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem englischen Kunstmarkt erworben. Wegen ihres kulturellen Kontextes wurde jedoch sehr unterschiedlich mit ihnen umgegangen. Während die damaligen Fachleute Donatellos Arbeit sofort als Meisterwerk der Renaissance einstuften und entsprechend prominent präsentierten, wurde die nicht weniger kunstfertige Statue aus dem Königreich Benin, dem heutigen Nigeria, als „ethnologisches Objekt“ klassifiziert und im Museum für Völkerkunde mit vielen weiteren Exponaten aus dem Königreich in einer überfüllten Vitrine platziert. Diese Episode verdeutlicht, welches Kulturverständnis Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte: hier die hohe Kunst, dort „primitive“ Objekte. Inzwischen erfährt die Kunst aus dem Königreich Benin glücklicherweise weltweit die Anerkennung, die ihr zusteht. In der Ausstellung standen sich die beiden Skulpturen einander ebenbürtig gegenüber.

Doch „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika“ verharrte nicht in sammlungsgeschichtlichen Fragen, sondern zielte auch auf größere Erkenntnisse ab. „Die Ausstellung macht deutlich, dass es viel mehr gibt, das Kulturen verbindet, als das sie trennt“, sagt Julien Chapuis, der Leiter der Skulpturensammlung und des Museums für Byzantinische Kunst. „Das ist eine wichtige Botschaft in einer Zeit, in der die öffentliche Debatte zunehmend von Nationalismus und Populismus geprägt wird.“

Gegenüberstellungen wie die zweier Frauenbüsten aus dem Königreich Benin und dem Italien des 15. Jahrhunderts oder die einer zentralafrikanischen Richtermaske und eines Jesus-Frieses aus Deutschland gaben tiefe Einblicke in diese Gemeinsamkeiten und in die verschiedenen Arten und Weisen, in denen Menschen auf ähnliche Grundbedürfnisse und Fragestellungen reagieren können.

Ahnenpaar, Dogon (Mali oder Burkina Faso), 19. Jh.; im Hintergrund: Christus-Johannes-Gruppe, Bodenseegebiet (Deutschland), um 1310, Fotos: Fabian Fröhlich

Zeitgemäße Annäherung an koloniale Objekte

Nicht nur über die zuvor oftmals als „Ethnologica“ eingestuften Objekte aus den afrikanischen Kulturen erfuhren Besucher*innen Neues und Interessantes – auch der Blick auf vielleicht bereits Bekanntes aus der europäischen Kulturgeschichte veränderte sich durch die neuen Bezüge in der Ausstellung, wie Julien Chapuis versichert: „Die Skulpturen aus Afrika in den Ausstellungsräumen des Bode-Museums funktionierten als Prismen, durch die wir die eigene Sammlung neu zu sehen lernten. Afrikanische Helden werden zum Beispiel immer heldenhaft dargestellt: sie stehen immer aufrecht, obwohl sie teils beeindruckende Anstrengungen erdulden mussten. Sie werfen die Frage auf: warum braucht das Christentum einen leidenden Gott?“

Die Ausstellung lieferte wichtige Denkanreize zu der Frage, wie eine zeitgemäße Annäherung an Objekte aus zum Teil kolonialen Kontexten funktionieren kann – und was an den bisherigen Präsentationsweisen noch verbesserungsfähig ist. Denn auch dies kann man im Rückblick feststellen: Manches würden die Kurator*innen heute anders machen. Obwohl „Unvergleichlich“ beispielweise viele Objekte aus dem Königreich Benin zeigte, war es für Museumsbesucher*innen durchaus möglich, durch die Ausstellung zu gehen, ohne etwas über der Plünderung Benins im Jahr 1897 zu erfahren. Detailliertere Informationen hierzu lieferten zwar die begleitende App und der Katalog, kaum jedoch die Objekttexte in den Ausstellungsräumen. „Wir müssen bessere Formate finden, um an diese Themen ranzugehen; das muss klarer dargestellt werden“, so Jonathan Fine, Kurator am Ethnologischen Museum, anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Ende der Ausstellung. Aus heutiger Sicht hätte man über die Herkunft der Exponate von Beginn an offensiver und ausführlicher sprechen müssen – und ebenso über die Frage, was zukünftig mit diesen Objekten passieren soll.

„Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ hat gezeigt, wie viel man lernen kann, wenn man europäische und außereuropäische Kunst in einen fruchtbaren Dialog bringt. Für Julien Chapuis ist klar, dass ähnliche Projekte in Zukunft weiterhin wichtig sind: „Gemeinsam mit meiner Kollegin Henriette Lavaulx-Vrécourt, Kuratorin für Ostasien am Ethnologischen Museum, arbeite ich bereits an einer Wechselausstellung im Humboldt Forum, in der Objekte aus Ostasien, Zentralafrika und Europa kombiniert werden. Die Ausstellung soll zeigen, wie unterschiedliche Kulturen sich figürlicher Darstellungen bedienen, um Schutz zu suchen.” Wie die Schau im Bode-Museum, so versichert Chapuis, werde auch diese Präsentation das System Museum konstruktiv in Frage stellen.

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