Durchblicke, Aufsichten, Reflexionen – Veronika Kellndorfer und die Neue Nationalgalerie

Die Künstlerin Veronika Kellndorfer zeigt unter dem Titel „Screens an Sieves“ fotografische Arbeiten zur Neuen Nationalgalerie. Joachim Jäger im Gespräch mit der Künstlerin über ihre Ausstellung im Mies van der Rohe-Haus in Berlin-Hohenschönhausen.

Interview: Joachim Jäger

Die feine, sorgfältig von Dir zusammen gestellte Ausstellung „Screens and Sieves“ versammelt ganz verschiedene Arbeiten zur Neuen Nationalgalerie, darunter auch die große Arbeit „Shortly before Renovation“. Alle Arbeiten basieren auf Fotografien, die 2015 kurz nach der Schließung der Neuen Nationalgalerie entstanden sind. Wie war das Fotografieren im damals bereits leeren Haus?

Veronika Kellndorfer: Es war ein besonderer Moment, Du hattest mich eingeladen, zu kommen – das Gebäude war noch vollkommen intakt, aber bereits übergeben an die Chipperfield Architekten, kurz bevor die eigentlichen Renovierungsarbeiten begannen. Die Nationalgalerie leer, ohne Kunst, aber mit all diesen Zeitspuren, den Flecken auf den Rahmen der Fenster, den gesprungenen Scheiben bis hin zu einem großen Kondenswasserfleck, der später in eine meiner Arbeiten eingegangen ist. Durch die Schließung gab es diese Brisanz des Unwiederbringlichen. Diese große ungenutzte Halle, das war sehr speziell. Ab und zu haben sich die Leute von außen die Nasen platt gedrückt. Dann habe ich gewartet, bis sie wieder weg waren. Die Verlassenheit verstärkte die Monumentalität noch mal enorm. Ein besonderes Erlebnis erinnere ich, als ich am Boden lag und auf diese schwere Decke schaute und auf einmal das Japanische des Hauses entdeckte, eine gewisse Umkehrbarkeit des Raumes, genau wie Roland Barthes das im „Reich der Zeichen“ beschreibt, dass der Boden – wenn man die Nationalgalerie umdrehen würde – auch die Decke sein könnte. Das hat auch meinen wochenlangen Destillationsprozess, ich weiß nicht von wie vielen Fotos über das Haus, stark beeinflusst.

Ventilation Shaft, Sieb, Textiles Gewebe auf Aluminiumrahmen 200 x 410 cm © Ulrich Schwarz
Ventilation Shaft, Sieb, Textiles Gewebe auf Aluminiumrahmen 200 x 410 cm © Ulrich Schwarz

Wie viele künstlerische Arbeiten sind aus den Fotos von der leeren Nationalgalerie konkret entstanden?

Noch im selben Jahr 2015 erhielt ich die Einladung zur Architektur-Biennale nach Chicago. Sharon Johnston und Mark Lee kuratierten die 2017er Ausgabe unter dem Titel “Make New History”. Mark war begeistert von der Idee, die Nationalgalerie nach Chicago zu transferieren. So sind für die Biennale drei mehrteilige Arbeiten entstanden. Und dann noch mal eine zweiteilige, grüne Arbeit mit völlig verrückten Verschiebungen von Spiegelungen, von Konvex und Konkav. Also das Wahnsinnige ist ja immer, wie Innenraum und Außenraum in der Spiegelung sich wie ein Puzzle neu zusammensetzen.

National Gallery, Shortly before Renovation, Siebdruck auf Glas, 230 x 380cm, 2017  © Ulrich Schwarz
National Gallery, Shortly before Renovation, Siebdruck auf Glas, 230 x 380cm, 2017
© Ulrich Schwarz

Aus einem Kontingent von sieben-acht Arbeiten, die es heute zu dem Themenkreis gibt, hast du nun für die Ausstellung im Mies-Haus drei große Arbeiten ausgewählt, allesamt fotografische Arbeiten auf Glas. Du arbeitest ja seit langem auf Glas, weil Dich diese Spiegelungen interessieren, weil Glas, besonders wenn es so großformatig daherkommt wie in Deinen Arbeiten, selber etwas Architektonisches hat. Welche Auswirkungen hatte das bei Deiner Beschäftigung mit der Neuen Nationalgalerie – immerhin ja selbst ein Bau, bei dem großformatige Gläser eine zentrale Rolle spielen?

Die Neue Nationalgalerie ist prädestiniert dafür als „Bild” ins Glas einzugehen, weil sich ganz viele Themen meiner Arbeiten bereits im Bau zeigen, Durchblicke, Aufsichten, Reflexionen aller Art. Der Transfer dieser Schichten auf einen Träger, der selbst wieder spiegelt, holt eine weitere Schicht ins „Bild”. Die fertige Arbeit reflektiert ja auch den Ausstellungsraum, in dem meine Arbeiten gezeigt werden. Der reale Raum ist in meinen Glasarbeiten immer präsent. Glas ist sozusagen eine Fortsetzung der Dialektik, von Transparenz und Spiegelung, die bei Mies so wichtig ist. Es geht mir um dieses prozessuale, ja transformatorische Potential des Mediums Glas, nicht um Repräsentation. Mir ist wichtig, dass ich darin immer eine Gegenwart einfange, die mit realem Leben, mit Prozessen zu tun hat. Dieses physische Erlebnis, das man hat, wenn man vor der Architektur steht, wird in den Arbeiten noch mal erfahrbar gemacht, man ist nicht nur Betrachter, man wird selbst Teil der Arbeit.

Zugleich stoßen Gegenwart und eine seltsam unbestimmte Vergangenheit in Deinen Werken aufeinander. Besonders gut ablesbar an der Arbeit „Shortly Before Renovation“. So wie sie hier im Mies van der Rohe-Haus an der Wand lehnt, spiegelt sich in ihr die ganze von Dir beschriebene Umgebung, die Fensterfassade und der Garten. Aber zugleich hat die Aufnahme eine atmosphärische Stimmung, die sich schwer einordnen lässt, mich stark an die Architekturfotografie der 1980er Jahre erinnert. Schwarzweiß, sehr grafisch angelegt, lebt das Bild stark von Strukturen und dem Blick auf die Spuren der Zeit und des Gebrauchs. Den großen Kondensfleck hattest Du selbst schon erwähnt – er ist ja irgendwie typisch für den Bau, für die langen Berliner Winter, in denen alles etwas trauriger aussieht. Der Fleck verleiht dem eigentlich so klaren Bau einen Schleier. Zugleich hat er auch etwas von einem nicht greifbaren „Geist“, der in den Dingen wohnt.
Du hast einmal gesagt, eigentlich wärst du „eine Malerin, die mit Fotografie arbeitet“. Zu diesen malerischen Mitteln gehört natürlich auch, dass die Fotografie von Dir in mehrteilige Glastafeln übersetzt wird. Auffällig gerade an der Arbeit „Shortly Before Renovation“ ist, dass diese Bild-Teilungen sowohl auffällig als auch unauffällig sind. Die Schnittlinien trennen nicht wirklich das Gesamtbild. Sie fungieren eher als bewusste Störungen des Sehens. So scheint mir tatsächlich Dein eigentliches Thema das „Fließen des Raumes“ zu sein. Gerade der bei der Neuen Nationalgalerie so fließende Raum der Architektur bleibt auch in Deinen Arbeiten weiterhin offen, ergibt gerade mit den Glasreflexionen wieder einen fließenden Raum, nun mit ganz anderen Themen und Aufladungen.

Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den du gerade ansprichst, dass meine Arbeiten von der Fotografie wieder in etwas Malerisches überführt werden. Der zentrale Punkt von Malerei ist die Bannung des Raumes in die Fläche. Fotografie stellt dies quasi automatisch her. Aber durch den Druck einer Fotografie auf Glas findet sozusagen auf der Materialebene noch ein weiterer Verdichtungsprozess statt, eine Reduktion. Diese riesige Halle wird auf durchsichtige Scheiben gedruckt, und dahinter siehst du dann die Wand, den Putz. Das Auge hat die Möglichkeit hin und her zu stellen, zwischen dem Objekt, der Glasscheibe und dem Dahinter, der Wand sowie der Spiegelung, die gleichzeitig auch noch auf dem Glas stattfindet.

Haus Lemke, Skulptur A , 35 x 30 x 30cm, 2020 (links) und Skulptur Z (rechts)  35 x30 x30 cm, 2020 © Stefan Meyer
Haus Lemke, Skulptur A , 35 x 30 x 30cm, 2020 (links) und Skulptur Z (rechts) 35 x30 x30 cm, 2020 © Stefan Meyer

Bei der Neuen Nationalgalerie fokussierst du wiederum so stark auf die Glasschicht des Gebäudes, dass hier mehrere Ansichten zusammenkommen, die man mit dem Auge nur nacheinander wahrnehmen könnte. Denn das menschliche Auge muss sich eher entscheiden, welche Ebene gerade zu sehen sein soll. Oft blenden wir Reflexionen gerade aus, um durch ein Glas beispielsweise hindurch in den Innenraum sehen zu können. Bei Dir ist nichts ausgeblendet, im Gegenteil, sogar der Ausstellungsort selbst wird mit ins Bild gespiegelt. Hier im Mies van der Rohe-Haus in Weissensee ist dies natürlich besonders anspielungsreich, weil damit ein anderer Mies van der Rohe in den Blick gerät, nämlich der Mies der 1930er Jahre. Die viel kleineren Proportionen, der rote Ziegel, und die Idee eines privaten Hofhauses kollidiert hier mit der monumentalen und „amerikanischen“ Nachkriegsmoderne, für die die Neue Nationalgalerie steht.

Genau darum geht es, um diese Überlagerungen, von einer Architektur mit der anderen – fast eine fotografische Überblendung, in der sich die Raster beider Häuser überlagern. Raster ist ja ein zentraler Begriff in der Malerei, “grid structures”, der mir wichtig ist. Meine Arbeiten erzählen zwar eine Geschichte, wie diese organische Form auf der Scheibe, dieser Schwitzwasserfleck, den dann ein herunter rinnender Wassertropfen zerschneidet. Aber letztlich nehme ich das Narrativ nur in Kauf. Mir geht es eher um formale Dinge wie die Figur-Grund-Beziehung oder die Bannung vom Raum in die Fläche. Malerei ist ja immer eine Projektion – also eine Rück-Projektion von etwas Dreidimensionalem in die Fläche. Das unterscheidet mich eben dann doch von einer Fotografin. Und darum sind die Arbeiten auch in so einer Art Zwischenbereich angesiedelt.

Veronika Kellndorfer. Screens and Sieves. Bis 20.12.2020. Mies van der Rohe-Haus, Berlin Hohenschönhausen, www.miesvanderrohehaus.de

Ventilation Shaft, Screens and Sieves, 2020  © Stefan Meyer
Ventilation Shaft, Screens and Sieves, 2020 © Stefan Meyer

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