Biografien der Objekte: Der Ohrschmuck des mangi Marealle

Ende des 19. Jahrhunderts fand ein bemerkenswerter Ohrschmuck seinen Weg in die Sammlung des Ethnologischen Museums. Sein Besitzer, der regionale Herrscher Marealle, war ein interessanter politischer Akteur während der deutschen kolonialen Expansion und Herrschaft in Ostafrika.

Text: Kristin Weber-Sinn, Provenienzforscherin am Zentralarchiv/Ethnologisches Museum

Auf einem Foto aus dem Jahr 1887 sehen wir einen jungen Mann auf einem Liegestuhl. Er schaut ernst und kritisch in die Kamera und verharrt in würdevoller Distanz. Sein Name ist Melyari oder Marealle, der „Unermüdliche“. Marealle ist seit circa 1880 Herrscher (mangi) von Marangu, das sich während der deutschen Kolonialherrschaft zu einem der mächtigsten Reiche im Kilimanjaro-Gebiet (im heutigen Tansania) entwickeln wird. Besonders auffallend auf der Fotografie ist der im linken Ohr getragene Ohrschmuck. Dieser oder ein ähnlicher wurde im Jahr 1897 als „Holzring“ unter der Nummer III E 4815 im Hauptkatalog des Königlichen Museums für Völkerkunde Berlin eingetragen und damit in die dortigen Sammlungen aufgenommen.

Mangi Marealle , 1887 (Repro Digitalisat, Digitale Aufnahme, SLUB / Deutsche Fotothek / Aufn.-Nr.: df_b_0004488 / http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71790695)
Mangi Marealle , 1887 (Repro Digitalisat, Digitale Aufnahme, SLUB / Deutsche Fotothek / Aufn.-Nr.: df_b_0004488 / http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71790695)
Eintrag  „Holzring“ (III E 4815) im historischen Hauptkatalog des Ethnologischen Museums Berlin
Eintrag „Holzring“ (III E 4815) im historischen Hauptkatalog des Ethnologischen Museums Berlin

In den Erwerbungsakten von 1897 findet sich hierzu folgender Vermerk:
“Dr. Hans Meyer in Leipzig schenkt einen 83mm im Dm. haltenden, mit Messingspiralen verzierten hölzernen Ohrpflock, den früher der Häuptling Mareale [sic!] von Marangu im linken Ohrläppchen getragen hat. In das rechte Ohrläppchen gehört ein etwa 25mm im Dm. haltend, 50mm langer Cylinder. Ausserdem trug Mareale noch in jeder Ohrmuschel, nahe am oberen Rande je ein 104mm langes Stäbchen, von denen uns H. Meyer schon früher eines gegeben hat.“
Und tatsächlich hatte der wohlhabende Verleger, Geograph, Historiker, Forschungsreisende und spätere Kolonialpolitiker Hans Meyer bereits 1887 ein solches „Stäbchen“ dem Museum als Geschenk übergeben. Den großen „Ohrpflock“ schenkte er jedoch erst zehn Jahre später und nur unter einer Bedingung: Das Berliner Museum sollte eine Büste Marealles anfertigen lassen, was nach Aktenvermerk auch geschah. Der „Ohrpflock“ kam höchstwahrscheinlich bereits während seines viermonatigen ersten Aufenthalts am Kilimanjaro im Jahr 1887 in Meyers Besitz, ein paar Wochen verweilte er bei Marealle in Manrangu. Wer war dieser Marealle? In welcher Beziehung stand er zu Hans Meyer? Unter welchen Umständen gelangte der Ohrschmuck in die historisch sensiblen Sammlungen aus dem heutigen festländischen Tansania, das einst (neben dem heutigen Ruanda und Burundi) zu „Deutsch-Ostafrika“ gehörte? Recherchen in den kolonialen Archiven, in Erwerbungsakten des Ethnologischen Museums, Reisebeschreibungen aus dieser Zeit und einschlägiger Fachliteratur liefern erste Fragmente. Eine kooperative Forschung mit tansanischen Expert*innen, Interviews vor Ort mit den Nachfahren Marealles stehen noch aus.”

Als Marealle ca. 1880 als Herrscher von Marangu eingesetzt wurde, war er noch mittellos und Marangu als politische Einheit bedeutungslos. Durch eine geschickte Heiratspolitik festigte er seine Position innerhalb der stark miteinander konkurrierenden Herrscher des relativ dicht besiedelten Kilimanjaro-Gebiets. Das gelang ihm zunehmend auch dadurch, dass er arabische und Swahili-Händler sowie europäische und amerikanische Reisende in Marangu willkommen hieß und Beziehungen zu diesen aufbaute.
Marealle orientierte sich dabei auch an den diplomatischen Bemühungen seines Konkurrenten Rindi, mangi von Moshi. Auch Hans Meyer, der in den Jahren 1887 und 1889 das Kilimanjaro-Gebiet bereiste, wurde von Marealle wohlwollend empfangen. Letzterer nutzte ab den frühen 1890er Jahren seine Kontakte zu Vertretern des kolonialen Staates, um diese im Sinne seiner machtpolitischen Agenda zu instrumentalisieren. Er diskreditierte seine Rivalen gegenüber den deutschen Kolonisierenden, bezichtigte sie des Widerstands gegen die Deutschen und festigte damit zunehmend seine Position in der kolonialen Herrschaftsstruktur. So avancierte er schließlich in den 1890er Jahren zum mächtigsten mangi des östlichen Kilimanjaro- Gebietes – er kontrollierte 27 der 44 Kleinstaaten der am Kilimanjaro lebenden Chagga und erhielt den Namen Kilamia , „der Eroberer“. Sein Machtzuwachs war eng mit dem von 1892 bis 1901 in Moshi stationierten Hauptmann Kurt Johannes verbunden, dessen enger Verbündeter er war. Der Nachfolger von Johannes, Moritz Merker, misstraute Marealle. Dieser floh daher im Jahr 1904 nach Taweta und Nairobi in das sogenannte British East Africa. Ein Jahr später kehrte er nach Marangu zurück, wurde von den Deutschen wieder als mangi eingesetzt und dankte schließlich im Jahre 1912 ab. Marangu blieb auch nach Marealle eines der einflussreichsten „chiefdoms“ am Kilimanjaro.

Expeditionslager von Hans Meyer in Marangu, 1887 (aus: Hans Meyer:  Zum Schneedom des Kilimandscharo, 1888)
Expeditionslager von Hans Meyer in Marangu, 1887 (aus: Hans Meyer: Zum Schneedom des Kilimandscharo, 1888)

Zurück in das Jahr 1887. Hans Meyer hielt sich mit seiner Karawane, die etwa einhundert Teilnehmer umfasste, für mehrere Wochen in Marangu am Kilimanjaro auf. Dort wurde er nach eigenen Angaben freundlich von mangi Marealle empfangen. Er ließ das Expeditionslager in der Nähe von Marealles Residenz aufschlagen. Begleitet wurde er von einem Vertreter der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG). Dieser hatte den Auftrag, einen geeigneten Ort für die Errichtung einer Station ausfindig zu machen und damit territoriale Ansprüche auf das Gebiet zu erheben. Zuvor hatte die DOAG im Jahr 1885 einen dubiosen sogenannten Schutzvertrag mit dem mangi Rindi von Moshi ausgehandelt, der den Vertrag jedoch keinesfalls als Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft betrachtete. Zwei Jahre später hielten sich Meyer und seine Begleiter ungefähr vier Monate im Kilimanjaro-Gebiet auf. Um sich seiner Unterstützung für die Besteigung und Erforschung des Kilimanjaro zu versichern, übergab Meyer Marealle Geschenke, darunter in dem Gebiet gängige Tauschwaren: Stoffe, Perlen und Draht sowie Waffen und Munition, Messer, Schnupftabak, Mundharmonikas und Champagner. Er erhielt im Gegenzug die Erlaubnis, den Kilimanjaro zu besteigen sowie Nahrungsmittel zur Versorgung der Expeditionsteilnehmer. Während seines Aufenthalts in Marangu entstand auch die Fotografie Marealles. Eine gleichfalls 1887 in Marangu entstandene Fotografie zeigt Marealle ohne diesen Ohrpflock (Meyer 1888, Zum Schneedom des Kilimandscharo) – es bleibt spekulativ, ob er eben diesen nun fehlenden Meyer gegeben hatte. In seiner Publikation über diese erste Expedition (1888) beschreibt Meyer zwar, dass ihm Marealle als Erwiderung auf seine Geschenke drei Speere schenkte, ein Ohrpflock wird jedoch nicht erwähnt.

Buchcover von Hans Meyersʼ Zum Schneedom des Kilimandscharo, 1888
Buchcover von Hans Meyersʼ Zum Schneedom des Kilimandscharo, 1888
Liste der Geschenke für mangi Marealle (aus: Hans Meyer:  Zum Schneedom des Kilimandscharo, 1888)
Liste der Geschenke für mangi Marealle (aus: Hans Meyer: Zum Schneedom des Kilimandscharo, 1888)

Der Ohrschmuck könnte allerdings auch während Meyers zweiter Expedition in das Kilimanjaro-Gebiet im Jahre 1889 in seinen Besitz gelangt sein. Meyer führte wie bei seiner ersten Reise dort gängige Tauschwaren mit sich sowie „hübsche Geschenkartikel“ (Meyer 1890, Ostafrikanische Gletscherfahrten). Laut Meyer empfing ihn Marealle freudig mit Gewehrsalven, Meyer betont seine persönliche, ja freundschaftliche Beziehung zu Marealle und seine große Freude über das Wiedersehen. Auch berichtet er davon, die Geschenke für Marealle persönlich stundenlang zur Präsentation vorbereitet zu haben, darunter eine Nähmaschine, Stoffballen, Perlen, Taschenuhren, Revolver, Seidendecken, Armspangen, Feilen, Tee, Harmonikas, Masken, Glocken, Pulver, Schrot und Tabakspfeifen. Während seines Aufenthaltes in Marangu betont er den engen Kontakt zu Marealle, der ihn täglich in seinem Lager besuchte. Dieses diente Meyer als Ausgangspunkt für Erkundungen des Gebietes und schließlich für die erfolgreiche Besteigung des Kilimanjaro, für die Marealle auch Führer zu Verfügung stellte. Meyers Expedition hatte zum einen wissenschaftliche Zielsetzungen: er kartographierte und legte neben ethnographischen vor allem zoologische und botanische Sammlungen an. Zugleich wurde er als Vertreter des deutschen Kaiserreichs wahrgenommen und sah sich auch als solcher. Er verwies immer wieder auf eine mögliche wirtschaftliche Nutzbarmachung der Gebiete und ihre Besiedlung durch Europäer bzw. Deutsche.

Arbeitsfoto zu III E 4815 (Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin  – Preußischer Kulturbesitz)
Arbeitsfoto zu III E 4815 (Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz)

Zwar betont Meyer die gute und sehr persönliche Beziehung zu Marealle, diese war jedoch in machtpolitische Ränkespiele eingebunden. Meyer drohte Marealle, ihn zusammen mit Rindi von Moshi und dessen Soldaten anzugreifen, wenn er sich seinen Forderungen nicht beuge. Marealle sollte Angehörige einer Swahili Händlerkarawane ausweisen, was laut Meyer dann auch geschah. Auf welche Weise genau der Ohrschmuck in die Hände Meyers kam, lässt sich anhand der bisher gesichteten Quellen nicht nachweisen. Auch ist noch unklar, welche Bedeutung dieses Objekt für Marealle hatte und inwiefern es auch mit seiner Position als Herrscher über Marangu in Verbindung stand. Fest steht jedoch, dass Meyer zu einer Zeit in das Kilimanjaro-Gebiet reiste, als die deutsche Präsenz flüchtig und die 1887/1888 errichtete Station der DOAG nur sporadisch besetzt war. Meyer, sogenannte Forschungsreisende, europäische Missionare und Händler sowie Vertreter der DOAG waren in der zweiten Hälfe der 1880er Jahre vom Wohlwollen und der Unterstützung der mangi abhängig.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe anlässlich des 2. Tags der Provenienzforschung, einer Initiative des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. Der Aktionstag am 8.4.2020 soll darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Entschlüsselung der Objektbiografien auf wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene ist. Aufgrund der Coronakrise werden viele der geplanten Aktionen nun in den digitalen Bereich verlegt. Auf Twitter wird der Hashtag #TagderProvenienzforschung den Aktionstag begleiten. Kontakt zu Fragen der Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin: provenienzforschung@smb.spk-berlin.de

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