Kulturgeschichte des Porzellans: Tee, Kaffee und Schokolade

Seit März 2019 ist die Porzellan- und Fayencesammlung des Kunstgewerbemuseums am Kulturforum neu präsentiert. Kuratorin Claudia Kanowski nimmt sich Zeit und erklärt, was Porzellan mit der Einführung von Tee, Kaffee und Kakao nach Europa zu tun hat.

Text: Claudia Kanowski

Eine elegante Dame im morgendlichen Negligé sitzt in kapriziös-verdrehter Haltung an einem Beistelltisch mit Delphinfuß und schenkt sich Kaffee ein. Dabei gewährt sie großzügig Einblick in ihr Dekolletee. Das alles ist im Miniaturformat in Porzellan modelliert und mit feinster Bemalung staffiert – ein Meisterwerk der Porzellanplastik des Rokoko, entstanden um 1765 in der württembergischen Porzellanmanufaktur Ludwigsburg.

Die Kaffeetrinkerin, Ludwigsburger Porzellanmanufaktur, Christian Friedrich Wilhelm Beyer, um 1765, Porzellan mit Aufglasur- und Goldmalerei © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Saturia Linke
Die Kaffeetrinkerin, Ludwigsburger Porzellanmanufaktur, Christian Friedrich Wilhelm Beyer, um 1765, Porzellan mit Aufglasur- und Goldmalerei © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Saturia Linke

Zu sehen ist die Porzellangruppe in der neu eingerichteten Porzellan- und Fayenceabteilung des Berliner Kunstgewerbemuseums am Kulturforum. Die thematische Gliederung der Neupräsentation erzählt viele Geschichten: Wie das Porzellan seinen Weg von China nach Europa fand, wie die Fayencekünstler in Holland und dem restlichen Europa das Porzellan nachahmten, wie opulent die frühen Meißener Porzellane daherkommen – und auch, für welche Lebenswelten und Kunden das Porzellan damals bestimmt war. Nicht umsonst galt es als das „weiße Gold“, war es doch damals so teuer und exklusiv, dass nur Fürsten und die Hocharistokratie es sich leisten konnten.

Die „Kaffeetrinkerin“ gibt eine authentische Vorstellung von genau jener Klientel. Beim genauen Betrachten der Porzellanfiguren erfährt man viel über die Lebenswelten, Beschäftigungen und Moden der Aristokratie zwischen 1740 und 1780.

Intensivierung des Welthandels

So war auch der Genuss von Kaffee, Tee und Schokolade im 18. Jahrhundert nur den Wohlhabendsten vorbehalten – heute für uns eine Selbstverständlichkeit. Die Einfuhr dieser Heißgetränke nach Europa hing mit der Intensivierung des Welthandels und dem Kolonialismus zusammen. Schokolade (aztekisch „xocólatl“ für „bitteres Wasser“ aus den Kakaobohnen) gelangte im 16. Jahrhundert aus Mittelamerika zunächst an den spanischen Hof. Tee war im 17. Jahrhundert, neben Porzellan, über die Handelsbeziehungen mit China nach Europa gekommen. Kaffee verbreitete sich von Afrika aus über die arabische Halbinsel und das Osmanische Reich nach Europa. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden in den Handelsstädten Marseille, Venedig, London und Amsterdam erste Kaffeehäuser.

Eine europäische Erfindung des 18. Jahrhunderts sind einheitlich gestaltete Tee-, Kaffee- und Schokoladenservice. Ein „tête-à-tête“ war für zwei Personen, ein „solitaire“ für eine Person bestimmt. Dazu gehörten Kanne, Zuckerdose, Sahnekännchen, Tasse mit Untertasse, Löffel und Tablett.

In der Ausstellung sind kostbare Beispiele zu sehen. An den kleinen Formaten erkennt man, wie wertvoll die Heißgetränke damals waren. Gerne wurde bei mehrteiligen Services auch Porzellan und Edelmetall miteinander kombiniert. So waren Kannen oftmals aus Silber, teilweise vergoldet.

Jedes Getränk hat seine Kanne

Für jedes der drei Heißgetränke gab es eigene Kannenformen, die sich bis heute – wenn auch weniger exklusiv – tradiert haben.
Teekannen sind kugelig und haben eine tief angesetzte Tülle, da die Teeblätter nach unten sinken.

Teekanne mit Chinoiserien, Königliche Porzellanmanufaktur Meißen, um 1730 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Dietmar Katz
Teekanne mit Chinoiserien, Königliche Porzellanmanufaktur Meißen, um 1730 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Dietmar Katz

Kaffeekannen sind häufig hoch und birnförmig und haben eine hoch angesetzte Tülle oder Schnaupe, weil der Kaffeesatz nach oben steigt.

Kaffeekanne von Claude Lacroix, 1781 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Karen Bartsch
Kaffeekanne von Claude Lacroix, 1781 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Karen Bartsch

Schokoladenkannen sind an dem Loch im Deckel zu erkennen. Mit einem Quirl wurde das Getränk umgerührt, um die Bildung einer Haut zu vermeiden.
Von Ostasien übernahm man in Europa henkellose Schälchen („Koppchen“, holländisch „kopje“), fügte aber bald Henkel hinzu.

Tasse mit Untertasse der Königlichen Porzellanmanufaktur Meißen, Johann Christoph Horn, um 1723 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Dietmar Katz
Tasse mit Untertasse der Königlichen Porzellanmanufaktur Meißen, Johann Christoph Horn, um 1723 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Dietmar Katz

Interessant an diesem in Meißen gefertigten Koppchen mit Untertasse ist die Malerei. Auf der Untertasse dargestellt sind Chinesen, die von einem Baum exotische Früchte ernten – offenbar Kakaobohnen. Die Form des Koppchens ist aber eindeutig an chinesischen Teeschälchen orientiert. Vorbilder dafür konnten die Meißener Künstler in der Porzellansammlung von August dem Starken in Dresden studieren, die zu den umfangreichsten Sammlungen ostasiatischer Porzellane außerhalb Chinas gehörte. Für den sächsischen Kurfürsten und polnischen König war es ein Triumph, dass die erste europäische Porzellanmanufaktur am 23. Januar 1710 auf sächsischem Boden gegründet werden konnte – doch das ist eine andere Geschichte.

Anfangs goss man die heißen Getränke zum Abkühlen in die Unterschalen und schlürfte sie daraus. Dies illustriert sehr schön die Darstellung einer kaffeetrinkenden Dame.

Louis Marin Bonnet: Die Kaffeedame (The Woman taking coffee), 1774 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz
Louis Marin Bonnet: Die Kaffeedame (The Woman taking coffee), 1774 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz

Die Originalgrafik wird im Berliner Kupferstichkabinett verwahrt. In der Porzellanausstellung im Kunstgewerbemuseum bildet eine Reproduktion den Hintergrund für die verschiedenen Tee-, Kaffee- und Schokoladenservice.

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