Corinth in der Alten Nationalgalerie: Zwischen „deutsch“ und „entartet“
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In der Alten Nationalgalerie widmet sich eine Ausstellung dem Künstlerpaar Corinth und deren Rezeption im Nationalsozialismus. Das kuratorische Team aus Dieter Scholz (Alte Nationalgalerie), Andreas Schalhorn (Kupferstichkabinett) und Sven Haase (Zentralarchiv) im Gespräch über die Kunst der Corinths und die Absurdität des NS-Kunstverständnisses.
Interview: Sven Stienen
Lovis Corinth und seine Frau Charlotte Berend-Corinth stehen im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung „Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion ‚Entartete Kunst‘“ in der Alten Nationalgalerie. Welche Rolle spielten die beiden in der Kunstwelt um 1900 und in der Entwicklung des Impressionismus?
Dieter Scholz: Lovis Corinth ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler seiner Zeit. Zusammen mit Max Liebermann und Max Slevogt bildete er ein Dreigestirn des deutschen Impressionismus. Corinth wurde 1858 bei Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, geboren und erhielt eine traditionelle Ausbildung an den Kunstakademien in Königsberg und München, später auch in Paris. Er lernte also vor allem konventionelle Techniken und Themen, Landschaftsdarstellungen und Historienmalerei. Mit der Zeit entwickelte er aber einen zunehmend eigenwilligen Stil und eckte bei den Traditionalisten an. Nachdem seine Werke in München eher kritisch aufgenommen wurden, wandte er sich Berlin zu, wo er gute Kontakte zur Sezession pflegte. 1901 zog Corinth dann nach Berlin und wurde eine bedeutende Figur der hiesigen Kunstszene.
Und seine Frau, Charlotte Berend-Corinth – war sie schon zu Lebzeiten bedeutend oder wurde ihre Rolle erst später gewürdigt? Viele Malerinnen der Zeit hatten ja mit Benachteiligung zu kämpfen und erfuhren erst im Nachhinein die verdiente Anerkennung.
DS: Charlotte Berend-Corinth wurde 1880 in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren und studierte Malerei an der Lehranstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin. Ende 1900 sah sie in der Galerie von Bruno und Paul Cassirer eine Ausstellung von Lovis Corinths Werken und war sofort begeistert.
Corinth hatte in Berlin eine eigene Malschule eröffnet und Charlotte stellte sich dort im Frühjahr 1901 vor, um bei ihm weiter zu lernen. Sie wurde seine Schülerin, später seine Geliebte, dann seine Ehefrau und schließlich seine Witwe.
Sie war ebenfalls in der Berliner Sezession aktiv und übernahm nach seinem Tod auch organisatorische Aufgaben, etwa im Vorstand. Trotzdem war sie nie so bekannt wie er. Sie stellte zwar aus und malte, doch Corinth war der deutlich bekanntere Künstler.
Zudem zog sie zwei gemeinsame Kinder groß, was ihre öffentliche Präsenz zusätzlich einschränkte. Das spiegelt sich auch in den Sammlungsbeständen wider: Die Alte und die Neue Nationalgalerie besitzen zusammen 23 Gemälde von Lovis Corinth – aber nur vier von Charlotte Berend-Corinth.
Worauf kann man sich beim Besuch der aktuellen Ausstellung in der Alten Nationalgalerie freuen?
DS: Man kann sich darauf freuen, den vollständigen Bestand der Nationalgalerie an Werken von Lovis Corinth sowie eine Vielzahl an Arbeiten von Charlotte Behrend-Corinth zu sehen. Ergänzt wird dies durch eine Auswahl von Arbeiten auf Papier aus dem Kupferstichkabinett, die Andreas Schalhorn zusammengestellt hat. Zu jedem Werk wird die jeweilige Herkunftsgeschichte erzählt – also, wie es ins Museum gelangte. Dabei gibt es viele interessante Hintergründe, aber auch Fälle, in denen die Provenienz noch ungeklärt ist. Hier haben wir eng mit Sven Haase und dem Zentralarchiv der Museen zusammengearbeitet. Ziel ist es, unseren aktuellen Kenntnisstand möglichst transparent zu machen.
Wie ist die Idee zu der Ausstellung entstanden und wie kam der Fokus auf die Provenienzen der Werke zustande?
DS: Der Impuls für die Ausstellung kam von der Lovis Corinth Gesellschaft in Hamburg – einer kleinen Gruppe von Privatpersonen, die sich für Corinths Werk engagieren. Sie regten an, anlässlich des bevorstehenden 100. Todestags eine Ausstellung zu machen, denn schließlich besitzt die Nationalgalerie ja viele Corinth-Werke.
Der damalige Direktor Ralph Gleis war offen dafür und ich habe dann, nachdem ich letzten Sommer als Kurator von der Neuen an die Alte Nationalgalerie gewechselt bin, dieses Projekt übernommen.
Ich hatte mich schon früher intensiv mit dem Thema „Entartete Kunst“ befasst – etwa 2015 im Rahmen der Ausstellung „Die Schwarzen Jahre“ im Hamburger Bahnhof, in der wir die Geschichte der Nationalgalerie während des Nationalsozialismus anhand einzelner Werke beleuchtet haben. In diesem Zusammenhang erschien mir Corinth besonders interessant, weil sich an seinem Werk ein geschlossener Sammlungsbestand exemplarisch untersuchen lässt: Einerseits war er ein hoch angesehener, dezidiert deutscher Künstler – andererseits galten viele seiner Werke im Nationalsozialismus als „entartet“.
Wie kamen Kupferstichkabinett und Zentralarchiv ins Spiel?
DS: Es lag für mich nahe, das Zentralarchiv mit einzubeziehen, da dort die Provenienzforschung innerhalb der Museen angesiedelt ist. Ebenso das Kupferstichkabinett – denn es gibt eine enge historische Verbindung. Ursprünglich besaß die Nationalgalerie auch eine Sammlung von Handzeichnungen, also Unikaten auf Papier, die den Gemälden gleichgestellt waren. Das Kupferstichkabinett hingegen sammelte ausschließlich Druckgrafik. Seit Ende der 1980er- Jahre wurde nach dem Prinzip „Papier zu Papier“ entschieden, sämtliche Arbeiten auf Papier dorthin zu übergeben. So wanderte ein Teil der Sammlung der Nationalgalerie ins Kupferstichkabinett, wo Andreas Schalhorn heute den Bestand der klassischen Moderne betreut. Da wir uns seit vielen Jahren gut kennen und im engen Austausch stehen, hat sich die Zusammenarbeit sehr harmonisch entwickelt.
Andreas Schalhorn: Es war für uns im Kupferstichkabinett eine wunderbare Gelegenheit, gemeinsam mit und in der Alten Nationalgalerie eine Ausstellung zu gestalten. Es gibt da eine gewisse Tradition, auch wenn es für mich tatsächlich die erste Ausstellung dieser Art war, bei der ich mitwirken durfte. Umso schöner, dass auch das Zentralarchiv mit an Bord kam.
Was waren die zentralen Kriterien für die Auswahl?
AS: Im Mittelpunkt der „Ein-Raum-Ausstellung“ des Kupferstichkabinetts, die übrigens nur bis zum 28. September zu sehen ist, steht die Frage der Provenienz: Wann kamen welche Werke in die Sammlung? Was wurde bis 1937 erworben – also vor der NS-Aktion „Entartete Kunst“? Und wie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gesammelt, insbesondere im geteilten Berlin – sowohl in der Nationalgalerie als auch im Kupferstichkabinett?
Besonders wichtig war mir die Verwurzelung der Zeichnungen im Bestand der Alten Nationalgalerie. Ich wollte eine Auswahl treffen, die bekannte Entwicklungen aus einer anderen Perspektive aufgreift. Wiederkehrende Namen von Sammlern, wiederkehrende Fragestellungen spiegeln sich in den Arbeiten ebenso wie die künstlerische Qualität.
Lovis Corinth war ein sehr produktiver und herausragender Grafiker, von dem es viele tolle Arbeiten gibt, und auch exzellente Werke seiner Frau Charlotte Berend-Corinth sind in der Auswahl vertreten. Zwar gibt es nur wenige Blätter von ihr im Bestand, aber wir zeigen fast alles, was vorhanden ist.
Sie haben vorhin das Stichwort „Entartete Kunst“ erwähnt. Stand Lovis Corinth besonders im Fokus der Nationalsozialisten?
DS: Corinth stand nicht besonders im Fokus, war aber eben Teil des größeren Kontexts. Entscheidend ist bei ihm die stilistische Entwicklung: Von naturalistischen Historienbildern über eine impressionistische Phase hin zu sehr expressiven Arbeiten. Dieser Stilwandel führte dazu, dass Teile seines späteren Werks in das Raster fielen, das die Nationalsozialisten als „entartet“ definierten. Wobei man sagen muss: Der Begriff „entartet“ war damals nicht exakt festgelegt. Er wurde sowohl auf formale Abweichungen vom naturalistischen Ideal angewandt – also auf alles, was abstrakt, expressiv oder verfremdet wirkte – als auch auf jüdische Kunstschaffende oder solche mit politisch unerwünschter Haltung, wie z.B. Sozialdemokraten, Kommunisten oder Anarchisten.
Im Fall von Corinth war es eindeutig die visuelle Sprache seiner späten Werke, die nicht in das Weltbild der NS-Kunstpolitik passte. In der Eröffnungsrede zur Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 sprach Adolf Ziegler, der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, das auch offen an.
Was hat er gesagt?
DS: Er behauptete, dass Corinth nach seinem Schlaganfall 1911 nur noch krankhafte Schmierereien hervorgebracht habe. Da wurde also eine Trennung der Schaffensphasen vorgenommen und in „gut“ und „schlecht“ sortiert. Es gibt aber wie gesagt keine wirklichen Kriterien, anhand derer das festgemacht wurde. Wie absurd die Beurteilung mitunter ablief, zeigt eine Episode aus der Phase der Beschlagnahmungen.
Da kam mehrmals eine Kommission mit vorbereiteten Listen ins Kronprinzenpalais, der damaligen Spielstätte der Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst. Dort wurden dann diese Listen abgearbeitet und die Werke beschlagnahmt und bei einer dieser Aktionen gab es wohl eine Diskussion innerhalb der Kommission. Es ist überliefert, dass eines der Mitglieder zu einem Bild gesagt haben soll, die Landschaft sei ja ganz gut gemalt, aber der Himmel, der sei völlig entartet. Da wurde also dieses Verdikt auf einen Teil eines Bildes angewendet, das zeigt sehr gut die Willkür und Absurdität des Ganzen.
Sven Haase: Diese Willkür wird an vielen Stellen in der Ausstellung deutlich. Und das nicht nur in Bezug darauf, wie Kunst überhaupt definiert wurde, sondern auch hinsichtlich der konkreten Entscheidungen, welche Werke beschlagnahmt wurden und welche nicht. Interessant ist in dem Zusammenhang etwa ein Bild von Charlotte Berend-Corinth, das den Architekten Hans Poelzig zeigt, der als Kommunist diffamiert wurde. Das Bild ist in einem expressiven Stil gemalt – von einer jüdischen Künstlerin – und es zeigt einen Gegner des Regimes. Nach den offiziellen Kriterien der Nationalsozialisten hätte dieses Werk eigentlich als „entartet“ gelten müssen. Und trotzdem wurde es nicht beschlagnahmt. Das zeigt sehr deutlich: Die Aktion war zwar straff organisiert, aber keineswegs konsequent oder systematisch.
Die Provenienzforschung, bei der man auf nahezu detektivische Weise versucht, die Wege der Werke nachzuvollziehen, steckt voller spannender Geschichten – gibt es weitere interessante Beispiele dafür in der Ausstellung?
SH: Es sind 59 Werke in der Ausstellung und zu jedem gibt es eine eigene Geschichte. Am Beispiel der Corinths lässt sich sehr gut zeigen, wie eng die Verknüpfung der Kunstwerke mit den politischen Systemen ihrer Zeit war. Corinth war zu allen Epochen ein Thema: im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, unter den Nationalsozialisten, in der DDR, in der BRD und nach der Wende. Die Geschichte der Werke ist also immer auch Zeitgeschichte. Die Bilder entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden gemalt, verkauft, beschlagnahmt, restituiert – und finden auf verschiedensten Wegen wieder in die Sammlungen zurück. Genau das macht die Ausstellung so spannend.
Wie wird das in der Ausstellung vermittelt?
DS: Die Ausstellung ist in fünf Räume gegliedert, die verschiedene Phasen repräsentieren. Im ersten Raum geht es um die Werke, die sich 1945 im Besitz der Nationalgalerie befanden – also Werke, die trotz aller Umbrüche nach wie vor im Museum waren. Dazu zählen zum einen jene Arbeiten, die 1937 nicht beschlagnahmt wurden: drei Werke von Lovis Corinth und zwei von Charlotte Berend-Corinth. Dann gibt es drei Bilder, die zwar 1937 als „entartet“ beschlagnahmt wurden, 1939 aber zurückgegeben wurden. Außerdem ein Werk, das aus dem Kultusministerium – damals Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung – an die Nationalgalerie zur „Verwahrung“ übergeben wurde, kategorisiert als sogenannte „Verfalls- und Judenkunst“. Und schließlich ein Werk, das 1943 noch angekauft wurde, obwohl Corinth bereits 1937 in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert worden war.
SH: Da sind wir wieder beim Thema Willkür: Während also Werke aus der Sammlung entfernt wurden, weil sie als „entartet“ galten, wurde gleichzeitig das Gemälde „Toledo“ von Charlotte Berend-Corinth in die Sammlung aufgenommen – und zwar direkt aus einem Ministerium. Das hat uns im Rahmen der Provenienzforschung stutzig gemacht: Besteht hier ein Raubkunstkontext? Aber nein – es zeigt vielmehr einen Wechsel in der Kunstpolitik.
Dasselbe Ministerium hatte das Werk in den 1920er-Jahren, vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, erworben, um junge Künstlerinnen in Berlin zu fördern. In den 1930er-Jahren wurde die Bewertung dann radikal geändert. Das Werk musste die Sammlung verlassen – doch es wurde nicht sofort beschlagnahmt, wie man eigentlich erwarten würde.
Stattdessen wurden Werke von Lovis Corinth beschlagnahmt, während das Werk von Charlotte Berend-Corinth aufgenommen wurde. Diese Inkonsistenz ist bezeichnend und begegnet in den Geschichten der Werke immer wieder.
Das heißt, die Ausstellung entlarvt auch den Mythos, dass im Nationalsozialismus alles streng nach ideologischer Linie verlief?
DS: Genau – ich denke, das wird sehr deutlich, wenn man sich die verschiedenen Fallgeschichten anschaut. Das Publikum kann natürlich selbst entscheiden, ob es nur die Werke betrachten möchte oder sich auch inhaltlich vertieft. Wir haben die Ausstellung so gestaltet, dass die unterschiedlichen Kategorien wie beschlagnahmt, nicht beschlagnahmt, überwiesen, angekauft, verwahrt klar gekennzeichnet sind.
Diese Begriffe erscheinen wie Stempel – in Gelb auf einem schwarzen Banner – und finden sich auch auf den einzelnen Objektlabels wieder. So kann das Publikum sich schnell orientieren und selbst nachvollziehen, wie ein Werk in die Sammlung kam oder aus ihr verschwand.
Und wer sich auf die Texte einlässt, wird sehr schnell merken, dass es keine durchgehende Linie gab, sondern viele Brüche, Widersprüche und politische Spannungen, auch innerhalb der nationalsozialistischen Verwaltung selbst.
Gab es damals Versuche in den Museen, Werke vor der Beschlagnahmung zu retten?
AS: Ja, durchaus. Im Kupferstichkabinett wurden etwa 30 druckgrafische Blätter von Corinth beschlagnahmt. In vielen Fällen konnten aber einzelne Werke „gerettet“ werden – oft durch Austausch: Man gab minderwertige Arbeiten ab und versuchte, die qualitativ hochwertigen zu bewahren. Corinth ist hierbei ein Sonderfall, weil wir eine sehr große Sammlung seiner grafischen Werke besitzen – bis zu 300 Blätter, von denen letztlich „nur“ etwa 10 % beschlagnahmt wurden.
Wir wissen, dass die Kommission von der Menge offenbar überfordert war. Es gibt Aussagen, dass der damalige Kurator für die Moderne, Willy Kurth, bewusst darauf setzte, die Prüfer, die sich nur wenig Zeit nahmen, zu ermüden – man zeigte ihnen hunderte Werke, in der Hoffnung, dass sie nicht genau hinsahen.
Diese Strategie scheint teilweise funktioniert zu haben: Von Künstlern wie Corinth und Munch, von denen ebenfalls große Bestände vorhanden waren, wurden nur verhältnismäßig wenige Blätter beschlagnahmt. Anders sah es bei Ernst Ludwig Kirchner oder Beckmann aus, während wiederum Käthe Kollwitz oder der jüdische Künstler Max Liebermann gar nicht in den Fokus gerieten.
Hinzu kommt: Der in seinem Abstraktionsgrad gemäßigte deutsche Impressionismus wurde weniger hart angegriffen als die Kunst der Brücke oder eines Otto Dix. Die deutschen Impressionisten, auch Slevogt wäre zu nennen, hinkten der Entwicklung in Frankreich zeitlich deutlich hinterher, auch Corinths Werke wirkten fast schon anachronistisch. Es ist nicht klar, ob sein Stil bis zum künstlerischen Bruch nach dem Schlaganfall 1911 als „gemäßigt“ genug galt, um durchzugehen. Jedenfalls wurde vieles von Corinth nicht beschlagnahmt – wobei unklar ist, ob es nicht auffiel oder weil es bewusst geschützt wurde.
Ist in den offiziellen Unterlagen dokumentiert worden, welche Werke verkauft, zurückgegeben oder vernichtet wurden?
SH: Ja, das ist dokumentiert – unter anderem in der sogenannten Harry-Fischer-Liste, dem zentralen Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“. Diese Liste zeigen wir in Auszügen in der Ausstellung. Dort findet man Kürzel wie „V“ für Verkauf, „T“ für Tausch, „R“ für Rückgabe – das gab es auch bei Werken in der Nationalgalerie. Und selbst die Vernichtung ist in einigen Fällen vermerkt. Allerdings: Von Lovis Corinth wurde kein einziges Werk als vernichtet gekennzeichnet.
DS: Damit sind wir auch beim zweiten Raum der Ausstellung: Dort geht es um die Verluste.
Wir zeigen hier ausschließlich Reproduktionen, um auf die Lücken aufmerksam zu machen. Zum einen handelt es sich um Werke, die als Kriegsverluste gelten, also seit 1945 verschollen sind.
Zum anderen zeigen wir Werke, die zwar beschlagnahmt, aber durch den Verkauf ins Ausland gerettet wurden. Diese befinden sich heute in internationalen Sammlungen in Museen oder Privatbesitz. Auch sie sind in der Ausstellung zu sehen, aber eben nur als Reproduktionen.
Im dritten Raum geht es dann um die Nachkriegserwerbungen. Die Alte Nationalgalerie befand sich nach dem Krieg im Osten, also in der sowjetischen Besatzungszone. Die sieben erhaltenen Corinth-Gemälde befanden sich aber im Westen, sodass die Nationalgalerie Ost quasi bei null begann.
Sie engagierte sich sehr stark im Wiederaufbau der Sammlung und erwarb gezielt neue Werke.
Im Westen hingegen existierten die Bestände weiter und gingen mit der Eröffnung der Neuen Nationalgalerie 1968 dorthin.
Sind denn in dieser Zeit auch Werke wieder in die Sammlung zurückgekehrt, die zuvor verloren gegangen waren? Oder handelte es sich ausschließlich um Werke, die ursprünglich gar nicht zur Nationalgalerie gehörten?
DS: In diesem Raum zeigen wir ausschließlich Werke, die nicht ursprünglich zur Sammlung der Nationalgalerie gehörten. Ein Beispiel ist das Bildnis des Sohnes Thomas, das bis 1939 im Museum in Chemnitz hing und dort als „entartet“ beschlagnahmt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte es über den Kunsthandel nach Berlin.
Ähnlich verhält es sich mit einigen unserer ehemaligen Werke, die wir im Raum zu den Verlusten als Reproduktionen zeigen – sie befinden sich heute in Sammlungen in Antwerpen, Amsterdam, Basel, Bern, Linz und in einer Privatsammlung.
Allerdings gibt es im vierten Raum zwei Werke, bei denen tatsächlich eine Rückführung gelungen ist: Beide hingen in den 1920er-Jahren im Kronprinzenpalais, wurden im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und verkauft und später zurückerworben.
SH: Die Erwerbungen in der DDR sind auch sehr interessant. In den 1980er-Jahren hat die Nationalgalerie-Ost ein Bild von Lovis Corinth in England erworben. Dafür mussten tatsächlich elf Werke aus der eigenen Sammlung über das Auktionshaus Christie’s verkauft werden. Das lief über die Kunst- und Antiquitäten GmbH – ein richtiges politisches Manöver, um an dieses Werk zu kommen.
DS: Das Bild stammte ursprünglich von Wilhelm Kahnheimer, einem jüdischen Emigranten, der es mit nach England genommen hatte. Er war Geschäftsmann, hatte gute Kontakte nach Ost-Berlin und stellte das Werk der Nationalgalerie dort zunächst als Leihgabe zur Verfügung. Als seine Tochter später erklärte, sie wolle das Bild zurückziehen, falls es nicht gekauft werde, hat die Galerie reagiert und es erworben – wie gesagt, über den Verkauf anderer Werke, was ein Ausnahmefall war.
SH: Ein anderes Beispiel ist das Gemälde „Frau mit Rosenhut“. 1952 versuchte die Nationalgalerie-Ost, dieses Werk in West-Berlin zu erwerben – was unter den damaligen politischen Umständen ein aufwändiger Prozess war.
Die entsprechende Akte ist sehr umfangreich, denn es mussten nicht nur Kontakte geknüpft, sondern auch Geldmittel beschafft werden. Allerdings erzählt die Akte nicht, was mit dem Bild vor 1945 geschah – und damit betreten wir den Bereich der Provenienzforschung.
Bekannt ist: 1926 befand sich das Werk im Besitz der Berliner Jüdin Anna Stössel-Hamburger. Es gibt Hinweise, dass sie das Bild auch Anfang der 1930er-Jahre noch besaß. Ob sie es später freiwillig verkaufte oder unter Zwang abgeben musste, ist Gegenstand laufender Recherchen.
Um diese Geschichte transparent zu machen, haben wir das Werk bei der Lost Art-Datenbank gemeldet. Bei solchen Datenbanken besteht immer die Hoffnung, dass jemand, der mehr weiß als wir, auf diese Einträge stößt und neue Hinweise liefern kann.
DS: Zu Anna Stössel-Hamburger wissen wir: Sie entzog sich der Deportation durch Selbstmord. Eine ihrer Töchter wurde im Konzentrationslager ermordet, die andere überlebte durch Emigration. Nach dem Krieg strengte sie ein Wiedergutmachungsverfahren an. Doch in den entsprechenden Akten wird dieses Gemälde nicht erwähnt – was nahelegt, dass es sich nicht mehr im Besitz der Familie befand, als die Verfolgung einsetzte. Möglicherwiese wurde es schon vor 1933 verkauft.
Wir zeigen in der Ausstellung aber keine klassischen Recherchestationen – also keine historischen Fotos von Personen, denen die Werke einst gehörten, keine aufgeschlagenen Akten, keine Rückseiten der Gemälde mit Etiketten und Stempeln. Stattdessen ist es eine kunsthistorische Hängung im klassischen Sinne – aber mit einem inhaltlichen Schwerpunkt auf der Provenienzfrage. Das Publikum kann also tief in die Geschichten hinter den Bildern einsteigen – oder einfach nur die Schönheit der Kunstwerke von Lovis Corinth und Charlotte Behrend-Corinth genießen.
Die Kunsthistorikerin und Autorin Anita Beloubek-Hammer schrieb ein Buch über die Folgen der Aktion „Entartete Kunst“ der Nazis im Kupferstichkabinett…. weiterlesen
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