Bereit für die Rückkehr: Die Steinobjekte des Pergamonmuseums
Lesezeit 6 Minuten
Viele der monumentalen Objekte des Pergamonmuseums sind gerade in Depots eingelagert und werden teilweise restauriert. Restaurator Stefan Geismeier arbeitet daran, sie Schritt für Schritt wieder ins Museum zu bringen – die ersten schon ab 2027.
Interview: Sven Stienen
Die monumentalen Steinobjekte aus dem Pergamonmuseum sind jetzt alle in Außenlagern, unter anderem hier in Altglienicke. Wie lange hat es gedauert, bis alles vollständig ausgelagert war?
Stefan Geismeier: Ungefähr zwölf Monate. Die Transportkapazitäten sind begrenzt und es musste immer gewährleistet sein, dass die LKW voll beladen sind. Zwischenzeitlich gab es im Pergamonmuseum Bereiche, die als Zwischenlager dienten. Der jeweils nächste Transport in die externen Depots konnte dann voll ausgelastet werden
Parallel wird hier auch restauriert. Haben Sie persönlich hier an Restaurierungen gearbeitet oder übernehmen Sie eher koordinierende Aufgaben?
SG: Solange die Steinobjekte noch im Museum eingebaut waren, war die Restaurierung mein Zuständigkeitsbereich. Jetzt koordiniert das Bundesamt Für Bauwesen und Raumordnung die Restaurierung der großformatigen Objekte bis zum Wiedereinzug ins Museum. Dafür erstellen wir die fachlichen Vorgaben und begleiten die Restaurierung, während das Bundesamt externe Fachkollegen beauftragt. Von den Objekten, die hier stehen, habe ich allerdings schon viele selbst restauriert.
Wie viele der ausgelagerten Objekte wurden bisher insgesamt restauriert?
SG: Bei manchen Objekten wurden erst nach dem Ausbau zuvor verdeckte Bereiche sichtbar, die kleine restauratorische Eingriffe erforderten, diese sind nicht in der Statistik. Andere hatten bereits seit ihrer Auffindung größere Schäden, die wir mit heutigen Mitteln besser behandeln können. Etwa 40% müssen umfassend restauriert werden. Bisher sind sieben oder acht der Großobjekte fertig – vor allem jene, die in den Schlütersaal im Nordflügel des Pergamonmuseums kommen, wo das Vorderasiatische Museum ab 2027 eine interimistische Ausstellung zeigen wird. Insgesamt geht es um etwa 60 Stücke. Hinzu kommen noch unzählige Vitrinenobjekte, diese wurden allerdings schon zum größten Teil restauriert und stellen für uns nicht solche logistischen Herausforderungen dar, wie die Großobjekte.
Die meisten Menschen wissen wahrscheinlich gar nicht, was es bedeutet, Stein zu restaurieren. Wie muss man sich das vorstellen? Welche typischen Probleme treten auf?
SG: Archäologische Steinobjekte oder Bildwerke aus Stein zeigen sehr unterschiedliche Schadensbilder. Bei klassizistischen Marmorskulpturen in Museen, etwa in der Friedrichswerderschen Kirche, fehlen manchmal Nasen oder Finger, aber es gibt kaum Verwitterungsschäden. Im Außenbereich, wie bei den Figuren auf der Schlossbrücke vor der Humboldt-Universität, treten hingegen starke Witterungsschäden auf. Bei archäologischen Funden können Bodeneinlagerung oder mechanische Beschädigungen wie Brüche, Abplatzungen oder fehlende Teile zu Problemen führen.
Kommt es auch vor, dass beim langen Ausstellen im Museum Schäden entstehen?
SG: Ja, auf jeden Fall. Bei den Beamten-Stelen aus Assur zum Beispiel, die 80 bis 90 Jahre am selben Platz im Pergamonmuseum standen, verursachte ein benachbarter Fahrstuhl über Jahrzehnte hinweg Vibrationen, die die Standfestigkeit beeinträchtigten. Zudem gibt es im Kalkstein eingelagerte Salze, die sich bei Feuchtigkeit ausdehnen und Abplatzungen verursachen, sowie Tonminerale, die wiederum beim Austrocknen Spannungen erzeugen. Deswegen ist Klimatisierung in Museumsräumen so wichtig. Im Museumsalltag rücken solche großen Steinobjekte leicht aus dem Fokus, weil man diese Schäden auf den ersten Blick nicht sieht. Bei regelmäßiger Reinigung fällt aber schnell auf, wenn Veränderungen aufgetreten sind und gehandelt werden muss.
Wie löst man so ein Problem wie das der Fahrstuhl-Vibrationen?
SG: Man kann zum Beispiel die Sockel, auf denen die tonnenschweren Objekte stehen, vom Gebäude entkoppeln. Zum Beispiel setzt man Schwingungsdämpfer ein, die die Bewegungen abfedern. In Erdbebengebieten gibt es dafür heute hochentwickelte Systeme, ähnlich Autostoßdämpfern, die sowohl horizontal als auch vertikal Vibrationen abfedern und die Objekte nahezu schwingungsfrei halten.
Und wie restauriert man solche großen Steinobjekte konkret, zum Beispiel die Beamten-Stelen aus dem Pergamonmuseum?
SG: Bei den Stelen liegt der Fokus vor allem auf den Inschriftenfeldern. Früher, im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden solche Teile oft herausgelöst und einzeln geborgen – bei unseren Stelen hat man damals zum Glück alles im Ganzen erhalten. Bei figürlichen Objekten ist die Aufgabe anders gelagert: Da sollte meiner Meinung nach die ursprüngliche ästhetische Wirkung, die Intention des Erschaffers, möglichst erhalten werden. Neuere Ansätze bei der Restaurierung, die zum Beispiel mit Edelstahlergänzungen arbeiten, halte ich persönlich für unpassend.
Es gehört also auch dazu, verlorene Teile zu rekonstruieren oder abgebrochen Teile anzukleben?
SG: Dazugehörige Originalteile werden im Idealfall immer mit einander verbunden. Denn solche Teile haben die Angewohnheit, im Museum ein gewisses Eigenleben zu entwickeln – innerhalb von 100 Jahren musealer Lagerung bleiben die einzelnen Stücke oft nicht beisammen. Aus verschiedensten Gründen wandert dann eins in ein anderes Depot und der Objektzusammenhang ist der nächsten Generation nicht mehr bewusst.
Deswegen ist es immer die beste Lösung, zusammengehörende Teile sofort reversibel miteinander zu verbinden.
Wie geht man vor, wenn Objektzusammenhänge ungeklärt sind, etwa bei Objekten, die den Krieg oder die deutsche Teilung überstanden haben?
SG: Im Idealfall gibt es Vergleichsbelege für genau dieses Stück. Wir haben zum Beispiel viele Kriegsschäden – vor allem aus dem Zweiten Weltkrieg, aber teilweise auch aus dem Ersten Weltkrieg. Damals zerfiel das Osmanische Reich und Briten und Franzosen besetzten die Mandatsgebiete. Das führte natürlich auch zu Kriegshandlungen, wodurch Bildwerke in Mitleidenschaft gezogen wurden. Zu den damals beschädigten Objekten existieren größtenteils Fotodokumentationen, die noch vor den Zerstörungen, also während der Ausgrabung, aufgenommen wurden. Dadurch können wir viele Objektzusammenhänge zweifelsfrei belegen und sind meist in der Lage, sie so wiederherzustellen, dass sie ihre ursprüngliche Ästhetik zurückerhalten.
Was sind jetzt die nächsten Schritte mit Blick auf das Pergamonmuseum?
SG: Zuletzt beschäftigte uns vor allem der Schlütersaal. Dort wurde ein großer Sockel gebaut, der aufgrund der Lasten acht Meter lang sein muss und eine entsprechende Spannweite hat.
Der Sockel wird nur an zwei Punkten gelagert, dazwischen liegen Stahlträger, auf denen das Gewicht später ruht. Die Stele des Asarhaddon wiegt etwa sechseinhalb Tonnen, da biegen sich die Stahlträger schon ungefähr zwei Zentimeter durch. Für Statiker oder Metallbauer ist das praktisch „bewegungsfrei“ und im Toleranzbereich. Für uns fühlt es sich jedoch abenteuerlich an, da wir im Normalfall mit geringeren Toleranzen arbeiten.
Das Grundkonstrukt des Sockels wurde Ende letzten Jahres verkleidet und jetzt können die Objekte installiert werden, wie etwa die beiden Stelen. Das begleitet uns derzeit als Hauptthema.
Das klingt sehr spannend – ist die Statik etwas, das Sie im Zuge der Sanierung neu für sich entdeckt haben?
SG: Statik ist für mich immer ein faszinierendes Gebiet. Tonnenschwere Objekte sind in der Regel unproblematisch – aber kleine Aufstandsflächen bereiten mir Kopfzerbrechen. Die Statiker wissen natürlich genau, welche Verhältnisse und Hebel problemlos funktionieren, aber ich frage mich oft, wie das funktionieren kann.
Wir hatten zum Beispiel eine Figur von 3,90 Metern Höhe, die auf einem 1,20 Meter hohen Sockel aus mehreren verklebten Teilen stand – völlig ohne Halterung. Sie stand einfach da, und die Statiker waren sich absolut sicher, dass das hält. Mich hat das wirklich überrascht, aber es ist natürlich nie etwas passiert und die Statiker haben immer Recht behalten. Darüber hinaus gibt es, was diese Dinge angeht, natürlich ganz genaue, geprüfte Vorgaben, die wir im Pergamonmuseum einhalten. Es ist also absolut sicher, aber es sieht eben manchmal erstaunlich aus.
Ein Großteil der baulichen Maßnahmen im Pergamonmuseum ist abgeschlossen, jetzt geht es auf die Zielgerade für die Eröffnung von Nordflügel… weiterlesen
Das Pergamonmuseum wird zurzeit grundlegend saniert – doch was passiert eigentlich momentan auf der Baustelle? Die Museumsfachleute Helen Gries und… weiterlesen
Am 22.10.2023 schließt das Pergamonmuseum für eine grundlegende Sanierung. Wir sprachen Anfang des Jahres mit den Direktor:innen des Hauses, Barbara… weiterlesen
Unsere Webseite verwendet Cookies. Diese haben zwei Funktionen: Zum einen sind sie erforderlich für die grundlegende Funktionalität unserer Website. Zum anderen können wir mit Hilfe der Cookies unsere Inhalte für Sie immer weiter verbessern. Hierzu werden pseudonymisierte Daten von Website-Besuchern gesammelt und ausgewertet. Das Einverständnis in die Verwendung der Cookies können Sie jederzeit widerrufen. Weitere Informationen zu Cookies auf dieser Website finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und zu uns im Impressum.
Funktional Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.
Kommentare