Biografien der Objekte: Irrwitziger Tausch mit dem Deutschen Reich

Die Nationalgalerie nahm im März 1942 eine Überweisung vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Empfang: Eine Studie zum „Eisenwalzwerk“ von Adolph Menzel. Das Ministerium hatte sie beim Berliner Kunsthändler Ferdinand Möller gegen 222 Graphiken der „Entarteten Kunst“ eingetauscht.

Text: Hanna Strzoda, Provenienzforscherin am Zentralarchiv

In der NS-Zeit erwarb die Nationalgalerie ungefähr 1.300 Kunstwerke für die „Sammlung der Zeichnungen“. Eines davon war eine Studie von Adolph Menzel zum berühmten „Eisenwalzwerk“. Dieses Gemälde besaß das Museum schon seit fast 70 Jahren, als 1942 unverhofft die Bleistiftzeichnung hinzukam. Im Inventarbuch steht: „Vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda für beschlagnahmte Gegenstände der ‚entarteten Kunst‘ eingetauscht und der National-Galerie überwiesen“.

Adolph Menzel, Studie zum „Eisenwalzwerk“, 1872-1875, Bleistift, 40 x 26,2 cm,  Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, F III 2951, SZ Menzel Nr. 1792. © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz.
Adolph Menzel, Studie zum „Eisenwalzwerk“, 1872-1875, Bleistift, 40 x 26,2 cm,
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, F III 2951, SZ Menzel Nr. 1792. © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz.

 

Adolph Menzel, Eisenwalzwerk (Moderne Cyklopen), 1872-1875, Öl auf Leinwand, 158 x 254 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, A I 201. Ankauf 1875 aus der Sammlung des Bankiers Adolph von Liebermann, Berlin. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger.
Adolph Menzel, Eisenwalzwerk (Moderne Cyklopen), 1872-1875, Öl auf Leinwand, 158 x 254 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, A I 201. Ankauf 1875 aus der Sammlung des Bankiers Adolph von Liebermann, Berlin. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger.

Beschlagnahme von „Entarteter Kunst“

Mit dieser Information ausgestattet, schaute ich zu allererst in die Akten zur „Entarteten Kunst“ im Zentralarchiv. Schließlich war die Nationalgalerie mit ihrer Abteilung für moderne Kunst, die 1919 im Kronprinzenpalais eröffnete, ein Museum, das besonders heftig unter der nationalsozialistischen „Säuberungsaktion“ zu leiden hatte: 1937 zog die Beschlagnahme-Kommission unter Leitung von Adolf Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, durch rund 100 Museen und konfiszierte über 20.000 Kunstwerke der Moderne, die nicht zur reaktionären Kunstauffassung der Nazis passten. Die Diffamierung traf vor allem die Künstler des Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus, Kubismus und der Neuen Sachlichkeit. Das Regime degradierte ihre Kunst zu einer „Verfallserscheinung“.

Tausch von beschlagnahmten Produkten Entarteter Kunst gegen Werke deutscher Meister des XVIII. und XX. Jahrhunderts, o. D. [1940], SMB-ZA, I/NG 863, Bl. 378-389. © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv.
Tausch von beschlagnahmten Produkten Entarteter Kunst gegen Werke deutscher Meister des XVIII. und XX. Jahrhunderts, o. D. [1940], SMB-ZA, I/NG 863, Bl. 378-389. © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv.

In den Akten entdeckte ich ein Dokument mit dem Titel: „Tausch von beschlagnahmten Produkten Entarteter Kunst gegen Werke deutscher Meister des XVIII. und XX. Jahrhunderts“. Obwohl Menzel kaum als Künstler des 18. Jahrhunderts zu bezeichnen ist, stand auf Seite 15 die gesuchte Studie. Sie wurde gegen sage und schreibe 222 moderne Zeichnungen und Graphiken eingetauscht. Die zugehörige Liste mit Werken, die aus verschiedenen deutschen Museen beschlagnahmt worden waren, ist über zehn Seiten lang. Sie stammen von berühmten Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky, Franz Marc und Paul Klee. Ein Tausch in diesem irrwitzigen Verhältnis 1:222 war wirklich nur im Zuge der repressiven Kunstpolitik der 1930er-Jahre und der ideologischen Abwertung der Moderne möglich.

Doch eine Kleinigkeit in diesem Dokument irritierte mich. Wieso wurde die Menzel-Zeichnung hier als „Erwerbung im Januar 1940“ bezeichnet? Die Nationalgalerie hatte sie doch erst im März 1942 vom Propagandaministerium erhalten? Die Antwort gab eine „Übersicht über die Verteilung der für beschlagnahmte Werke der entarteten Kunst eingetauschten Werke“. Sie verwies auf einen Tauschvertrag vom Januar 1940. Und ich erfuhr: Geschäftspartner des Ministeriums war der Berliner Kunsthändler Ferdinand Möller.

Der Tauschvertrag

Ich wusste, als ich den Namen Ferdinand Möller las, dass ich einen Experten zu Rate ziehen musste. Niemand weiß mehr über diesen Kunsthändler als Wolfgang Schöddert. Er betreut das Ferdinand-Möller-Archiv in der Berlinischen Galerie. Wir widmeten uns der Angelegenheit nun gemeinsam und stießen bald auf den Tauschvertrag vom 2. Januar 1940.

Abschrift des Vertrages zwischen Ferdinand Möller und dem Deutschen Reich, vertreten durch den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, bezüglich des Tausches von Kunstwerken, 2. Januar 1940, Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive, BG-GFM-F, I, 7 - 9. © Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive.
Abschrift des Vertrages zwischen Ferdinand Möller und dem Deutschen Reich, vertreten durch den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, bezüglich des Tausches von Kunstwerken, 2. Januar 1940, Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive, BG-GFM-F, I, 7 – 9. © Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive.
Abschrift des Vertrages zwischen Ferdinand Möller und dem Deutschen Reich, vertreten durch den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, bezüglich des Tausches von Kunstwerken, 2. Januar 1940, Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive, BG-GFM-F, I, 7 - 9. © Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive.
Abschrift des Vertrages zwischen Ferdinand Möller und dem Deutschen Reich, vertreten durch den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, bezüglich des Tausches von Kunstwerken, 2. Januar 1940, Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive, BG-GFM-F, I, 7 – 9. © Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive.

„Der Preis beträgt für die genannten Objekte in Summe je 3.000,– RM“, ist darin zu lesen, und weiter: „Die Menzelzeichnung ist von Herrn Ferdinand Möller ordnungsgemäss dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda übergeben worden und mit der Übergabe in Reichseigentum übergegangen.“ Außerdem ist dem Vertrag zu entnehmen, dass die modernen Kunstwerke „aus den Beständen in Schloss Niederschönhausen“ im Berliner Bezirk Pankow stammten. Dort bunkerte die Reichskammer die beschlagnahmte Kunst, bis schließlich die vier „Verwerter“ auf den Plan traten. Ein Foto aus dem Depot zeigt am rechten Rand den Graphikschrank.

Depot Schloss Niederschönhausen, 1937, Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, V/Sammlung zur „entarteten Kunst“. © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv.
Depot Schloss Niederschönhausen, 1937, Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, V/Sammlung zur „entarteten Kunst“. © Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv.

“Verwerter” Ferdinand Möller

Vier Kunsthändler wurden offiziell zum Verkauf der „Entarteten Kunst“ ermächtigt. Sie durften die Werke aber nur im Ausland absetzen, denn die „Verfallskunst“ sollte aus dem Deutschen Reich verschwinden. Die so genannten „Verwerter“ waren Hildebrand Gurlitt aus Hamburg, Bernhard A. Böhmer aus Güstrow sowie Karl Buchholz und Ferdinand Möller aus Berlin.

Heinrich Götz: Ohne Titel (Portrait Ferdinand Möller), 1917, Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive, BG-KA-N/F.Möller-F1014. © Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive.
Heinrich Götz: Ohne Titel (Portrait Ferdinand Möller), 1917, Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive, BG-KA-N/F.Möller-F1014. © Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive.

Ferdinand Möller (1882–1956) war seit 1918 als Kunsthändler in Berlin ansässig. Als Galerist vertrat er bis in die NS-Zeit hinein genau jene Avantgarde, die dann als „entartet“ galt. Vor allem die Expressionisten und die Bauhaus-Künstler zählten zu seinen Favoriten. Er war also absoluter Spezialist für zeitgenössische Kunst. Das qualifizierte ihn auch aus Sicht der Nationalsozialisten für die Verwertung der ungewollten Moderne. Unendlich viel ließe sich noch über das Thema „Entartete Kunst“ , über die „Verwerter“ und über den Kunsthandel in der NS-Zeit erzählen, aber uns interessiert hier ja vor allem der Weg der Menzel-Zeichnung.

Kunsthandlung Viktor Rheins

Um dem auf den Grund zu gehen, konsultierten wir Möllers Geschäftsbücher, denn dort sollte er festgehalten haben, von wem er das Menzel-Blatt erworben hatte. Und tatsächlich: Er kaufte es bei seinem Kunsthändlerkollegen Otto Feindt (1892–1944), dem Inhaber der Berliner Kunsthandlung Victor Rheins. Möller erfasste das Werk am 2. Juni 1939 mit der laufenden Nummer 2038 in seinem Waren-Eingangsbuch. „V. Rheins, Berlin“, ist hier zu entziffern, pragmatisch abgekürzt der Bildtitel „Menzel, Walzwerk“, erworben zu einem Preis von 1.500 Reichsmark.

Wareneingangsbuch, Geschäftsbuch der Galerie Ferdinand Möller, 1935–1939, Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive, BG-KA-N/F.Möller-81-B9. © Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive.
Wareneingangsbuch, Geschäftsbuch der Galerie Ferdinand Möller, 1935–1939, Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive, BG-KA-N/F.Möller-81-B9. © Berlinische Galerie, Künstler*innen-Archive.

Auch die Kunsthandlung Victor Rheins kooperierte mit den Machthabern. Sie belieferte zum Beispiel den „Sonderauftrag Linz“, der Kunst für Hitlers geplantes Führermuseum beschaffen sollte. Doch von wem hatte nun wiederum Feindt die Menzel-Zeichnung erworben? Durfte ich nun endlich auf einen namhaften Sammler als Vorbesitzer hoffen? – Nein, stellte sich heraus. Feindt besaß das Blatt nur zwei Monate. Er hatte es im April 1939 im Auktionshaus C. G. Boerner in Leipzig ersteigert.

Menzel unter dem Hammer

„Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit. Deutsche Graphik des frühen XIX. Jahrhunderts. Alte Zeichnungen verschiedener Schulen“, so titelte der Katalog zur Auktion am 28. April 1939 bei C. G. Boerner. Unter Los-Nummer 173 kam ein „Studienblatt mit Bewegungsstudien für die Männer an dem Ofen auf dem Bilde ‚Das Eisenwalzwerk‘ in der Nationalgalerie in Berlin“ unter den Hammer. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen: Unsere Zeichnung ist im Katalog abgebildet.

Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit. Deutsche Graphik des frühen XIX. Jahrhunderts. Alte Zeichnungen verschiedener Schulen. Auktionskatalog C. G. Boerner Leipzig, 28. April 1939, Tafel 17.
Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit. Deutsche Graphik des frühen XIX. Jahrhunderts. Alte Zeichnungen verschiedener Schulen. Auktionskatalog C. G. Boerner Leipzig, 28. April 1939, Tafel 17.

Wie damals üblich, war der Vorbesitzer, der das Blatt in die Auktion eingeliefert hatte, im Vorspann des Katalogs chiffriert. Unser Los ist in der unübersichtlichen Zahlenkolonne in der „Besitz-Aufstellung“ dem „Besitz B (107)“ zugeordnet.

Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit. Deutsche Graphik des frühen XIX. Jahrhunderts. Alte Zeichnungen verschiedener Schulen. Auktionskatalog C. G. Boerner Leipzig, 28. April 1939, Einlieferungsverzeichnis.
Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit. Deutsche Graphik des frühen XIX. Jahrhunderts. Alte Zeichnungen verschiedener Schulen. Auktionskatalog C. G. Boerner Leipzig, 28. April 1939, Einlieferungsverzeichnis.

Der Code selbst verrät nichts über die Identität des Vorbesitzers. Also kontaktierte ich die Kunsthandlung C. G. Boerner, die heute in Düsseldorf ihren Sitz hat. Im dortigen Archiv fand man eine verwunderliche Notiz: Der Einlieferer war C. G. Boerner selbst. Das Menzel-Blatt kam aus dem eigenen Lagerbestand in die Auktion – Werke, die das Leipziger Auktionshaus oft über Jahre auf Lager hielt, um sie späteren Auktionen einzugliedern, in die sie thematisch passten oder um qualitative oder quantitative Lücken zu schließen. Dieser Lagerbestand ist für die Provenienzforschung zur Zeit noch ein großes Rätsel, denn Unterlagen dazu existieren nicht.

Drei Kunsthandlungen in zwei Jahren – und jetzt?

Zwischen 1939 und 1940 ging die Menzel-Studie durch die Hände dreier Kunsthändler. Die Recherchen gaben zwar einen faszinierenden Einblick in das Kunsthandelsnetzwerk in der NS-Zeit, aber die Kernfrage blieb immer noch offen: Wer war Eigentümer des Kunstwerks zwischen 1933 und 1939? Am 19. Mai 1939 schrieb C. G. Boerner dem Direktor der Nationalgalerie: „Ich bin in der schwierigen Lage, dass zufällig der grössere Teil meiner Auftraggeber in Geldnöten ist und ich von allen Seiten gebeten werde, die Auszahlungen vor den vereinbarten Terminen zu leisten.“ Wer diese Kunden waren, gab das Auktionshaus leider nicht preis.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe anlässlich des 2. Tags der Provenienzforschung, einer Initiative des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. Der Aktionstag am 8.4.2020 soll darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Entschlüsselung der Objektbiografien auf wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene ist. Aufgrund der Coronakrise werden viele der geplanten Aktionen nun in den digitalen Bereich verlegt. Auf Twitter wird der Hashtag #TagderProvenienzforschung den Aktionstag begleiten. Kontakt zu Fragen der Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin: provenienzforschung@smb.spk-berlin.de

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