Biografien der Objekte: „Okadina“ – Von Frauenfreundschaften und königlichen Geschenken

In der Erforschung kolonialer Provenienzen klafft eine Lücke: Frauen kommen in den Quellen so gut wie nie zu Wort. Julia Binter, Forscherin am Ethnologischen Museum, arbeitet mit Partnerinnen aus Namibia zusammen, um die Lücke zu schließen.

Text: Julia Binter, Provenienzforscherin am Zentralarchiv/Ethnologisches Museum

Die Hand von Nehoa Kautondokwa gleitet vorsichtig über die perlenbesetzte Puppe. „Die Glasperlen waren sehr teuer“, erklärt sie uns, „eine Reihe davon konnte gegen eine Kuh getauscht werden. Wenn eine Puppe damit verziert wurde, war sie etwas wirklich Wertvolles.“ Nehoa wird in den kommenden Tagen noch viel mehr über die Puppe und ihre Geschichte erzählen. Ihre Expertise für die materiellen Kulturen der Ovambo-Königreiche im Norden des heutigen Namibia ist ein wahrer Glücksfall für das Forschungsprojekt, das die Teams des Ethnologischen Museums Berlin und der Museums Association of Namibia im Sommer 2019 durchführten. Die Objekte aus Namibia in der Sammlung des Ethnologischen Museums Berlin haben nicht nur teils äußerst traumatisierende Erwerbsgeschichten, sie erzählen auch von den vielen unterschiedlichen Beziehungen zwischen der namibischen Bevölkerung und deutschen Militärs, Händlern und Missionar*innen. Der Puppe aus dem Königreich Ondonga kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sie gibt Einblick in ein Leben jenseits von Gewalt und Genozid, das von mächtigen König*innen, finnischen und deutschen Missionar*innen und dem Ausverhandeln von religiösen und kulturellen Beziehungen bestimmt wurde. Vor allem erlaubt sie Einblick in Erfahrungswelten, die in kolonialen Archiven oftmals verschüttet sind: jene von Frauen.

Puppen waren mehr als ein Spielzeug

Die Puppe wurde von Königin Olugondo von Ondonga für die finnische Missionarstochter Anna Rautanen hergestellt. Anlass dafür könnte Annas Heirat mit Hermann Tönjes, einem Missionar der Rheinischen Mission, im Jahr 1900 gewesen sein. In seinem Buch „Ovamboland“ von 1911 beschreibt Tönjes die Bedeutung solcher Puppen und insbesondere die Geschichte von Königin Olugondos Geschenk an seine Frau. Anna wurde 1878 in Ondangwa als Tochter des finnischen Missionars Martti Rautanen geboren. Als Kind besaß sie eine europäische Puppe, die die Hauptfrau des Königs bewunderte. Als Zeichen ihrer Wertschätzung gab sie der Puppe ihren eigenen Namen: Olugondo. Als Anna Rautanen nach einem Schulaufenthalt in Finnland in das Königreich zurückkam, hatte sie ihre Puppe dort zurückgelassen. In Europa spielten erwachsene Frauen nicht mehr mit Puppen. Im Königreich Ondonga waren Puppen jedoch viel mehr als nur Spielzeug. Sie waren ein essenzieller Bestandteil für das Erwachsenwerden einer Frau. Mädchen bekamen Puppen von ihren Eltern geschenkt. Bei der Verlobung gab der Verlobte der Puppe einen Namen, den das erste Kind des Paars bekommen sollte. Und nun sollte Anna ohne eine „Okanona“, also ein „Kind“, so der Oshidonga-Name für solche Puppen, heiraten? Die Königin fertigte eine Puppe nach neuester Mode an (oder ließ sie anfertigen) und gab ihr abermals ihren Namen. Somit waren sie und die Puppe „Okadina“, also Namensschwestern. Diese Geschichte der Herstellung von Okadina ergibt zumindest meine kritische Lesart der historischen Quellen. Für unsere namibischen Forschungspartner*innen sind darüber hinaus die mode- und handelsgeschichtliche Aspekte von Okadina von besonderem Interesse.

Königin Olugondo von Ondonga, Okadina, ca. 1900, Ankauf: Hermann Tönjes, 1909, Inventarnummer: III D 3656, Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz. Foto: Claudia Obrocki, 2019.
Königin Olugondo von Ondonga, Okadina, ca. 1900, Ankauf: Hermann Tönjes, 1909, Inventarnummer: III D 3656, Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz. Foto: Claudia Obrocki, 2019.

Modebewusstsein des Königshofs von Ondonga

Statt den in Europa beliebten viktorianischen Kleidern verkörperte die Okadina das Modebewusstsein und Prestige des Königshofs von Ondonga. „Die Kleidung wird, mit einigen Änderungen, noch heute von Frauen im Königreich getragen und verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart,“ erklärte uns Nehoa Kautondokwa. „Okadina kann daher als Archiv namibischer Mode angesehen werden.“ Hertha Bukassa, eine weitere Forschungspartnerin aus Namibia, erläuterte die Bedeutung der einzelnen Modeelemente: „Ondjeva war und ist ein Schmuckstück aus Straußeneierschalen, das junge Mädchen um die Hüften tragen; Oshilanda (Omwaamba), eine hochgeschätzte dunkelblaue Glasperle, schmückt ihren Oberkörper; eine Reihe von großen, aus Europa importierten Knöpfen dienen als Ersatz für das kostbare und seltene Omba, einen Schmuck aus Elfenbein oder Muschel.“ Königin Olugondo verarbeitete also nur die kostbarsten Materialien, darunter die importierten, milchig-schimmernden Glasperlen, die an zwei Schnüren von der Taille der Puppe baumelten und für die auf dem Markt ein Rind geboten wurde.

Das prächtige Geschenk für Anna Rautanen (verheiratete Tönjes) war nicht nur ein Zeugnis für die langjährige Freundschaft zwischen den beiden Frauen, sondern auch der Beginn einer neuen Beziehung, nachdem Anna mit ihrem Mann in das benachbarte Oukwanyama Königreich gezogen war. Anna besuchte das Ondonga Königreich wiederholte Male und die Königin ließ Okadina von ihren Hofdamen in einer Babytrage aus Leopardenfell an den Königshof bringen, um Zeit mit ihr zu verbringen. Als Dank dafür schickte sie Anna eine Kalebasse mit Bier und einen schwarzen Ochsen, ein für die königliche Familie vorbehaltenes Tier. Was könnte der Beweggrund für diesen Kreislauf an Geschenken gewesen sein? Wollte die Königin sicherstellen, dass ihre Namensschwester gut versorgt war? Oder war es eine Möglichkeit, nach der Verheiratung und dem Wegzug von Anna Tönjes weiterhin in Kontakt mir ihr zu bleiben? Die genauen Gründe werden wir wohl nie erfahren. Hermann Tönjes, der Okadinas Geschichte niederschrieb, war weniger an der Vermittlung der Interessen und Erfahrungen der beiden Frauen als vielmehr an der allgemeinen Beschreibung von „Land. Leute. Mission“ im „Ovamboland“ interessiert. Er verriet seinen Leser*innen nicht einmal, dass „Fräulein Rautanen“, so die Beschreibung im Buch, seine Verlobte und spätere Frau war. Jedoch verdanken wir ihm eine rare Fotografie von Königin Olugondo – als Teil eines Familienporträts ihres Mannes König Kambonde (II.) kaMpingana.

Originalbeschriftung: „Häuptling Kambonde II von Ondonga. Rechts Hauptfrau Olugondo. Links sein Sohn“. Aus Tönjes, Hermann. Ovamboland: Land. Leute. Mission. Berlin: Verlag von Martin Warneck, 1911, S. 143.
Originalbeschriftung: „Häuptling Kambonde II von Ondonga. Rechts Hauptfrau Olugondo. Links sein Sohn“. Aus Tönjes, Hermann. Ovamboland: Land. Leute. Mission. Berlin: Verlag von Martin Warneck, 1911, S. 143.

Einseitige Archive der Kolonialzeit

Tönjes‘ widersprüchlicher Umgang mit den beiden Hauptpersonen von Okadinas Geschichte verweist auf ein allgemeines Problem mit Publikationen und Archivalien aus der Kolonialzeit. Die historischen Quellen, mit denen die Provenienzforschung meist beginnt, wurden zu großen Teilen von europäischen Männern geschrieben und gesammelt und spiegeln die oftmals auf Europa bezogenen, exotistischen und teils rassistischen Sichtweisen der Zeit wider. Ihre männlichen Gegenparte in den Kolonien kamen in den Schriften oftmals nicht zu Wort. Darüber hinaus wurden Sichtweisen und Erfahrungen von Frauen, Kindern und anderen marginalisierten Personen, wie zum Beispiel versklavten Menschen, kaum niedergeschrieben oder archiviert. Dadurch sind Archive aus der Kolonialzeit immer einseitig und lückenhaft. Wie sollen Provenienzforscher*innen mit diesen Lücken umgehen? Können jene Stimmen, die damals kein Gehör fanden und für nicht archivierwürdig erachtet wurden, heute überhaupt noch hörbar gemacht werden?
Ein möglicher Zugang zu diesen zum Schweigen gebrachten Personen sind ihre materiellen Zeugnisse, die in Depots auf der ganzen Welt lagern und zu großen Teilen unerforscht sind. Doch nicht jeder kann sie verstehen. Es benötigt jemanden wie Nehoa Kautondokwa, die als Expertin für die Geschichte der Ovambo-Königreiche und ihrer Handels- und Missionsbeziehungen (siehe zum Beispiel: Oombale Dhi Ihaka) die Bedeutung von Okadina erkannte und ihre materiellen Spuren lesen konnte. Darüber hinaus bedarf es einer Sensibilität gegenüber den Lücken im Archiv, der Bereitschaft, historische Quellen kritisch zu hinterfragen und der Offenheit, viele unterschiedliche Perspektiven auf Sammlungen und Archivalien in Dialog zu bringen.

Dank der Kooperation mit unseren namibischen Partner*innen ist Okadina weit mehr als nur eine Puppe, die Hermann Tönjes dem Königlichen Museum für Völkerkunde (heute das Ethnologische Museum) 1909 verkaufte. Sie erzählt von der Freundschaft zweier Frauen, ihrem Erwachsenwerden und den Moden ihrer Zeit.

Titelbild: Moritz Fehr, 2019

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe anlässlich des 2. Tags der Provenienzforschung, einer Initiative des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. Der Aktionstag am 8.4.2020 soll darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Entschlüsselung der Objektbiografien auf wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene ist. Aufgrund der Coronakrise werden viele der geplanten Aktionen nun in den digitalen Bereich verlegt. Auf Twitter wird der Hashtag #TagderProvenienzforschung den Aktionstag begleiten. Kontakt zu Fragen der Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin: provenienzforschung@smb.spk-berlin.de

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