Aufbruch und Rückkehr: Zielgerade im Pergamonmuseum
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Ein Großteil der baulichen Maßnahmen im Pergamonmuseum ist abgeschlossen, jetzt geht es auf die Zielgerade für die Eröffnung von Nordflügel und Mittelbau im Frühjahr 2027. Die Direktoren Stefan Weber (Museum für Islamische Kunst) und Martin Maischberger (Antikensammlung) schauen auf der Baustelle vorbei und erklären, was die Besuchenden dann erwartet.
Text: Sven Stienen
Es gibt derzeit Tage, an denen Stefan Weber schlecht schläft. Der Direktor des Museums für Islamische Kunst hat einiges, das ihm im Kopf herumgeht: Kommt das Maroon-Rot rechtzeitig aus England? Klappen die Sound- und Lichtinstallationen? Wird die Klimaanlage im Aleppo-Zimmer funktionieren? All diese Fragen beschäftigen den Kunsthistoriker, denn die Arbeiten für die Neupräsentation seines Museums ab Frühjahr 2027 im Pergamonmuseum laufen auf Hochtouren.
Ein Meilenstein bei der Grundinstandsetzung des Pergamonmuseums – die bauliche Fertigstellung von Mittelbau und Nordflügel, inklusive Einbau der Großobjekte – ist mit der Bauübergabe Anfang Dezember 2025 erreicht.
Martin Maischberger (vorn) und Stefan Weber (rechts) im Altarsaal des Pergamonmuseums; Foto: SMB, Sven Stienen
Gemeinsam mit Martin Maischberger, dem designierten Direktor der ebenfalls im Pergamonmuseum vertretenen Antikensammlung, ging es für Weber vor Kurzem auf die Baustelle, zur Besichtigung und Kontrolle der Fortschritte.
Hier, in dem 95 Jahre alten Museum, wirkt nichts so, als ob die umfangreichen Sanierungsarbeiten bald abgeschlossen wären: Überall gibt es Gerüste, Rampen, es liegen Werkzeuge herum und verpackte Museumsobjekte stehen bereit, um an ihren finalen Platz im Ausstellungsraum gebracht zu werden.
Dialog mit der Gegenwart
Im Treppenhaus des Nordflügels bleibt Weber bei einem großen Baugerüst stehen. „Hier gestaltet der pakistanische Künstler Imran Qureshi ein großformatiges Kunstwerk“, erklärt Weber, an die Brüstung der Treppe gelehnt. Hinter ihm: ein buntes Geflecht von Farbläufern und -spritzern, das sich über die gesamte Wand erstreckt. Aus den roten, grünen, blauen und türkisen Farbläufern entspringen feine Blätter, Ranken, florale Formen und Muster. „Imran hat als Miniaturmaler angefangen, mit Techniken aus der Moghulzeit. Er hat die Grenzen erweitert und die Miniaturen in große Räume übertragen“, so Weber. Seine Arbeiten befinden sich heute in New York, Paris, Sharjah.
Wandgemälde des pakistanischen Künstlers Imran Qureshi im Museum für Islamische Kunst; Foto: SMB, Sven Stienen
„Dass Imran Qureshi hier malt ist Teil unseres dialogischen Ansatzes, zeitgenössische Künstler zu fragen, wie sie aus der Sicht von heute mit der Vergangenheit umgehen“, erklärt Stefan Weber. Die zeitgenössische Kunst lasse sich nicht kulturräumlich einhegen, und genau das sei der Ansatz, wie Weber erklärt: „Wir wollen die veralteten Vermittlungs- und Ordnungskriterien aus Besuchersicht vereinfachen, verklaren und deutlich erweitern. Nicht alles für jeden, denn das ist langweilig, sondern für jeden etwas – das ist unser Leitsatz.“
Qureshi und weitere zeitgenössische Künstler*innen sollen helfen, die Sehgewohnheiten herauszufordern und eine Brücke zu schlagen. Im Pergamonmuseum schafft der Maler einen „Midnight Garden“, den man später vom Alhambra-Raum, direkt gegenüber des Treppenhauses, aus sehen wird. Die Kooperation mit lebenden Künstlern verlangt dem Team des Museums für Islamische Kunst im Baustellenstress einiges ab, wie Weber weiß: „Vorgestern meinte Imran zu mir ‚Stefan, ich brauche ein Maroon-Rot, das gibt es nur in England, aber ich brauche es unbedingt.‘ Wir haben das dann bestellt und glücklicherweise nach 24 Stunden bekommen.“
Reise nach Aleppo
Über eine Mittelachse gelangt man künftig entlang mehrerer Themenschwerpunkte, wie ‚Wandel durch Austausch‘, ‚Wandel durch Krise‘ oder ‚Warenaustausch entlang der Seidenstraße‘, in die verschiedenen Seitenstränge des Museums für Islamische Kunst. Eines der Highlights wird in völlig neuer Anmutung präsentiert werden: Das Aleppo Zimmer. „Unser alter und neuer Star wird ganz anders in der Farbigkeit und Erscheinung“, schwärmt Weber. Die Restauratorin Anke Scharrahs hat hier ganze Arbeit geleistet und in akribischer Manier die filigranen Bemalungen der Holzpaneele wieder zum Leuchten gebracht. Aber auch darüber hinaus wird die neue Präsentation das frühere Erscheinungsbild toppen: Das Aleppo-Zimmer ist jetzt ein richtiger begehbarer Raum, es wirkt groß und offen. „Wir haben die Holzpaneele auf Originalhöhe hochgesetzt, man kann dadurch den Raum viel besser erleben“, sagt Weber. Bei der Konzeption halfen wertvolle Erfahrungen, die Experten des Museums für Islamische Kunst jüngst in Aleppo machten: Hier restaurierten sie im Rahmen des Syrian Heritage Project gemeinsam mit lokalen Handwerkern das originale Stadthaus, aus dem das Aleppo-Zimmer ursprünglich stammt.
Blick in das Aleppozimmer; Foto: SPK / Louis Kilisch
Das Berliner Zimmer wird künftig das gesamte Erlebnis eines solchen Stadthauses in Aleppo vermitteln. Eine Soundinstallation liefert Geräusche des typischen Innenhofs, wie Vogelgezwitscher, das Gurren der Tauben, Kinderstimmen und das Plätschern eines Brunnens, wie er in solchen Häusern in Aleppo üblich war. Mehrere Licht-Modi erlauben es zudem, die verschiedenen Lichtstimmungen der Tageszeiten nachzuahmen.
Dieses immersive Erlebnis ist eine enorme Verbesserung, denn in der alten Präsentation musste der Raum durch eine Glaswand abgeschirmt werden und konnte nur von außen betrachtet werden. Dass man das Zimmer nun erstmals räumlich erleben kann, ist vor allem der neuen Klimatechnik zu verdanken: Für den Raum wurde eine Klimaanlage entwickelt, die automatisch auf die Anzahl der Personen, Luftfeuchtigkeit und Temperatur reagiert und durch leichten Unterdruck eine in sich geschlossene Klimaglocke bildet – ressourcensparend nur für das sensible Zimmer. Jedes Detail dafür wurde zielspezifisch am Objekt entwickelt.
Der Islam ist nicht vom Himmel gefallen
Wenn man den Mittelstrang des Museums für Islamische Kunst weiter folgt, vorbei an Präsentationen zu den verschiedenen Zeiten und Regionen der islamischen Kulturen, von Kairo bis Isfahan und von Istanbul bis Samarkand, gelangt man im Hauptrundgang zu einem weiteren, monumentalen Highlightobjekt des Museums: der Mschatta-Fassade. Diese kunstvoll verzierte Außenmauer eines Wüstenpalastes aus dem 8. Jhdt., die 1903 von Jordanien nach Berlin kam, wartet ebenfalls mit Neuerungen auf. Die Fassade wurde hochgesetzt und restauratorisch gereinigt, außerdem wurden 12 Meter ergänzt, so dass das Architekturstück heute in seiner originalen Länge von 45 Metern gezeigt werden kann.
Die Mschatta-Fassade im Pergamonmuseum; Foto: SMB, Gesa Böhme
„Die Hauptaussage dieses Raumes ist, dass der Islam nicht vom Himmel gefallen ist und keine homogene Region repräsentiert, sondern ein Überbegriff für unzählige Strömungen ist, die sich seit der Spätantike geformt haben und ebenso durch Einflüsse aus dem Mittelmeerraum geprägt worden sind, wie die europäischen, christlichen Kulturen“, erklärt Weber.
Diese Botschaft soll mit Medienstationen, Hands-On-Interaktionen und weiteren Vermittlungsangeboten kommuniziert werden. „Derzeit arbeiten wir an dem Lichtkonzept“, so Weber. Die Restaurierung der Fassade hat einen anderen, ins Rotbräunliche gehenden Farbton hervorgebracht, den man anders inszenieren müsse als zuvor. „Der Wüstenlack ist quasi ab“, scherzt Weber. Ein bisschen Zeit bleibt dem Team noch, um ihr Konzept zu konkretisieren und zu realisieren.
Antike in neuem Licht
Auch für Martin Maischberger, den designierten Direktor der Antikensammlung, sind es spannende Tage, auch wenn man im Saal des Pergamonaltars genau hinsehen muss, um die Neuerungen zu erkennen. „Wir haben subtile Dinge geändert“, sagt der Archäologe, zwischen einem großen Baugerüst und der Treppe des Pergamonaltars stehend. „Eine der größten Aufgaben war die Restaurierung der rekonstruierten Westfront des Altars. Wir mussten sie von dicken Übermalungen der Nachkriegszeit reinigen, sodass die filigrane Architektur heute deutlich heller und schärfer erscheint.“
Objekte im Pergamonmuseum werden eingeräumt; Foto: SMB, Sven Stienen
Die neue Anmutung wird durch die neu installierte Tageslichtdecke verstärkt, die gerade von Reinigungskräften abgesaugt wird – man sieht ihre Füße durch das Milchglas in 17 Metern Höhe. „Das Licht ist echtes Tageslicht in Kombination mit Kunstlicht“, erklärt Maischberger, „auch wenn die Decke des Raumes nicht die Außenhülle des Museums ist.“
Rückkehr zum Originalzustand
Das Grundkonzept der Sanierung in den Räumen der Antikensammlung ist die Wiederherstellung des historischen Zustands zur Museumseröffnung 1930. „Viele der Modifikationen der Nachkriegszeit, selbst kleinere, haben sich über die Jahre als Verschlechterung gegenüber dem Originalzustand erwiesen. Deswegen haben wir uns entschlossen, wieder dorthin zurückzugehen“, sagt Maischberger. Dazu gehört zum Beispiel eine subtile Änderung der Wandfarbe von Grau hin zu einem dezenten Blau, das gemeinsam mit dem Tageslicht die Lichtstimmung der Mittelmeerregion imitieren soll, aus der die Objekte stammen. Größere Änderungen gibt es vor allem im Bereich der Barrierefreiheit, wie Maischberger erläutert: „Wir haben die Zugänge in fast alle Bereiche durch Aufzüge erweitert, außerdem gibt es Tastmodelle und ein Leitsystem für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen.“ Der Saal hinter dem Altar wird zudem künftig die Möglichkeit für multimediale Präsentationen bieten.
Das Mosaik aus dem Königspalast von Pergamon im Telephossaal; Foto: SMB, Sven Stienen
Eine weitere große Veränderung ist, dass das Mosaik aus dem Königspalast von Pergamon, das zuvor im Saal der hellenistischen Architektur ausgestellt war, wieder in den Telephos-Saal oberhalb der großen Freitreppe des Altars zurückkehrt. „Das ist ebenfalls der Zustand von 1930 – hier gehörte das Mosaik zwar nicht in der Antike hin, kommt aber mit all seinen wunderbaren Details deutlich besser zur Geltung“, erläutert Maischberger. „Außerdem gewinnt dadurch auch der andere Saal mehr Platz, was den dortigen Objekten zugutekommt.“
Das Mosaik, das aus extrem feinen Steinen besteht, wird derzeit von Fachleuten restauriert und künftig in der Mitte des Telephos-Saals liegen. „Das Mosaik wurde in sehr fragmentarischem Zustand ausgegraben und musste ergänzt werden – ein tolles Kunstwerk mit einzigartiger Technik, aber in der Restaurierung sehr aufwendig“, weiß Maischberger. Neben dem Mosaik werden auch Objekte, die vorübergehend im „Pergamonmuseum. Das Panorama“ gezeigt worden waren, künftig wieder hier ausgestellt: Darunter die Statue der zierlichen Tänzerin aus dem Palast, die wohl als Lampenträgerin diente, und der Porträtkopf des pergamenischen Königs mit üppiger Lockenpracht, der entweder als Attalos I. oder als dessen Sohn Eumenes II. gedeutet wird, der Erbauer des Pergamonaltars.
Athena grüßt die Berliner*innen
Gegenüber vom Altarsaal liegt der Saal der hellenistischen Architektur. Hier sieht es schon ein wenig fertiger aus als drüben: Nur wenige verpackte Objekte stehen herum, und keine Baugerüste. „Wir bringen jetzt peu à peu alles an seinen Platz“, sagt Maischberger, „die Statuen auf die Sockel, die Waffenreliefs an die Wände – die Großobjekte sind ja alle bereits wieder an Ort und Stelle.“
Objekte im Pergamonmuseum; Foto: SPK / Louis Kilisch
Im hellenistischen Saal dominiert jetzt eine überlebensgroße Athena, die mittig vor der Kopfseite des Raumes steht. „Die Athena war auf einer großen Reise und ist jetzt zurückgekehrt“, berichtet Maischberger. „Sie stand während der Sanierung ab 2016 im Metropolitan Museum in New York, zunächst in einer Sonderausstellung, dann im Eingangsfoyer. Dort begrüßte sie die Besuchenden.“ Jetzt ist sie zurück und wird künftig wieder die Berliner*innen willkommen heißen. Insgesamt habe man hier die Wirkung einer griechischen Agora – eines zentralen Stadtplatzes – simulieren wollen, sagt Maischberger. Mit der subtilen Farbänderung der Wände, die auch hier einen Hauch von Himmel andeuten, und der Anordnung der Architekturen entlang der Wände ist das gelungen – man fühlt sich wie auf dem mit Monumenten gesäumten Platz einer griechischen Stadt, irgendwann zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Chr.
Mit jedem fertiggestellten Raum, jeder restaurierten Figur und jedem zurückgekehrten Objekt nähert sich das Pergamonmuseum seinem nächsten großen Ziel. Anfang Dezember 2025 erfolgt die Bauübergabe – ein entscheidender Schritt auf dem langen Weg der Sanierung. Danach beginnt die Phase der finalen Einrichtung, der Feinarbeit und der vielen kleinen Entscheidungen, die eine Ausstellung erst lebendig machen.
Wenn alles weiterhin so gut voranschreitet, wird im Frühjahr 2027 die Wiedereröffnung von Mittelbau und Nordflügel mit den Ausstellungsräumen der Antikensammlung und des Museums für Islamische Kunst gefeiert werden können. Bis dahin bleibt noch viel zu tun, doch die Arbeit lohnt sich, denn das Pergamonmuseum wird danach als zeitgemäßes Museum zurückkehren – zwischen gewürdigter Tradition und mutiger Zukunftsgewandtheit.
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