Als ein Gemälde seine Identität wechselte – Neue Forschung zu Slevogt
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Anlässlich einer Ausstellung in der Gemäldegalerie sollte die Provenienz eines Werks von Max Slevogt überprüft werden. Doch die Recherche brachte eine überraschende Erkenntnis: Das vermeintliche Totenporträt Bruno Cassirers zeigt in Wahrheit dessen Vater Louis – und ist zwanzig Jahre älter als bislang angenommen.
Es scheint, als sei in der Kunst der Moderne längst alles erforscht. Überraschungen oder gar Sensationsfunde? Fehlanzeige. Allenfalls die Provenienzforschung bringt immer wieder Unbekanntes ans Tageslicht: Forschende steigen tief in die Objektbiografien ein, um herauszufinden, wo ein Kunstwerk in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überall war. Doch manchmal führt die Frage nach der Provenienz zu Erkenntnissen, die weit über die Herkunft eines Werkes hinausgehen.
So geschehen jüngst bei einem Werk der Nationalgalerie: Das Gemälde „Der Vater Bruno Cassirers auf dem Totenbett“ von Max Slevogt, bisher ins Jahr 1924 datiert, muss neu datiert und neu benannt werden – und wandert vom Bestand der Neuen Nationalgalerie in den der Alten Nationalgalerie.
Von Gurlitt in die Nationalgalerie
„Man freut sich natürlich außerordentlich, wenn es gelingt, ein Kunstwerk aufgrund der eigenen Forschung ganz neu einzuordnen“, sagt Stephan Kemperdick, Kurator in der Gemäldegalerie. Für die bevorstehende Ausstellung „Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka“ (ab 16. Oktober 2026) hatten er und das Team der Gemäldegalerie eine ganze Reihe von Werken, die als Leihgaben in der Ausstellung zu sehen sein werden, unter die Lupe genommen. Für das fragliche Werk von Slevogt ging es in erster Linie darum, die Provenienzen noch einmal eingehend zu prüfen, erzählt Kemperdick.
„Die Nationalgalerie hatte das Bild 1963 vom Münchner Kunsthändler Wolfgang Gurlitt geschenkt bekommen. Er hatte es 1944 auf einer staatlichen Auktion erworben, und frühere Forschungen hatten bereits gezeigt, dass das Bild durch die Nationalsozialisten von der jüdischen Familie Cassirer beschlagnahmt wurde und somit als ‚verfolgungsbedingt entzogen‘ eingestuft werden konnte.“ Nachdem das Bild aufgrund dieser Tatsache restituiert, danach aber sogleich mit Geldern der Ernst von Siemens Kunststiftung zurückerworben werden konnte, war es als das Totenporträt Bruno Cassirers von 1924 in die Sammlung der Neuen Nationalgalerie gekommen.
Max Slevogt: „Louis Cassirer auf dem Totenbett“ (1904); Foto: David von Becker
Spurensuche in den Werklisten
„Mir erschien vor allem interessant, dass sich offenbar über diese Provenienzforschung hinaus niemand je mit dem Werk beschäftigt hatte“, erinnert sich Kemperdick. „Da ich am Katalogbeitrag zu diesem Werk arbeitete, fragte ich mich: Woher weiß man eigentlich, wer hier dargestellt ist?“ Bei seiner Recherche fand er eine Publikation von 1968, in der Auszüge einer Werkliste von Slevogt selbst erhalten waren. Diese führte kein Totenporträt von 1924 auf, allerdings einen Eintrag von 1904 mit dem Titel „Porträtskizze nach Cassirer auf dem Totenbette“, mit dem dazugehörigen Bild als verschollen angegeben.
„Ich dachte sofort, dass das seltsam ist“, sagt Kemperdick. „Entweder hatte sich Slevogt auf das Malen toter Cassirer spezialisiert, oder hier stimmte etwas nicht.“ Weitere Recherchen und die Hilfe der Mainzer Kollegin Karolin Feulner brachten Licht ins Dunkel: Ein Faksimile der bereits erwähnten Bildliste offenbarte eine fehlende Passagen. Dort stand nämlich auch der Hinweis, dass das Bild „an Frau Bruno Cassirer“ gegeben wurde – dabei handelte es sich um Else Cassirer, die Schwester des bekannten Kunsthändlers Paul Cassirer. Der Tote auf dem Bild muss demnach Louis Cassirer sein, der Vater von Paul und Else Cassirer, der 1904 verstarb.
Lücke im Wissensstand geschlossen
„Die Tatsache, dass Bruno Cassirer auf anderen Bildern mit weißen Haaren dargestellt ist, der Tote auf unserem Bild aber dunkle Haare hat, ist ebenfalls ein starkes Indiz dafür, dass es sich hier nicht um den 1924 verstorbenen Bruno Cassirer handeln konnte“, so Kemperdick.
Mit dieser Forschung schließt sich eine Lücke im Wissensstand zu Max Slevogt, aber auch zur Familiengeschichte der Cassirers, die die Kunstwelt Berlins und Deutschlands im frühen 20. Jahrhundert maßgeblich prägten. Diese Geschichte wird unter anderem auch in der Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ in der Alten Nationalgalerie (bis 27. September 2026) thematisiert, in der das besagte Gemälde aktuell noch zu sehen ist.
Sicher Geglaubtes infrage stellen
Für das Werk bedeutet die neue Erkenntnis, dass es nun von der Neuen in die Alte Nationalgalerie wechselt, denn es gehört ins Frühwerk Slevogts, das in den Sammlungsbereich der Alten Nationalgalerie fällt (bis circa 1910).
„Für uns in der Gemäldegalerie ist das ein schöner Erfolg, der zeigt: Es lohnt sich, immer wieder sicher Geglaubtes infrage zu stellen“, so Stephan Kemperdick. Die gesamten Ergebnisse der umfangreichen Recherchen des Teams werden im Katalog zur Ausstellung „Porträts“ erscheinen.
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