Fotografische Archäologie der Gegenwart: Alexander Schippel und das Pergamonmuseum
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Der Fotograf Alexander Schippel begleitet seit 2013 die Sanierung des Pergamonmuseums. In seinen Bildern sucht er nach temporären Zuständen und besonderen Beziehungen zwischen Räumen und Zeiten.
Ich begleite die Sanierung seit 2013 fotografisch. Mich hat dabei nie allein die Baustelle interessiert, sondern die außergewöhnliche Transformation eines der bedeutendsten Museumsgebäude der Welt.
Das Besondere daran ist, dass Vergangenheit und Zukunft über einen langen Zeitraum gleichzeitig sichtbar werden: Zwischen monumentalen antiken Bauwerken entstehen neue architektonische Strukturen, moderne Gebäudetechnik und neue Museumsräume.
Im Mittelpunkt meiner Arbeit standen insbesondere der Pergamonaltar und der Hellenistische Saal mit seinen monumentalen Architekturfragmenten. Über Jahre befanden sie sich in Zuständen, die Besucherinnen und Besucher später niemals erleben werden.
Mich interessieren vor allem die kurzen Übergangsmomente. Zustände, die manchmal nur wenige Tage oder Wochen existieren und danach für immer verschwinden.
Die monumentalen Exponate wie der Pergamonaltar mit dem Gigantenfries besitzen bereits eine enorme visuelle Kraft, doch genau das wäre mir zu einfach – diese Ansichten wird nach der Wiedereröffnung jeder sehen können.
Mich interessiert der Moment, in dem diese scheinbar zeitlose Szenerie eine kleine Irritation erhält: ein Farbeimer eines Restaurators unter dem Gigantenfries, moderne Technik neben einer antiken Steinoberfläche oder ein Gerüst, das für kurze Zeit den Blick auf ein weltberühmtes Kunstwerk verändert.
Ich wünsche mir, dass meine Bilder den Betrachter zunächst durch ihre Ästhetik anziehen. Erst auf den zweiten Blick soll man innehalten und sich fragen: Moment – was stimmt hier eigentlich nicht? In diesem Augenblick beginnt das Bild seine Geschichte zu erzählen.
Wie entstehen deine Bilder – und wie wird aus einzelnen Fotografien ein zusammenhängendes Werk?
Ein Fototermin beginnt für mich selten mit der Kamera. Meist starte ich mit einem Rundgang durch das Gebäude, oft gemeinsam mit der Bauleitung oder mit Restauratorinnen und Restauratoren. Ich frage nach Veränderungen und den nächsten Schritten und versuche zu verstehen, was sich seit meinem letzten Besuch entwickelt hat. Diese Gespräche gehören für mich genauso zum fotografischen Prozess wie die eigentlichen Aufnahmen.
Dabei entstehen oft schon intuitiv Motive und Verbindungen zu früheren Bildern.
Ich denke nicht in einzelnen Fotografien, sondern in Beziehungen zwischen Bildern. Es entstehen Kontraste, Wiederholungen und Bildpaare, die sich manchmal erst Jahre später vollenden.
Hast du ein Beispiel?
Im Telephos-Saal entstand zu Beginn des Innenausbaus eine sehr reduzierte Aufnahme des Raumes – geprägt von der Lichtdecke, den hellen Wänden und dem restaurierten Fußboden. Dieses Bild war für mich nie abgeschlossen. Es war der Beginn einer fotografischen Idee.
Jahre später lag an derselben Stelle das restaurierte Hephaistion-Mosaik für kurze Zeit vollständig frei. Die Restauratorin hatte ihre monatelange Arbeit gerade beendet; Pinsel und Farbpalette lagen noch neben dem Mosaik.
In diesem Augenblick wusste ich sofort, dass hier das zweite Bild entstehen musste. Nicht, weil das Mosaik allein das Motiv war, sondern weil diese Fotografie das erste Bild weitererzählte. Die beiden Aufnahmen treten über die Jahre hinweg miteinander in einen Dialog.
Vielleicht beschreibt das meine Arbeitsweise am besten. Ich verstehe sie als eine fotografische Archäologie der Gegenwart. Mich interessieren die Schichten von Zeit, Erinnerung und Veränderung, die sich zwischen den Bildern entfalten.
Du arbeitest mit einer technischen Kamera und sehr hoher Auflösung. Deine Arbeitsweise ist langsam, ein einzelnes Bild kann viel Zeit beanspruchen. Warum ist diese Präzision für deine Fotografien so wichtig?
Die Kamera ist für mich ein Werkzeug, das sehr genau zu meiner Art zu arbeiten passt. Fast alle meine Bilder sind exakt im Lot. Vom Vordergrund bis zum Hintergrund ist alles durchgehend scharf. Bildausschnitt, Perspektive, Kanten und Linien sind bewusst entschieden.
Das braucht Zeit. Zehn Fotografien an einem Tag wären für mich bereits sehr viel. Aber das Gebäude läuft mir nicht weg. Ich kann eine Komposition so lange betrachten und verändern, bis sie für mich stimmt. Gleichzeitig gleiche ich jedes neue Bild mit der Serie ab, die über die Jahre in meinem Kopf entstanden ist: Braucht es dieses Bild überhaupt? Und trägt es die Geschichte weiter?
Diese Präzision gibt mir eine große Ruhe. Mir fällt es grundsätzlich nicht leicht, mich über längere Zeit zu konzentrieren und meine Gedanken zu strukturieren. Gerade deshalb funktioniert diese Art zu fotografieren für mich so gut.
Welche Rolle spielt deine Kamera dabei?
Die technische Kamera zwingt mich zu einer sehr klaren Arbeitsweise. Ich muss mich auf wenige Dinge konzentrieren: Ist die Kamera im Lot? Stimmt die Perspektive? Wo verlaufen die Kanten? Was gehört ins Bild und was nicht? Jede Entscheidung erfolgt bewusst und nacheinander. Diese Reduktion hilft mir, mich zu fokussieren. In diesem Moment gibt es nur noch die Kamera, den Raum und das Bild, das entstehen soll.
Vielleicht empfinde ich diesen Prozess gerade deshalb als etwas Meditatives. Je länger ich an einem Bild arbeite, desto stärker verschwinden die Dinge um mich herum. Am Ende beschäftige ich mich nur noch mit Linien, Flächen, Proportionen und kleinsten Verschiebungen.
Die Genauigkeit dieser Arbeitsweise wird besonders sichtbar, wenn die Fotografien ihre eigentliche Größe erreichen. In einer Ausstellung können meine Bilder 100 × 150 Zentimeter groß sein. Dann kann der Blick durch den gesamten Raum wandern, Details entdecken, zurückkehren und Dinge wahrnehmen, die beim ersten Blick vielleicht verborgen geblieben sind.
Die hohe Auflösung und technische Präzision sind für mich deshalb kein Selbstzweck. Im besten Fall nimmt man die Technik überhaupt nicht wahr. Die Technik soll nicht zwischen dem Betrachter und dem Bild stehen. Sie soll ihm ermöglichen, darin zu verschwinden.
Du hast das Pergamonmuseum in sehr unterschiedlichen Zuständen erlebt – vom historischen Museumsraum über die Baustelle bis zu Räumen, die langsam wieder zu einem Museum werden. Was bedeutet die bevorstehende Eröffnung für dich und deine Fotografie?
Ich freue mich sehr auf die Eröffnung. Damit beginnt noch einmal eine besondere Phase, weil plötzlich sehr viel gleichzeitig passiert. Objekte kehren zurück, Vitrinen werden eingerichtet, Beschriftungen angebracht, Beleuchtung und Ausstellungsgestaltung kommen hinzu. Innerhalb relativ kurzer Zeit verändert sich das Gebäude noch einmal radikal.
Über viele Jahre war das Pergamonmuseum ein Ort, zu dem nur ausgewählte Menschen Zugang hatten. Für die meisten von ihnen war es ein Arbeitsort. Es wurde gebaut, restauriert, geplant, diskutiert und entschieden.
Mit der Eröffnung verändert sich diese Atmosphäre vollständig. Das Museum wird wieder zu einem Ort der Gastgeberschaft. Gruppen werden durch die Räume geführt, Schulklassen kommen, Touristinnen und Touristen aus aller Welt. Wo ich über Jahre häufig Stille erlebt habe, werden wieder Bewegung, Stimmen und Trubel sein. Das Gebäude bekommt seine Öffentlichkeit zurück.
Für mich bedeutet das auch einen Abschluss – und der ist mit einer gewissen Wehmut verbunden. Wann hat man schon die Möglichkeit, über so viele Jahre immer wieder an einen solchen Ort zurückzukehren? Sich mit dieser Ruhe mit den Räumen und Objekten auseinanderzusetzen? Und wann steht man schon einmal allein im Pergamonsaal?
Diese Momente waren ein großes Privileg.
Mit der Eröffnung verschwindet nicht nur die Baustelle. Es endet auch ein Zustand, in dem ich das Museum kennenlernen durfte und den es so nie wieder geben wird.
Vielleicht ist die Eröffnung deshalb für mich weniger ein Endpunkt als der letzte große Wandel, den ich noch fotografieren möchte: der Moment, in dem aus einem Arbeitsort wieder ein Museum wird.
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