Biografien der Objekte: Görings römischer Löwensarkophag

Der Nationalsozialistische Politiker Hermann Göring hatte eine Leidenschaft für Kunst – und für Löwen. Ein prächtiger römischer Sarkophag mit Löwendarstellungen aus der Sammlung Görings fand nach einer bewegten Geschichte seinen Weg ins Neue Museum.

Text: Laura Puritani, Provenienzforscherin am Zentralarchiv

Im Neuen Museum kann man einen beeindruckenden Marmorsarkophag bewundern, der an beiden Seiten einen schreitenden, zurückgewandten Löwen zeigt. Für welchen Zweck wurde der Sarkophag in der Antike hergestellt? Und wie kam dieses Objekt in die Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin?

Betrachten wir zunächst dieses interessantes Stück näher: Der Sarkophag ist geriefelt und in der Mitte befindet sich ein mandelförmiges Feld, das Mandorla genannt wird. Der Wannenrand ist mit einem Eierstabfries dekoriert. Römische Löwensarkophage dieser Art wurden seit der Zeit um 250 n.Chr. für die Leichenbestattung hergestellt. Der Sarkophag wurde 2008 vor der Aufstellung im Neuen Museum umfangreich restauriert: In diesem Zusammenhang wurden unter anderem die ursprünglichen Risse an der Vorder- und Rückseite (vorher teilweise mit Bronzeklammern gesichert) und drei große Löcher an der Rückseite geschlossen. Diese drei großen Löcher sprechen dafür, dass der Sarkophag zu einer unbestimmten Zeit als Brunnen verwendet wurde.

Der Löwensarkophag SL 3.2-2 (Lei 43), eine Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland in der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin. © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / G. Geng
Der Löwensarkophag SL 3.2-2 (Lei 43), eine Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland in der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin. © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / G. Geng

Als ich mit meiner Recherche begann, hatte ich so gut wie keine Informationen über den Weg des Sarkophags ins Museum. Mir war nur die Hilfsnummer des Sarkophags, SL 3.2-2, bekannt. Die Nummer war direkt auf dem Sarkophag angebracht und konnte mit keiner Provenienz in Verbindung gebracht werden.

Carinhall: Hermann Görings Kunstpalast

Im Bundesarchiv Koblenz studierte ich den Bestand zur Kunstsammlung des Nazi-Funktionärs Hermann Göring (1893-1946). Dort fand ich ein historisches Foto des Löwensarkophags, das die Herkunft aus Carinhall belegte. In Carinhall, am idyllischen Großen Döllnsee in der Schorfheide (nordöstlich von Berlin) gelegen, hatte Göring im Jahr 1933 ein Jagdhaus (den sogenannten „Waldhof“) errichten lassen, das nach umfangreichen Erweiterungsbauten in den Jahren 1936–1937 zu seinem repräsentativen Wohnsitz wurde. Dort waren auch seine zahlreichen Kunstwerke untergebracht, die er spätestens seit den frühen 1930er Jahren gesammelt hatte. Das Anwesen wurde im April 1945 auf Görings Befehl gesprengt, um die Eroberung durch die sowjetischen Truppen zu verhindern. Obwohl bereits seit Februar Vorbereitungen getroffen worden waren, um die wertvollsten Kunstwerke nach Burg Veldenstein zu transportieren, wo Göring einen Bunker für die Sicherung seiner Sammlung hatte bauen lassen, verblieben noch zahlreiche Objekte in Carinhall. Aus der Zeit der Einnahme Carinhalls durch die Rote Armee sind keine offiziellen Unterlagen bekannt.

In seinen viel später entstandenen „Erinnerungen“, beschreibt der Leiter des Bergungsamtes vom Magistrat von Groß-Berlin („Zentralstelle zur Erfassung und Pflege von Kunstwerken“), Kurt Reutti, die Plünderung und Zerstörung von aufgefundenen Kunstgegenständen: “Im Park lag, von den Russen von den Sockeln geworfen und zerschlagen, eine große Anzahl bester französischer Gartenplastiken des 18. Jahrhunderts aus Marmor und gebranntem Ton (…). Die vergrabenen Stücke hatten die Russen meistens gefunden, und leere Gräber zeigten nur noch die Stellen, wo sie gelegen hatten. Die römischen Antiken standen an einem Platz zusammen, und die Russen, die besonders die Bronzen als Schießscheiben benutzt hatten, hatten sie unberührt gelassen – ‚schon kapuut‘ “. Die Aussagen von Anwohnern bestätigten den Abtransport und die Vernichtung von Kunstwerken durch die Rote Armee; aber auch Diebstähle durch die heimische Bevölkerung sind belegt. „Und wie sah Karinhall aus, als die Zentralstelle nach Abzug der Russen im Juni 1946 mit der Bergung begann? Ein Trümmerhaufen“ – erzählt Kurt Reutti. Und trotzdem waren zahlreiche Kunstwerke vorhanden „z.T. im Freien liegend, z.T. in den gesprengten Bunkern und Bunkergängen…“

Carinhall, Innenhof mit Bronzehirsch, 1937 (c) bpk Bildarchiv
Carinhall, Innenhof mit Bronzehirsch, 1937 (c) bpk Bildarchiv

Die Provenienz des Sarkophags

Es lässt sich also festhalten, dass unser Sarkophag zur Sammlung Göring gehörte, und nach dem Krieg von der „Zentralstelle zur Erfassung und Pflege von Kunstwerken“ in Carinhall geborgen wurde. Ein Dokument im Archiv der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin bestätigte, dass der Sarkophag um 1947 von der „Zentralstelle“ an die Museen überwiesen wurde. (Heute gehört der Sarkophag zum Eigentum der Bundesrepublik Deutschland und wird als Dauerleihgabe in der Antikensammlung verwahrt.)

Der Löwensarkophag bei der Reinigung durch Mitarbeiterinnen nach dem Transport auf die Museumsinsel. Die Aufnahme lässt sich in die Zeit direkt nach der Überweisung aus dem Bergungsamt (um 1947) datieren. Foto: Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Der Löwensarkophag bei der Reinigung durch Mitarbeiterinnen nach dem Transport auf die Museumsinsel. Die Aufnahme lässt sich in die Zeit direkt nach der Überweisung aus dem Bergungsamt (um 1947) datieren. Foto: Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin

Anhand eines weiteren historischen Fotos, das aus einer Privatsammlung stammt, wissen wir, dass der Löwensarkophag in einer Halle in Carinhall, an prominenter Stelle, ausgestellt wurde. Dies hängt mit der Leidenschaft Görings für Löwen zusammen: Wie mehrere historische Fotos bezeugen, wurden in Carinhall Löwenbabys gehalten.

Hermann Göring mit seiner Frau Emmy und seinem jungen Löwen in Carinhal: bpk-Bildagentur, Bild-Nr. 30041622 (bpk | Heinrich Hoffmann).
Hermann Göring mit seiner Frau Emmy und seinem jungen Löwen in Carinhal: bpk-Bildagentur, Bild-Nr. 30041622 (bpk | Heinrich Hoffmann).

Auf der Rückseite des Fotos des Sarkophags im Bundesarchiv Koblenz gibt es außerdem eine wichtige Beschriftung: „„91 x 2,10 m. In Carinhall geblieben. Dch. Hofer bei Jandolo – Rom 1942 gekauft für L. 120.000 -“.

Ugo Jandolo, Sohn von Augusto und Bruder von Alessandro, gehörte einer bekannter Antiquarfamilie in Rom an. Laut dem Archäologen und Kunsthändler Ludwig Pollak hatte er „eine richtige Spürnase für wichtige Antiken ohne freilich deren wissenschaftlichen Wert zu wissen“. In einem Brief an Göring vom 14.10.1942, den ich im Zuge einer Recherche in der Datenbank www.fold3.com fand, berichtet der Kunsthändler und seit 1941 „Direktor der Kunstsammlung des Reichsmarschalls“ Andreas Hofer:

„Jandolo, Rom. Nach langwierigen Verhandlungen erwarb ich den prachtvollen roemischen Sarkophag mit den beiden grossen Loewen in Halbrelief…Der Besitzer des Sarkophages hatte inzwischen von dem Haendler, der den Sarkophag in Kommission hatte, erfahren, dass das Stueck fuer Sie bestimmt war & wollte ploetzlich nicht mehr verkaufen! Natuerlich, sollte das dem Gauner nur als Vorwand dienen, mich zu veranlassen, einen weit hoeheren Preis zu bieten. Nach tagelangen Verhandlungen erwarb ich beide Objekte zum urspruenglichen Preis von L. 100.000.- fuer den Sarkophag….., plus 10% vereinbarte Vermittlungsgebuehr. Der Sarkophag ist weitaus schoener & wichtiger als der von Ihnen im Fruehjahr von Brasini erworbene, dazu bis auf unwichtige Kleinigkeit fehlerfrei erhalten, er wird Ihnen eine grosse Freude bereiten“.

Anhand von Archivalien und historischen Fotos konnte somit der Weg des Löwensarkophags ins Museum rekonstruiert werden: Eine lebhafte Biografie, die den Betrachter von Rom nach Berlin führt.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe anlässlich des 2. Tags der Provenienzforschung, einer Initiative des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. Der Aktionstag am 8.4.2020 soll darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Entschlüsselung der Objektbiografien auf wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene ist. Aufgrund der Coronakrise werden viele der geplanten Aktionen nun in den digitalen Bereich verlegt. Auf Twitter wird der Hashtag #TagderProvenienzforschung den Aktionstag begleiten. Kontakt zu Fragen der Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin: provenienzforschung@smb.spk-berlin.de

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